Betrachtungen zum Verfall der „freien Presse“

„Sagen, was ist“, formulierte Spiegel-Gründer Rudolf Augstein als Aufgabe des Journalismus. „Fakten, Fakten, Fakten“, rief Helmut Markwort seinen Focus-Redakteuren in Werbeclips zu. Und Hanns Joachim Friederichs führte aus: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, […] dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache“. Obwohl er selbst SPD-Mitglied war, trat er erst offen für seine Partei ein, als er nicht mehr als Journalist tätig war.

Das ist inzwischen längst anders. Journalisten und deren Arbeitgeber haben kein Problem damit, sich vor einen politischen Karren spannen zu lassen. Im Gegenteil: Sie werten „Haltungsjournalismus“ inzwischen als ihre Aufgabe. Wer nur „sagt, was ist“, macht sich ihnen vielmehr verdächtig.

Journalisten zur Objektivität oder Ausgewogenheit aufzufordern ist alles andere als neu. Als ich anno 1982 für die taz zu arbeiten begann, war es vielmehr die Regel, dass in den Zeitungen nur das stand, was den Herrschenden gefiel. Auch wenn die taz inzwischen die „Alternativen Medien“ verächtlich macht und als rechtsextrem markiert, war das Blatt selbst mal alternativ, freilich von links. Den Unterschied zu den damals etablierten Presseerzeugnissen machte die Auswahl der Themen. In der taz stand das, was ist, wovon die anderen schwiegen. Das war insofern zwar eine politische Agenda, aber Erfolg konnte sie nur haben, indem die Artikel nicht Propaganda und Parolen verbreiteten, sondern faktengesättigt waren. Der Legende nach ging ein Dutzend taz-Ausgaben in Hamburg täglich an Abonnenten in der Redaktion des NDR – wo man früher oder später die Themen aufgriff, über die sonst nichts zu lesen, hören oder sehen war.

Die Dominanz des Faktischen war mir anfangs schnurzegal. Ich betrieb über Jahre
meine Spielart eines Journalismus, dessen Begriff ich erst sehr viel später erstmals wahrnahm: „Der Gonzo-Journalist stellt sein eigenes Erleben in den Vordergrund. Er schreibt radikal subjektiv, mit starken Emotionen und absichtlichen Übertreibungen.“ Immerhin tat ich das, was inzwischen für Journalisten exotisch ist: Ich saß nicht den ganzen Tag am Schreibtisch oder verbrachte meine Arbeitszeit bei Pressekonferenzen und Treffen mit der politischen Klasse oder den ökonomisch Maßgeblichen, sondern war auf der Straße unterwegs und gab mich vornehmlich mit ganz normalen Leuten ab. So subjektiv gefärbt mein Schreiben war, setzte es sich mit der Alltagsrealität auseinander. Ich hatte etwas zu erzählen, wofür ich den eigenen Kopf einsetzte und hinhielt.

Im aktuellen Journalismus kommt die Realität nurmehr gefiltert vor. Wie ehedem wird nur das zum Thema, das zu einer politischen Vorgabe passt. Aber es wird nicht mehr dargestellt, sondern dem Publikum eingetrichtert. So wurde über lange Zeit der „Klimawandel“, „Klimaschutz“ oder die „Klimakatastrophe“ von den Medien in den Vordergrund gestellt. Mittlerweile soll jedes Wetterereignis ein Indiz für irgendeinen Aspekt des Unheils sein, das dem Planeten und der Menschheit durch Klimaveränderungen droht.

Wer Zweifel an diesem totalitären Narrativ anmeldet, wird mit dem niedergemacht, was „die Wissenschaft“ oder eine „Mehrheit der Wissenschaftler“ behaupten würde. Als sei Wissenschaft je eine demokratische Angelegenheit gewesen. Zu Zeiten von Kopernikus und Galilei war der letzte Stand der Wissenschaft, dass die Sonne sich um die Erde dreht. In der akademischen Philosophie gibt es die Sparte „Wissenschaftstheorie“, weil es „die Wissenschaft“ im Sinne von Klimaktivisten und mit ihnen verbandelter Politiker und Journalisten eben nicht gibt.

