Die merkwürdige Ehrerbietung für Lavinia Schulz in Hamburg
Solange es öffentliche Hinrichtungen gab, war es üblich, die Delinquenten an der Richtstätte zu verscharren. So verfuhr man auch bei der letzten derartigen Gelegenheit in Harsefeld am 31. Oktober 1842. Archäologen gruben die Gebeine der Giftmörderin Anna Marlena Princk aus, und am 3. September 2021 wurden diese „ehrenvoll“ wieder bestattet, wobei ein Pastor eine Trauerrede hielt. Sogar ein Grabstein wurde aufgestellt.
Als „Rote Lena“ machte die Mörderin in den Medien Furore, die dazu eine Schauerlegende über sie erfanden, die es ebenso wenig gab wie ihr angeblicher Spitzname darauf zurückging, dass die rote Haare hatte, wofür es keinen Beleg gibt. Die Archäologen und ihre medialen Nachplapperer machten sich selbstverständlich nicht die Mühe, die schriftlichen Quellen zu studieren, sondern begnügten sich damit, ihre Wunschvorstellungen zu reproduzieren. Ein Abriss der wahren Geschichte, die ich 1995 recherchierte und erstmals veröffentlichte, findet sich auf diesem Blog → an dieser Stelle.
In Hamburg ist man mit der Ehrerbietung für eine Mörderin noch weiter gegangen und hat ihr eine Gedenktafel und ein Denkmal gewidmet. Wenn Frauen ermordet werden, ist es neuerdings immer und überall ein „Femizid“: Soll heißen, sie werden angeblich getötet, weil sie Frauen sind. (Siehe auch → Das Grab im Gewächshaus.) Wenn Frauen selbst morden wird jedoch ausgiebig nach Entschuldigungen und Ausflüchten gesucht.
Ich nenne Lavinia Schulz eine Mörderin, weil sie das nach den Maßstäben des Strafgesetzbuches war. Auf der erwähnten Gedenktafel hingegen steht: „Am 18. Juni 1924 erschoss Lavinia im Affekt Walter Holdt im Schlaf und dann sich selbst.“ Dass sie „im Affekt“ handelte, ist eine reine Mutmaßung. Kein Wort von ihr über ihre Tat ist überliefert, das diese Annahme stützt.
Dass ihr Ehemann schlief, als sie ihn tötete, erfüllt vielmehr auf klassische Weise das Mordmerkmal der Heimtücke. Hätte Lavinia Schulz sich nicht selbst gerichtet, wäre sie nicht wegen Totschlags „im Affekt“, sondern wegen Mordes angeklagt worden. Dass Walt(h)er Holdt schlief, als sie ihn umbrachte, schließt auch aus, dass das Paar womöglich einen Suizid verabredet hatte. Soweit es Lavinia Schulz betrifft, käme wohl ein erweiterter Suizid in Betracht. Aber die Tat, die sie verübte, bleibt ein Mord.
Dass sich des Kriminalfalls überhaupt erinnert wird, ist der Kunst geschuldet. Das Paar trat als „Maskentänzer“ auf und hatte sich in Hamburg einen gewissen Ruf erworben.
Mit 16 Jahren ging die am 23. Juni 1896 in der Lausitz geborene Lavinia Schulz zum Grafik-Studium nach Berlin. Sie machte die Bekanntschaft von Herwarth Walden. Der Ehemann der Dichterin Else Lasker-Schüler war als Herausgeber der Zeitschrift Sturm und Intendant der Sturmbühne ein Protagonist des Expressionismus.
Lavinia begeisterte sich für den Tanz und wurde von Lothar Schreyer für seine Kampfbühne in Hamburg engagiert. Dort begegnete sie im Herbst 1919 Walter Holdt, einem am 20. Dezember 1899 geborenen Kaufmannssohn.
„Beide wälzten sich auf dem Boden, und schließlich wurde Lavinia von Walter an den Haaren durch die Aula geschleift“, erinnerte sich Lothar Schreyer in seinen Memoiren. Das Bühnen- aus dem ein Liebespaar wurde sprengte die Proben und wurde gefeuert.

Sie bezogen ein Zimmer im Besenbinderhof, dem späteren Gewerkschaftshaus, in dem sie auf engstem Raum lebten und an ihren „Ganzkörpermasken“ arbeiteten. Mit Gips, Draht und Teer verbanden sie Sackleinen und Pappmaché zu seltsamen Gestalten, denen sie Namen gaben wie „Toboggan“, „Kipplefips“ oder „Bibo“.

So spektakulär ihre Auftritte waren, so wenig brachten sie ein. Zum Lebensunterhalt nähte Lavinia Kleider, und Walter half im Geschäft seines Vaters aus. Sie nahmen den Pianisten und Komponisten Hans Heinz Stuckenschmidt als Untermieter auf.
Am 30. August 1921 heirateten sie. Im Sommer 1923 wurde ihr Sohn Hans Heinz geboren. Der Namenspate zog aus. Für seinen Teil der Miete kam der Maler Emil Nolde auf.
Zu Stuckenschmidt sagte Lavinia Schulz einmal: „Entbehrung, Hunger, Kälte, nordische Landschaft mit Sturm, Eis und Katastrophen: Das sei ihre Welt, und darin habe sie sich mit Holdt gefunden.“

Um sieben Uhr morgens am 18. Juni 1924 schoss Lavinia Walter zwei Mal in den Kopf. Sie lief zu den Nachbarn, schrie, sie habe ihren Mann umgebracht und werde sich selbst töten. Dann kehrte sie in die Wohnung zurück und schoss sich selbst in den Kopf. Am nächsten Tag starb sie im Krankenhaus. Ihr Sohn wurde unversehrt neben der Leiche seines Vaters gefunden.

1925 gab es eine Gedenkveranstaltung für die Maskentänzer im Museum für Kunst und Gewerbe. Die Masken wurden eingelagert und blieben bis 1988 vergessen. 1997 wurde eine Sonderausstellung veranstaltet, bei der ich erstmals von dieser → Pitavalgeschichte hörte. Zehn Masken werden inzwischen dauerhaft im Museum präsentiert.

Außer durch eine Tafel am Besenbinderhof wird das Gedenken an Lavinia Schulz im „Garten der Frauen“ auf dem Friedhof Ohlsdorf gepflegt. Sie ist die einzige Mörderin, an die in Hamburg dauerhaft erinnert wird.


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