Eine wahre Geschichte

Hamburg, U-Bahn-Station Hoheluftbrücke, Heiligabend 8.30 Uhr.

„Deutschland ist das beste Land der Welt“, höre ich auf dem Weg von der Bushaltestelle zum Supermarkt, wo ich mich mit Lebensmitteln für die Feiertage eindecken muss.

„In Deutschland musst du nicht arbeiten“, erklärt der Mann, dessen Kleidung ihn als Mitarbeiter der Stadtreinigung ausweist. Er hat einen osteuropäischen Akzent; ich tippe mal auf Polen.

Seine Worte richtet der große kräftige Mann an einen deutlich schmächtigeren, jungen und sehr dunkelhäutigen Mann. Er spricht mit herzlicher Freundlichkeit. „Du musst nicht arbeiten, das Sozialamt zahlt, du kannst den ganzen Tag Party machen.“

Der Mann von der Stadtreinigung lächelt den anderen breit an. „Du hast dir das richtige Land ausgesucht. Es gibt zwei gute Länder auf der Welt, Deutschland und Schweden, wo du nicht arbeiten musst.“

Der andere lächelt auch, sagt aber nichts. Weil sein Deutsch nicht gut genug ist, er vielleicht gar nichts versteht, oder aus Verlegenheit?

„Deutschland ist das schönste Land“, wiederholt der Mann von der Stadtreinigung. „Hier müssen nur Idioten wie ich arbeiten.“

Sein Tonfall bleibt herzlich-heiter, als er das sagt, und er klopft dem anderen auf die Schulter, als habe der gerade etwas Anerkennenswertes geäußert.

Ich kann mich nicht losreißen und bleibe bis zum Schluss, als der Mann von der Stadtreinigung sich von dem anderen mit einem „fröhliche Weihnachten“ verabschiedet.

Ich höre erst wieder auf zu grinsen, als ich den Supermarkt betrete.