Bemerkungen über Vorkommnisse vor meiner Haustür
Mit den Medien ist das so eine Sache. Via google News stoße ich auf einen Bericht des Internet-Angebots der Tagesschau: → „Hamburg: Stadtteilzentrum in Lokstedt soll attraktiver werden“. Ei der Daus, denke ich, gibt es das? Ich wohne zwar in Lokstedt, habe aber noch nie von dem Stadtteilzentrum gehört. Zumindest sollte es wohl bekannter werden.
Ich gebe „Stadtteilzentrum Lokstedt“ bei google ein – und lande beim → „Bürgerhaus Lokstedt – Kulturelles Stadtteilzentrum“. Das sieht ganz anders aus als auf dem Foto im Tagesschau-Bericht.
Kunststück: mit dem „Stadtteilzentrum“ im TV-Bericht ist das „Zentrum des Stadtteils“ gemeint. Das wird am Lokstedter Marktplatz verortet. Den muss ich auch erst googeln. Da bin ich noch nie gewesen. Nicht einmal mit dem Bus vorbeigefahren, denn da hält keiner, wie ich nun feststelle. Komisches Zentrum des Stadtteils, das mir als einem von 31.317 Bewohnern in dreieinhalb Jahren komplett entgangen ist. Ich hätte den Siemersplatz dafür gehalten, wo sich Straßen und Buslinien kreuzen. Wer ist eigentlich verantwortlich dafür, was als Zentrum gilt oder nicht? Einen „Lokstedter Marktplatz“ gibt es als Adresse nicht. Gemeint ist der Standort des Wochenmarkts an der Grelckstraße.
Es gab einmal ein Dorf, das über 200 Jahre lang zu Dänemark gehörte, bis es 1866 an Preußen ging, und einen Villenvorort, der 1937 Hamburg zugeschlagen wurde. Was der TV-Bericht mit „Zentrum“ meint, ist die Mitte des alten Dorfs „Lookstedt“ bzw. „Lockstedt“. Ist der dort abgehaltene Wochenmarkt etwa ein Kriterium dafür, heute von „Zentrum“ zu sprechen? Ich bin kein Kunde auf Wochenmärkten, die sind nicht meine Gehaltsklasse, aber falls doch würde ich als Lokstedter den näher gelegenen und weitaus bekannteren Isemarkt an der Isestraße unterhalb der Hochbahnstrecke zwischen Hoheluftbrücke und Eppendorfer Baum aufsuchen.
In der Abhandlung über Lokstedt auf → wikipedia findet sich eine historische Ansicht der Königsstraße, heute Grelckstraße: Dort ungefähr soll sich das „Stadtteilzentrum“ des TV-Berichts befinden. Dieser wurde von NDR erstellt, dessen Funkhaus, in dem die Tagesschau produziert wird, ebenfalls auf wikipedia gezeigt wird. Das kenne ich – das Jobcenter liegt daneben. Zum vermeintlichen „Zentrum“ des Stadtteils sind es elf Minuten mit dem Bus und zu Fuß.
Weiter bei wikipedia: die Villa des Kolonialhändlers Wilhelm Amsinck im Park auf dem Liethberg. Wer nicht in der Nähe wohnt, kommt dort nicht vorbei. Ich kenne das 1868–70 entstandene Gebäude nicht als Lokstedter, sondern weil ich mich mit dem Architekten → Martin Haller beschäftigt habe.

Auch auf wikipedia: der Wasserturm von 1911. Mit dem „Zentrum“ hat auch der nichts zu tun. Den kenne ich, weil er in der Nähe meiner Wohnung am Lokstedter Steindamm steht.

