Die gewollten Missverständnisse von „The Zone of Interest“

Der Film ist mit zwei Oscars bedacht worden, kann also kein kompletter Schrott sein. Denkt man sich so. Und dann lese ich geradezu hymnische Rezensionen in den Medien, nach denen ich mutmaße, das Kino tränenüberströmt verlassen zu müssen. Ich gehöre in der Tat zu den Leuten, die bei Filmen heulen können und bin bereit, mich angemessen dafür zu schämen.

Stattdessen: nichts. Dass ich mich nicht gelangweilt habe, lag daran, dass ich während der eindreiviertel Stunde gewartet habe: Kommt da noch was? Kommt der Film mal endlich zu irgendeinem Thema?

Das „Auschwitz-Drama“ stelle die „Banalität des Bösen“ dar, heißt es in einer Rezension. In der anderen hingegen steht: „In unbarmherzig scharfen Bildern zeigt [Regisseur Jonathan] Glazer diese Menschen, die es [!] sich im Schatten des Grauens gemütlich eingerichtet haben. Weniger um die allzu oft zitierte Banalität des Bösens geht es dabei, als um das allzu menschliche Verhalten, unliebsame Dinge auszublenden.“

Wie auch ich bereits wusste, bevor ich das Kino betrat, kommt Auschwitz im Film gar nicht vor. Es brüllt und knallt manchmal zwar in der Oscar-prämierten Tonspur. Aber das tut es vor meinem Fenster auch, und ich müsste aufstehen und nachsehen, um zu erkennen, worum es sich handelt und wie dramatisch es ist. The Zone of Interest funktioniert nur für jene, die vorab Rezensionen gelesen haben. Im Film selbst wird das, was nicht gezeigt wird, nicht einmal angesprochen. Und falls doch, habe ich es nicht gehört. Denn so ausgezeichnet die Klänge im Hintergrund sind, habe ich etliche der Dialoge nicht verstanden.

Ich weiß nicht, wovon die Leute reden, und ich weiß nicht, wie sie aussehen. Hätte ich nicht vorher gelesen, wer die Hauptdarstellerin ist und ihr Foto in den Medien gesehen, hätte ich sie im Film nicht wiedererkannt. Die Personen werden meist aus einer Entfernung gezeigt, bei der ihr Mienenspiel unkenntlich bleibt. Sie laufen hierhin und dahin und sagen Belanglosigkeiten. Dass Sandra Hüller nicht, wie von den deutschen Medien herbeigesehnt, einen Oscar für ihre schauspielerische Leistung erhalten hat, ist nur zu verständlich. Denn das, was ihre Rolle von ihr verlangt, hätte auch eine ambitionierte Laiendarstellerin abliefern können.

Noch einmal zurück zu den Phrase von der „Banalität des Bösen“, die jene so geläufig anwenden, die offenbar das Buch von Hannah Arendt über den Prozess gegen Adolf Eichmann nicht gelesen haben – sonst würden sie nicht so banal damit umgehen. Denn um die monströse Biederkeit derer zu erkennen, die den Holocaust angerichtet haben, muss man wissen, was sie getan, welche Monströsitäten sie verübt haben. Hedwig Höß hat nichts davon „ausgeblendet“, denn glaubt man dem Film, hat sie nichts davon wahrgenommen, so wenig wie die Zuschauer ihrer alltäglichen Verrichtungen im Kinosessel. Rudolf Höß hat das Böse sehr wohl nicht nur als Bystander gesehen, sondern Hand angelegt. Aber da es im Film nicht vorkommt, lässt sich nur darüber spekulieren, was und wie er es verdrängt hat oder nicht. (Wer sich davon ein Bild machen will, kann zum Beispiel seine autobiografischen Aufzeichnungen lesen.)

Tatsächlich ist es eine Unterstellung, dass Höß seine Arbeit mit den Stiefeln ausgezogen hat, bevor er das Haus betritt, in dem Hedwig herrscht. Die Stiefel, von denen im Film angeblich Blut abgewaschen wird. Habe ich gelesen. Wahrgenommen habe ich es nicht. Denn auch die meisten Szenen sind so verhuscht wie die Dialoge verblasen.

Es ist eine freundliche Unterstellung, dass Hedwig Höß nur eine biedere Hausfrau und Mutter war und nicht ebenfalls ein Sadist wie ihr Gatte. (O ja, Höß hatte im Unterschied zu Eichmann, der Beschreibung Hannah Arendts folgend, Lust an dem, was er tat.) Eine Szene, eine von zweien oder dreien, bei denen man von den Figuren mehr sieht als nur Gestalten oder gar Silhouetten, spielt in den Ehebetten. Wie unpräzise der Film geschnitten ist, zeigte sich mir daran, dass ich zunächst dachte, Hedwig und Rudolf lägen mit dem Rücken zueinander in ihren Betten, während sie sich, wie nach einer späteren Einstellung klar wurde, bei ihrem Gespräch ansahen. Jedenfalls ist nicht ausgeschlossen, dass Hedwig Rudolf genauer nach seiner Arbeit befragte. Dass sie sich die Folterungen und Morde, die er an jenem Tag angeordnet hatte, eingehender schildern ließ. Dass sie das Grauen, neben dem sie ihr Leben führte, ausblendete, ist eine freundliche Annahme des Films – keine belegte historische Wahrheit.

