In der kleinen Stadt auf dem flachen Lande ist die Natur weit entfernt, und sie wird entfernt, so gründlich es geht.

Als ich vor einem Vierteljahrhundert aus der Hauptstadt hier landete, musste ich mich unter anderem daran gewöhnen, dass man nicht spazieren geht. Ich tat und tue es trotzdem und gelte daher nicht als Flaneur (sowas kennt man hier nicht; das gabs hier noch nie, und das wollen wir auch nicht haben), sondern als Stadtstreicher.

Überhaupt kommt es nicht in Frage, dass man sich in der Natur ergeht. Es gibt keine Parks in der Kleinstadt, und alles, was dem nahekommt, wird planmäßig vernichtet. Das einzige parkähnliche Areal ist der Friedhof. Erst im Tod treten die Kleinstädter der Natur wieder nahe.

Zum Spazierengehen setzen sie sich allenfalls sonntags ins Auto und fahren hin, wo „man“ sich zu ergehen pflegt. Dort schwärmen sie von der Natur, schwafeln über die Klimakatastrophe und den jüngsten Bio-Gemüse-Skandal, steigen wieder in ihren Geländewagen und erzählen herum, dass sie auf dem Land leben.

In Wahrheit hassen sie die Natur und rücken ihr alle Nase lang mit High-Tech zu Leibe. Die – wie war noch der politisch korrekte Ausdruck? – Rentner-Wohnanlage in meiner Nachbarschaft weist einen Rasen und ein paar Büsche auf, um die sich eine Mannschaft von Gärtnern in kurzen Abständen stundenlang mit lärmenden Gerätschaften kümmert.

Ich habe sie observiert: sie säbeln viel in der Luft herum, wenn sie an den dürftigen Sträuchern schnippeln, die wohl als Hecke gemeint sind, und in der Zwischenzeit kaum genug wachsen konnten, um beschnitten werden zu „müssen“.

Um einen meiner Lieblingssätze von André Breton zu zitieren: „Man sieht hinlänglich, was ich zu diesem Thema zu sagen habe, sobald ich darauf bedacht bin, es etwas konkreter zu behandeln.“

Besonders gehasst werden Bäume. Weil sie im Herbst ihre Blätter abwerfen. Weil sie dort stehen, wo Autofahrer freie Bahn haben oder parken wollen. Weil sie zu nichts nütze sind, außer von Hunden angepinkelt zu werden.

Ein Baumhasser amtierte jahrzehntelang als Stadtbaurat. Eine seiner Fällaktionen wurde als rechtswidrig erkannt. Das schadete seinem Ansehen nicht, und er trieb es nur noch bunter.

Denkwürdig war eine Veranstaltung im Rathaus, die anberaumt wurde, nachdem sein Vorhaben, eine Allee sinn- und zwecklos abzuholzen, auf massiven Protest stieß. Er trug vor, wie toll die Stadt ausgesehen habe, als sie noch eine Festungsanlage hatte und das Aufkeimen von Bäumen Wehrkraftzersetzung darstellte.

Inzwischen ist der Unsägliche pensioniert, aber das Fällen geht weiter. In der Zeitung lese ich: „Startschuss für eine groß angelegte Rodungsaktion entlang der Bahnlinie in Stade: Seit Montag ist der Diedrich-Speckmann-Weg zwischen Bahndamm und Schwingewiesen gesperrt. Dreiviertel der Bäume sollen der Säge zum Opfer fallen. Barbara Zurek von den Grünen in Stade hatte das Thema auf die politische Tagesordnung gebracht und Fragen an die Verwaltung gestellt. Die Antworten liegen vor. Demnach ist die DB Netz AG Eigentümer der Flächen, auf denen derzeit die Bäume gefällt werden. Wegen der Verkehrssicherheit und wegen Anwohnerbeschwerden würde das Gelände umfangreich durchforstet. Das wurde der Stadt am 9. Januar mitgeteilt. Ersatzpflanzungen für die Entnahmen sind nicht geplant.“

Der Text wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet. Kommt nicht darauf an, geht um Bäume und ein Gebiet, das die automobilen Redakteure nur vom Fotografieren als Artikel-Illustration kennen. Mit der „Verkehrssicherheit“ soll wohl die der Bahn gemeint sein, da an der betreffenden Stelle keine Autos fahren dürfen, Radfahrer selten sind und Spaziergänger – siehe oben. Klingt einleuchtend, begründet aber nicht, sondern widerlegt das Argument, wenn deshalb nun plötzlich 3/4 des Bestands schädlich sein sollen.

Und die „Anwohnerbeschwerden“? Ein Rätsel. Sollte in denen das Wort „Sicherheit“ vorkommen, stehen selbstverständlich alle wie ein Mann stramm Gewehr bei Fuß, wie blödsinnig das Argument sonst auch sein mag. In hysterischen Zeiten wie diesen ist jeder, der den Götzen „Sicherheit“ nicht anbetet, ein „Terrorist“. Zeiten, in denen ein Gespräch über Bäume fast schon ein Verbrechen darstellt.

Advertisements