Die „geistig-moralische Wende“, die Helmut Kohl als Kanzler vor 40 Jahren angedroht hat, ist gottlob nicht eingetreten. (So wenig wie die „Zeitenwende“, von der der aktuelle Kanzler tönte.) Aber seine nationalistischen Glaubensgenossen setzen diesen Schlagstock weiter ein gegen alle, die nicht „anständig“ sind.

Wenn ich „anständig“ höre, geht bei mir das Messer in der Tasche auf. Es war das Lieblingswort des größten Verbrechers der deutschen Geschichte, noch vor Hitler soweit es den praktischen Anteil betrifft. (→ Unwort Anstand) Wenn ich gegenwärtig immer wieder vom 7. Oktober 2023 als Menetekel lese, muss ich unweigerlich an den 7. Oktober 1900 denken: Heinrich Himmlers Geburtstag.

Das Leit- und Magenorgan der wahren Deutschen, die BILD, hat ein „Manifest“ veröffentlicht, das sich angeblich an alle Menschen richtet, „die in Deutschland leben“. Das Schwesterorgan NiUS stellt klar, „an welches [sic!] Problem-Klientel sich der Text in Wahrheit richten sollte“. Und markiert damit, in welcher biodeutschen Blase diese Journaille lebt.

Unter anderem heißt es in dem „Manifest“: „Wir geben uns zur Begrüßung und zum Abschied gern die Hand“.

Wenn irgendwer „wir“ sagt, geht es mir wie mit dem „anständig“: Ich bin auf der Hut und fluchtbereit. Ich habe das Händeschütteln nie gemocht, und in den Kreisen, in denen ich zeitlebens freundschaftlich verkehrte, war es unüblich. Rein verbale Begrüßungen und Verabschiedungen reichten vollkommen aus.

Wenn jemand auf dem Händeschütteln bestand, war er mir schon suspekt. Das „er“ ist auch unter Gender-Gesichtspunkten korrekt. Meiner Erfahrung nach legen Frauen aufs Händeschütteln weniger wert als gewisse Männer. Männer, die mit Körperkontakten Machtverhältnisse verbinden, um es verkürzt zu sagen. Tatsächlich waren es stets Männer, mit denen ich außer kurzen unvermeidlichen Begegnungen ohnehin nichts weiter zu tun haben wollte, die mir ihre Hand aufdrängten. (Gibt es, nebenbei, Studien über Körpergesten? Das Umarmen zum Beispiel kam hierzulande irgendwann in Mode, nachdem es bis dahin als südländisch, im Sinne von französisch oder italienisch, galt.)

Dass das Händeschütteln zu Corona-Zeiten außer Kurs kam, war mir nur Recht, und es hätte dabei bleiben können.

Und jetzt kommts: Das Händeschütteln musste ich mir wieder angewöhnen, als mein vorwiegender Umgang aus Menschen mit Migrationshintergrund bestand. Die hatten es sich nämlich angewöhnt, weil irgendwer ihnen eingeblasen hatte, die Deutschen, zu denen sie komischerweise gehören wollten, täten es so. Mit Corona wechselten sie und andere zur so genannten Ghetto-Faust, die weniger zur Schweißübertragung taugt.

Ich verkehrte mal genau fünf Monate lang in der Redaktion der BILD. Dass ich dort öfter Hände geschüttelt hätte als sonst und anderswo, entsinne ich mich nicht. Aber immerhin weiß ich: Denen gebe ich gewiss nie mehr die Hand. Denen und allen anderen, die meinen, ihr Deutschsein durch Benimmregeln ausweisen zu müssen.

Das hatten „wir“ nämlich schon mal. Bevor „wir“ eine freiheitliche Demokratie bekamen. Als „anständig“ nichts anderes als „,mörderisch“ gegenüber allen bedeutete, die nicht so sind wie „wir“ uns selbst gern sehen und oft genug gar nicht sind.