Zeichnung: urian
Hans Richert 1935

Ahnenerbe

Seine Vorfahren waren Bauern, Mägde und Knechte. Bis auf den Urgroßvater väterlicherseits, der mit Kohlen handelte und als Eiszentrale Ruprecht Gastwirtschaften mit Stangeneis zur Kühlung des Biers belieferte. Der Betrieb auf der Lastadie, dem Freihafen von Stettin, wurde ausgebombt. (Mehr bei Die Zeit) Im April 1945 floh die Familie und wurde in Niederdeutschland verstreut. Urians 13-jährigen unehelich geborenen Vater und seine Mutter verschlug es nach Apensen.

Familien aus der Unterschicht dokumentieren ihre Geschichte gemeinhin nicht, und durch Krieg und Flucht waren Zeugnisse vernichtet worden. Urians Vater erinnerte sich nicht an seinen Vater. Als Urian Anfang der 1990er den Stammbaum rekonstruierte, stieß er auf ein Hochzeitsfoto, das seinen Vater als Vierjährigen und dessen Vater an der Seite der Mutter zeigt. Das Foto, ein Name, Hans Richert, und ein mutmaßliches Geburtsdatum, 1909 – mehr weiß Urian nicht über diese Abstammungslinie. Seine Großmutter konnte oder wollte sich nicht erinnern.

Die Eltern des verschollenen Großvaters sollen Schneider gewesen sein. Urians Mutter war Herrenschneiderin und arbeitete zunächst in Hamburg, wie sein Vater, der als Kraftfahrzeugmechaniker in der Garage der Welt beschäftigt war, bevor und nachdem die Zeitung dem Springer-Verlag einverleibt wurde; zuletzt war er in der Druckerei in Ahrensburg tätig. Nach seiner Geburt war Urians Mutter Hausfrau und arbeitete in einer Textilfabrik in Harsefeld beziehungsweise als Näherin daheim.

Zeichnung: urian
Hans Ruprecht 1942

Lehrjahre

Urian wuchs unter ländlichen Bedingungen auf, mit Ziegen und Schafen, Ratten im Hühnerstall, Gemüsegarten und Hausschlachtung. Die Pubertät verbrachte er außer mit Blues Harp und Bassgitarre mit Freud, Adorno und Nietzsche; Bretons Nadja und Einsteins Bebuquin zählen seither zu seinen liebsten Büchern.

„Was mich betrifft, ich werde weiterhin mein Glashaus bewohnen, wo man zu jeder Stunde sehen kann, wer mich besucht; in dem alles, was an den Plafonds und an den Wänden aufgehängt ist, wie durch einen Zauber festhält; wo ich nachts auf einem Glasbett mit Betttüchern aus Glas ruhe; wo mir früher oder später, mit dem Diamanten eingeschrieben, sichtbar wird, wer ich bin.“ (Breton)

Urians Eltern hatte keine Vorstellung davon, was aus ihm werden könnte; er erinnert sich nicht, je darüber mit ihnen gesprochen zu haben. Als er die damals noch seltene Empfehlung zum Gymnasium erhielt, überließen sie die Entscheidung ihm. Hätte er gewusst, dass es ihn auf dem Dorf zum Außenseiter stempeln würde und er als Unterschichtler auf der städtischen Lehranstalt eine Ausnahme sein würde, hätte er sich womöglich anders besonnen.

Lehrer und Rechtsanwalt kamen ihm als Berufe in den Sinn, aber weiter reichende Vorstellungen von einer solcherart bürgerlichen Existenz waren ihm fremd oder allenfalls durch seine ausgiebige Lektüre bekannt. „Karriereplanung“ war ein Begriff, der erst später in Umlauf kam. Für seinen acht Jahre jüngeren Bruder mit Grundschule und ohne Berufsausbildung spielte er auch keine Rolle. Urian ist der erste seiner Familie, der eine höhere Schule besucht, der studiert hat. Der Vater seiner Mutter war Holzfäller, und er hat sein Leben daran gewendet, Holzprodukte zu bezeichnen.

Holzwirtschaft und Philosophie waren die Fächer, die er studieren konnte, ohne sich um die Abiturnote mehr als unbedingt nötig bekümmert zu haben. Er war ab 1980 zehn Semester immatrikuliert, sammelte Seminar-Scheine, verfasste eine Zwischenprüfungsarbeit über ein Thema der Ästhetik und schrieb und bastelte an mehreren Ausgaben einer Studentenzeitschrift. Sein Einkommen bestritt er mit Hilfsarbeiten am Fließband und auf dem Bau oder mit der Auslieferung von Fernsehern, Kühlschränken und Bettcouchen.

Wanderjahre

Ab 1982 ergänzte er sein Einkommen durch die Honorare als Autor einer Zeitung, die damals niemand kennen wollte und die keine Einladungen zu Pressekonferenzen erhielt, etc. etc. Mit Unterbrechungen schrieb er zehn Jahre lang in der taz.

Abgesehen von kurzen Zwischenspielen als Redakteur der Hamburger Morgenpost und der BILD sowie als Lektor bei Rowohlt Aktuell schlug er sich als freier Publizist durch. Nur ausnahmsweise arbeitete er auf Bestellung oder im Auftrag. Vielmehr setzte er sich eine Aufgabe, schrieb seine Beobachtungen und Betrachtungen nieder und suchte Abnehmer für die Texte, sei es eine Zeitung oder eine Literaturzeitschrift. Für seine Unabhängigkeit nahm er die ökonomisch prekären Verhältnisse gern in Kauf.

