Aus dem Elbtower wird vorerst nichts
Hamburg ist ein Bundesland, aber auch ein Provinzkaff. Vielmehr besteht die Stadt aus einer Menge Dörfer, in denen Gutsherren regieren. Jeder Stadtbezirk wurschtelt dermaßen eigenwillig vor sich hin, dass es im Rathaus eine Senatorin braucht, die aufpasst, dass die Bezirksfürsten nicht über die Stränge schlagen.
Vor beinahe 40 Jahren trieb ich mich als Berichterstatter häufiger im Rathaus herum und erlebte, wie klein und eng man dort dachte. Ganz abgesehen davon, dass die Journalisten keine professionelle Distanz zu denen hielten, über deren Aktivitäten sie die Wählerschaft kritisch zu unterrichten hatten. Dem Vernehmen nach sind die Verhältnisse seither nicht besser geworden.
Seit ein ehemaliger Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Bundeskanzler ist, kann die ganze Republik nachvollziehen, welche kleingeistige Enge das politische Gebaren an der Elbe bestimmt.
Olaf Scholz hat gar nichts dabei gefunden, mal eben den Chef der Warburg-Bank, die zwei Straßen von seinem Dienstsitz entfernt liegt, aufzusuchen und mit ihm über Steuerhinterziehung zu parlieren. So macht man das halt in Hamburg.
Plötzlich auf der großen Bühne um eine Begründung ersucht, nach der ihn in Hamburg kein Politiker und kein Journalist fragen würde, weil man nach etwas, das alle machen, nicht fragen muss, fällt dem Kanzler nichts Gescheiteres ein, als wie jeder zweite Straftäter Erinnerungslücken vorzuschützen.
Eben gerade darf man sich in Hamburg mit einer Hinterlassenschaft des früheren Provinzfürsten herumschlagen. Sein Abschiedsgeschenk, bevor er sich als Bundesfinanzminister nach Berlin aufmachte, war das Projekt des Elbtowers, eines 245 Meter hohen Gebäudes für Büros.
Freilich gab es schon zum Zeitpunkt der Planung 2017 reichlich Büroleerstand in der Stadt. Aber um den praktischen Nutzen ging es sowieso nie. Scholz wollte sich offenbar mit dem bundesweit dritthöchsten Wolkenkratzer ein Denkmal setzen.
Und wie schon mit der Warburg-Bank kungelte er auch diesmal in bewährter hanseatischer Manier mit dem Bauherrn, einem gewissen René Benko. Dass der Österreicher 2014 letztinstanzlich wegen Korruption verurteilt wurde, hält natürlich niemanden davon ab, mit ihm Geschäfte zu machen. Schon gar keine Politiker, die sonst nur allzu gern bereit sind, die Moralkeule gegen ihre Untertanen, Pardon: die Bürger zu schwingen.
Die Baugenehmigung für den Elbtower wurde dank der Fürsprache des Bürgermeisters so diskret und intransparent wie möglich erteilt. Die oppositionelle CDU fand das Vorhaben auch ganz toll. Und der Regierungspartner von Scholzens SPD tat, was er immer tut: die Arschbacken zusammenkneifen, an der Macht kleben und die Prinzipien, die man dem Rest der Welt um die Ohren haut, flugs über Bord werfen. Wer es bis hierhin nicht gemerkt hat: die Rede ist von den Grünen.
Es kam, wie es kommen musste. Erst verkündete „Großinvestor“ Benko den Baustopp an der Gänsemarkt-Passage, dann verkaufte er Geschäftsräume in Hamburg. Aber er blieb offenbar klamm. Also steht die Baustelle des Elbtowers bei 100 Metern Rohbau still, weil der großartige Herr Benko seine Rechnungen nicht bezahlt hat.
Die SPD „hofft“, dass es trotzdem weiter geht, die CDU findet den Elbtower nun gar nicht mehr toll, und die Grünen schweigen wie gehabt betreten.
