Was nicht geschieht, wenn im UKE der Fahrstuhl ausfällt
Ich war zu einer Operation im Krankenhaus. Ein renommiertes Krankenhaus, das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, kurz UKE. Ich hatte es eilig, fort zu kommen und bereits ein paar Stunden damit vertrödelt, auf meine Entlassungspapiere zu warten.
Endlich war es so weit, und gegen 14.45 Uhr strebte ich den Fahrstühlen zu. Sechs Stockwerke per Treppe mochte ich mir nicht zumuten.
Ich hätte gewarnt sein können. Während dieses und eines früheren Aufenthaltes war ich einige Male im Bett oder im Rollstuhl von meinem Zimmer in der Station zu Untersuchungen hin und her gekarrt worden. Und hatte dabei immer, mitunter mehrfach einen Fahrstuhl benutzt.
Die Transporteure (zwei Mal handelte es sich um Rentner, die ihr Einkommen mit diesem Minijob aufbesserten und mitteilungsbedürftiger schienen als anderweitig Beschäftigte es gewesen wären) klagten über das Aufzugswesen. Über Ausfälle oder über Leute, die Lifte benutzen statt die Treppe zu nehmen, so dass diese für Patiententransporte blockiert wären.
Auf dem Weg in die Freiheit an diesem Freitag visierte ich den mittleren von drei Fahrstühlen an, der offen stand. Aber ich wurde verscheucht: der sei besetzt, erklärte mir jemand in rotgelb gestreifter Uniform.
Ich drückte also den Anforderungsknopf und wartete auf eine andere Kabine.
Drinnen zwei Männer in Rollstühlen, die wie ich ins Erdgeschoss wollten. Wie ich später erfuhr, um vor dem Eingang zu rauchen.
Kurz vor dem Ziel stoppte der Aufzug, und die Türen blieben zu.
Ich habe nicht nur zweimalige Erfahrung mit dem Steckenbleiben im Aufzug, sondern verfüge über historische und technische Fachkenntnisse zu dieser Beförderungsart (Aufzug – rauf und runter, 1999 im Dortmunder Schack Verlag erschienen, wird im entsprechenden Eintrag bei → wikipedia als Quelle angegeben; siehe auch auf diesem Blog: → Im Aufzug.) Das mag dazu beigetragen haben, dass ich nicht nur gelassen blieb, sondern den Vorfall mit einer gewissen Heiterkeit annahm.
Das sei gestern mit genau dieser Kabine schon einmal passiert, wussten die Rollstuhlfahrer. Anscheinend hatte der Techniker bei der Gelegenheit den Schaden nur provisorisch und damit gar nicht behoben. Ein „danke für die verspätete Warnung“ verkniff ich mir.
Auf das Drücken des Alarmknopfs meldete sich eine junge Frauenstimme und versprach, sich zu kümmern. Von einer umgehenden, zügigen Bearbeitung der Anfrage war, wie im Nachhinein auffiel, keine Rede.
Die Minuten verrannen. Nichts passierte. Einer meiner Mitpassagiere drückte erneut den Knopf und fragte nach. Genervt erwiderte die junge Frau; „Der Techniker kommt!“
„Aber wann?“, wollte der im Aufzug Gefangene wissen.
Er sei schon auf dem Gelände, hieß es. Die Ansage stimmte weniger hoffnungsvoll als es erscheinen könnte. Das UKE umfasst 90 Gebäude auf rund 35 Hektar.
Die Gefangenen spekulierten, ob es sich bei dem Techniker um einen Angestellten der Aufzugsfirma handelte oder ob er zum Facility Management des UKE gehörte, wie die Hausmeisterschaft neudeutsch heißt; in Anbetracht der Vielzahl der Fahrstühle könnte einer speziell für Störfälle zuständig sein.
Wie viele Aufzüge gibt es überhaupt im UKE? Google und die KI namens Gemini können es mir nachher nicht sagen. Ich müsste es auf den Plänen der Gebäude, von denen ich einige im Internet finde, nachzählen. Hunderte dürften es sein, überschlage ich.
