Wenn Barbaren sich über Kultur auslassen
Kultur ist Glückssache. Der „Pensionistenverband“ besteht aus Pechvögeln. Und ebenso das journalistische Gesindel, das jenen Barbaren ihre Stimme leiht.
Der Verband empört sich über einen Kabarettisten, der „im öffentlich-rechtlichen Fernsehen“ (!) anregte, Über-70-Jährige zu töten, um das Gesundheitssystem zu entlasten. So what?
Worum es geht, entnehme man dem österreichischen → Kurier: „Deutschlands Bundeskanzler Olaf Scholz [der fleischgewordene schlechte Treppenwitz] hatte zuletzt gefordert, illegale Migranten ‚endlich im großen Stil‘ abzuschieben. Der Humorist [Moritz Neumeier] auf 3sat meint hierzu: ‚Wenn man sich darüber aufregen möchte, dass nur so eine ganz kleine Gruppe an Menschen, so ein winziger Teil der Gesellschaft, das Geld von den Krankenkassen und die Wartezimmer und die Terminlisten völlig überdurchschnittlich strapazieren, und man dann etwas dagegen tun möchte, dann musst du ja nicht noch mehr Menschen schneller abschieben, sondern einfach Deutsche über 70, dass du die einfach … tötest.‘ Die Reaktion des Publikums: Weitestgehend betretenes, peinliches Schweigen – bei wenigen, verunsichert klingenden Lachern.“
Darauf poltert Peter Kostelka (SPÖ), Präsident des Pensionistenverbandes: „Hier geht es nicht mehr um die Freiheit der Kunst. Denn die Grenzen sind dann klar überschritten, wenn Hass geschürt, eine Menschengruppe pauschal diffamiert und zu Gewalt und Tötung aufgerufen wird. […] Personen, die solche Botschaften verbreiten, dürfen dafür keine Plattformen erhalten, schon gar nicht in einem öffentlich-rechtlichen TV-Sender.“
Schwarzer Humor – schon mal gehört, Herr K.? Zumal in Wien, wo er traditionell gepflegt wird?
Die neuen Streiter der Wokeness würden vermutlich Jonathan Swift auf ihren virtuellen Scheiterhaufen abfackeln. Wenn sie ihn überhaupt je gelesen hätten. Würden sie überhaupt etwas anderes lesen als Kurier und taz.
Der Autor des als Kinderbuch geschändeten „Gullivers Reisen“ war ein Großmeister des Schwarzen Humors. 1729 schrieb er einen Text im Geiste von Christian Lindner: „Ein bescheidener Vorschlag im Sinne von Nationalökonomen, wie Kinder armer Leute zum Wohle des Staates am Besten benutzt werden können“. (→ Hier komplett zu lesen) Was mit den Kindern zu tun sei? Schlachten und essen.
Nein, die Barbaren vom Pensionistenverband regen sich nicht darüber auf, dass die deutsche Regierung das Dienstwagenprivileg beibehalten will, um die Sozialausgaben zu kürzen. Sie sind Feuer und Flamme, wenn es darum geht, die Armen noch ärmer zu machen, damit es den Reichen weiter wohl ergeht. Sie sind die „Nationalökonomen“, die Swift meinte. Sie würden Kinder schlachten, wenn ihre Pensionskasse in Gefahr ist. Und einen Kabarettisten dafür lynchen, dass er ihnen einen Spiegel vorhält.
O ja, Till Eulenspiegel würde heute gewiss in keine Talkshow eingeladen, sondern von den Kostelkas in den Knast geschickt.

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