Warum ich die Omas und Opas verachte, die sich aktuell gegen Rechtsextremismus mausig machen

Er ist 63, lebt auf dem Dorf und war auf seiner ersten Demo. Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat er erzählt, warum er danach schlecht schlief. Ich kenne nur den Screenshot und habe den Artikel nicht gelesen, weil ich mir kein FAZ-Abo leisten kann. Es interessiert mich auch nicht wirklich, warum der Mann, der zwei Jahre jünger ist als ich, sich plötzlich gegen Rechtsextremismus engagiert.

Im Stader Tageblatt werden am selben Tag die „Omas gegen Rechts“ abgefeiert: „Alt, laut und mutig“. Alt und laut stimmt, aber worin besteht der Mut, unter dem Beifall von Mitbürgern und Medien Pappschilder auf einer Demonstration hochzuhalten, bei der wie in Hamburg die Polizei besondere Zurückhaltung beweist, weil der Erste Bürgermeister und andere Senatsmitglieder mitdemonstrieren?

Wo waren der 63-Jährige und die Omas, als in den vergangenen Jahrzehnten Neonazis ihr Haupt erhoben? Warum haben sie sich nicht engagiert, als in Mölln, Solingen, Hanau und Halle Menschen von „Rechtsextremisten“ ermordet wurden, die man auf Teufel komm heraus nicht Neonazis nennen mochte, weil das an die deutsche Geschichte erinnert hätte? Inzwischen wird das andere Extrem gesucht und ein privates Treffen in Potsdam mit der Wannsee-Konferenz verglichen. Gedankenspiele werden wie echte Morde verfemt. Und wer sich der plötzlich aufgebrandeten Hysterie nicht anschließt, gerät in den Verdacht, selbst ein Neonazi oder wenigstens AfD-Wähler zu sein.

Ein klassischer Fall von Schuldabwehr. Und eigentlich habe ich bereits alles dazu gesagt, 2019, als die → „Omas gegen Rechts“ und andere Hochstapler schon einmal von Politik und Medien zu Helden erklärt wurden, weil sie zwar laut waren, aber damit, wie sich nun zeigt, nichts bewirkten. Denn die AfD, die aktuell die Rolle des Todfeindes spielt, ist nur stärker geworden.

Vergeblich warte ich darauf, dass jemand „Halt“ ruft in Politik und Medien. Dass jemand ausspricht, dass Zigtausende sich selbst und anderen etwas vormachen. Seitens der AfD und ihrer medialen Unterstützer ruft keiner „Halt“, denn ihnen kann die Heuchelei nur recht sein. So wenig eine der „mutigen“ Omas jemals einem Neonazi leibhaftig begegnet ist, treten sie der AfD dort entgegen, wo sie auftritt.

Es gab die „Omas gegen Rechts“ bereits, als die AfD in Buxtehude Veranstaltungen in öffentlichen Räumen abhalten konnte. (Siehe → hier und → hier.) Sie mucksten sich nicht. Sie protestierten weder vor Ort noch gegenüber den Politikern im Rat, die den Veranstaltungen ihren Segen gegeben hatten. Im Rat sitzt einer, der auch auf dem inzwischen berüchtigten Potsdamer Treffen anwesend war. Dass der AfD-Ratsherr enge Kontakte in die Neonazi-Szene hatte war längst bekannt. Recherchiert und veröffentlicht hatten es nicht die „Omas“, sondern eine Antifa-Gruppe, die der „bürgerlichen Mitte“, die nun ihr Gewissen entdeckt zu haben scheint, gestern noch als „Chaoten“ und „Linksextremisten“ galt.

Die „Omas“ und die 63-Jährigen, die heute von den Medien für ihr Engagement gelobt werden, haben durch ihre Ignoranz und ihr Schweigen mit dazu beigetragen, dass der Rechtsextremismus eine ernstzunehmende parlamentarische Kraft geworden ist. Wenn die NPD auf der Straße auftrat, haben sie mit den Schultern gezuckt und es der Polizei überlassen, die Gegendemonstranten zu schikanieren. Oft genug haben die Medien verschwiegen, was passierte, so dass die „Omas“ und der 63-Jährige, der auf dem Land lebt, tatsächlich nicht mitbekamen, was vorging. Erfuhren sie dennoch davon, dann sahen sie im Einklang mit den Medien die größere Gefahr von der Antifa ausgehen. Inzwischen verstehen sie sich selbst als Antifaschisten und werden von den Medien als „mutig“ beschrieben, wenn sie sich auf Demonstrationen gegenseitig auf die Schulter klopfen.

Es ist trostlos. Nein, mehr noch: Es ist eklig. Die Hunderttausende, die sich gegenwärtig auf Demonstrationen mausig machen und von einem „Rechtsruck“ faseln, als habe der gerade erst stattgefunden, sagen in Wahrheit nur: „Wir haben nichts gewusst“. Sofern sie meiner Generation angehören, haben sie mehrheitlich Jahrzehnte im politischen Tiefschlaf verbracht. Dass sie nun aufgewacht scheinen, bietet keine Gewähr, dass sie nicht wieder wegdämmern, wenn die politisch-mediale Konjunktur sich ändert.

Jedenfalls können die, die von Neonazis bedroht werden, sich nicht auf sie und ihr vorgeschobenes Engagement verlassen. Bedroht werden nicht vorrangig sie selbst als „bürgerliche Mitte“. Zuerst sind die Randgruppen dran. Und während Hunderttausende gegen Rechts demonstrieren, werden von denselben Medien, die sie dafür mit Lob überschütten, „kriminelle Clans“ oder Bürgergeld-Bezieher verhetzt. Im Namen Palästinas gegen Juden zu geifern gehört sowieso zum guten Ton.

Eine neueste Meldung besagt, dass ein Journalist, mit dem ich einige Male zusammengearbeitet habe, um über neonazistische Umtriebe aufzuklären, von denen die „Omas“ und der 63-Jährige damals noch nichts wissen wollten, für seine Arbeit → strafrechtlich verfolgt wird. Er steht nicht zum ersten Mal im Visier der Polizei und hat Gewalt durch Neonazis erfahren. Er bezeigt den Mut, der den „Omas“ fälschlicherweise zugeschrieben wird.

Und während die „Omas“ und der 63-Jährige vom Land damit beschäftigt waren, ihre Position in der „bürgerlichen Mitte“ auszubauen, um sich nun, da es sie nichts mehr kostet, als Widerstandskämpfer zu gerieren, lebte er in prekären Verhältnissen. Wie gut er schläft, interessiert weder die FAZ noch ihre Leserschaft. Wie gesagt: Es ist eklig.