Ein Spaziergang über den Hamburger Steindamm genügt, um die Realität zu erkennen

Ei der Daus, wo kommt das denn plötzlich her? Neonazismus ist jahrzehntelang systematisch von Politik und Medien als Jugendphänomen dargestellt worden: Hitler-Verehrung als „Reifedefizit“, das sich auswächst. Oder es gab die Neonazis nur im bösen Osten, der Ex-DDR. (Mehr siehe → hier.) Dasselbe perfide Spiel wurde mit der AfD betrieben – bis sie auch im Westen als zweitstärkste politische Kraft unübersehbar wurde. Kinderglaube als Strategie: Ich mache die Augen zu, dann kann ich nicht gesehen werden.

Nun haben Journalisten des → Norddeutschen Rundfunks in ihrer grünen Wohlfühl-Blase gemerkt, dass entgegen der Sonntagsreden von Politikern und dem Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge zum Trotz der krasseste Antisemitismus mitten in Hamburg heimisch ist.

Statt sich aber zu fragen, warum man selbst so lange derart blind war, wird in der Hamburger Morgenpost eine Beruhigungspille verabreicht und mitgeteilt, die Polizei würde wegen der Äußerungen in dem NDR-Beitrag ermitteln.

Neonazis sind darauf trainiert, ihren Antisemitismus zu verklausulieren, weil sie wissen, dass gewisse Äußerungen die Polizei auf den Plan rufen können. Nicht so in der muslimischen Parallelgesellschaft. Da ist Judenhass eine Selbstverständlichkeit, und man gibt ihn vor laufenden Kameras zum Besten.

Neu ist das nicht. Nur haben Politik und Medien es schlicht nicht wahrhaben wollen. Ungeachtet aller gutmenschlichen Bekundungen und zur Schau getragener Wokeness ist „Integration“ keine Einbahnstraße. Man glaubt, indem man sich nur selbst immer wieder vorsagt, was man tun müsse, um Einwanderer zu „integrieren“, würden diese ganz automatisch das eigene Wertesystem übernehmen.

Aber „Integration“ ist erst seit ein paar Jahren überhaupt Thema. Bis dahin wollte man die Fremden nicht und hat sie sich selbst überlassen. Und „integriert“ worden sind nur die, die sich darum bemühen konnten, weil sie Anschluss an die maßgeblichen Blasen der Gutmenschen hatten. Alle anderen sind seit Generationen abgehängt und leben jenseits einer unsichtbaren Mauer, hinter die kaum einmal ein Journalist oder Politiker zu schauen auch nur willens ist.

Sie informieren sich nicht über die Tagesschau, sondern durch arabische Fernsehsender. Sie bekommen kaum mit, wenn mal wieder ein deutscher Politiker „Solidarität mit Israel“ beschwört. Und warum er meint, das tun zu müssen, ist ihnen schleierhaft. Denn über die Shoah wissen sie allenfalls das, was ihnen von arabischer Seite dazu erzählt wird.

In den Kreisen von Einwanderern aus dem arabischen Raum, in denen ich mich bewegt habe, war Antisemitismus Alltag. Gemeinsam war uns das Ausgestoßensein von der Gesellschaft der Tonangebenden. In jenen Kreisen war man über jeden Raketenangriff auf Israel, der den deutschen Leitmedien nur eine Randnotiz wert war, genauestens im Bilde, weil er in den arabischen Medien großformatig dargestellt wurde. Unzählige Male musste ich mich anlasslos damit auseinandersetzen, dass „die Juden“ in Deutschland angeblich das Sagen hätten. Oder erklären, wer Göring und Goebbels waren, denn außer Hitler ist kaum eine Person des Dritten Reichs bekannt.

Diese Leute mit arabischem „Migrationshintergrund“ gehören in der Regel denselben „bildungsfernen Schichten“ an wie die Mehrzahl der Neonazis. Deutsche Geschichte kennen sie höchstenfalls aus TV und Internet. Etwelche Appelle von Politik und Medien sind an sie verschwendet, wenn sie diese denn überhaupt wahrnehmen. Solche Statements würden von der jüdischen Lobby diktiert, denken sie.

Die Empörung über den Antisemitismus von Einwanderern in Berlin-Neukölln und auf dem Hamburger Steindamm ist vor allem Ausdruck der Blindheit und Blödheit derer, die sie äußern. Sie hätten es längst wissen können, wollten es aber in ihrer Eiapopeia-Weltsicht nicht anerkennen.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist immer im Unrecht. Aber der Umkehrschluss, dass alle Muslime nette Menschen sind, ist ebenso falsch. Und es gibt auch jüdische Arschlöcher. In einer Disziplin aber überbieten „die Deutschen“ alle anderen: in der Heuchelei.