Den Gipfel der Heuchelei erklimmt die Provinzpresse in der einstigen vermeintlichen Pressehauptstadt. Während sie sich bei Baubeginn vor Begeisterung kaum einkriegen konnte, mäkelt sie nun am Elbtower herum und behauptet eine von Anfang an kritische Haltung, die sie nie eingenommen hat. Lügenpresse at its best.
Schon wird gemunkelt, den Bau mit Geldern aus der Stadtkasse fortzusetzen. Der SPD ist zuzutrauen, dafür eine Begründung zu finden. Und die Grünen werden weiterhin schweigen.
Von Olaf Scholz ist derweil nichts zu hören. Der Bundeskanzler hat wichtigere Probleme, die er aussitzen muss. Falls ihm von der ehrfürchtigen Hauptstadtpresse dennoch eine Frage zu seinem Umgang mit René Benko gestellt werden sollte, wird er die erwartbare Antwort geben: „Ich kann mich nicht erinnern.“
Bild: Projektillustration Elbtower / Baustelle Gänsemarkt-Passage
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Letzte Meldung von der politischen Müllhalde: Während in Berlin von der „wertegeleiteten Außenpolitik“, ach was, von der „feministischen Außenpolitik“ geschwafelt, aber selbstverständlich nicht danach, sondern wie gehabt nach Kapitalinteressen gehandelt wird, bemüht sich der korrupte Pleite-Finanzier Benko darum, den erschlafften „Olaf-Scholz-Gedächtnisturm“ mit Geld vom saudi-arbischen Kronprinz Mohammed bin Salman doch noch aufzurichten. Zur Erinnerung: Das ist der, der die Ermordung und Zerstückelung des Journalisten Jamal Khashoggi 2018 in Istanbul befohlen haben soll.
Falls der Elbtower also mit einer Blutgeldspritze erigiert werden sollte, wissen vor allem die Journalisten in Hamburg, woher ihnen der Wind ins Gesicht bläst. Ach was, solche Ermahnung brauchen diese Bettvorleger doch gar nicht mehr. Die sind längst daran gewöhnt, dem Establishment aus den dreckigen Pfoten zu fressen. In Deutschland tun Journalisten nichts, wofür sie ein Machthaber zur Verantwortung ziehen könnte. Sie kämen nicht einmal auf die Idee, einen Machthaber als solchen zu bezeichnen. Denn soetwas gibt es hierzulande nicht. Nur lauter aufrechte Demokraten, die ihre politischen Ämter mit Verantwortung und transparent ausüben. Und zur Entspannung feiern sie mit dem Osterhasen und dem Weihnachtsmann auf dem Presseball.
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Resozialisation muss für Straftäter möglich sein. Aber mit Augenmaß. Ein Totschläger wird kaum als Wachmann in Frage kommen. Und sollte ein Ladendieb an der Supermarkt-Kasse arbeiten?
Wenn ein Großinvestor sich der Korruption schuldig gemacht hat – laufen die Banken ihm nach, und Politiker lassen sich mit ihm fotografieren. → Wirtschaftsverbrechen gelten in Deutschland eben als Kavaliersdelikte. So wie ein Autofahrer, der einen Menschen totfährt, allenfalls eine Bewährungsstrafe gewärtigen muss und selbstverständlich weiterhin ein Automobil steuern darf. Schließlich ist ja auch Cannabis eine Droge und Alkohol nicht. Das ist es, was „deutsche Leitkultur“ genannt wird.
Das Benko-Desaster wird täglich größer. Und nein, der Verursacher muss nicht mit seinem persönlichen Vermögen für sein finanzielles Versagen haften. Und kein Politiker, der mit ihm gekumpelt hat, verschwindet dorthin, wohin er gehört: in der Versenkung.
Unterdessen werden Bürgergeld-Bezieher und Asylbewerber für den Untergang des Abendlands verantwortlich gemacht. Deutsche Leitkultur eben.
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Damals, als das Wünschen noch geholfen hat, war die Frankfurter Rundschau eine Zeitung, bei der Menschen mit Gehirn arbeiteten. Heute produziert sie nur noch gequirlten Dünnpfiff.

