Wie die Verhaftung einer RAF-Terroristin ihre Bewunderer triggert

Als ich vor sechs Jahren meine Betrachtungen über die Rote Armee Fraktion RAF → in diesem Blog niederlegte und noch, als ich vor zwei Jahren die entsprechenden Passagen in meiner Autobiografie zeichnete, dachte ich, das Thema sei Geschichte.

Weit gefehlt. Unterdessen wurde eine RAF-Terroristin, die 30 Jahre lang im Untergrund gelebt hatte, in Berlin gefasst – und die Verharmloser und Verklärer melden sich zu Wort. Es sind dieselben, die keine Gelegenheit auslassen, dem Staat die Verniedlichung „rechten“ Terrors vorzuwerfen, die sich nun dabei überschlagen, ihm vorzuwerfen, bei Terror von „links“ allzu unnachgiebig zu sein.

Im → Neuen Deutschland liest sich die Legendenbildung so: „Man kann es sich kaum vorstellen, wie es sein muss, drei Jahrzehnte im Untergrund zu leben, mit der Angst im Nacken, von irgendwem irgendwann auf der Straße erkannt und enttarnt zu werden. Stetig verstohlene Blicke nach rechts wie links, soziale Kontakte auf ein Minimum begrenzt. Gejagt, gehetzt, einsam – und ernüchtert? Was macht dies mit einem Menschen? Der einst angetreten ist, die Menschheit zu erretten. Von den Geißeln Kapital und Krieg.“

Längst bekannt ist, wovon man sich auf dem facebook-Account überzeugen kann (als ich nachschaute war er noch nicht gelöscht), den sie unter ihrem Decknamen anlegte, dass Frau K. keineswegs an Paranoia gelitten, sondern viel getanzt, mehrmals täglich ihren Hund ausgeführt und bereitwillig in jede Kamera gelächelt hat, die ihr hingehalten wurde.

„Der nunmehr 65-Jährigen werden mit Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg schnöde Überfälle vorgeworfen“, schreibt das ND. Den Satz muss man sacken lassen. Schon mal mit den Opfern eines Überfalls gesprochen, Frau Autorin? Die noch Monate oder Jahre nach der Tat, bei der sie immerhin mit dem Leben davon kamen, traumatisiert sind und kaum darüber reden können? Ist mir in meiner Zeit als Polizei- und Gerichtsreporter einige Male passiert. Und bei allem Verständnis für die Täter – die Hauptleidtragenden sind sie nicht. Wenn eine Frau Opfer eines sexuellen Übergriffs wird, ist das Geschrei in Ihrer Zeitung groß, Frau Autorin. Wenn sie von Ex-RAF-Terroristen in einem Supermarkt mit der Schusswaffe bedroht werden, ist das „schnöde“?

Ja, die hehren Ziele! Befreiung von den „Geißeln Kapital und Krieg“! Ich bin vom selben Jahrgang wie Frau K. und kann mir mithin über ihre Sozialisation einige Vorstellungen machen. Meine Lehrer auf dem Gymnasium haben mich seinerzeit für einen RAF-Sympathisanten gehalten. Ganz falsch lagen sie damit nicht.

Die „klammheimliche Freude“ über die Taten der RAF ist mir längst vergangen. Von gewissen Reifeprozessen und gewachsener Lebenserfahrung abgesehen auch deshalb, weil ich inzwischen über mehr Informationen darüber verfüge als damals, wo alles, was man wissen konnte, aus der Hetze von BILD und TV bestand. Wer die Staatsmacht derart übertrieben gegen sich aufbrachte, konnte nicht ganz falsch liegen, war ein verbreiteter Glaubenssatz.

Tatsächlich aber richtete sich die Gewalt der RAF eben nicht nur gegen ausgewählte Repräsentanten des Staates wie einen früheren SS-Mann. Deren Begleiter, Polizisten und US-Soldaten wurden ermordet, und am 19. Mai 1972 verübten die Retter der Menschheit einen Anschlag auf das Springer-Hochhaus in Hamburg, bei dem es „nur“ Verletzte gab. Eine Bombe ging am Arbeitsplatz meines Vaters hoch, der zu dem Zeitpunkt eine andere Schicht hatte und daheim war. Hätte es ihn erwischt, wäre mein Mitleid mit Frau K. gewiss noch geringer als es jetzt ist.

Sie war damals 14. Selbst wenn man der ersten Generation der RAF edle Motive unterstellt, gelten diese für ihre Nachfolger nicht mehr. Denen ging es in allererster Linie darum, ihre „Genossen“ aus der Haft frei zu pressen und – ja, was wohl: Terror zu verbreiten.

Die RAF wird „von interessierter Seite genutzt, um braven Bürgern das Gruseln zu lehren. Mit dem Phantom RAF wird gern alles kriminalisiert, was irgendwie links ist.“ Genau. Und das kann nur funktionieren, weil viele, die sich irgendwie als links begreifen, keine Gelegenheit auslassen, die Taten der RAF als Menschheitsrettung zu veredeln.

Die Geschichte sollte gezeigt haben, dass sie genau das waren, als was die BILD sie seinerzeit bezeichnete: eine kriminelle Bande, die ihren Taten ein sozialistisches Deckmäntelchen überwarf. Was an ihr „Phantom“ ist, besteht in der Vortäuschung revolutionärer Absichten. Die mögen am Anfang gestanden haben und Ausdruck eines weit verbreiteten Unbehagens mit dem Zustand der Republik gewesen sein. Und freilich hat die Staatsmacht in mit ihren Terror-Abwehrmaßnahmen dieses Unbehagen noch verstärkt. Aber Bomben in Verlagshäusern zu platzieren und Flugzeuge zu entführen bleibt Terror. Überfälle auf Supermärkte sind Straftaten, die als „schnöde“ nur bezeichnen kann, wem jede Empathie für die Überfallenen abgeht.

Es sei denn natürlich, man hält sie wie die Mitarbeiter von Springer oder Polizisten für „Büttel des Schweinesystems“, die zum Abschuss freigegeben sind. Solange das Mitgefühl von Linken vornehmlich der Täterin und nicht ihren Opfern gilt, kann mir dieses Links gestohlen bleiben.