Aus der Aversion gegen entfremdete Arbeit ergibt sich, dass sein Leben sich in seinen Publikationen spiegelt. Die Biografie ist in der Bibliografie enthalten. Jeder Titel steht für eine Episode, für etwas, womit er sich tage-, wochen- oder monatelang befasst hat. Er hat nicht für seinen Lebensunterhalt Texte produziert, sondern um sein Leben geschrieben. Was er tat, wo er sich aufhielt, mit wem er sich abgab ist eingeflossen in seine Aufzeichnungen.

Er war und ist mit leichtem Gepäck unterwegs und wechselte den Wohnsitz mitunter nach Wochen. Die Konstanten in seinem Leben sind nicht äußerlich, sondern die Fragen, die er sich stellte. Immer wieder hat er sich Lebensgeschichten vorgenommen: von Schriftstellern und Verbrechern vor allem; er weiß, was sich dazu feststellen lässt. Bei der Sichtung seiner eigenen Spuren würde er kaum Ergiebigeres finden als seine Texte.

Die zugleich beste und einzige Quelle für sonstige Verhältnisse wäre eine Person, die ihn in den letzten 28 Jahren aus der Nähe beobachten konnte. Alle übrigen Menschen, mit denen er Umgang hatte, könnten lediglich für kurze Zeiträume und aus größerer Entfernung Mitteilungen machen. Er hatte und hat nur vorübergehende Begegnungen; das gilt auch für jene, mit denen er Beziehungen unterhielt.

Fast alle würden außerdem zwar sein Aussehen und Gehabe, den sie betreffenden Ausschnitt seines gesellschaftlichen Benehmens, schildern können, aber das Wesentliche, sein Schreiben, wäre ihnen unbekannt. Tatsächlich gibt es Leute, die etwas über ihn erzählen könnten, ohne zu ahnen, was er publiziert hat, das sie oder ihre Beziehung betrifft, weil er dabei auf Namen verzichtet und sie selbst nicht eigens hingewiesen hat.

Weil die meisten sich Arbeit nur als entfremdet vorstellen können, nehmen sie an, mit einem Autor Umgang haben zu können, ohne je eine Zeile von ihm gelesen zu haben. So wie sie an ihrer eigenen Arbeit nur der Verdienst interessiert, fragen sie allenfalls: „Kannst du davon leben?“ Die Rückfrage müsste lauten: „Kannst du damit leben?“

Zeuchnung: urian
Uwe Ruprecht 1987

Schicksal und Charakter

Für einen Biografen ist Urian keine große Herausforderung. Dass er an jenem Tag im Theater oder im Gericht war, ergibt sich aus dem am nächsten oder übernächsten Tag erschienenen Text. Eine Reportage über Windkraftanlagen oder ein Essay über Aufzüge zeigen an, wo er sich in den Wochen oder Monaten vorher aufgehalten hat. Was andere Privatleben nennen würden, hat er in einer Kolumne verzeichnet.

Er hat nie ein Tagebuch im herkömmlichen Sinn geführt, sondern stets ein Notizbuch bei sich, in das er alles einträgt, was ihm vorkommt. Nicht viele Seiten wären zu schwärzen oder herauszureißen, die nicht Vorstufen zu Publikationen sind. Niemand weiß, dass er Rumpelstilzchen heißt – aber es kommt sowieso nicht darauf an. Das Wesentliche hat er selbst laut gesagt. Was darüber hinaus zu entdecken wäre, ist ohne Belang.

Als Freischaffender zugleich Buchhalter war er genötigt, seine Produktion zu verwalten und Listen der verkauften Artikel anzulegen. Ohne Mehrfachwertungen herauszurechnen wurden drei bis fünf Mal die Woche Texte von ihm gedruckt. Einmal forderte ihn die damals Arbeitsamt genannte Behörde auf, seine Arbeitszeit nachzuweisen, und er notierte einen Monat lang, wie viel Zeit er für die Texte aufwendete, die ihm Honorare unterhalb des Existenzminimums einbrachten, und kam auf 60 bis 80 Wochenstunden.

Von den verbleibenden schlaflosen 40 Stunden hat er etliche auf Texte verwendet, die in keiner aktuellen Verkaufsbilanz erscheinen, oder auf die Beschäftigung mit etwas, das erst später in eine Publikation einfloss. Es gibt nichts, womit er befasst war oder das ihm zustieß, zu dem er sich nicht irgendwann geäußert hat. Im Gegenteil ist er ohne sein Zutun Gegenständen vielfach wieder begegnet und hat Früheres variiert.

In der Mitte seines bisherigen Lebens, vor 30 Jahren, als er in Wien wohnte, hätte er unter günstigeren Umständen eine Lehranalyse beginnen können. Das hätte ihn vielleicht von seinem sprunghaften Narzissmus geheilt, aber als praktizierender Psychoanalytiker wäre er eine Fehlbesetzung gewesen. Er ist nicht zum Eingreifen berufen, sondern von Beobachtung besessen. Seine Neugier auf einzelne Personen erlahmt meist rasch. Die Geheimnisse sind der Mühe der Entschlüsselung oft nicht wert, seine eingeschlossen.

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