Das wurde gerade eben in Hamburg vorexerziert. Während seine Landsleute von der Hamas als Geiseln genommen werden, futtert der Bundeskanzler breit grinsend Fischbrötchen mit dem französischen Staatspräsidenten. Getreu seinem Motto: Was ich nicht wissen will, daran erinnere ich mich nicht. In einem Land, in dem Realitätsverleugnung das politische Programm bestimmt, muss man geradezu dankbar sein über den einen oder anderen NDR-Journalisten, der endlich aus seinem woken Tagtraum aufgewacht ist.

Ich habe mir angewöhnt, öfter in der Neuen Zürcher Zeitung zu blättern, die in der grünen Bubble als rechtsextrem gilt, weil sie nicht alles rosarot darstellt, was die Habecks und Baerbocks verbocken.

Eben lese ich → dort: „Der Überfall palästinensischer Terroristen auf die Bevölkerung in Südisrael hat viele Menschen sprachlos gemacht. Es zeigte sich eine vollkommene Entmenschlichung der Milizionäre, die Gefallen daran fanden, jüdische Kinder zu quälen, Frauen zu vergewaltigen und alte Menschen zu demütigen. Einer entführten Greisin im Rollstuhl legte man ein Gewehr auf den Schoss und zwang sie, mit der Hand ein Siegeszeichen zu machen. Eine entkleidete und leblose junge Frau wurde einer geifernden Menge in Gaza auf der Ladefläche eines Pick-ups präsentiert. Zu Allahu-akbar-Rufen wurde gefoltert und gemordet. So etwas kennen wir von der Soldateska des IS, die eine ganze Region mehrere Jahre lang in Angst und Schrecken versetzte.“

Offenbar gibt es auch der NZZ eine gewisse Beißhemmung. Oder die Autorin ist in deutscher Geschichte nicht sonderlich bewandert. Mich jedenfalls erinnern die Szenen von demonstrativ gequälten Juden an eine Zeit, in der noch nicht so viel fotografiert und gefilmt wurde wie heuer, aber solche Ereignisse durchaus massenhaft auf Zelluloid gebannt wurden. „Schöne Zeiten“. Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer heißt ein 1988 von E. Klee, W. Dreßen und V. Riess herausgegebenes Buch, das erstmals eingehend darstellte, was dem vom ZDF-Oberhistoriker Knopp mit Uniformparaden verwöhnten Publikum über die Jahre zwischen 1933 und 1945 vorenthalten wurde. Wenn je ein Nazi-Vergleich angebracht war, dann hier. Bemerkenswert, dass er ausbleibt.

Zugleich lese ich über eine Talk-Show, die ich mir selbstverständlich nicht angetan habe, dass man sich einig war, der demonstrative Judenhass auf deutschen Straßen beträfe nur eine Minderheit der hiesigen Muslime. Woher nimmt man diese Sicherheit? Gibt es einschlägige Untersuchungen, obwohl man doch bemüht war, das Phänomen systematisch zu verdrängen?

In meiner partiellen Wahrnehmung ist Judenhass vielmehr etwas, das Muslime hierzulande über alle nationalen Grenzen hinweg verbindet und wodurch sie sich Anschluss an die bio-deutsche Mehrheitsgesellschaft erhoffen. Zumal damals, als ein gewisser Spezialdemokrat namens Sarrazin die Muslime zu Staatsfeinden erklärte, musste ich mir ad nauseam von den Ausgegrenzten anhören, dass man schließlich einen gemeinsames Feindbild mit den Deutschen hätte: die jüdische Weltverschwörung.

Der Bubble, in der NZZ-Autorinnen und Talk-Show-Gäste leben, ist die Realität entweder abhanden gekommen – oder man will sie nicht wahrhaben.

Ich warte vergeblich auf eine Entschuldigung.

„Es tut uns sehr leid, dass wir seit Jahrzehnten mit verschlossenen Augen und Ohren durch die Welt gegangen sind und Fake-News produzierten, indem wir Teile der Wirklichkeit ausgelassen haben. Es tut uns leid, dass wir einer linken politischen Agenda gefolgt sind, statt die Arbeit zu leisten, für die wir eigentlich bezahlt werden. Es tut uns leid, dass wir die Probleme der Einwanderung geleugnet und ihre Beschreibung Hetzern überlassen haben.“

Der Islam gehört zu Deutschland, erklärte einst ein Bundespräsident. Aber was das auch heißen kann, wollte keiner hören. Selbst „gemäßigte“ Muslime, die also keine totalitäre Agenda verfolgen, halten Judenhass für eine Selbstverständlichkeit, zumal in Deutschland.