Aber das kann ich nur schreiben, weil ich über das Vorwissen verfüge, ohne dass der Film eben nur ein Kammerspiel über spießiges Familienleben anno 1943 ist. „Dieser Film ist so eindrücklich, weil er das absolute Gegenteil von aufklärenden Spielfilmen mit eingängigem Gut-und-Böse-Schema à la ‚Schindlers Liste‘ ist. Und er setzt viel historisches Wissen voraus“, schreibt ein Rezensent. Dass der Film „eindrücklich“ ist, bestreite ich heftig. Und er ist es nicht, weil Gut und Böse in ihm nicht dargestellt, sondern nur behauptet werden. Die Menschen im Bild sollen die Bösen sein. Aber das Böse, das sie verüben, kommt nicht vor. Wem das historische Wissen fehlt, könnte sie mithin auch für Gute halten. (Wäre interessant zu beobachten, wie der Film in 20 Jahren von Zuschauern gesehen wird, die nicht durch mediales Trommelfeuer auf ihn eingestimmt wurden.)

Entlarvend ist die Kurzcharakteristik des Films bei google: „Historie / Drama / Kriegsfilm“. Dramatisch ist nichts, und mit dem Krieg hat der Film schon überhaupt nichts zu tun. Darin klingt vielmehr als Echo nach, womit bis heute die Massenmorde der Nationalsozialisten, insbesondere die Shoah, abgewiegelt werden: „So etwas kommt im Krieg eben vor.“ Massenmorde und Konzentrationslager mit dem Krieg zu identifizieren ist eine beliebte Entschuldungsstrategie der deutschen Täter.

Dass der Film, wie in manchen Rezensionen geschrieben wird, zur rechten Zeit erscheine, während Hunderttausende in Germany gegen einen vermeintlichen „Rechtsruck“ auf die Straße gehen; dass der Film gar für die drohenden Gefahren sensibilisiere, ist so abenteuerlich, dass ich die betreffenden Schreiberlinge am liebsten kräftig durchschütteln würde. Es gibt einen kurzen Dialog von Hedwig Höß mit ihrer Mutter, in der die Ahnung eines Wissens über Deportationen anklingt. Und das war es dann schon. Insofern das Lagerleben nicht vorkommt, wird nicht klar, welche Verdrängungsleistung Hedwig Höß in ihrem Alltagsleben zu erbringen hatte. Dass am Ende des Films ein paar Bilder von der heutigen Gedenkstätte eingeblendet werden, macht nichts deutlicher. Dort repräsentieren hinterlassene Gegenstände die gleichermaßen unsichtbare Gewalt.

Es ist freilich nicht einfach, sich mit den Verbrechen der Nationalsozialisten auseinanderzusetzen und sie selbst im Rückblick vom Kinosessel aus zu ertragen. Aber sie werden gewiss nicht zum Vorschein gebracht, indem man sie ausspart. Diese Ausblendung passt hingegen sehr gut in eine Zeit, in der schon jeder, der abweichender Meinung ist, als „Nazi“ beschimpft wird. Um als „Nazi“ zu gelten, muss man nicht wie jene Menschen, für die der Name geprägt wurde, Morde begangen oder Beihilfe dazu geleistet haben, sondern nur, nach einem Wort Hitlers, „schief geguckt“ haben.

Bis vor zwei Jahrzehnten gab es in Deutschland keine akademische Forschung über die Täter. Was über Personen wie Rudolf Höß bekannt war, stammte von US-Amerikanern, Briten, Israelis. Bis heute gibt es weite Bereiche dessen, was in Zone of Interest angeblich dargestellt wird, die unaufgeklärt sind. Wie Hedwig Höß wirklich tickte, weiß niemand. Unterm Strich unterstellt der Film eine banale Verdrängung, die ebenso gut eine Wunschfantasie von Drehbuchautor und Regisseur sein könnte. Und dann fragt sich, warum gerade heutigentags ein solcher Film eine derart begeisterte Aufnahme bei den Rezensenten findet. Das wirkliche Grauen gehört jedenfalls nicht zum Interessengebiet von Cineasten.

Auszug aus Himmlers Ende auf diesem Blog:

„Kann mir nicht vorstellen, was in ihm vorging“, sagte ein Historiker, der eine Biografie über Rudolf Höß geschrieben hatte, der den Lager-Komplex von Auschwitz aufbaute und drei Jahre lang leitete. Das entspricht der vorherrschenden Haltung: Nazis sind immer andere: rätselhafte Gestalten von einem anderen Stern. Sie zu verstehen macht moralisch verdächtig. „Er lebte nicht auf diesem Planeten“, sagte ein General der Wehrmacht und legte eine kosmische Distanz zwischen Himmler und sich. Vor allem wollte er nicht mit dessen Verbrechen in Verbindung gebracht werden.

HIMMELREICH HIRN: Rudolf Höß (Zeichnung: urian)
Rudolf Höß

„Du bist hier auf einem fremden Planeten“, erklärte Höß einem Besucher in Auschwitz. Was daran wahr war, kann im Nachhinein leicht als unvorstellbar ausgegeben werden. „Er lebte nicht auf dieser Seite der Welt. Er gehörte einer völlig anderen Ordnung der Dinge und des Geistes an“, heißt es über Himmler in einem Buch, das die Grundlagen für die esoterische Deutung des Dritten Reichs legte, die im Internet dominiert und von Neonazis gepflegt wird.

Nachdem der Hype abgeflaut ist und niemand mehr meint, den Film sehen zu müssen (bis er im von Zwangsgebühren finanzierten TV gezeigt werden wird, das ihn mitproduziert hat), steht am 1. April 2025 in der Neuen Zürcher Zeitung, warum das Machwerk so ungeheuerlich ist und mit einem anderen üblen Machwerk in einem Atemzug genannt werden muss: „Ein Nazi-Film, in dem die Judenvernichtung nicht vorkommt? Ich finde das falsch“, sagt der Film-Produzent und Sohn eines Auschwitz-Überlebenden Martin Moszkowicz über Der Untergang oder The Zone of Interest.