Unseren täglichen Verblendungszusammenhang gib uns heute

Dieselben, die gestern noch Hubert Aiwanger für das Opfer einer gewissen Verschwörung hielten, beklagen heute den Antisemitismus von Einwanderern. Von Leuten, deren überwiegende Lebensrealität ihnen komplett unbekannt ist, und die sie nur wahrnehmen, sofern sie einen Hochschulabschluss haben und ihnen auf einem Podium oder in einer Talk-Show begegnen. Wenn sie also zu den gleich ihnen Bessergestellten gehören.

Sie hetzen nicht mehr, dass die Ausländer den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen. Sie hetzen, dass die Ausländer gar nicht arbeiten wollen. Obwohl sie doch als Arbeitskräfte dringend gebraucht würden. Weil gewisse Deutsche nicht arbeiten wollen. Jene nämlich, die das inzwischen sogenannte Bürgergeld beziehen, das zur Befriedigung der Verantwortlichen endlich nicht mehr den Namen eines gerichtsnotorischen Betrügers trägt. (Womit hat der nochmal betrogen? Richtig, bei der Bezahlung von Huren. Ach ja, dieses deutsche Führungspersonal: Immer noch so gestrickt wie im 19. Jahrhundert.)

Wo war ich? Richtig: Arbeit lohnt sich nicht mehr. Jedenfalls nicht für Gebäudereiniger. Wie eine Umfrage behauptet, deren Einzelheiten nirgendwo kommuniziert werden, dafür aber umso lauter die Schlussfolgerung: Putzkräfte kündigen, weil sie mit Bürgergeld ohne Arbeitsplatz mehr zum Leben übrig haben. Schreiben jene, die natürlich nie von so wenig wie Bürgergeld oder dem Lohn eines Gebäudereinigers leben mussten. Und die selbstverständlich nie mit einem Bürgergeld-Bezieher oder einem Gebäudereiniger anderen Umgang hatten, als dass diese ihnen die Schuhe putzten. Ach, Schutzputzer gibts gar nicht mehr? Höchste Zeit, diese Arbeitsplätze für Überflüssige wieder einzuführen.

Geht es um Bürgergeld-Bezieher mit Migrationshintergrund kennen sich die Plappermäuler in den Redaktion schon überhaupt nicht mehr aus. Lauter Richard David Prechts: Viele Worte um kein Wissen. Da müssen die Betreffenden, wenn sie es denn sind, schon auf die Straße gehen und Palästina-Flaggen schwenken, damit die Allesweisen den Antisemitismus erkennen, um dem sie seit den 1980er Jahren hätten wissen können. Wenn sie hätten wissen wollen. (→ Sensationelle Entdeckung)

Dass Zuwanderer leichter kriminell werden, war für das Medienpersonal sowieso eine rechte Verschwörungstheorie. Dabei haben einige von ihnen sogar Soziologie studiert und könnten über den Zusammenhang von Armut und Verbrechen Bescheid wissen. Wer abgehängt und ausgegrenzt ist, dem bedeuten bürgerliche Spielregeln nun einmal nichts. Wer sich kein ÖPNV-Ticket leisten kann, fährt eben schwarz. Und wer mehrfach erwischt wird und die fällige Geldstrafe nicht zahlen kann, geht in den Knast. Basta. Aus den Augen, aus dem Sinn. Nächstes Thema.

Kostenloser öffentlicher Nahverkehr wurde in den 1970ern von Leuten gefordert, deren Nachkommen heuer für SPD und Grüne im Bundestag sitzen. Stattdessen werden Busse und Bahnen Jahr für Jahr teurer. Unterdessen verkommt das Schienennetz. Wo bleibt das ganze Geld eigentlich? Bei Ruhestandsgehältern und in den Werbeagenturen, die von Freunden des Bundestagsabgeordneten betrieben werden, um Zuckerguss über das marode Unternehmen Deutsche Bahn streuen.

Ist das eine Verschwörungstheorie? Nein, das ist die Logik des Klassenkampfs. Die Reichen beuten die Armen aus. So war es schon immer, und die jeweils herrschende Staatsform, ob Diktatur oder Demokratie, ändert daran nichts. Auch wenn es bei den Prechts in den Redaktionen nicht mehr geläufig ist: Das System heißt Kapitalismus, und dessen Grundgesetze sind von einem gewissen Marx bis heute zutreffend beschrieben worden. Auch das gehört zu dem vielen, von dem die Möchtegern-Philosophen nichts wissen wollen. Könnte sie nämlich zur Selbstreflexion animieren, weil in den blauen Bänden ihre eigene Rolle beschrieben ist: Zuckerguss über die Wirklichkeit und Sand in die Augen streuen.

Früher war das der Journalistenkaste womöglich klarer als heute. Heute tut sie bei vollem Bewusstsein so, als hätte sie es mit Tatsachen und Wahrheiten zu tun. Sie glaubt selbst sogar, dass sie unabhängig sei. Sie hat die Schere im Kopf derart internalisiert, dass sie ihre Abhängigkeit so wenig zur Kenntnis nimmt wie Migrationshintergründe, Armut, Kriminalität und all das andere, was sich außerhalb ihrer höchstpersönlichen gutbürgerlichen Erlebnissphäre befindet.

