Das 9-Euro-Ticket ist eine politische und mediale Seifenblase

Schwachsinn wird Politik und nennt sich 9-Euro-Ticket. Eine Hamburger Zeitung illustriert einen Bericht über den Vorverkauf mit dem Foto einer Busfahrerin, die den Betrachtern das Ticket entgegen streckt. Das Bild steht symbolisch für die ganze Aktion: es ist Fake. Denn als der Artikel erscheint, ist das Ticket in keinem Hamburger Bus und keinem Fahrscheinautomaten zu erhalten. Der sagenhafte Vorverkauf findet digital statt. Und in der App des Hamburger Verkehrsverbundes wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass ein Ausdruck des Fahrscheins nicht möglich ist.

Als lebenslanger Nicht-Autofahrer habe ich dem Gros der politischen Klasse und ihren medialen Sprachrohren etwas voraus: ich kenne mich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln aus, sowohl in der Großstadt wie auf dem Land. Ich habe erlebt, wie etwa der Bau der S-Bahn von Hamburg nach Stade jahrzehntelang durch politisches Desinteresse verzögert wurde: Weil an den entscheidenden Stellen Autofahrer saßen, die allenfalls einmal einen Bahnhof betreten haben, wenn sie Minderjährige oder Rentner zum Zug gebracht oder von dort abgeholt haben.

Und als die Verbindung endlich stand und tatsächlich gut angenommen wurde, sorgte das chronische Missmanagement der Bahn dafür, dass vor allem Pendler alsbald wieder auf das Auto umstiegen, weil die Züge überfüllt waren. Wenn sie denn überhaupt fuhren. Weil „die Bahn“ tatsächlich aus mehreren unabhängig von einander operierenden, für den Börsengang kaputt gesparten Unternehmen besteht, war die Strecke über mindestens zwei Jahrzehnte vernachlässigt worden – und alle paar Tage fiel ein Baum um und machte die Gleise unbefahrbar. Dann standen die Fahrgäste in der Gegend herum und warteten auf Busse, die irgendwann kamen und sie via überfüllter Straßen ans Ziel brachten.

In Hamburg, wo ich jetzt wohne, werde ich durch das 9-Euro-Ticket drei Monate lang viel Geld sparen. Denn in den Großstädten existiert immerhin ein öffentlicher Nahverkehr. In Stade, wo ich zuvor gelebt habe, würde ich vom 9-Euro-Ticket nicht viel haben. Allenfalls bei den Fahrten mit der beschriebenen unsicheren Verbindung nach Hamburg könnte ich Geld sparen. Der Busverkehr in der Kleinstadt und auf dem umgebenden Land ist nicht der Rede wert. Gewiss, es gibt ihn. Aber in der Zeit, in der ich auf die Abfahrt des Busses warte, sofern ich mich nicht auf den Punkt genau an der Haltestelle eingefunden habe, komme ich zu Fuß ans Ziel.

Vorhandene Bahnlinien sind schon vor 40 Jahren eingestellt worden. Wie irrsinnig die Politik operiert, zeigt sich daran, dass nun über die Reaktivierung geschwafelt wird. Ich habe es als Fahrschüler noch selbst erlebt, dass der Zug, mit dem ich vom Dorf in die nächste Kleinstadt fuhr, abgeschafft wurde. Stattdessen wurde ich in einen Bus gesetzt, der seine Ankunftszeiten oft nicht einhalten konnte – weil irgendwo auf der Strecke ein Stau entstand. Denn zugleich waren immer mehr Leute allein in ihren Blechkisten unterwegs und verstopften die Straßen, die auf dem Land durch kein Wunder der Welt dazu gebracht werden konnten, vier- statt zweispurig zu werden.

Die Überlandverbindungen des Busverkehrs sind seit Jahrzehnten nicht verbessert worden. Die Busse sind Schulbusse. Punkt. Abends fährt keiner mehr. Und wer mittags irgendwo hin will, kommt erst nach mehr Stunden als sein Aufenthalt erfordert wieder zurück. Mal kurz jemand besuchen, kommt nicht in Frage. Man muss einen halben oder ganzen Tag verplanen, wenn man auf den Bus angewiesen ist. Aber das ist ja auf dem Lande niemand.

Der öffentliche Nahverkehr ist von den Autofahrern an den entscheidenden Stellen systematisch vernachlässigt worden. Als ich vor 20 Jahren die erste und einzige Reportage verfasste, die je über den Busverkehr im Landkreis Stade geschrieben wurde, stellte ich unter anderem fest, dass der Chef des Unternehmens, das in kommunalem Auftrag die Versorgung sicher stellen sollte, selbst seit seiner Schulzeit nicht mehr mit dem Bus gefahren war. Er war darauf eingestellt, so wie die Verkehrsverbünde jetzt, wenn sie mit Journalisten über das 9-Euro-Ticket reden, es mit einem Autofahrer zu tun zu haben, dem er über sein Unternehmen irgendwelche Propagandaphrasen servieren konnte, die dieser unhinterfragt vervielfältigen würde. Als dieser Chef bemerkte, dass sein übliches Geschwafel nicht anschlug, verwies er mich an einen Untergebenen, der freilich auch auf keine meiner aus Erfahrung gewonnenen Fragen eine Antwort hatte.

Das 9-Euro-Ticket birgt insofern ein unkalkulierbares Risiko für all die automobilen Idioten, die seit Jahrzehnten die Verkehrspolitik bestimmen. Wenn sie ab September über Bus und Bahn an der Realität vorbei reden, müssen sie mit Widerspruch rechnen durch die Autofahrer, die unterdessen vermöge des 9-Euro-Tickets erstmals die Wirklichkeit des öffentlichen Verkehrssystems kennengelernt haben. Die Zeiten des Schönredens könnten dann vielleicht endlich vorbei sein. Ob sich an den Verhältnissen tatsächlich etwas ändern wird, wage ich zu bezweifeln. Denn die Übermacht der Autolobby wird durch eine einmalige Sparaktion schwerlich gebrochen werden.