Wie Obdachlosigkeit im Feuilleton aussieht
Sozialromantik ist was Feines. Besonders Wähler der Grünen lieben sie heiß und innig. Kaufen dem Typen, der am Eingang des Supermarkts steht, ein Obdachlosen-Magazin (→ Hinz & Kunzt) ab, weil sie meinen, damit etwas Gutes zu tun. Oder spenden für irgendeine Organisation, die behauptet, etwas Gutes zu tun.
Der Typ im Supermarkt steht da schon so lange, wie ich in die Wohnung bezogen habe, die mich davor bewahrte, auf der Straße leben zu müssen: seit dreieinhalb Jahren. (→ Flüchtling im Inneren) Keine Ahnung, was sein Problem ist. Ihm ein Magazin abzukaufen, löst es offenbar nicht.
Im Tagesspiegel wird mal wieder Sozialromantik zelebriert. Irgendeine empathische Fotografin hat ehemalige Obdachlose in ihren Behausungen abgelichtet und wird dafür gefeiert. (Siehe den Artikel → hier.) En passant, weil ja schließlich Ästhetik das Thema ist und der Artikel im Feuilleton erscheint, werden die Ursachen für Wohnungs- bzw. Obdachlosigkeit gestreift: „Entzug oder Therapie“, „mehr ausgebildete und besser bezahlte Sozialarbeiter:innen“ (Achtung, Gendern nicht vergessen, sonst gilst Du unter Sozialromantikern als böse!), „keine Gefängnisstrafe für wiederholtes Schwarzfahren“.
Was fehlt: die systematische Produktion von Obdachlosigkeit durch Behörden, die Arme schikanieren. Ich zahle gerade 25 Euro monatlich ab für eine Miet-Kaution von 2020, die das Jobcenter direkt an meinen ehemaligen Vermieter gezahlt hat, der mir fristlos kündigte, weil das Jobcenter von Jetzt auf Heute entschied, meine Wohnung sei doch zu teuer, nachdem sie sie zunächst genehmigt hatte. Die Kaution müsste das Jobcenter eigentlich von dem zurückfordern, der sie erhalten hat. Aber reden Sie mal mit einer Behörde über Recht und Gesetz ohne einen Anwalt an Ihrer Seite.
Davon wissen die Sozialromantiker nichts, davon wollen sie auch nichts hören. Womöglich arbeiten sie selbst in einer Behörde und verschicken täglich Bescheide ohne Ansehen der Person, die Elend erzeugen. Und dann besuchen sie eine Ausstellung, in denen Fotos den Abgebildeten die Würde zurückgeben, wie der Tagesspiegel behauptet, die sie ihnen selbst während ihrer Arbeitszeit entzogen haben.
Nein, eigentlich hatten diese Leute, die obdachlos werden, nur eine eingeschränkte Würde, denn schließlich brauchten sie „Entzug oder Therapie“, „mehr ausgebildete und besser bezahlte Sozialarbeiter:innen“ oder haben den öffentlichen Nahverkehr benutzt, ohne zu zahlen.
Wie hoch ist übrigens das Honorar der Fotografin, die vom Tagesspiegel für ihr Einfühlungsvermögen gelobt wird? Stand sie je vor einem Ticketautomaten und entschied sich fürs Schwarzfahren? Welchen Bezug hat sie zum „Rand der Gesellschaft“ den abzubilden sie vorgibt? Was weiß sie über das, was sie ablichtet? Keine Ahnung, dazu schreibt der Tagesspiegel nichts. Geht ja schließlich auch allein um schöne Bilder, die das Gewissen der Sozialromantiker befriedigen sollen.
Seht her, wir schauen hin! Rufen die Bessergestellten und kaufen dem Typ im Supermarkt ein Magazin ab. Ich habe eine Wohnung, weil ich, trotz ausgeprägter Sozialphobie, zur richtigen Zeit den Richtigen kannte. Purer Zufall. Ginge es nach den Sozialromantikern und den Redakteuren des Tagesspiegels in ihrer Gutmenschen-Blase voller Eiapopeia und Bullerbü würde ich heute auf der Straße leben.
Der Typ im Supermarkt lernt täglich Hunderte kennen, seit mindestens dreieinhalb Jahren. Wieso hat der eigentlich keine Wohnung? Weil Wohnungen für alle, die nicht Grün, FDP oder die anderen staatstragenden Parteien wählen, unbezahlbar geworden sind? Weil das Jobcenter ihm keine genehmigt? Weil er „Entzug oder Therapie“ oder „mehr ausgebildete und besser bezahlte Sozialarbeiter:innen“ braucht?
Wie auch immer: So widerlich wie die Handlanger eines Systems, das Obdachlosigkeit produziert, sind jene, die das System leugnen und mit ihren Kameras am Illusionstüll weben, der die Widerlichkeit verbirgt, und damit ihre Wohnungen und was sonst noch immer finanzieren.
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„Riesiges Wandgemälde in Hamburg ehrt einen Obdachlosen“, titelt die Hamburger Morgenpost am 25. Oktober 2023. Und erzählt, dass der 2020 Verstorbene, von dem das Publikum nur den Vornamen (Uwe) erfährt, 27 Jahre lang ein Obdachlosen-Magazin verkauft hat, das auf diese Weise seinen 30. Geburtstag feiert. „Sein Herzblut bei der Arbeit als Verkäufer und seinen unerschütterlichen Optimismus schätzten und liebten seine Kund:innen.“ (Da ist es wieder, das Gendern als Ausweis des Bessermenschentums.)
27 Jahre Leben auf der Straße, aber glücklich dabei. Und zum Dank gibst ein „riesiges Wandgemälde“, wenn du tot bist. Ist denen, die das Wandgemälde veranlasst haben und denen, die es abfeiern, eigentlich ihr eigener Zynismus bewusst? Es hätte den halb Namenlosen mehr geehrt, wenn er zu Lebzeiten eine Wohnung hätte beziehen können. Oder wollte er nicht? 27 Jahre lang nicht? Woran genau ist er eigentlich gestorben? Erfroren im Winter oder an einer der Krankheiten, die sich Leute nun einmal zuziehen, wenn sie auf der Straße leben?
Obdachlosigkeit als eigenwilliger Lifestyle. Das ist die Botschaft des Wandgemäldes, dessen Gestaltung nichts dazu zu entnehmen ist, dass der auf 400 Quadratmetern abgebildete Kopf der eines Obdachlosen ist. Wer die dazugehörigen Zeitungsartikel nicht kennt oder das „Kunstwerk“ als ahnungsloser Passant in zehn oder 20 Jahren betrachtet, wird nicht erkennen, dass hier das Elend mit bunten Farben angemalt wurde.
Geschaffen hat das Bild ein irischer Künstler. Die Höhe seines Honorars wird nicht mitgeteilt oder warum man jemand aus Irland einfliegen musste. Ist es um die Kunst-Szene in Hamburg so schlecht bestellt? Egal. Hauptsache, die Zeitungen, die vor lauter Tippfehlern, die sie am laufenden Band produzieren, „kritisch“ schon nicht mehr korrekt buchstabieren können, haben etwas zu bejubeln.

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