Über das Buch „Kriegstüchtig!“ von Marcus Klöckner
„Biodeutsch“ wurde offiziös zum „Unwort des Jahres“ 2024 gekürt. Warum nicht „Menschen mit Migrationshintergrund“, das denselben Zwecken dient? Jedenfalls handelt es sich um Worte, die bereits seit geraumer Zeit (seit den 1990ern) im Umlauf sind und im vergangenen Jahr keine Konjunktur hatten.
Neu und in Politik und Medien im Überfluss gebraucht ist hingegen ein Wort, dessen Ächtung überfällig wäre, das stattdessen geadelt wird, indem es gerade nicht zum „Unwort“ erklärt wird: „kriegstüchtig“.
Das Wort ist so ungeheuerlich, dass eigentlich jeder, der es zustimmend gebraucht, aus einer vernünftigen Diskussion ausgeschlossen sein sollte. Zumal in jenem Land, das einen Weltkrieg führend angezettelt und einen anderen ganz allein vom Zaun gebrochen hat.
Komme mir niemand mehr mit der Verantwortung, die aus deutscher Geschichte erwächst, wenn er zugleich „Kriegstüchtigkeit“ predigt. Doch seltsamerweise sind es dieselben, die das tun, und dabei auch noch einen Zusammenhang herstellen. Aufrüstung sei nämlich genau deshalb das Gebot der Stunde, weil man ja im Falle Hitlers gesehen habe, wie fahrlässig es sei, einen wie Putin gewähren zu lassen.
Morgen steht der nämlich bei uns vor der Tür! Nun, aktuell ist er nach drei Jahren, in denen er hunderttausende Soldaten geopfert hat, noch nicht einmal bis Kiew gelangt. Bis Berlin ist der Weg noch weit, und dass der russische Diktator diesen antreten wird, eine unbewiesene Behauptung. Oder haben Sie in irgendeinem der Politiker-Statements, Medienberichte und Posts im Internet je einen Beleg dafür erhalten, dass die russische Armee einen Angriff auf Deutschland plant?
Ach ja, ich vergaß: die Atombombe. Damit soll, wenn ich den Übersetzungen aus dem Russischen trauen kann, gedroht worden sein. Das hat der Ex-Geheimdienstler Putin anscheinend bei seinem Einsatz in Deutschland gelernt: Wie leicht sich die Deutschen mit der Bombendrohung einschüchtern lassen. Wer den Kalten Krieg erlebt hat, kennt das Spiel. „Die Russen“ standen damals bekanntlich schon an der „Zonengrenze“. Taten sie wirklich.
Ich gehöre zu denen meiner Generation, die Wehrdienst geleistet haben. Das war die Mehrheit. Inzwischen machen sich Kriegsdienstverweigerer wie ein gewisser Herr Habeck damit mausig, dass sie behaupten, heute zur Bundeswehr gehen zu würden. Kunststück, der Mann ist 55 Jahre alt und muss nicht damit rechnen, eingezogen zu werden. Außer zum Volkssturm. Und da er zu denen gehören wird, die diesen anordnen, wird ihm auch dann der Einsatz mit der Knarre in der Hand erspart bleiben. Wäre auch besser. Ich würde keinen wie ihn im Schützengraben neben mir haben wollen, sage ich als Ex-Soldat. (Darf ich das überhaupt noch sagen, oder lässt der neue Kaiser der Grünen dafür eine Anzeige wegen Beleidigung schreiben, nachdem die KI seiner Hiwis diesen Satz im Internet aufgestöbert hat?)
Jedenfalls war ich während meines Wehrdienstes einer Einheit zugeteilt, die den Funkverkehr „der Russen“ bei ihren Truppenbewegungen in der DDR abhörte und anpeilte. In Wahrheit waren es natürlich „die Sowjets“ und wem in dienstlichen Gesprächen „die Russen“ herausrutschte musste mit einem Verweis rechnen. Die anderen zählten nicht, die Jugoslawen, die es nicht mehr gibt, oder die Ukrainer, von denen gegenwärtig so viel die Rede ist und die bis vor drei Jahren keiner sonderlich wichtig nahm.
