Bemerkungen über Vorkommnisse vor meiner Haustür

Obdachlosigkeit ist eine Form von Kriminalität oder Krankheit. So stellen es die Medien dar. Wie weit es die Gesellschaft selbst in Frage stellt, wenn sie massenhaft Obdachlosigkeit produziert – dazu fehlt den Journalisten mit und ohne innen die Zeit. Sie sind vollauf damit beschäftigt, Presseverlautbarungen von Politik und Polizei zu kopieren.

Ich war nicht obdachlos, sondern „nur“ ohne festen Wohnsitz. Ein gnädiges Schicksal hat mich davor bewahrt, mein Dasein auf der Straße zu fristen. (→ Flüchtling im Inneren) Ich war weder kriminell noch krank, sondern nur arm. Das genügt, um aus dem Blick der Journalisten zu geraten. Zu denen ich selbst einmal gehörte. Ich kann mithin sehr genau einschätzen, wo die Grenzen ihrer Wirklichkeit sind. Arme kommen darin höchstenfalls als statistische Größe, nicht in der Blase ihrer persönlichen Beziehungen vor. Was sie über das Leben der Armen wissen, haben sie den Publikationen ihrer Kollegen entnommen.

Obdachlos in Niendorf

Publikationen wie denen im Hamburger Abendblatt, die, vom Abo befreit, auf → t-online.de kostenfrei nachzulesen sind. In diesem Fall reflektieren die Bürger ungefiltert das, was ihnen von den Medien eingeblasen wurde, die dieses wiederum dumpf vervielfältigen.

Im Hamburg-Niendorf soll eine Obdachlosenunterkunft entstehen – und „die Bürger“ protestieren. „Wir haben uns gezielt Niendorf ausgesucht, um dort zu leben. Es ist ein Bullerbü-Leben, in dem wir die Kinder frei groß werden lassen können“, wird eine Bürgerin zitiert. „Bullerbü“ scheint ein Kampfbegriff derer zu sein, die sich der Realität verweigern. Wenige Gehminuten entfernt von der angepeilten Adresse für die Obdachlosenunterkunft befindet sich die Einkaufsmeile von Niendorf, die ich häufiger aufsuche, weil sich dort die für mich am leichtesten erreichbare Filiale meiner Bank befindet.

Obdachlos in Niendorf

Bullerbü – das ich nicht lache! Wer rund um die U-Bahnstation und den Busbahnhof Niendorf Markt unterwegs ist, trifft dort auf all das, worin sich das Großstadtleben von der Kleinstadt und dem Dorf unterscheidet, also auch auf Menschen, für die der öffentliche Raum Lebensmittelpunkt ist: Jugendliche; Menschen mit Migrationshintergrund, die sich nicht nur auf der Straße aufhalten, wenn sie etwas zu erledigen haben; Rentner, denen es daheim zu still ist; und natürlich Radfahrer, die zwischen den Fußgängern Slalom fahren.

Und man kann Obdachlose sehen, wenn man genau hinschaut. Ich vermute, die zitierte Bürgerin, die mutmaßlich in einem Einfamilienhaus wohnt, kennt ihre nächste Umgebung allenfalls von einer Stippvisite auf dem Wochenmarkt, weil sie ansonsten lediglich im Auto, mutmaßlich einem SUV, unterwegs ist. In Bullerbü fahren nämlich keine Busse und Bahnen.

Obdachlos in Niendorf

Seitdem sie von der Obdachlosenunterkunft erfahren hat, „weine ich mich jeden Abend in den Schlaf“, zitieren Abendblatt und t-online die „besorgte Mutter“. Nein, die Journalisten haben nicht nachgefragt, wie sie dazu kommt. Ob sie etwa in psychiatrischer Behandlung ist. Sie zitieren sie brav, weil sie exakt das sagt, was die Medien ohnehin verbreiten: Obdachlose sind kriminell oder krank. Und natürlich eine Gefahr für Kinder.

Die Kinder, die in TV-Sendungen über Waffensysteme aufgeklärt werden, und die man mit zur Demo nimmt, weil die Demokratie gefährdet ist. Die mit dem Elterntaxi zur Schule gebracht werden, weil sie sonst … ja, was eigentlich?

Obdachlos in Niendorf

„Die Welt ist kein Bullerbü, auch Niendorf nicht. Auch bei Ihnen kann Not und Elend vorkommen“, entgegnete den Medien zufolge die Fraktionschefin der Grünen in der zuständigen Bezirkversammlung Eimsbüttel. Das ist allerdings eigenartig. Denn sonst sind es doch gerade die Grünen, die gern so tun, als sei ein Bullerbü in Hamburg möglich, indem sie alles ausblenden, was ihnen nicht in den ideologischen Kram passt. Obdachlosigkeit zum Beispiel. Die soll es rund um den Hauptbahnhof nicht mehr geben, und tatsächlich funktioniert die → Verdrängungspolitik des rot-grünen Senats. Das Elend, das von dort verschwunden ist, muss aber irgendwo anders hin. An den Stadtrand, nach Niendorf eben.

Die Bullerbü-Bürger müssen sich indes keine Sorgen machen. Die Obdachlosen werden sich nicht vor der ihrer Unterkunft nahegelegenen Schule oder Kita herumtreiben, sondern in der Einkaufsmeile und vor allem am Busbahnhof, wo man ihnen jetzt bereits begegnen kann. Aber dort halten sich die Bullerbü-Bürger und ihre Kinder nicht auf. Die geplante Obdachlosenunterkunft beleidigt allein ihre Selbsttäuschung, in einer Idylle leben zu können.