Das hätte man seit Jahrzehnten wissen können. Aber man schaute nicht hin. Wenn von migrantischen Milieus die Rede war, dann verteufelten die einen „Clan-Kriminalität“, während die anderen realistische Beschreibungen als Diskriminierung verdammten. In der Regel aber blieben die Betreffenden unter sich, in einer „Parallelgesellschaft“, die hier und da geahnt, aber nun erst, nachdem sie sich längst verfestigt hat, zu einem Begriff geworden ist, der nicht nur als Schreckgespenst von Hetzern verwendet wird.

„Junger Hamburger droht Juden mit Vernichtung: Ohne jede Scham äußerte sich die Gruppe bei den Krawallen antisemitisch.“ So steht es an diesem 24. Oktober 2023 auf t-online.de, und in dem „ohne jede Scham“ klingt die Verwunderung der Berichterstatter an, wie es denn bloß dazu kommen könne.

Gewiss, vor fünf oder zehn Jahren wären Sätze wie „vergast die Juden“ nicht vor laufender Kamera geäußert worden. Weil nämlich keine Kamera auf die gerichtet wurde, die solche Sätze durchaus laut auf der Straße äußerten. Junge Männer mit Migrationshintergrund, die darob von ihren Freunden und Bekannten lachende Zustimmung erwarteten und dass der ältere Biodeutsche, der daneben stand, sich aufregte. Was er nicht tat, sondern den Burschen etwas vom Nationalsozialismus erzählte, wovon sie nie etwas gehört hatten – außer eben, dass dabei Juden massenhaft umgebracht wurden.

Die Jungs gehörten einer „bildungsfernen Schicht“ an und hätten womöglich, selbst wenn sie länger die Schulbank gedrückt hätten, nichts Erhellendes über die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert erfahren. Nicht einmal die notorischen ZDF-Verherrlichungen des NS-Regimes standen auf ihrem televisionären Speiseplan; sie schauten arabische Sender, in denen der Antisemitismus als Israel-Feindschaft auf dem Programm steht.

Bis 2020 hatte ich täglich Umgang mit diesen Kreisen in einer norddeutschen Kleinstadt, in der sie von der einzigen Tageszeitung nur wahrgenommen wurden, um sie zu diffamieren. Da schrieben dann Redakteure, die sie nicht kannten, über sie als Verbrecher. (Ich erspare mir an dieser Stelle die lange Liste der Links zu Beiträgen auf diesem Blog, in denen ich mir diese so genannte „Berichterstattung vorgenommen habe. Wer mag, kann sie unter dem Suchbegriff „Altländer Viertel“ finden.)

Inzwischen lebe ich in Hamburg und stelle fest, dass es hier nicht anders ist. t-online.de und die anderen Publikationsorgane entdecken gerade den Judenhass bei arabischen und türkischen Einwanderern, den sie bis dato geflissentlich ignoriert haben.

In einem Video bekennen sich demnach Jugendliche „zur kurdischen Untergrundorganisation PKK, die immer wieder Terroranschläge in der Türkei verübt“, berichtet t-online.de.

2019 konnte die PKK ungestört auf dem Marktplatz besagter Kleinstadt demonstrieren, und als ich einen der Typen, die dort das Porträt ihres Anführers und Märtyrers Abdullah Öcalan vorzeigten, anpflaumen wollte, zog mich ein kurdisch-libanesischer Freund zurück: Mit denen lege man sich besser nicht an. Unnötig zu erwähnen, dass in der einzigen Tageszeitung vor Ort die Demonstration nicht stattfand. Ebenso wenig wie sie die regelmäßigen Auftritte der Neonazis von der NPD zur Kenntnis nahm.

Wenn dereinst Historiker sich ein Bild von dieser Epoche verschaffen, tun sie gut daran, sich nicht allzu sehr auf das zu verlassen, was in den Medien vorkam. Sondern sollten deren systematische Ignoranz all dessen, was außerhalb ihres gutbürgerlichen Horizonts lag, einberechnen. Bei der PKK-Demonstration war die Polizei anwesend. Aber ob deren Unterlagen je in ein Archiv gelangen, kann bezweifelt werden. In 50 Jahren könnte es einem Historiker demnach erscheinen, als hätte es gar keine PKK in der Kleinstadt gegeben und als hätte sie nicht mit Erlaubnis der Behörden groß auftreten können.