Mord unter Außenseitern

Dieter und Peter sitzen den ganzen Tag auf dem Rathausmarkt, trinken, grölen und belästigen die Passanten. Sie gehören nirgendwo mehr hin, also pflanzen sie sich in der Mitte des Städtchens auf, vor der Tür zum Machtzentrum. Drinnen arbeiten die Beamten, von deren Bescheiden über Hilfe zum Lebensunterhalt sie abhängig sind. Wenn die Sachbearbeiter ihre Büros für eine halbe Stunde verlassen, um an einem Imbiss in der Fußgängerzone eine Bratwurst zu essen, lallen Dieter und Peter ihnen hinterher. Die Sachbearbeiter tun, als kennen sie sie nicht.

Einmal am Tag statten zwei Polizisten ihnen einen Besuch ab. Ein Sachbearbeiter hat sie gerufen und sich beschwert, ein Ladeninhaber oder eine Frau, der sie Obszönitäten nachgerufen haben. Auch die Polizisten finden die beiden Berber lästig, aber aus anderen Gründen. Eine Straftat ist nicht zu verfolgen, sie ziehen jedes Mal nach in paar Ermahnungen wieder ab.

Peter ist mit seinen 19 Jahren und einer Kindheit im Osten ziemlich verkrampft im Umgang mit der Staatsmacht. Er ist schon aufgesprungen, als die Uniformierten bloß vorfühlen, ob die Aufforderung, den Platz zu räumen, Erfolg haben könnte. Dieter, elf Jahre älter und mit den gesellschaftlichen Spielregeln im Norden vertraut, drückt Peter auf die Bank zurück. Demonstrativ nimmt er einen Schluck aus der Bierflasche und hält den Polizisten einen Vortrag über Bürgerrechte.

Früher hatte er welche – wie viele Jahre her, drei, vier? Als er verheiratet war, Familienvater, zwei Kinder, Arbeit und Wohnung, ein Auto. Er war sich eingesperrt vorgekommen, ist vor Pflicht und Verantwortung in die Flasche geflohen und jetzt wirklich frei. Nicht aber vogelfrei, wie er den Polizisten vorhält. Eine Art Erklärung soll sein, was er sagt. Stichworte, die er sich am Anfang seiner Trebe gemerkt hast, als er am Hamburger Hauptbahnhof strandete und einige Wochen mit erfahrenen Berbern herumzog.

Dieter kann reden. So zugesoffen kann er nicht sein, um nicht ein paar wohlgesetzte Worte abzusondern. Wäre Dieter ein echter Berber, wären sie mit ihm vielleicht anders umgesprungen. Auf der Rückseite seines Personalausweises klebt zwar das Etikett: ohne festen Wohnsitz, doch Peter kann glaubhaft machen, dass er Dieter bei sich aufgenommen hat. Er ist zwar auch nur Sozialhilfeempfänger, hat aber eine Behausung.

Dieter hätte sich wohl eine besorgen können, er kennt seine Rechte. Er zieht es vor, als Durchreisender im Sozialamt ein Tagegeld in Empfang zu nehmen. Inzwischen erkennen ihn die Beamten nicht mehr als Durchreisenden an. Jetzt hätte er sich eine Wohnung suchen und einen ordentlichen Antrag stellen müssen; er hätte den Beamten wenigstens erklären müssen, dass er bei Peter wohnt. Was diesem Probleme mit dem Amt verschafft hätte. Dieter sitzt vor dem Rathaus und bepöbelt die Beamten, bei denen um Hilfe zu betteln er nicht über sich bringt.

Ohne zu murren teilt Peter sein Geld mit ihm, obwohl es für beide kaum reicht. Nicht für beides, Alkohol und Nahrung. Die Entscheidung am Morgen, beim Bäcker Brötchen oder im Supermarkt Schnaps zu kaufen, fällt immer gleich aus. Erst später am Tag, wenn ihre Mägen knurren und ihnen flau wird, besorgen sie sich etwas zum Essen, stopfen es in sich hinein und trinken weiter.

Peters Wohnung liegt in einem Dorf vor der Stadt, eine Dreiviertelstunde Fußweg vom Rathausmarkt entfernt. Wann immer möglich kommen sie bei einem Kumpel unter, um sich den Rückweg in der Nacht zu ersparen. Manchmal wanken sie frühmorgens heim. Jedenfalls bleiben sie nur zum Schlafen in der Wohnung. Obwohl Winter ist, halten sie sich die meiste Zeit des Tages im Freien auf. Alkohol verdrängt die Kälte.