Nein, Benko hat nicht „sein“ Geld verloren, sondern das seiner Investoren und der Banken. Sein persönliches Eigentum wird durch sein Zocken nicht vermindert.
Früher wusste man bei der Frankfurter Rundschau, dass Kapitalisten nie für irgendetwas gerade stehen. Heute verletzten sich die Redakteure tödlich, wenn sie mit dem Finger in der Nase bohren.
Höchste Zeit, dass diese Zeitung dorthin verschwindet, wohin sie gehört: ins Nirgendwo des Vergessens. (Nebenbei, ich habe mal für das Blatt geschrieben, damals, als dort noch Menschen mit Gehirn arbeiteten.)
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„Wunderschön“: Leere Versprechungen sind nicht strafbar. Sonst würden Kohorten von Politikern im Knast sitzen. Aber ist es nicht Betrug, wenn man ein Projekt beginnt, obwohl man das Geld dafür nicht hat, sondern es sich pumpen muss? Neben „Olafs Finger“ muss die von Benko und dem Senat getäuschte Bürgerschaft auch mit der brach liegenden Baustelle am Gänsemarkt leben.

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„Ich möchte, dass die Hamburgerinnen und Hamburger, wenn es fertig ist, sagen: Das hat der Scholz gut gemacht“, soll der heutige Bundeskanzler 2017 gesagt und den Elbtower gemeint haben.
Inzwischen ist auch der Besitzer des Grundstücks insolvent, und dem Senat stellt sich die Frage, was mit der Ruine des Hochhauses geschehen soll. Abriss oder Weiterbau mit Steuermitteln? Obwohl das Desaster lange absehbar war, ist aus dem Rathaus nichts Entscheidendes zu hören.
Und der politisch-mediale Komplex schweigt dazu, dass das Scheitern des Elbtowers nur ein Beispiel aus der langen Liste des Versagens des Kanzlers ist. Kein Wort dazu, dass dessen Abgang überfällig ist.
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Das hat der Scholz buchstäblich in den Sand gesetzt: Der Elbtower
→ gefährdet den Bahnverkehr.

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Im Juli 2025 wird offenbar, was alle Spatzen längst von den Dächern gepfiffen haben: Für die Eitelkeit und Dummheit des ehemaligen Bürgermeisters kommen die Bürger auf, und deren Pflünderung besorgt sein Amtsnachfolger und Cum-Ex-Komplize. Das hat der Scholz gehörig in den Sand gesetzt und muss sich nicht einmal dafür schämen. Die Zeitung nennt den Triumph seiner Großmannssuch ein „Privatprojekt“, als hätten sein Amt und die ihm demokratisch verliehene Macht nichts damit zu tun. Ach ja, ich vergaß: Die Demokratie ist ersetzt durch „unsere Demokratie“, die von den herrschenden Cliquen als ihr Eigentum und ihre Beute reklamiert wird.

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Die Vasallen vom Staatsfunk sind den Herrschenden treu, auch wenn diese gar nicht mehr herrschen. Als im Juli 2025 bekannt wird, dass gegen René Benko in Österreich eine Anklage vorliegt, zieht der → NDR eine knappe Bilanz von dessen Verheerungen in Hamburg unter dem Motto: „Doch es hat sich einiges getan.“
Der politische Hauptverantwortliche für das Desaster kommt selbstverständlich nicht vor. Ex-Bürgermeister und Ex-Bundeskanzler Olaf Scholz darf sicher sein, von denen, die seine Coups mit Benko medial unterstützt haben, auch weiterhin von jeder Verantwortung freigesprochen zu werden.
„Die Schneise der Verwüstung, die Benko in manchen Städten hinterlassen hat, die haben wir in Hamburg schon ganz gut aufgearbeitet“, lässt sich der aktuelle Finanzsenator vernehmen. Nichts wurde aufgearbeitet. Aber wenn der Staatsfunk es nur oft genug wiederholt, werden die Wahlbürger es schon glauben, glaubt man im Rathaus.

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