Nach einer erneuten Anfrage bei der Frau am Alarmknopf, wie lange die Rettung noch dauerte, blieb das Mikrofon offen, so dass die Eingesperrten hörten, dass sie bis dato noch nichts unternommen hatte und der Techniker keineswegs bereits informiert und unterwegs war. Sie hatte erst noch vor, ihm eine E-Mail betreffs des Notfalls zu schicken.
„Ist die E-Mail noch nicht draußen? Das glaube ich ja jetzt wohl nicht!“ entfuhr es einem meiner Mitgefangenen, womit er sich als Horcher zu erkennen gab. (Das Zitat ist wörtlich, denn ich hielt mein Handy mit der Aufnahme-App an den Lautsprecher.)
Merke: Wer im Aufzug den Alarmknopf drückt, löst damit keineswegs an der Stelle, bei der das Signal ertönt, eine prompte Reaktion aus, etwa durch den Griff zum Telefon. Ist der anzufordernde Techniker beschäftigt, zum Beispiel mit einer Reparatur oder am Steuer eines Fahrzeugs, kann es dauern, bis er sein E-Mail-Postfach checkt, um zu erfahren, dass er gebraucht wird. Digitalisierung bedeutet nicht immer Beschleunigung.
Auch ich erhob die Stimme und überlegte laut, die Aufzugsfirma selbst zu informieren. Tatsächlich funktionierte mein Handy in der Kabine, die zum Käfig geworden war. Die Frau hinter dem Alarmknopf schaltete das Mikrofon ab.
Nach einer weiteren Weile machte ich meine Drohung wahr.

Die Aufzugsfirma hatte ihren Sitz in Hamburg, was die Gefangenen für ein gutes Omen hielten. Sollte auch die Behauptung, der Techniker befände sich bereits auf dem Gelände eine Lüge gewesen sein, müsste er immerhin nicht von weither anreisen.
Bei der Aufzugsfirma wurde ich mit einer sehr freundlichen Frau verbunden, die sich zunächst bemühte, herauszufinden, um welchen Fahrstuhl es sich handelte. Unter der Gebäudebezeichnung fand sie nichts. Schließlich entdeckten die Gefangenen an der Wand ihres Käfigs eine Nummer, die zur Aufklärung führte: Die Firma hatte den Aufzug zwar hergestellt, mit der Wartung war jedoch jemand anders beauftragt. Dessen Firmensitz lag laut google in Schleswig-Holstein; Fahrtzeit bis zum UKE rund 50 Minuten.
Inzwischen hatte ein Mann den Platz am Alarmknopf übernommen und versicherte den Gefangenen, dass Hilfe unterwegs sei. Erneut blieb das Mikrofon unbeabsichtigt offen, und die Eingeschlossenen lauschten, wie er sich offenbar am Telefon über seine Kollegin und ihre Untätigkeit beklagte. Anscheinend war immerhin ihre Auskunft korrekt gewesen, dass sich bereits ein Aufzugstechniker auf dem Gelände aufhalte, wohl eines anderen Störfalls wegen. Er musste also nicht aus Schleswig-Holstein anreisen.
Die Mithörgelegenheit brach wieder ab, aber nicht, weil der Mann am Alarmknopf bemerkt hätte, dass er abgehört wurde. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Fehlschaltung der Telefonanlage.
Ohne dass die Gefangenen erneut auf sich aufmerksam gemacht hätten, hörten sie bald darauf wieder mit. Inzwischen hatte die von mir alarmierte Aufzugsfirma im UKE angerufen. Der Mann am Alarmknopf erklärte seinem Gesprächspartner, er werde die Feuerwehr alarmieren, falls der Techniker sich nicht bald blicken lasse.
Dann wieder Stille. Auf meinem Handy meldete sich die Aufzugsfirma und teilte mit, was ich bereits wusste. Ich bedankte mich bei der Frau für ihr Engagement, obwohl sie ja eigentlich gar nicht zuständig war. Die Gefangenen beschlossen, selbst die Feuerwehr zu rufen, falls nicht bald etwas geschähe.
