Medien entdecken die Wirklichkeit vor ihrer Nase – oder vielmehr nicht
„Solo-Selbständige“ wurden zur Corona-Zeit entdeckt. Natürlich gab es sie schon länger, aber weder Politik noch Medien hatten sich für sie interessiert. Die Medien schon gar nicht, denn sie waren mitverantwortlich für deren prekäre Situation.
Als freier Autor war ich seit 1982 ein Solo-Selbständiger. Soll heißen, ich musste als Individuum mich gegenüber Unternehmen wie Finanzamt wie eine komplette Firma verhalten, inklusive der dazugehörigen Bürokratie. Meine Arbeitsmittel, vom Computer über Telefonkosten bis zum Fahrgeld, musste ich von den Honoraren bestreiten, mit denen die Verlage mich bedachten – und die über Jahrzehnte gleich blieben.
Irgendwann in den 1990ern gab es mal eine Gewerkschaftskampagne „Zeit statt Zeile“, wonach die Berechnung der Honorare nicht nach dem Platz berechnet werden sollten, den ein festangestellter Redakteur für den Abdruck veranschlagte, sondern nach der Zeit, die für die Herstellung von Text und Fotos benötigt wurde. Daraus wurde nichts – unter anderem, weil in der Gewerkschaft festangestellte Redakteure den Ton angaben, die ihre Jobs nicht durch Konflikte mit den Verlagen gefährden wollten.
Wie auch immer: Die Medien verlegten sich darauf, Agenturmeldungen und Pressemitteilungen wiederzukäuen, und die Betätigungsmöglichkeiten für freie Autoren wurden immer weniger. Ich war der einzige freie Journalist im Landkreis Stade, und schließlich reichten die Honorare, die nie angehoben worden waren, nicht einmal mehr für das steuerfreie Existenzminimum.
Ich wurde „Aufstocker“. „Als ‚Aufstocker‘ werden umgangssprachlich jene bezeichnet, deren Gehalt nicht für den Lebensunterhalt reicht und die daher Bürgergeld als Ergänzung beziehen.“ So belehrt heute → Die Zeit ihre wohlhabende Leserschaft über die diesen unbekannte Spezies. Als ich Aufstocker wurde, gab es den Begriff so wenig wie das Bürgergeld. Und die Behörden konnten damit nicht umgehen.
Dass ich zur Erzielung meines Einkommens aus Honoraren Ausgaben tätigen musste, begriffen die Beamten nicht und rechneten mir die Zahlungen der Verlage in voller Höhe als Einnahmen an. Unterm Strich erhielt ich weniger als das Geld, das mir zugestanden hätte.
Dass ich kein regelmäßiges Einkommen erzielte, bedeutete für die Bürokraten, dass sie meine Ansprüche ständig neu berechnen mussten. Das machte ihnen Arbeit, die sie nicht mochten. Schließlich erhielt ich also ein Schreiben, in dem mir mitgeteilt wurde, ich solle meine Arbeit aufgeben, sonst bekäme ich überhaupt keine Unterstützung mehr. Dagegen brachte ich erfolgreich einen Rechtsanwalt in Stellung. (Den Essay über die Einschränkung von Pressefreiheit, den ich hieran anknüpfen konnte, behalte ich mir vor.)
Nein, in den Zeitungen, für die ich schrieb, war über so etwas nie etwas zu lesen. Solche wie ich existierten für die „Kollegen“ nicht, und sie wollten auch nichts davon hören. Sobald ich das Thema anschnitt, kam ich mir wie ein Betrüger oder Hochstapler vor. Die „Kollegen“ wollten nicht glauben, wie meine Wirklichkeit aussah. Passte einfach nicht in ihr Eiapopeia-Weltbild. (Und dann gingen sie hin und wählten SPD, Grüne und Linke, denn sie waren ja fortschrittlich gesinnt.)
Da sich die Behörde mithin weiterhin mit mir plagen musste, versuchte sie es mit immer neuen Schikanen. So wurde bezweifelt, dass ich mindestens 19 Stunden in der Woche arbeitete, was meinen Anspruch auf Staatsgeld anscheinend zuschanden gemacht hätte. Also listete ich einen Monat lang haarklein auf, wie viel Zeit ich für meine nach Zeilen berechneten Honorare aufwendete. Ich erinnere die genaue Zahl nicht mehr, aber über 40 Wochenstunden waren es allemal.
Um nicht von der Verwertung meiner Arbeit im Internet zu reden. Bezahlt wurde ich zunächst für den einmaligen Abdruck meiner Texte. Dann kam das Internet, und die Verlage behielten sich die Verwertung im Internet vor, ohne selbstverständlich dafür einen Cent mehr zu bezahlen. Von der Zeit vor der Einführung von Web-Archiven war überhaupt keine Rede in den Verträgen, die zu unterschreiben ich genötigt wurde. So verdienen Verlage durch die Gebühren, die sie für ihre kostenpflichtigen Archive einstreichen, bis heute an Texten von mir, für die sie lediglich den einmaligen Abdruck honoriert haben. Selbstverständlich habe ich keine Chance, dagegen zu klagen – als mittelloser freier Autor gegen die Rechtsabteilung eines Verlages.
„Die Zahl der sogenannten Aufstocker ist einem Medienbericht zufolge in den vergangenen Jahren stetig gesunken“, schreibt Die Zeit. Ist das so? Und was heißt: „in den vergangenen Jahren“? Sind damit auch jene Jahre gemeint, in denen Aufstocker für Medien und Politik gar nicht existierten? Bei der Behörde, mit der ich es zu tun hatte, war ich ein Unikum. Insofern ich nicht mehr mit ihr zu tun habe, ist die Zahl der Aufstocker allerdings gesunken.
Die Partei Die Linke, das ist der Anlass für Die Zeit sich mit der unbekannten Spezies „Aufstocker“ zu befassen, fordert eine Erhöhung des Mindestlohns, um staatliche Zuschüsse zu verringern. Von einer Erhöhung der Honorare für freie Mitarbeiter von Verlagen wird nach wie vor in den Medien keine Rede sein. Denn dann müsste man sich in den Redaktionen ausnahmsweise mit der Wirklichkeit befassen statt, wie in Die Zeit geschehen, eine Presseerklärung umzuschreiben und den Bericht eines anderen Mediums zu verwursten – eine Aufgabe, die zukünftig vermehrt von so genannter → Künstlicher Intelligenz erledigt werden wird.

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