Triggerwarnungen untergraben die Freiheit
Tu, was du willst, solange du keinem anderen schadest. Mehr als diese Formel frei nach Kant bräuchte es nicht, damit eine Gesellschaft funktioniert. Eigentlich.
Aktuell soll ich mich um die Belange von lauter Leuten kümmern, mit denen ich keinen Umgang habe und die ich nur aus den Medien kenne. Zum Beispiel soll ich meine Sätze gendergerecht verfassen, damit Menschen, deren Anteil an der Bevölkerung vernachlässigenswert gering ist, sich nicht ausgeschlossen fühlen. Und tue ich es nicht, bin ich böse und gehöre auf den Scheiterhaufen, meinen die Fürsprecher dieser Minimal-Minderheit, die um ein Vielfaches zahlreicher sind, als diese selbst.
Aufforderungen dazu lese ich in denselben Medien und höre sie von denselben Politikern, die gerade einmal wieder die „Clan-Kriminalität“ entdeckt haben. Für die gibt es keine kriminologischen Belege, aber das schert jene nicht, die darin ein scheinbar unanstößiges Ventil für ihre Fremdenfeindlichkeit entdeckt haben. Die von „Clan-Kriminalität“ Diffamierten sind eine größere Minderheit als die, deren Vorstellungen ihrer sexuellen Identität ich verbal zu berücksichtigen aufgerufen bin. Dementsprechend kenne ich welche, einige sogar sehr gut, und habe auch auf diesem Blog bereits seit Jahren auf die Methoden der Diskriminierung durch den Ausdruck „Clan-Kriminalität“ hingewiesen.
Die neueste Sau, die durchs mediale Dorf getrieben wird, sind so genannte „Triggerwarnungen“ vor alten TV-Sendungen. Im September 2022 habe ich erstmals eine solche entdeckt und einen Screenshot gespeichert, es dann aber unterlassen, mich dazu weiter auszulassen. Jetzt kann ich ihn also hervor holen, denn die BILD hat das Thema entdeckt, und alle anderen hecheln hinterher.
Wer hat eigentlich die „Clan-Kriminalität“ erfunden? Vermutlich auch die BILD. Hält man in den anderen Redaktionen eigentlich einmal inne und fragt sich, warum man dieses und jenes thematisiert und anderes nicht? Und warum man so gern der BILD hinterher läuft?
Oder warum die Belange von queeren Menschen Staatsziel sind, während Leute mit bestimmten kurdisch-arabischen Nachnamen anstandslos angefeindet werden dürfen?
Was ist mit Fußgängern wie mir, die durch Werbung für rücksichtsloses Fahrradfahren und Auto-Verfolgungsjagden in zahllosen TV-Sendungen getriggert werden könnten?
Nein, danke, ich verzichte auf Warnungen wie Belehrungen. Ich brauche keine Betreuung durch öffentlich-rechtliche Sender oder so genannte Qualitätsmedien, um mich in der Wirklichkeit zurecht zu finden, die ohnehin nicht dieselbe ist wie die der Redakteurinnen und Redakteure.
In meiner Wirklichkeit so wie in der der allermeisten spielt Queerness keine Rolle. Darüber könnte man einfach hinwegsehen. Dass die Betreffenden sich ausgegrenzt fühlen – geschenkt. Das gilt auch für viele andere, von denen Politik und Medien beharrlich schweigen. So wie sie dafür umso lieber auf andere Gruppen losgehen, denen sie keinerlei Schutzrechte zugestehen – wie den Angehörigen der von ihnen erfundenen Clans.
Würde man das Prinzip der Triggerwarnungen konsequent einsetzen, müsste vor jeder Sendung, den historischen wie den aktuellen, ein solcher Hinweis stehen. Irgendwer könnte sich immer von irgendetwas unangenehm betroffen fühlen.
So ist das Leben. Manchmal kein Zuckerschlecken. In gewissen Weltgegenden sogar so ganz und gar nicht, dass dort Krieg herrscht. Seit eineinhalb Jahren sind Schlachtberichte aus der Ukraine deutscher Alltag, und die Zahl derer, die sich daran aufgeilen, die Spezifikationen von Panzern auswendig zu lernen und Militärstrategien zu entwickeln, nimmt stetig zu. Da wäre mal eine Warnung angebracht, sich nicht zu sehr in den Krieg hinein zu fantasieren.
Aber auch das ginge zu weit. Wenn Politik und Medien sich wie Helikoptereltern verhalten geht die Demokratie zugrunde. Eine betreute Gesellschaft ist eine unfreie.
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Sendungen von Harald Schmidt werden nun auch mit Warnhinweisen versehen. Vorsicht! Könnte Spuren von Humor enthalten! Nicht geeignet für moralinsaure Woke-Spießer!
Damit nicht genug, die Skandalwalze legt gleich eine weitere Drehung zu: Der Anstandsgefährder ist auf einem Foto mit einem ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten und einem Ex-Spiegel-Redakteur zu sehen, der inzwischen bei der AfD auftritt (→ Syrien in Buxtehude). Ogottogott!
Nun muss sich der Herr Schmidt rechtfertigen. Natürlich fragt niemand danach, warum der Herr Maaßen überhaupt jemals Verfassungsschutzpräsident werden konnte und wer dafür verantwortlich ist. Oder ob die „Wendung nach rechts“, die bei Schmidt gemutmaßt wird, nicht beim Ex-Redakteur schon absehbar war, als dieser noch beim Spiegel ein und aus ging. Hier wie dort will keiner was gewusst haben.
Selbstkritik gehört nun einmal nicht zum Kanon der woken Scharfrichter. Dabei könnte das Schicksal ihres großen Vorbilds, des Meisters des Tugend-Terrors, Robespierre, ihnen eine Warnung sein: Nachdem er fleißig guillotiniert hatte, wurde er selbst einen Kopf kürzer gemacht.

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