Zur Umbenennung des Högerdamms in Hamburg
Eine halbe Geschichte ist keine Geschichte. Eine Straße in Hamburg wird nach zwei Lehrerinnen benannt, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. So weit, so gut.
Bis dahin hieß die Straße in Hammerbrook Högerdamm. Nichts weiter erfährt man dazu aus einem Artikel des → Hamburger Abendblatt. Kein Wort über die Historiker-Kommission, die im Oktober 2020 ihre Empfehlungen zur Umbenennung von NS-belasteten Straßennamen abgab. Nichts über den bereits drei Jahre zuvor veröffentlichten Bericht über die Personen zu diesen Namen, worin der Högerdamm vorkommt.
Der Architekt Fritz Höger war bereits vor 1933 völkisch angehaucht. Nicht so sehr, dass er nicht mit den jüdischen Brüdern Gerson den Sprinkenhof baute. Aber schon so sehr, dass er der NSDAP beitrat und die Karrierechancen nutze, die das neue Reich bot und „Führer“ der Wirtschaftlichen Vereinigung Deutscher Architekten wurde. 1956 jedenfalls fand man es angemessen, den 1949 Verstorbenen mit einem Straßennamen zu ehren.
Wie dieser nun kassiert wird, erweckt den Eindruck, als gäbe es keine Vorgeschichte. Als würde das Bezirksamt aus freien Stücken und mit voller Überzeugung zwei von den ehemaligen Machthabern Ermordete ehren. Als hätte es die Historiker-Kommission, deren Empfehlungen auch nach mehr als drei Jahren so gut wie gar nicht umgesetzt sind, nie gegeben. Als hätten nicht frühere Verantwortungsträger Entscheidungen getroffen, die heute als Fehler erscheinen.
Touristen, die Fritz Höger googeln, werden auf diese Weise nicht fündig. Und das tun sie, weil Höger der Erbauer des Chilehauses ist, eines Gebäudes, das in keiner Werbebroschüre und Internet-Anpreisung der Stadt fehlt. Seit 2015 gehört es mitsamt des umliegenden Kontorhausviertels zum UNESCO-Weltkulturerbe. An dem hat ein weiterer Architekt mitgewirkt, der sich mit dem NS-Regime gut verstand. Nach → Rudolf Klophaus ist nach wie vor eine Straße in Allermöhe benannt.
An ihn mag die Presse in Hamburg noch weniger rühren als an Höger. Denn das Haus, das er für das NS-Parteiorgan Hamburger Tageblatt erbaute und das Reichspropagandaminister Joseph Goebbels höchstselbst einweihte, heißt heute „Helmut-Schmidt-Haus“ und ist Sitz der Zeit. An der Rückfront befindet sich immer noch als Relief das Signet des Tageblatt, eine Hansekogge. Nur von einem Segel ist das Hakenkreuz entfernt worden.
Halbe Geschichten zu erzählen ist die Form von Fake-News, die kein Faktenfinder aufspießt. Auslassungen sind keine Lüge, bilden aber auch keine Wahrheit.
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Was einmal funktioniert hat, wird wiederholt. Wie toll wir doch sind in unserer Aufarbeitung der Geschichte! Tönt es aus dem Senat der Freien und Hansestadt Hamburg, und niemand ruft: Heuchler!
Am 12. April 2024 soll ein Platz in Uhlenhorst feierlich eingeweiht werden und eine Gedenkveranstaltung für die getöteten Kinder von Zwangsarbeiterinnen abgehalten werden. In der langen → Pressemitteilung auf der Website der Stadt fehlt, dass der Platz bereits seit Monaten umbenannt ist.
Im September 2023, als ich das Schild fotografierte, hing darunter allerdings noch keine Erläuterungstafel. Ich suchte den Platz auf, weil er bis dahin nach Emily Ruete benannt worden war. Das genau enthält der Senat den Bürgern in seiner Mitteilung vor: Dass er eine Entscheidung, mit Straßenschildern Erinnerungskultur zu betreiben, revidieren musste.
Emily Ruete war die schwarze Frau eines hanseatischen Kaufmanns. Als lebendiges Kolonialobjekt machte sie in der feinen Gesellschaft Furore. 1886 veröffentlichte sie ihre „Memoiren einer arabischen Prinzessin“, die zum Bestseller wurden. „Symbolisch für alle nach Hamburg Zugewanderten“ wird ihr seit 2007 im „Garten der Frauen“ auf dem Friedhof Ohlsdorf gedacht.
Weil das noch nicht reichte, wurde ihr im Januar 2020 ein Platz gewidmet. Erst danach lasen die beflissenen Woken ihre zweibändigen Memoiren. Und fanden darin Sätze wie diese: „Der Neger liebt vor allem die Bequemlichkeit und geht nur zur Arbeit, wenn er muss […]. Aus dem Einsperren macht sich ein solcher Mensch nichts; im Gegenteil, es würde ihn überaus angenehm berühren, wenn er ein paar Tage an einem kühlen Orte, nur mit Unterbrechung der Mahlzeiten, die Zeit verträumen und verschlafen dürfte, um dann neugestärkt seine bösen Wege fortzusetzen. […] Unter diesen Umständen bleibt nur ein heilsames Auskunftsmittel: – die Prügelstrafe.“
Also wurde der Platz umbenannt. Und nach einer Schamfrist wird nun so getan, als habe man nie einen Fehler gemacht.
Die Nationalsozialisten logen sich die Geschichte so zurecht wie sie sie brauchten. Der aktuelle Hamburger Senat verfährt nicht anders.

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