Die Klima-Hysterie passte einer deutschen politischen Partei ins Konzept, deren Agenda inzwischen in den meisten Redaktionsstuben Dogma ist. Und damit haben sie Wählerstimmen eingesammelt und Macht angehäuft. Doch sind solche Konjunkturen stets nur vorübergehend. Inzwischen ist sehr viel weniger vom Klima die Rede, und selbst Zeitungen wie der Berliner Tagesspiegel haben die grüne Brille abgesetzt und verzichten darauf, ihre Leserschaft mit gendergerechter Sprache zu piesacken, weil diese Marotte einer kleinen Minderheit sich partout nicht bei der weit überwiegenden Mehrheit auch der eigenen Kunden durchsetzen will. Inzwischen erkennt man linksgrüne Aktivisten, die sich als Journalisten verkleiden, daran, dass sie nicht von von ihren Sternchen und Sprechpausen lassen können. (Nebenbei: In den 1980ern versuchte es die taz mit einem großen I in der Wortmitte schon einmal und scheiterte kläglich.)

Zu meiner täglichen Routine gehört es, mir durch Google News einen Überblick über das zu verschaffen, was die Medien des Landes für berichtenswert halten. Einen unanständig großen Anteil beanspruchen dabei Texte über TV-Sendungen und Postings in den Sozialen Medien. Soll heißen: Medien befassen sich mit dem, was andere Medien absondern. Dann gibt es reihenweise Wiedergaben dessen, was etwelche politische Akteure von sich gegeben haben. Soll heißen: Medien befassen sich mit dem, wovon Politiker wollen, dass sie sich damit abgeben.

Die Wirklichkeit findet nur in Nischen statt. Und selbst dann beruht sie nicht einmal auf unabhängiger Wahrnehmung, sondern ist, wie fast ausnahmslos in der Berichterstattung über Kriminalität, das Wiederkäuen dessen, was die Pressestellen der Polizei in die Welt gesetzt haben. (Siehe auf diesem Blog → hier, → hier und → hier.) Kein Wunder, dass immer weniger Leute eine Zeitung kaufen, wenn sie die Inhalte im Internet früher und kostenlos von der Quelle beziehen können.

Authentisch ist nurmehr das Periphere: „Schock für Hamburger Reality-TV-Star: Ihrem Kult-Laden droht das Aus!“ titelt beispielsweise heute die Hamburger Morgenpost. Inzwischen ist jedes Geschäft, über das berichtet wird, „Kult“, weil man sich sonst vielleicht fragen könnte, warum man den Bericht überhaupt lesen sollte – nachdem man dafür gefälligst bezahlt hat. Worum es geht, weiß ich nicht, weil mir sowohl der Laden wie der „Reality-TV-Star“ unbekannt sind und ich für so einen Schmarrn kein Geld ausgebe. Aber es ist bezeichnend: Die Wirklichkeit kommt in der Zeitung nur vor, indem sie über das Missgeschick von jemandem berichtet, der im TV eine vermeintliche Realität vorspielt.

Von um- und abgeschriebenen Meldungen einer Pressestelle und nebensächlichen Ereignissen abgesehen gibt es in der übrigen Ausgabe der Morgenpost nichts, wozu es eigens ausgebildete oder erfahrene Journalisten bräuchte. Reportagen oder eigene Recherchen sind längst etwas, das nicht mehr selbstverständlich, sondern so selten ist, dass dafür eigene Ressorts eingerichtet werden. Und da liest und sieht man vor allem die Journalisten selbst, wie sie telefonieren oder vergeblich an Haustüren klingeln, während der Ertrag der Fakten, die sie zusammengetragen haben, so dürftig ist, dass sie sich die Mühe hätten sparen können. Meist verlassen sie nicht einmal zum Fotografieren die Sicherheit ihrer Schreibtische und illustrieren ihre Auslassungen mit „Symbolbildern“ oder Screenshots von Google Earth.