Aber der Mann am Alarmknopf begriff, dass die Ungewissheit mindestens so belastend ist wie das Eingesperrtsein. Er teilte ungefragt mit, dass der Techniker auf dem Weg in den Maschinenraum sei.
Inzwischen hatten die Gefangenen ihren Käfig erkundet. Durch den Spalt in einer der beiden Doppeltüren sahen sie nur auf eine weitere Tür. Auf der anderen Seite war die Durchsicht auf einen Raum möglich, den die Rollstuhlfahrer als Erdgeschoss identifizierten. Ein Stemmeisen müsste ausreichen, um diese Tür zu öffnen.
Sie teilten dem Mann am Alarmknopf ihre Beobachtungen mit, und er setzte zwei Männer vom Sicherheitsdienst in Marsch, die sich bald darauf jenseits der Tür bemerkbar machten.
Während der Techniker den Maschinenraum vielleicht noch gar nicht erreicht hatte, gelang es dem Hauspersonal, die Kabinentür aufzuhebeln und die Eingeschlossenen zu befreien. Die Kabine hatte nur um wenige Zentimeter versetzt im Erdgeschoss gehalten, so dass auch die Rollstuhlfahrer sie problemlos verlassen konnten. 15.51 Uhr notierte ich als Zeitpunkt der Rettung.

Bei meiner anschließenden Recherche fand ich einen Artikel im Hamburger Abendblatt vom 18. Februar 2010, der wie die Faust aufs Auge passt: → „Gefangen im UKE-Aufzug“.
„Krankenbesuch im UKE, ‚Europas modernster Klinik‘. Im Erdgeschoss hat der Aufzug drei Frauen eingesperrt. Die Türen blockieren. Schnell die Notklingel gedrückt. Eine Stimme aus dem Off: ‚Was ist los?‘ ‚Wir stecken fest.‘ ‚Drücken Sie alle Knöpfe.‘ Nichts tut sich. ‚Versuchen Sie es weiter.‘ Genervte zehn Minuten später: ‚Wir sitzen immer noch fest.‘ Eine Frau ist sauer: ‚Das ist mir hier schon mal passiert.‘ Die Lautsprecherstimme: ‚Warum fahren Sie dann mit dem Aufzug?‘ Alle bitten: ‚Schicken Sie Hilfe.‘ Antwort: ‚Das kann dauern.‘ Nach 20 Minuten und Hämmern auf alle Tasten fährt der Aufzug eine Etage höher, öffnet die Türen. Nur schnell weg hier.“
„Warum fahren Sie dann mit dem Aufzug?“ Die schnoddrige Frage von jenseits des Alarmknopfs ist so berechtigt wie zynisch.
Mein Gesundheitszustand hat mich zwar noch nicht auf den Rollstuhl verwiesen, aber als ich wenige Tage später mit der U-Bahn fuhr, konnte ich in der einen Station eine Rolltreppe nutzen, aber bei der nächsten nahm ich in Anbetracht der Länge der Treppe aller widrigen Erfahrung zum Trotz den Aufzug. An meinem Ziel angelangt musste ich nur ein Stockwerk hinauf. Ich mutete mir die Treppe zu. Auch deshalb, weil die Aufzugskabine derart eng bemessen war, dass mich die Vorstellung beklommen machte, damit steckenzubleiben.
Den Vorzug immerhin haben die Lifte im UKE: Weil sie für Betten und Rollstühle geeignet sein müssen, beförden sie im Falle des Ausfalls keine Platzangst.
■
Einen Link zu diesem Blog-Beitrag habe ich an das UKE gesandt und vergleichsweise prompt eine Antwort erhalten, in der es unter anderem heißt: „Darüber hinaus dokumentiert unser Team des internen Qualitätsmanagements Ihre Hinweise, so dass wir gemeinsam entsprechende Verbesserungen ableiten können.“

Hinterlasse einen Kommentar