Im Unterschied zu meinen polyglotten Landsleuten, zumal denen, die gern sich selbst das Etikett „links“ aufpappen, hatte ich nie das Bedürfnis, das Schicksal in fremden Ländern als mein eigenes anzunehmen.
Ich habe nie nachvollziehen können, warum sich zum Beispiel Leute für die Zustände in Nicaragua verantwortlich fühlten. (Dort gab es nie eine deutsche Kolonie, was immerhin ein Anlass sein könnte.) In grauer Vorzeit, genauer 1986, musste ich mich einmal als Lektor näher damit befassen. Den deutschen Linken galt ein gewisser Daniel Ortega damals als Hoffnungsträger. Inzwischen regiert er sein Land wie ein Diktator.
Die, die sich als Linke bezeichnen (und damit implizit meinen, sie seien die besseren Menschen), fahren indes fort, sich für etwelche „Befreiungskämpfe“ in anderen Ländern zu engagieren. Statt vor der eigenen Haustür zu kehren.
Ich war nie in Israel, werde in diesem Leben nicht mehr dorthin kommen und kenne niemanden, der dort lebt. Dasselbe gilt für Palästina. Über beides wird mir nun seit zwei Wochen ein Ohr abgekaut, und vor meiner Haustür tun alle so, als handele es sich dabei um ein für mich existentielles Problem.
Ich habe schon bald auf Durchlauf geschaltet, als man mir das in Hinblick auf die Ukraine weismachen wollte – von der bemerkenswerterweise seit zwei Wochen so gut wie gar keine Rede mehr ist in Politik und Medien. Dort sollen angeblich „unsere“ Werte verteidigt werden. Als gäbe es hierzulande einen unverrückbaren Konsens, quasi ein Glaubensbekenntnis über diese Werte. Da ich nie in der Ukraine war, in diesem Leben auch nicht dorthin kommen werde und niemanden kenne, der dort lebt, kann ich nicht beurteilen, ob es sich damit nicht wie mit Nicaragua verhält und Selenski sich als ein Ortega entpuppen wird.
Ist mir auch egal. Im Unterschied zu Leuten wie Richard David Precht habe ich kein Verlangen, mich zu Angelegenheiten zu äußern, von denen ich nichts verstehe, nur damit andere mich als supergescheit wahrnehmen und sich meiner intellektuellen Überlegenheit unterwerfen. (→ Die Arroganz der Medienklasse)
Precht ist gewissermaßen eine Verkörperung der deutschen Linken, an deren Wesen die Welt genesen soll. Als Klima-Aktivisten sind sie mittlerweile angetreten, die Welt buchstäblich vor dem Untergang retten zu wollen. Und wer ihren Führungsanspruch nicht anerkennt – wird niedergemacht. Noch erst verbal. Und durch Pranger.
Man könnte wissen, wie es weiter geht. Aber wenn es etwas gibt, was alle so genannten Linken verbindet, ist es ihre Geschichtslosigkeit. Jede Generation Linker tut so, als könne sie die Welt neu erfinden und müsste weder Robespierre noch Stalin kennen.
Wenn mich auch Israel, Nicaragua und die Ukraine nichts angehen, geht mich Judenhass sehr wohl etwas an. Mit dem musste ich mich bereits im Elternhaus auseinandersetzen, insofern mein zur NS-Zeit sozialisierter Vater wie in einem bedingten Reflex „die Juden“ für etwelche Missstände verantwortlich machte, wo ich beim besten Willen keine Mitwirkung derer erkennen konnte, die ich allenfalls als Religionsgemeinschaft denn als Rasse begreifen konnte.
Tatsächlich las ich mit 16 Jahren Adorno, Benjamin und andere Autoren, ohne mich zunächst sonderlich darum zu kümmern, ob und dass sie Juden waren. Weil ich auch Freud las, war mir auch Otto Weininger geläufig, was mich möglicherweise gegen einen Philosemitismus imprägnierte, der unwesentlich weniger widerlich ist als Antisemitismus.
Allerdings begriff ich irgendwann, dass die Erfahrung der Ausgrenzung zum Jüdischsein gehörte und besagte Autoren womöglich stärker verband als eine Religion, die für sie von nachgeordnetem Belang war. So viele jüdischstämmige Autoren ich las, lernte ich Einzelheiten über das Judentum als Religion erst sehr viel später kennen. Sie interessierten mich nicht wirklich. So wenig wie das Christentum oder der Islam.
Sobald jemand religiöse Überzeugungen anbringt, hört die Debatte auf. Wer seinen Glauben als Argument einsetzt, will Macht über den anderen ausüben. Über Wissen lässt sich streiten, über Glauben nicht. Politische Glaubensbekenntnisse sind per se antidemokratisch. Dies sei nur nebenbei den Christdemokraten und -sozialen ins Stammbuch geschrieben sowie allen anderen, die das christliche Abendland verteidigen zu müssen glauben.
