Die Schilleroper in Hamburg ist auch ein Opfer der sogenannten „Pressefreiheit“

Wo käme die Politik hin, wenn sie keine Freunde bei der Presse hätte? Eigentlich sollten die Medien die Arbeit der Politik beobachten und gegebenenfalls kritisieren. In Hamburg tun sie das nur sehr, sehr selten und meist nur dann, wenn die Oppositionsparteien bereits Alarm geschlagen haben. Ansonsten sind die Medien vor allem Nachplapperer dessen, was ihnen die Regierenden vorsagen.

„Ich will gerne sagen, dass ich es [das Regieren] mir etwas weniger dramatisch vorgestellt hatte“, erklärt soeben der Bundeskanzler in einer TV-Talkshow, und es klingt, als hätte er bis dahin keine Ahnung vom Regieren gehabt. Tatsächlich war Olaf Scholz von März 2011 bis März 2018 Erster Bürgermeister von Hamburg, und seine aktuelle Aussage lässt sich wohl so verstehen, dass dieses Regierungsamt für ihn wie Kindergeburtstag war. Da traf man sich mal mit einem Bankier und muss sich später nicht mehr erinnern, was dabei besprochen wurde. Da konnte man einen → Elbtower mit einem windigen Investor verabreden und sicher sein, dass die Lokalmedien einen dafür nur loben würden.

„Jetzt liegt endlich das Gutachten vor, das alles verändern soll“, schreibt die Hamburger Morgenpost im März 2024 über den Zustand der Schilleroper. Ob die Redaktion der am finanziellen Abgrund stehenden Zeitung wirklich glaubt, was sie da in die Welt setzt? Oder ob sie annimmt, mit dem Anbiedern an die Regierenden den Blumentopf zu gewinnen, der die eigene Existenz rettet?

Besagtes Gutachten ist nur ein weiterer Versuch der zuständigen Behörden, das Unvermeidliche hinauszuzögern und sich selbst vor verantwortlichen Entscheidungen zu drücken. Es überhaupt in Auftrag gegeben zu haben, war bereits Verzögerungstaktik. Und die Redakteure, würden sie sich über das, wovon sie schreiben, sachkundig machen statt nur Presseerklärungen und Stellungnahmen zu montieren, könnten es wissen. Aber das würde heißen, die eigene Arbeit ernst zu nehmen, statt die Bürozeit ausschließlich damit zu verbringen, auf den Feierabend und das pünktliche Eintreffen des üppigen Gehalts auf dem Konto zu warten.

Der „Circus Busch“ eröffnete das für bis zu 3000 Menschen ausgelegte, einem Zirkuszelt nachempfundene Gebäude 1891. Es wurde 1904 zum „Schiller-Theater“ umgebaut. 1931 wurde es zwangsversteigert und zur „Oper im Schiller-Theater“ und schließlich als „Schiller-Oper“ 1932 neu eröffnet. 1943 zerstörte eine Brandbombe große Teile des Gebäudes. 1944/45 waren Kriegsgefangene interniert. Die Rotunde wurde 1951 von Motorradartisten genutzt. Im „Hotel Schilleroper“ kamen Fernfahrer unter und von 1963 bis 1970 sogenannte „Gastarbeiter“. In den 1990ern wurden Asylbewerber untergebracht. Restaurants, Bars und Musikclubs zogen ein und wieder aus. Gegen eine Nutzung als Theater oder Zirkus sprach sich stets das zuständige Bezirksamt Hamburg-Mitte aus: weil das Areal als Grünfläche ausgewiesen sei oder weil es bereits einen Bebauungsplan gäbe. Tatsächlich geschah nichts, und das Gebäude verfiel.

2014 erwarb eine „Schilleroper Objekt GmbH“ das Gelände, und der Bezirksamtschef höchstselbst präsentierte 2017 deren Pläne für „sozialen Wohnraum“ in einem zehnstöckigen Hochhaus. Im März 2021 setzte die Eigentümerin Bagger in Marsch, die das 2012 unter Denkmalschutz gestellte Stahlgerippe gefährdeten. Weil Videos davon in den Sozialen Netzwerken erschienen, blieb den Behörden nichts anders übrig, als den Abbruch vorläufig zu stoppen. Unter ihrer Aufsicht konnte die Entkernung trotzdem stattfinden.

Zwar spricht die Kulturbehörde von einem „bedeutenden Denkmal“, aber das 24 Meter hohe Skelett der Schilleroper rottet weiter wie gehabt vor sich hin. Die Fraktion der Linken in der Bürgerschaft spricht von „Jahrzehnten der Untätigkeit und des Aussitzens“ und forderte bereits 2021 die Enteignung, weil „die Eigentümerin ihrer Pflicht zum Erhalt des Denkmals nicht nachkommt“.

Stattdessen wurde im August 2023 ein neues Gutachten in Auftrag gegeben, damit die Behörden mehr Zeit erhielten, nichts zu tun. Reiner Zufall, dass das Gespinst der Schilleroper nicht längst bei einem Sturm zusammengebrochen ist. Sicherungsmaßnahmen unterlässt die Eigentümerin mit Billigung der Behörden. „Wenn die Eigentümerin der Aufforderung zur Sicherung des Denkmals nicht fristgerecht nachkommt, kann das Denkmalschutzamt die Arbeiten selbst in Auftrag geben und der Eigentümerin in Rechnung stellen“, zitiert die Morgenpost den Sprecher der Kulturbehörde und fährt fort: „Gegen die Verfügung könnten allerdings auch Rechtsmittel eingelegt werden – was wiederum Verzögerungen bedeutet.“

Ansonsten verliert der Artikel kein Wort darüber, dass die Behörde an diesen Verzögerungen mit dem Gutachten selbst mitgewirkt hat. Und natürlich wird das Einverständnis zwischen Eigentümerin und ehemaligem Bezirksamtschef unterschlagen. Wer sich nicht mit der Sachlage vertraut gemacht hat, könnte aufgrund dieser korrupten Form von Berichterstattung glauben, die Behörden würden sich tatsächlich für den Erhalt der Schilleroper einsetzen, während sie in Wahrheit seit mittlerweile zehn Jahren ihr Möglichstes tun, um der Eigentümerin zu willfahren.

Das Gerippe wird früher oder später verschwinden. Würden Historiker sich auf das verlassen, was sie dazu den Medien entnehmen können, müssten sie den Eindruck bekommen, niemand könne etwas dafür. Schauten sie kritischer hin, würden sie feststellen, dass „Pressefreiheit“ anno 2024 nur ein Etikett ist, das sich denkfaule Plappermäuler aufs Revers pappen, um sich selbst großartig zu fühlen und als wichtige demokratische Instanz aufzuspielen.

Ich habe selbst ehedem für die Hamburger Morgenpost gearbeitet und hielt sie einmal für einen wichtigen Bestandteil der Presselandschaft in der Stadt. Demnächst wird das Blatt nur noch einmal in der Woche gedruckt erscheinen. Die Online-Ausgabe könnte von einem KI-Programm mindestens so gut erledigt werden wie von der humanen Redaktion. Heute steht darin etwas von der „Mondlandung 1961“. Den Fehler hätten ChatGPT oder Gemini nicht gemacht. Die verfügen über mehr Menschheitswissen als die Schreiberlinge der MOPO.

Ansichten der Schilleroper auf meinem → YouTube-Kanal