„Kosten geraten aus den Fugen: So teuer wird der Umbau am Drob Inn“ titelt heute das Hamburger Abendblatt. (Das „Drob Inn“ ist eine Anlaufstelle für Drogensüchtige in fußläufiger Entfernung zu Hauptbahnhof und ZOB.) Ohne dafür zu bezahlen ist nicht erkennbar, ob es sich um eigene Recherchen oder die Wiedergabe der Verlautbarung eines politischen Akteurs handelt. (Später am Tag ist die ganze Geschichte kostenlos beim → NDR zu lesen, und es zeigt sich, dass sie auf eine Parlamentarische Anfrage der CDU zurückgeht.) Sicher ist, dass das Thema einer politischen Intention folgt. Seit Jahren steht das Areal um den Hauptbahnhof im Focus der Medien – und man merkt nahezu jedem Beitrag an, dass er von Autofahrern geschrieben wurde, die das Beschriebene nur aus den Stellungnahmen politisch Verantwortlicher kennen. Eine realistische Bestandsaufnahme war, soweit ich es überblicke, nur einmal zu lesen, und sie erschien in Berlin und behandelte nicht zuletzt die Verzerrung der Realität durch politisch willfährige Medien. (Siehe hier: → Neues Deutschland.)

Ob „etablierte“ oder „alternative“ Medien, ob „Qualitätsjournalismus“ oder „Boulevardzeitung“: Das, was ist, dient allenfalls als Vorwand, um das Publikum politisch zu beeinflussen. Es fängt bei der Themensetzung an und geht bis in die einzelnen Sätze, bei denen längst nicht mehr klar zwischen Bericht und Kommentar unterschieden wird. Zwar erklären die Medien im Internet lang und breit, was sie unter „Meinung“ verstehen und welchen sonstigen redaktionellen Richtlinien sie angeblich folgen. Aber der reine Bericht ist eine rare Ausnahme geworden. Alles ist mit Meinung durchsetzt, ist „Gonzo“. Und wenn der Tonfall einmal sachlich ist, dann deshalb, weil der Text nur eine umgeschriebene Pressemitteilung ist, bei deren Bearbeitung KI eingesetzt wurde, die keine eigene Haltung kennt.

Die taz ist mittlerweile ein parteiamtliches Organ der Grünen geworden und verbirgt das auch nicht. Mit ausgefallener Themensetzung kann das Blatt keinen Blumentopf mehr gewinnen, weil auch in den anderen Redaktionen inzwischen Parteigänger der Grünen am Ruder sind. Was die taz von diesen nurmehr unterscheidet ist die schamlose Radikalität, mit der sie die vermeintliche Darstellung von Realität einer politischen Agenda unterordnet, die nicht zuletzt auf Umerziehung eingestellt ist.

Ich habe aus Recherchegründen viel Zeit in Archiven verbracht und alte Zeitungen durchgesehen. Medien waren nie neutral. Aber manchmal haben sie es immerhin versucht. Die Bremervörder Zeitung beispielsweise hat sich 1932 bei ihrem Bericht über einen Wahlkampf-Auftritt von Adolf Hitler noch um Zurückhaltung bemüht. Zur selben Zeit war das benachbarte Stader Tageblatt schon seit langem auf nationalsozialistischer Linie und musste gar nicht mehr gleichgeschaltet werden.

Zeitungen als „Instrument der Volkserziehung“ ist ein Artikel in der Bremervörder Zeitung über die Presse im Dritten Reich vom August 2024 überschrieben: „Das Internet setzt der freien Presse zu. Lügen, Parolen, Hetze statt Meinungspluralismus. Als Blaupause erscheint die Gleichschaltung 1933.“ Die Parallele ist allerdings aufdringlich. Bei der taz muss sich nichts mehr ändern, wenn der designierte grüne Führer Robert Habeck Bundeskanzler geworden sein wird.