Dass der Islam in Deutschland immer bedeutsamer wird, macht mir Angst, weil damit das Rad hinter die Aufklärung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zurückgedreht zu werden droht. Das scheint mir die größere Gefahr zu sein als ein Klimawandel, der von Leuten beschworen wird, die wiederum aus ihrer speziellen Form der Weltrettung eine Religion machen und abweichende Ansichten als Ketzerei verdammen.
Soviel rhetorischer Aufwand gegenwärtig um den Krieg im Nahen Osten betrieben wird, geht es auch dabei nur um Glauben. Darum, wer die Guten und wer die Bösen sind. Ich habe, wie gesagt, keine Ahnung von den Details. Aber ich habe eine gewisse Menschenkenntnis. Und die sagt mir, dass sich menschliche Handlungen bei genauer Betrachtung einem manichäischen Schema entziehen und dass vielmehr dieses Schema für das meiste Unheil in der Welt verantwortlich ist. Glauben oder Nicht-Glauben heißt Tod oder Leben. Wo keine Grauzone anerkannt wird, rollen Köpfe.
Darin vor allem besteht die Anziehungskraft des Judenhasses. Er ist so tief in der Weltgeschichte verankert, dass er ohne Gründe auskommen kann. Zumal in Deutschland hat er als bedingter Reflex nie aufgehört zu existieren. Die seit Jahrzehnten eingeübten Erinnerungsrituale zeigen es. Sie waren eben nie mehr als Rituale, die von Politik und Medien zelebriert wurden, ohne je echte Erinnerung zu erzeugen.
Die Corona-Leugner, die ihre abweichende Haltung mit einem Judenstern markieren zu können glaubten, brachten ans Licht, was im Unbewussten schlummerte. Der gar nicht so latente Antisemitismus arabischer Einwanderer (→ Sensationelle Entdeckung) wurde allein deshalb nicht sonderlich manifest, weil es an Anlässen fehlte. Schließlich sind die in Deutschland lebenden Juden eine so verschwindend geringe Minderheit, dass echte Konfrontationen kaum stattfinden können.
Außer im Virtuellen. Wo Politik und Medien, indem sie die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus auf den Holocaust beschränken, denen, die an einer Auseinandersetzung sowieso nicht interessiert sind, den Eindruck vermitteln, „die Juden“ hätten hierzulande ohnehin zu viel Einfluss.
Sobald Israel in den Medien aufpoppte, kamen sie von rechts wie von links aus der Deckung und konnten ihren Antisemitismus meist ziemlich ungestört ausleben. Abseits all dessen, was tatsächlich in und um Gaza geschieht, ist nun die Stunde der Entscheidung.
Wer zulässt oder billigt, dass das am Brandenburger Tor ein öffentliches Gebet stattfindet; wer dem israelischen Staat „Apartheid“ und „Genozid“ vorwirft; wer sich mit der Hamas solidarisiert; wer meint, ein Terroranschlag sei durch irgendetwas zu rechtfertigen, weil er sich gegen Israel richtet; wer glaubt, in der Ukraine würden „unsere“ Werte verteidigt, nicht aber in Israel – ist ein Antisemit. Und da sich über Glaubensfragen nicht streiten lässt, ist die Debatte damit beendet.

23. Oktober 2023 at 11:44
Guten Tag Herr Ruprecht,
Zitat: Wer zulässt oder billigt, dass das am Brandenburger Tor ein öffentliches Gebet stattfindet; wer dem israelischen Staat „Apartheid“ und „Genozid“ vorwirft; wer sich mit der Hamas solidarisiert; wer meint, ein Terroranschlag sei durch irgendetwas zu rechtfertigen, weil er sich gegen Israel richtet; wer glaubt, in der Ukraine würden „unsere“ Werte verteidigt, nicht aber in Israel – ist ein Antisemit. Und da sich über Glaubensfragen nicht streiten lässt, ist die Debatte damit beendet.
Ein Urteil anderen zu setzten, egal welcher Ägide, zum Schutz- und Obhutsverhältnis, in dem sich eine untergeordnete Instanz oder Institution einer höheren, schutzgebenden Institution gegenüber auf Zeit befindet; dem Gemeinen ( gemeint ist damit jedermann, wie es heute umgangssprachlich oft als Synonym für ‚bösartig‘ verwendet wird), keinen Widerspruch erlaubt.
Es gibt keine Alternative zur Demokratie.
Die Menschenwürde ist universell und absolut.
Mit freundlichen Grüßen
Hans Gamma
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