*

An jenem Februartag sind sie restlos pleite, haben nichts mehr zu essen und vor allem keinen Alkohol. Sie verlassen den Rathausmarkt und klappern Kumpel ab. Einer ist nicht da; der andere so zu, dass er hinter verschlossener Tür brüllt, sie sollen verschwinden; beim dritten können sie ein angebrochenes Päckchen und ein paar Scheiben Wurst schnorren. Nach einem hastigen Mahl ziehen sie weiter. Alkohol hat der Kumpel nicht gehabt oder will ihn nicht rausrücken. Von Geld schon gar keine Rede.

Die Nacht ist hereingebrochen. Woher Geld, woher Alkohol beschaffen? Vor einem Supermarkt fantasiert Dieter, die Scheiben einzuschlagen, sich rasch jeder zwei Flaschen aus dem Regal zu greifen und abzuhauen. Bevor die Polizei auf den Alarm reagieren kann, haben sie sich aus dem Staub gemacht. Peter ist nicht begeistert; so schnell wird er nicht laufen können.

Sie stehen vor der Scheibe und glotzen die verschwommenen Spiegelbilder an, die eine Straßenlaterne auf das Glas wirft. Dieter schaut sich nach etwas zum Zertrümmern um. Er entdeckt nichts. Peter starrt nur. Dieter zuckt die Achseln, und sie torkeln weiter. Plötzlich klingelt Peters Handy. Das könnte man verkaufen, schlägt Dieter vor. Erst morgen, erwidert Peter und meldet sich. Der Anruf ist für Dieter, sein Bruder.

Nach monatelangem Schweigen hat Dieter den Bruder angerufen, in einer sentimentalen Laune, als Peter lange in einer Amtsstube hockt und er allein auf dem Rathausmarkt aushält. Er ist in eine Telefonzelle gegangen und hat sich gewundert, dass ihm die Nummer sofort einfällt. Der Bruder macht gleich Pläne. Dieter solle zu ihm kommen. Mit einer halben Zusage beendet dieser das Gespräch. Sein Bruder hat darauf bestanden, dass sie in Verbindung bleiben, und ohne lange nachzudenken hat Dieter Peters Handynummer durchgegeben, die er für alle Fälle auf einen Zettel notiert hat.

Jetzt fragt der Bruder, wann Dieter zu ihm käme. Dieter murmelt etwas von Geld. Das hätten sie doch besprochen, wundert sich der Bruder, er wird ihm das Fahrgeld postalisch anweisen lassen. Also morgen, sagt Dieter und macht Schluss.

Er reicht Peter das Handy, der nichts fragt. Er nervt, sagt Dieter. Peter hält das Handy noch in der Hand und spielt mit den Tasten. Er hebt das Telefon ans Ohr und spricht hinein. Das Gespräch ist kurz, Dieter begreift nichts davon. Er verfolgt ein Auto mit Blicken, das in die Landstraße einbiegt, hinaus auf die leere Landschaft, in das Schwarz jenseits der letzten Lichter.

Peter steckt das Handy weg und erklärt, er habe sich an einen Bekannten erinnert, eigentlich kein richtiger Bekannter, ein Mann halt, den er in einer Disco getroffen habe. Bei dem gibt es bestimmt was zu trinken. Er hat sie eingeladen, es ist nicht weit.

*

Sie machen sich auf den Weg, ohne dass Dieter Fragen stellt. Sie haben ein Ziel, an dem sie eine Flasche erwarten könnte, das reicht als Antrieb. Erst als sie durch das ausgestorbene Städtchen schlurfen und nur gelegentlich einem rasenden Auto begegnen, wird Dieter neugierig. Peter will nicht mit der Sprache heraus, Dieter ist hartnäckig. Schließlich sprudelt die Geschichte heraus.

Bernhard, genannt Bernd, ist fast 50 und schwul. Er hat Peter in der Disco angebaggert, was dieser entschieden, aber in seiner verschämten Art höflich zurückgewiesen hat. Du kannst ja mal vorbeikommen, bietet Bernd an. Wenn du die Finger bei dir lässt, erwidert Peter und vergisst das Angebot. Auf den Anruf hin hat Bernd sie ohne Umstände eingeladen. Sie beide, weshalb Peter glaubt, dass er keine Absichten damit verbindet.

