Was laut gesagt werden darf oder nicht
Als ich 1982 für die taz in Hamburg zu schreiben begann, galt das Blatt als „alternatives Medium“, obwohl es den Begriff damals noch nicht gab. Soll heißen, es bekam keine Einladung zu Pressekonferenzen, und wenn die MitarbeiterInnen dennoch auftauchten, wurden sie von den „Kollegen“ wie Aussätzige behandelt. Die Karten für die Premieren im Theater kamen von der Freundin einer Redakteurin, die Zugriff auf verbilligte, sogenannte „Steuerkarten“ hatte. „Gyges und sein Ring“ von Friedrich Hebbel im Deutschen Schauspielhaus war das erste Stück, das ich mit einer Pressekarte von der ersten Reihe aus sah.
Die taz hatte damals den Anspruch, über das zu berichten, wovon die anderen schwiegen. Weshalb dann viele der Storys, die in der taz erschienen, von anderen Medien gecovert wurden. Irgendwann füllte die taz dann auch ihre Seiten mit Agenturmeldungen. Die Zeitung war etabliert und sang im Chor mit. Was sie heute von den anderen unterscheidet ist ihre Nibelungentreue gegenüber Bündnis90/Die Grünen. Habeck und Baerbock können den größten Mist verzapfen, die taz klatscht auf jeden Fall frenetisch Beifall.
Als ich 1991 ein Gastspiel bei der BILD in Berlin machte, wiederholte sich auf Pressekonferenzen die taz-Erfahrung: Ich galt bei den „seriösen Kollegen“ als Paria. In der freien Wildbahn allerdings sah es genau anders herum aus, und mir war es geradezu peinlich, wie devot sich gewöhnliche Bürger und Prominente gleichermaßen mir gegenüber verhielten, weil ich von der BILD war.
In Stade kannten Bürger und Politiker seit dem Kaiserreich nur eine Tageszeitung. Wenn ich dort als Korrespondent für die Regionalausgabe des Hamburger Abendblatt, den Weser Kurier oder das Neue Deutschland auflief, musste ich oft erst einmal erklären, für wen ich arbeitete. Ich vertrat jedenfalls ein „alternatives Medium“.
Der Begriff hat sich inzwischen etabliert, und von denen, die im Unterschied zu mir keine jahrzehntelange hautnahe Erfahrung mit der Produktion von Medien haben, wird er gern verkürzt: „alternative Medien“ sind „Nazi-Presse“. Wer sie auch nur zur Kenntnis nimmt, macht sich bei den „Anständigen“, die sich selbst für die moralische Mehrheit halten, verdächtig.
1988 überfielen militante Tierrechtler die Hamburger taz-Redaktion, spritzten rote Farbe auf die Wände und verteilten Plastik-Hähnchen. Das „alternative Medium“ war ihnen nicht radikal genug. Sie drangen selbstverständlich nicht in die von Security-Personal gesicherten Redaktionen von Abendblatt oder NDR ein, sondern in die Räume der Zeitung, die sie als ihr Sprachrohr begriffen. Die Redaktion beugte sich dem Druck und verabredete einen Artikel, der das Anliegen der Tierrechtler zur Geltung bringen sollte. Der Auftrag landete bei mir als freiem Autor, der sich bis dahin nicht zu dem Thema geäußert hatte. Zum Tag der offenen Tür im Schlachthof war eine Protest-Aktion vorgesehen, von der ich und eine Fotografin vorab informiert wurden, damit wir rechtzeitig zur Stelle waren.
Absprachen dieser Art sind im Journalismus gang und gäbe, aber sie werden gemeinhin der Leserschaft verschwiegen. Welcher Journalist mit welchem Politiker der Bundesregierung in Berlin oder im Hamburger Rathaus kumpelt, weiß man, aber man behält es für sich. Weil man selbst herumkumpelt. Echte Unabhängigkeit ist nicht die Regel, sondern äußerst selten. Ich habe sie nur dadurch bewahren können, dass ich keiner Redaktion angehörte und auf die Einnahmen verzichtete, die ich hätte erzielen können, indem ich mich dem Establishment oder irgendeiner Interessengruppe anbiederte. So kamen meine Honorare, während ich in Stade lebte, aus Berlin, Bremen, Frankfurt/Main oder Hamburg, aber nie aus der Stadt selbst, denn das hätte zwangsläufig bedeutet, dass ich den Honoratioren, die sich in Brüderschaften aus dem Mittelalter organisierten, in den Allerwertesten hätte kriechen müssen.
Ich habe lange aufgegeben, für Medien zu bezahlen, denn das, was die Nachrichtenagenturen versenden, ist irgendwo im Internet immer kostenlos erhältlich, und die meisten Medien bestreiten ihren Content daraus, diese Meldungen zu kopieren oder gegebenenfalls auszuwalzen, indem sie eine Reportage oder einen Hintergrund-Bericht nachschieben. Themen, über die nicht alle anderen ebenfalls berichten, sind so selten wie ehedem vor 40 Jahren, als die taz darin ihre Marktlücke fand.
Die Themen und Blickwinkel abseits des Mainstreams findet man in den „alternativen Medien“, die bei denen, die sie nicht zur Kenntnis nehmen, im Verdacht stehen, AfD-Propaganda zu betreiben. Wer diese Medienerzeugnisse wahrnimmt, sollte es verheimlichen. Denn die aufrechten Demokraten, die neuerdings die Neigung haben, sich zusammenzurotten und in den Innenstädten herumzubrüllen, könnten einen mobben, weil man seine Freiheit der Meinungsbildung wahrnimmt und nicht nur nachplappert, was der Chor vorsingt.
Das „Demokratiefördergesetz“, das von Bundesfamilienministerin und Innenministerin auf der Weg gebracht wird, soll den Spielraum dessen, was noch öffentlich gesagt werden darf, drastisch einschränken. Die Vorgaben des Strafgesetzbuches reichen Grünen und SPD nicht mehr. Alles, was von der regierungsamtlichen Verlautbarung abweicht, soll geahndet werden. Zuerst wurde das Gesetz in den „alternativen Medien“ kritisiert, weil es sich gegen sie richtete. Inzwischen haben auch die anderen Medien bemerkt, was vorgeht, und das Thema aufgegriffen. Zuletzt hat der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages festgestellt, dass das Gesetz verfassungswidrig sein könnte.
Ein Aufschrei in den etablierten Medien ist gleichwohl ausgeblieben. Statt die Bestrebungen von Grünen und SPD als das zu bezeichnen, was sie sind, nämlich demokratiefeindlich, wird die Kritik nur weichgespült artikuliert. Denn noch herrscht Konsens, dass die einzige Gefahr für die Demokratie von der AfD ausgeht. Dass die Strategien zu deren vermeintlicher Bekämpfung die Demokratie selbst untergraben, hat sich noch nicht durchgesetzt. Noch funktioniert das Einverständnis zwischen den Machthabern und ihren Lautsprechern einwandfrei. Fast wäre es zu wünschen, dass die AfD sich zu den Machthabern gesellt, damit die Lautsprecher am eigenen Leib erfahren, wie wenig unabhängig sie bis dahin waren.

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