„Zentrum“ kommt bei wikipedia nur einmal vor, im Zusammenhang mit dem Kundenzentrum Lokstedt des Bezirksamts Eimsbüttel am Garstedter Weg. Die Adresse muss ich googeln. Das liegt noch hinter dem Niendorfer Markt, wohin ich mich mitunter begebe, weil sich dort die für mich am leichtesten erreichbare Filiale meiner Bank befindet. 26 Minuten Fahrtzeit mit dem Bus, zeigt mir google Maps an. Von meinem Standort in Lokstedt aus liegt die Zentrale des Bezirksamts Eimsbüttel nur 12 Minuten entfernt.
Weder das Kundenzentrum noch der Sitz des NDR oder der Wasserturm befinden sich in der Nähe dessen, was der TV-Bericht als „Stadtteilzentrum“ ausgibt. Lokstedt hat kein „Zentrum“, keine „Mitte“. Stadtteile in einer Großstadt sind keine eigenständigen Kleinstädte oder Dörfer. Sie haben nicht immer ein Zentrum oder eine Art von Mitte; in manchen ballt sich das öffentliche Leben an mehreren Stellen.
Von meiner Wohnung in Lokstedt aus gibt es keinen Grund, ausgerechnet den Platz aufzusuchen, den ein Hansel vom TV im Einklang mit bessergestellten Wochenmarkt-Kunden von CDU und Grünen aus der Bezirksversammlung zum Zentrum erklärt. Und dabei irreführende Begriffe wie „Stadtteilzentrum“ und „Lokstedter Marktplatz“ verwendet.
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Jetzt also noch das → Hamburger Abendblatt. Das verpasst dem „Lokstedter Marktplatz“, den google Maps nicht kennt, sogar ein Kürzel: LOMA. Obwohl es eben noch hieß: „Einkaufen, den Markt besuchen, wohnen: Die Grelckstraße gilt als Herz des Stadtteils Lokstedt.“
Und weil die Legendenbildung so schön ist, wird im Artikel ein Absatz wiederholt: „Insbesondere die Grelckstraße wünschten sich die Hamburger als einen ‚Ort zum Verweilen und für Gemeinschaft. Dies gilt es nicht nur zu bewahren, sondern noch schöner zu gestalten. Deshalb suchen wir nach Lösungen. Es freut uns, hierfür endlich eine parlamentarische Mehrheit gefunden zu haben‘, sagte Ali Mir Agha, Vorsitzender der Grünen-Bezirksfraktion Eimsbüttel.“
So sind die Grünen: Meinen sich selbst und ihre Klientel und sprechen für „die Hamburger“. Für die „Gemeinschaft“. Im Zentrum des Stadtteils, am „LOMA“ hält, wie gesagt, kein Bus. Und dass dort irgendwann in etlichen Jahren eine U-Bahn-Station entstehen könnte, erzeugt keinen aktuellen Handlungsbedarf. Woher also dieser Eifer, an den sich die Medien unkritisch anhängen?
Anscheinend treibt die „Gemeinschaft“ der Wochenmarkt-Kunden, der Auto- und Radfahrer, die Politik an. Oder sollte ich recherchieren, wie viele Abgeordnete der CDU und der Grünen in der Nähe der Grelckstraße wohnen und deshalb die Suggestion erzeugen, diese sei das „Herz des Stadtteils“?
Ich war wie gesagt, noch nie dort, weder zum Einkaufen noch zum Verweilen. Welche „Gemeinschaft“ auch immer die Politiker in der Bezirksversammlung sich ersehnen – ich gehöre offenkundig nicht dazu. Vielmehr kenne ich nun einen Ort in Lokstedt, den ich gewiss nicht aufsuchen werde, weil ich dort nicht erwünscht bin und die Wahrscheinlichkeit, auf Politiker von CDU und Grünen zu treffen, zu hoch ist.
Die Politikerkaste indes müssen weder die Realität noch „die Hamburger“ kümmern, solange sie zwei nachplappernde Medien auf ihrer Seite haben.
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Und zum Dritten: die → Hamburger Morgenpost. Ich kann zwar nicht en detail lesen, was die Zeitung schreibt, aber offenbar sagt sie nicht einfach auf, was ihr die Bezirkspolitiker soufflieren, sondern stellt eigene Beobachtungen an. Und siehe da, die Bilanz ist: „Was allerdings fehlt, ist ein richtiges Zentrum im Stadtteil.“
Na also, geht doch. Drei Medien, und immerhin in einem denken die Redakteurinnen und Redakteure selbst. Was sagt es übrigens über den Stand der Pressefreiheit, dass der NDR durch Zwangsgebühren finanziert wird und die Morgenpost im Unterschied zum Abendblatt Existenzsorgen hat?

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