Nebenbei: Haben die Ukrainer, die ja angeblich die „westlichen Werte“ verteidigen, weshalb ihnen unbedingt beigestanden werden muss, je ihre Sowjetgeschichte aufgearbeitet? Ich habe keine Ahnung. Ich war nie in der Ukraine, werde nie dorthin kommen, kenne keinen, der dort lebt oder von dort geflohen ist, und das Land, der Staat oder wie immer man durch Grenzen markierte Gebilde nennt, hat mich bis vor drei Jahren nicht die Bohne tangiert.
Tut es immer noch nicht. Man mag mir das an Mangel an Empathie auslegen, aber ich kann so wenig Gefühle für ein fremdes Staatsgebilde aufbringen wie für Menschen, die ich nicht kenne. Ich habe mich auch nicht über das Kriegsgeschehen auf dem Laufenden gehalten und die zahllosen Videos angeschaut, die dazu von ARD und ZDF in ihren Mediatheken vorgehalten wurden. Ich habe kein Bedürfnis, mich am Elend anderer virtuell zu ergötzen.
Die „unabhängige Überprüfung“ dessen, was in den Medien über den Krieg verbreitet wurde (der stets der „brutale Angriffskrieg“ ist; als gäbe es einen Krieg, der nicht brutal ist und ohne Angriffe auskommt), ist auch nach drei Jahren nicht möglich. Ich kann also nicht wissen, ob das, was mir angeboten ist, Realität abbildet oder Propaganda ist. Auch die meisten anderen, die zum Krieg in der Ukraine eine feste Meinung haben, die sie mit Zähnen und Klauen gegen den Hauch jeder Kritik verteidigen, können es nicht. Was der Emphase, mit der sie von der „Kriegstüchtigkeit“ reden, die hierzulande hergestellt werden müsse, keineswegs abträglich ist.
Mit wie viel Schaum vor dem Mund die Kriegsgefahr und die Abwehrbereitschaft beschworen wird, hat Marcus Klöckner in einem Buch zusammengetragen. Kriegstüchtig! Deutschlands Mobilmachung an der Heimatfront ist ein Pamphlet, das auf 150 Seiten die gezielten Desinformationen und einhämmernden Phrasen zusammenträgt, mit denen der politisch-mediale Komplex Russland zum äußeren Feind und alle zu inneren Feinden erklärt, die sich gegen weitere und vermehrte Waffenlieferungen an die Ukraine aussprechen.
Es sind natürlich nicht „Vaterlandsverräter“, auf die es Politiker und Medien abgesehen haben. So viel immerhin haben sie aus dem 20. Jahrhundert gelernt und bei ihrem Überfliegen der Geschichtsbücher verstanden. Es sind „Feinde der Demokratie“, gegen die sie zu Felde ziehen. Wer keinen Krieg will, will Diktatur. So einfach ist das. Und wenn Sie widersprechen, werden Sie halt gecancelt.
Oder als „Rechtspopulist“, der Vorstufe zu „Nazi“, geframt. Wie es den Nachdenkseiten geschieht, auf denen Marcus Klöckner regelmäßig publiziert und festhält, wie Hass und Hetze den demokratischen Diskurs aushöhlen, vorgetragen von eben denen, die staatlich finanzierte Institutionen damit beauftragen, das Internet nach Hass und Hetze zu durchforsten.
Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so infam wäre. Die linksgrün-woke Bubble, die keine Gelegenheit auslässt, vor dem Umschlag von Worten in Taten zu warnen, wenn dieser etwa die Migration betrifft, betreiben nach Kräften Russenhass und Kriegshetze. Wer auf die tatsächlichen Probleme der massenhaften Einwanderung hinweist, wird als „Nazi“ verunglimpft und wer die bedingungslose militärische Unterstützung der Ukraine in Frage stellt, ist ruckzuck ein „Putin-Versteher“ und damit gewissermaßen ein Fürsprecher des Feindes im längst erklärten Krieg.