Euch habe ich ja überhaupt nicht erwartet, begrüßt Bernd die Streuner an seiner Wohnungstür. Peter erschrickt. Ich habe angerufen, sagt er. Bernd lacht: So meine ich das nicht. Er bittet sie herein.

Bernd hat seine Verlebtheit kaschieren können; er schläft jede Nacht in einem warmen Bett. Er wohnt gutbürgerlich. Alles da, was man braucht: Fernseher, Stereoanlage, Polstergarnitur. Woher er das hat, was er eigentlich macht, beruflich oder so, danach fragen die Gäste nicht, und Bernd erzählt nichts. Sie könnten sich ebenso gut auf der Straße begegnen. Peter und Dieter wollen Alkohol; was Bernd will, interessiert nicht.

Sie trinken Weinbrand mit Brause aus richtigen Gläsern: 70 Prozent Weinbrand, 30 Prozent Brause. Bernd ist der perfekte Gastgeber. Er bietet ihnen Essen an, sie können duschen und über Nacht bleiben, Platz hat er genug. Peter nimmt erfreut an, Dieter bleibt zurückhaltend. Seine Jahre auf Trebe haben ihn gekehrt, dass es nichts ohne Gegenleistung gibt. Und der Alte schaut ihn immerzu so forschend an.

Du hast da was am Auge, sagt Bernd. Dieter, der mit seinem Glas beschäftigt ist, begreift erst nicht. Endlich brummt er etwas, das Bernd nicht versteht. Peter dolmetscht: Dieter hat Tränen unter den Augen tätowiert. Was für ein delikater Einfall, freut sich Bernd und will mehr wissen, warum Tränen und wann er das habe machen lassen.

Dieter hat auch ein Pferd auf dem Oberarm, verrät Peter. Kein Pferd, stellt Dieter richtig, einen Pegasus. Bernd ist begeistert. Bist du etwa Dichter, fragt er Dieter und drängt darauf, das Bild sehen zu wollen. Dieter weigert sich. Gib mir noch was zu trinken, sagt er, vielleicht mache ich es dann.

Nach zwei Stunden sind die Flaschen leer. Stets aufmerksamer Gastgeber bietet Bernd an, Nachschub zu holen an einer durchgehend geöffneten Tankstelle. Es ist zu kalt, und er fühlt sich nicht mehr wach genug für seinen Motorroller. Also ein Taxi. Peter ruft eins, Dieter starrt ins Leere.

*

Sie sehen nicht, woher Bernd den Schlüssel holt, mit dem er eine Tresorbox auf dem Schrank öffnet, der er seine Brieftasche entnimmt. Als sie hinschauen, springt schon der Deckel auf. Kaum hat Bernd die Wohnung verlassen, machen die beiden sich an der Tresorbox zu schaffen. Wo hat er den Schlüssel?, fragt Dieter, und Peter antwortet, er wird ihn bei sich haben.

Sofort lassen sie von ihrem Vorhaben wieder ab. Die Idee ist übergangslos und heftig gekommen. Sie hätten die Box geleert und wären verschwunden. Dann eben nicht. Peter geht duschen. Er ist gerade fertig, als Bernd zurückkehrt.

Peter hört ihn an die Tür zum Badezimmer klopfen, er wolle ihm zeigen, wo die Handtücher sind. Die finde ich schon, ruft Peter. Sie trinken weiter. Bernd sitzt neben Peter und bedenkt ihn mit begierigen Blicken. Ich hatte schon mal was mit Peter, sagt er zu Dieter. Auf dessen Frage, ob das stimme, streitet Peter ab. Lüg doch nicht rum, sagt Bernd.

Einer schlägt vor, einen Abstecher in die Disco zu machen, wahrscheinlich Bernd, denn nur er kann es sich leisten. Die Idee wird lange abgewogen, während sie weiter trinken. Ich lade euch selbstverständlich ein, sagt Bernd.

Vorher gehe ich duschen, entscheidet Dieter und wankt ins Bad. Er zieht sich aus. Verblüfft entdeckt er die frischen Blasen unter seinen Füßen. Der Alkohol hat die Schmerzen betäubt. Unvermittelt steht Bernd hinter ihm.

Nach zehn Minuten fragt Peter laut zum Bad hinüber, was sie da drinnen treiben. Er zieht die Tür auf und sieht die beiden am Boden sitzen; Dieter hat nur eine Unterhose an. Das geflügelte Pferd auf seiner Schulter scheint zum Sprung anzusetzen. Dieter kann nicht zur Disco, sagt Bernd; er hat einen dicken Fuß, setzt er mit meckerndem Lachen hinzu. Er steht auf und verlässt mit Peter das Bad.