Früher gab es noch Medien, die jene Perspektiven einnahmen, die von anderen ignoriert wurden. Die taz war mal so ein Publikationsorgan. Ist es schon seit 30 Jahren nicht mehr. Seit dort auch nur dieselben Sprösslinge von Bessergestellten arbeiten wie anderswo. Was inzwischen im Internet als „alternative“ Medien daherkommt, gibt es nur, weil sie sich etwelche Millionäre oder gar Milliardäre als Hobby leisten.

Volkes Stimme kommt unterdessen in den Kommentarspalten der sogenannten Sozialen Medien zu Wort. Und überbietet täglich die Verhetzung, die ihnen von den etablierten Medien vorgemacht wird.

Die Wirklichkeit ist anderswo. Von der hört, liest und sieht man so gut wie nichts in den Medien. Die Wirklichkeit des öffentlichen Nahverkehrs, um bei dem Beispiel zu bleiben, findet in den Medien nur statt, wenn irgendwer außerhalb der Redaktion eine Studie veröffentlicht. Da steht dann drin, dass diese oder jene Buslinie regelmäßig Verspätung hat. Und als Erkenntnis wird mitgeteilt, dieses liege daran, dass die Busse auf denselben Straßen verkehren, auf denen der automobile Individualverkehr, dieses Relikt des 20. Jahrhunderts, im Stau steht.

Donnerwetter, denkt sich der autofahrende Redakteur, der sich viel zu fein ist, um je Bus gefahren zu sein und seinen Beitrag zum Klimawandel leistet, indem er sehr gelegentlich Lastenrad fährt, während er sonst natürlich überall dorthin fliegt, wonach ihm gelüstet und sich darob auf Flughäfen besser auskennt als mit Bushaltestellen – das ist mal eine Meldung! (Und gendert fleißig, um seine Scheinwelt mit zeitgeistigen Mobiliar auszustatten. Was ich nicht nötig habe.)

Und dann nennt er oder sie zwei, drei oder vier Buslinien, von denen die Studie angibt, dass es dort Verspätungen gebe. Jene, mit der ich so regelmäßig Verspätungen erlebe, dass ich mir angewöhnt habe, einen Bus früher zu nehmen, kommt nicht vor. Stattdessen werden neunmalkluge Politiker zitiert, die kürzere Strecken fordern, um die Verspätungen auszugleichen. Nein, mehr Busspuren fordern sie nicht. Denn dann wären sie selbst als Autofahrer*innen betroffen. So wie sie für mehr Fahrradwege für sich eintreten, die nicht von den Straßen abgezogen werden sollen, sondern von den Fußwegen, die sie selbst praktisch nie für mehr als zehn Meter nutzen – oder als Radweg, weil das ungefährlicher ist als auf der Straße zu fahren.

Eben lese ich eine Kolumne: „Während sich die Politik in populistischen Migrationsdebatten verheddert, bleiben die echten Probleme in Deutschland ungelöst. Und am Ende freut sich gar die AfD.“ Dass die Medien sich in Scheindebatten ergehen, steht da nicht. Denn die Kolumne erscheint in einem Medium, und eine Krähe und so weiter. Und dass die AfD sich „am Ende“ freut, ist auch ein Scheinargument. Hätten Politik und Medien sich nicht seit langem darauf verständigt, Scheindebatten zu führen und die Wirklichkeit derer zu ignorieren, die nicht ihren privilegierten Kreisen angehören, gäbe es die AfD gar nicht.

Selbstkritik ist etwas, zu dem weder Politik noch Medien in der Lage sind. Lauter Prechts: Wer nicht mit mir übereinstimmt, hat mich nur in meiner weit überlegenen Weisheit missverstanden. Ihr seid doch alle zu dumm, um mir in meine hochintellektuellen Gefilde folgen zu können.

Dabei braucht es keinerlei gedanklicher Anstrengungen. Einfach mal die Augen aufmachen und dorthin gehen, wo man noch nie war. Mit den Leuten reden, die man für zu dumm oder verblendet hält, um ihnen auf Augenhöhe begegnen zu können. Statt irgendwo hin zu jetten, um scheinbar fremde Kulturen zu erleben, sich einfach mal mit eingeschaltetem Verstand vor der eigenen Haustür umschauen. Nein, halt, ein bisschen weiter muss man schon gehen. Das eigene Haus steht in dem Viertel, wo die wohnen, die wie man selbst ist. Also sich in den Bus setzen und dorthin fahren, wo die vielen anderen leben, von denen man nur die Hetzberichte kennt, die man bis dahin selbst verfasst hat.

Wird nicht passieren, ich weiß. Aber für alle, die später sagen werden, sie hätten noch nie davon gehört, sei es hier zu den Akten gegeben. Ich habe sie gewarnt. Die Wirklichkeit wird sie einholen, so oder anders, früher oder später.