Die Zeit von Greta Thunberg als Heilige Jungfrau ist abgelaufen

Ihre Äußerungen seien „erschreckend einseitig, schlecht informiert und oberflächlich“ heißt es von israelischen Klimaschützern. Das hätte man längst wissen können. Das gilt nicht nur für ihre aktuellen Auslassungen zum Verhältnis von Israel und Palästina. Was Greta Thunberg von sich gab, war meist „erschreckend einseitig, schlecht informiert und oberflächlich“. Aber erkennen wollten es die meisten nicht. Und fallen nun aus allen Wolken.

Es wäre billig, zu sagen, ich hätte es ja gesagt. Habe ich aber. „Man muss nicht Adornos Rekonstruktionen der kulturindustriellen Maschinen kennen, um das Ende vom Lied schreiben zu können. Es wird ein Opfer geben“, notierte ich an dieser Stelle (→ Greta Thunberg und die Menschenleben) vor vier Jahren. Da war der Hype um die Heilige Jungfrau schon abgeflacht. Auch der Klimaschutz war gar nicht mehr so dringlich wie eben noch; eine Seuchen-Corona zog am Horizont auf.

Vielleicht hätte für Frau Thunberg eine Chance bestanden, in Würde zu altern, wenn sie sich aufs Klima beschränkt hätte. Aber womöglich von ihrer eigenen Bedeutung überwältigt, musste sie sich unbedingt zum Terror der Hamas und der Reaktion der israelischen Regierung darauf äußern und dabei, wie vordem schon einmal, den Antisemitismus, der im Hintergrund lauert, übersehen. Vielleicht hat sie den Judenhass aber auch gar nicht ignoriert, sondern bloß nicht kapiert. Man sollte den Verstand und Erfahrungsschatz einer 20-jährigen Schwedin aus vermögenden Verhältnissen nicht überschätzen.

Hat man allerdings. Und ist nun enttäuscht, dass sie nicht die Heilandin ist, zu der man sie unbedingt machen wollte. Sondern nur eine junge Frau, die in einer ideologischen Sackgasse steckt.

Freilich war das von Anfang an absehbar, und alle, die jetzt Krokodilstränen weinen, waren daran beteiligt, dass die Thunberg-Täuschung überhaupt erst entstehen konnte. Aber natürlich setzt sich keiner derer, die sie ehedem heilig sprachen, hin und gesteht das eigene Versagen. Man berichtet zwar nachrichtlich-objektiv vom Sturz der Ikone, aber die sonst so „meinungsstarken“ Kolumnisten schweigen beredet darüber, dass nur stürzen kann, wer zuvor auf ein Podest gestellt wurde. Weil sie das selbst taten.

Eher verschämt und pflichtschuldigst distanziert sich die deutsche Sektion von „Fridays for future“ von einem Instagram-Post der internationalen Gruppe, der in seiner Verquastheit lachhaft wäre, wenn dahinter nicht allzu viele Menschen stünden, die daran glauben. Die „deutsche Greta“ Luise Neubauer eiert herum. Eine klare Absage an die Frau, mit der sie sich gern Arm in Arm zeigte, traut sie sich anscheinend nicht. Ohne Thunbergs Strahlkraft bleibt von ihr selbst nicht viel übrig.

Zumal zum Thema Antisemitismus könnte man von ihr mehr als ein paar Floskeln erwarten. Sie müsste die spezifisch deutsche Verantwortung umso deutlicher herausstreichen, als sie aus einer Familie stammt, die zu den Profiteuren des NS-Regimes gehört. Kaum eine biodeutsche Familie ist ohne braune Flecken im Stammbaum. Aber bei den prominenten Sippen ist der Nationalsozialismus außerdem die Quelle des Reichtums, von dem sie bis heute zehren. Da verbietet sich ein Schlussstrich, es sei denn man zieht ihn so wie Neubauers Großcousin. (→ Dagmar und die Nähmaschine)

Soweit ans Eingemachte mag man in Deutschland bei allen Bekundungen der Solidarität mit Israel und den Juden nicht gehen. Quandt, Flick, Oetker, Porsche – lauter ehrenwerte Unternehmen, nicht wahr? Selbstverständlich ist auch von der CDU zwar viel Solidaritäts-Gedudel zu hören, aber die Partei hat nie ein Wort darüber verloren, wie sie einst mit alten Nazis paktiert hat, um ihre Macht in den ersten Nachkriegsjahren aufzubauen. Von der FDP ganz zu schweigen. Dito wollen die Grünen nichts davon hören, wie viel Nationalsozialismus an ihren Ursprüngen mitschwingt.

Ist ja auch viel bequemer, mit dem Finger auf die AfD zu zeigen und zu leugnen, wie viele Finger dabei auf einen selbst zurückweisen. Macht ja auch in praxi keinen Unterschied, wie die SPD beweist, die in dieser Hinsicht nichts verbergen muss, aber dennoch nur dieselben hohlen Sprüche klopft. Von der Linkspartei, die sich auf Antifaschismus beruft ohne den eigenen bis dato wirksamen Stalinismus je auch nur zu problematisieren, muss man bald gar nicht mehr reden.

Es wird, wie gesagt, ein Opfer geben. Greta Thunbergs Zeiten als Heilige Jungfrau der deutschen Medien ist abgelaufen. Man wird die Schwedin zur Buhfrau erklären, damit man die eigenen blinden Flecke weiter leugnen kann.

Für den Tagesspiegel ist FFF das Opfer eines Einzelnen, der mit „Aggressivität und Gewaltbereitschaft“ seinen Kopf durchsetzte. Der Fall, schreibt das Blatt am → 29. Oktober 2023, „ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie es Einzelpersonen gelingen kann, durch aggressives Auftreten progressive Bewegungen zu kapern, das interne Klima zu vergiften und die eigene Agenda gegen den Mehrheitswillen durchzusetzen. Er zeigt allerdings auch, wie couragiert die deutschen Gliederungen von Fridays For Future seit langem versuchen, Antisemitismus zu bekämpfen.“

Belege für einen langen Kampf gegen Antisemitismus bleiben aus. Greta Thunbergs zeitgleiche Äußerungen, die mit denen des aggressiven Individuums aus Mainz, das eine ganze Bewegung gekapert haben soll, übereinstimmen, kommen in dem Artikel nicht vor.

Was ist überhaupt vom „Mehrheitswillen“ von Aktivisten zu halten, der sich durch durch Beschimpfungen und Beleidigungen in die Knie zwingen lässt? Dass der Willen der Mehrheit nicht mit dem des besagten Einzelnen korrespondiert, ist im Tagesspiegel eine bloße Behauptung.

Dass die Mehrheit von einem Einzelnen überwältigt wurde: So lautete die längste Zeit das Narrativ, mit dem die Deutschen den Holocaust zu erklären und ihre kollektive Beteiligung abzuweisen versuchten. Ich bin es nicht, Hitler ist es gewesen. Antisemiten sind immer die anderen. Doch daneben stehen und nicht eingreifen, entlastet keineswegs von der eigenen Mitschuld. Heutigentags Artikel zu verfassen, in denen die Überwältigten von ihrer Verantwortung befreit werden, ist von erbärmlicher Geschichtsvergessenheit.