Dieter duscht und gesellt sich nach 20 Minuten wieder zu ihnen. Es ist irgendwann zwischen halb zwei und halb vier, genauer kann der Gerichtsmediziner es nicht bestimmen. Dieter und Peter haben nicht auf die Uhr gesehen, die Nachbarn nichts mitbekommen.

Peter macht später einen Versuch, sich selbst in die Rolle eines Opfers hineinzudenken. Er erzählt der Polizei und dem Gericht etwas, das Dieter nicht erwähnt, und das keiner für voll nimmt. Bernd sei plötzlich zur Wohnungstür gegangen, habe sie abgeschlossen und gesagt: Hier kommt keiner mehr raus!, und ein Fleischermesser aus der Küche auf den Tisch gelegt.

Weiter kommt Peter nicht. Nur dieses karge Bild liefert er. Malt es nicht aus und erklärt nicht, dass Bernd ihn und Dieter geradezu aufgefordert habe, selbst zum Messer zu greifen. Es ist nur etwas, das er sich in der Gefängniszelle zurecht gelegt hat ohne darüber nachzudenken, wie es auf andere wirkt.

Dieter geht pinkeln. Bernd folgt ihm. Er steht hinter ihm. Was willst du dafür, wenn du mit mir ins Bett gehst?, soll er gefragt haben, behauptet Dieter später. Dieter droht ihm Schläge an. Ich war bis zum Anschlag gereizt, erklärt er. Bernd habe ihn begrabbelt, ihm zwischen die Beine gegriffen. Er habe Bernd angeschrien, der daraufhin das Bad verließ.

*

Während er sich über das Waschbecken beugt und sein Spiegelbild betrachtet, kocht die Wut in Dieter hoch. Jetzt reicht es ihm endgültig. Das entwickelt sich wie von selbst, fasst er später zusammen. Er stürmt aus dem Bad und fällt über Bernd her. Ob zuerst mit Fäusten und dann mit dem Messer, ob mit beiden gleichzeitig, kann er später nicht mehr sagen. Die rasche Abfolge von Verletzungen innerhalb kürzester Zeit machen es dem Gerichtsmediziner unmöglich, ihre Reihenfolge zu bestimmen.

Dieter drückt Bernd das Messer an den Hals und verletzt ihn dabei. Die Drohgeste, die er aus Filmen kennt, misslingt dem Betrunkenen. Blut fließt. Peter, der seinen Anteil leistet, indem er Bernd eine Kopfnuss gibt, schreit: Sag uns, wo ist der Tresorschlüssel?

Der Bedrängte grübelt über einen Ausweg. Da ist nicht nur der Tresor, röchelt er, es geht um eine Million. Auch das funktioniert nicht wie im Film. Seine Angreifer begreifen gar nicht, was er meint. Sie registrieren nur, dass er den Schlüssel nicht herausrückt. Sie kommen nicht auf die Idee, ihn zu durchsuchen; sie schlagen und treten und stechen auf ihn ein. Sie geraten umstandslos in Blutrausch. Wie zum Schlussstrich springt Dieter dem am Boden Liegenden auf den Brustkorb.

Peter, befangen in seiner verrückten Rolle, fragt den Sterbenden wieder nach dem Tresorschlüssel. Dieter sitzt erschöpft auf dem Sofa, während Peter wie besessen den Schlüssel sucht. Er will unbedingt Beute machen. Er durchwühlt die Wohnung nach Wertgegenständen, und als er nichts findet, macht er sich an den Ringen des Toten zu schaffen. Dieter sitzt stumm daneben, als Peter die Finger einseift, weil die Ringe zu fest sitzen.

Sie trinken aus, Peter zieht eine Lederhose von Bernd an, und verlassen den Tatort. Peter flieht. Nicht weit, nur zu seinem Bruder in die Nachbarstadt. Die Ringe hat er aus Angst vor Entdeckung weg geworfen.

Dieter bleibt, wo er ist. Nachdem Peter fort ist, ruft er die Polizei an. Er nimmt die Schuld auf sich, entlastet Peter: Der hat nicht damit rechnen können, dass Bernd stirbt. Warum er das Geständnis unterschrieben habe, fragt ihn sein Richter. Keinen Bock mehr, sagt er, ich will meine Ruhe.

© Uwe Ruprecht

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