Die Leute, die sich bei der Verteidigung von Menschenrechten in aller Welt vor Begeisterung über sich selbst kaum einkriegen können, sind ohne weitere Umstände bereit, die jungen Männer aus ihrer Nachbarschaft über die Klinge springen zu lassen, um ein Trugbild von Freiheit vor der vermeintlichen Zerstörung aus dem Ausland zu retten.
Ja, junge Männer sind gemeint. Bei den Planungen für einen künftigen Krieg ist entgegen sonstiger Emanzipationsbestrebungen nicht daran gedacht, Frauen zu verheizen. Weil die noch für die Produktion von Kindern gebraucht werden, um die Verluste auf den Schlachtfeldern auszugleichen? Ich frage ja nur. Ich frage ja nur die, die solche Szenarien entwerfen, aber möglicherweise nicht zu Ende zu denken bereit sind. Weil sie sich dann in ihren eigenen ideologischen Fallstricken verfangen.
Marcus Klöckner zieht Parallelen zur geistigen Aufrüstung vor 1914. Die Methoden der Propaganda haben sich in der Tat nicht geändert. Und wie damals stehen so genannte Intellektuelle an vorderster Front. Intellektuelle sind es in der Mehrzahl eigentlich gar nicht, denn sie denken nicht selbst. Journalisten sind es, geschult darin als Lautsprecher von Regierungen, Behörden, Verbänden und sonstigen Interessengruppen zu fungieren – oder in Kommentaren die von diesen geförderten und bezahlten Haltungen zu präsentieren.
Unter anderem zeigt Klöckners Buch, wie verkommen der Journalismus hierzulande inzwischen ist. Als „Haltungsjournalismus“ definiert er sich selbst und meint damit, das Gute und Wahre zu vertreten. Von Rudolf Augsteins Credo „Sagen, was ist“, das sein Hamburger Verlagshaus ziert, distanziert sich Der Spiegel längst täglich. Und einen wie Hanns Joachim Friederichs würde man vermutlich heute als Rechtspopulisten brandmarken, wenn er einer Erscheinung des linksgrün-woken Zeitgeistes nicht folgsam nachplappern würde: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, […] dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache“.
Journalismus ist, wie ich → an anderer Stelle ausgeführt habe, zu einem Instrument der Volkserziehung geworden. Dazu gehört, die mündigen Bürger in einen Krieg zu treiben, denn sie nicht wollen können. Weshalb die Propagandamaschine, wie Marcus Klöckner ausführt, bereits auf Hochtouren läuft und möglichst niemanden zur Besinnung kommen lässt.

Dass Worte wie „kriegstüchtig“ nicht nur nicht zum „Unwort“ erklärt werden, sondern von allen Seiten in die Köpfe gehämmert werden – dafür werden sich die Verantwortlichen hernach rechtfertigen müssen. Wenn sie dann noch am Leben sind. Wenn noch jemand lebt, der anhand von Büchern wie Klöckners den Nachweis ihrer Mitwirkung führen kann, denn die Server werden wie die Häuser in Schutt und Asche liegen. Wahrscheinlich wird es wie nach 1945 Jahrzehnte dauern, bis die schlichten Wahrheiten Allgemeingut geworden sind. Und noch ein paar Jahrzehnte, bis sie wie heute wieder vergessen sind.
Es dauerte bis 2015, dass in Hamburg die Deserteure der Wehrmacht dafür gewürdigt wurden, dass sie die vor der Geschichte richtige Entscheidung trafen. Bis dahin war das nebenan stehende Kriegs-Propaganda-Mal der Nazis regelmäßig geschändet worden. (→ Der Klotz steht noch) Verbal wird inzwischen das Deserteurs-Denkmal täglich beschmiert. Bin mal gespannt, wann das auch buchstäblich geschieht. Oder ob der von Roten und Grünen beherrschte Senat beschließt, es vorsorglich abreißen zu lassen.
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Marcus Klöckner: Kriegstüchtig! Mobilmachung an der Heimatfront. Fiftyfifty Verlag, Köln 2024, 16 Euro

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