erschienen in Zeitungen und Zeitschriften

1686
Die Versuche des dänischen Königs Christian V., Hamburg seinem Reich einzuverleiben, führten in der 70.000 Einwohner zählenden Stadt zu Zerwürfnissen zwischen der Bürgerschaft aus 255 Oberalten, Diakonen und Subdiakonen und dem 20-köpfigen Senat, dem die Verwaltung oblag.
Wortführer der Bürgerschaft waren der Reeder Cord/Cordt Jastram, geboren 1634, und der Kaufmann Jeronimo/Hieronymus Snitger oder Schnitger, Jahrgang 1648. Sie beschuldigten Heinrich oder Hinrich Meurer, einen der vier Bürgermeister, der Verschwörung mit dem Statthalter des Kaisers und dem in Celle ansässigen Herzog von Braunschweig-Lüneburg. 1684 wurde Meurer aus der Stadt gejagt.
1686 überzeugte er den Herzog in Celle, Soldaten nach Moorburg, Bergedorf und in die Vierlande zu entsenden. Jastram und Snitger baten Christian V. um Hilfe, der seine Truppen in Altona aufmarschieren ließ.
Jastram und Snitger wurden verhaftet und am 27. September wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Am 4. Oktober wurden sie über den heutigen Steindamm zum Richtplatz außerhalb der Stadtmauern gebracht. Den enthaupteten Leichen wurden die Gedärme entnommen, dann wurden sie gevierteilt.
Die Schädel wurden auf eiserne Stangen gesteckt. Jastrams Kopf stak bis 1712 am Steintor; Snitgers Haupt fiel 1731 von der Stange am Millerntor auf die Straße und wurde entsorgt.
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1704
Johann Mattheson (1681–1764) und Georg Friedrich Händel (1685–1759) waren sich nicht grün. Beide Musiker waren beim 1678 eröffneten Opern-Theatrum unweit des Gänsemarkts engagiert.
Am 5. Dezember 1704 eskalierte der Zwist der Musiker bei einer Vorstellung von Matthesons Oper Die unglückselige Cleopatra. Nachdem der Autor, der selbst die Partie des Antonius sang, den Bühnentod gestorben war, wollte er die Rolle des Dirigenten übernehmen. Den Taktstock aber hielt Händel und wollte ihn nicht hergeben.
Händels Name bedeutet „Streit“ und „Waffengang“. Es gab beides. Mattheson ohrfeigte Händel und forderte ihn zum Duell auf Degen. Der Zweikampf hätte „für uns beide sehr unglücklich hätte ablaufen können“, schrieb Mattheson, „wenn es Gottes Führung nicht so gnädig gefüget, dass mir die Klinge im Stoßen auf einen breiten, metallenen Rockknopf des Gegners zersprungen wäre“.
Zwei Jahre später verließ Händel Hamburg und stieg zum Weltstar auf. Mattheson wurde schwerhörig und musste die Musik aufgeben. Mit Der Vernünftler gab er 1713/14 die erste deutsche Wochenzeitung heraus.
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1767
1767, in seinem 38. Lebensjahr, kam Gotthold Ephraim Lessing nach Hamburg und wurde Dramaturg des neu gegründeten Nationaltheaters am Gänsemarkt. Hier entstand die Hamburgische Dramaturgie, in der 1767/68 Theaterkritiken abgedruckt wurden und die zum Modell späterer Fachzeitschriften wurde. In ihr prägte Lessing das Wort vom „Theater als moralische Anstalt“.
Lessing lernte Eva König kennen, die Gattin eines Kaufmanns und Mutter von vier Kindern. 1769, bevor er eine Reise nach Venedig antrat, sagte König zu Lessing: „Wenn mir etwas Menschliches begegnen sollte, so nehmen Sie sich meiner Frau und der Kinder an.“ Tatsächlich starb König in Italien.
Lessing heiratete Eva am 8. Oktober 1776 in Jork. (→ Dichter im Graben) Die Ehe dauerte nur bis zum Dezember 1777. Eva starb kurz nachdem sie von einem toten Sohn entbunden worden war.
Seit seinem 100. Todestag 1881 thront eine Statue von Lessing auf dem Gänsemarkt. Das Denkmal des Berliner Bildhauers Fritz Schaper zeigt den Dichter in einer Haltung, die gekrönten Häuptern vorbehalten war und von vielen Zeitgenossen als skandalös empfunden wurde.
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1771
Heinrich Carl Schimmelmann war der reichste Mann Europas. Er verdankte sein Vermögen unter anderem der Sklavenarbeit auf Plantagen in der Karibik. Seit 1762 gehörte ihm Wandsbek.
In dem 500 Einwohner zählenden Dorf wurde eine Zeitung gedruckt, die in der Rubrik „Aus Capadocien“ Nachrichten aus Hamburg brachte, die nicht der dortigen Zensur unterlagen, weil Wandsbek im dänischen Holstein lag. Immerhin konnten die Hanseaten den Vertrieb blockieren.
Schimmelmann gründete eine neue Zeitung. Ab dem 1. Januar 1771 erschien vier Mal in der Woche mit vier Seiten in 400 Exemplaren der Wandsbecker Bothe. Einziger Redakteur war der 1740 in Reinfeld geborene Pastorensohn Matthias Claudius. Bis zu seiner Einstellung im Oktober 1775 war der Bothe ein publizistisches Schwergewicht mit Beiträgen der größten Autoren seiner Zeit wie Klopstock, Lessing, Herder und Goethe.
Claudius’ 1779 veröffentlichtes Abendlied („Der Mond ist aufgegangen …“) wurde mehr als 70 Mal vertont. Am bekanntesten ist die 1790 entstandene Melodie von Johann Abraham Peter Schulz. Der „Lieblings-Schriftsteller der Deutschen“, wie ihm eine Hamburger Zeitung nachrief, starb 1815 im Haus seines Schwiegersohns am Jungfernstieg.
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1773
Hamburg „ist ein höchst angenehmer Ort“, fand Georg Christoph Lichtenberg (1742–99): „Alles Vergnügen, was die größte Mannigfaltigkeit schöner Gegenstände, als die schönsten Gärten in voller Blüte, die unabsehbare Menge von Schiffen aller Nationen, gute Gesellschaft, guter Wein und eine gute Tafel gewähren kann, habe ich diese wenigen Tage, die ich, einige andere ausgenommen, unter die schönsten meines Lebens rechne, genossen.“
Der Göttinger Astronom Lichtenberg war seit März 1772 auf einer Vermessungsreise, die ihn über Hannover und Osnabrück im Mai 1773 nach Stade brachte. (→ Lichtenberg in Stade) Mit seinem Feldobservatorium bestimmte er die geografische Position der Städte. Von Stade aus unternahm er mehrfach Ausflüge nach Hamburg.
Sein bevorzugter Aufenthaltsort war das Baumhaus, so benannt nach dem Stamm, der nachts die Zufahrt zum Hafen verschloss. Es befand sich von 1662 bis 1857 ungefähr an der Stelle der heutigen U-Bahn-Station Baumwall. Berühmt war die Aussicht von der Dachterrasse, wo „man hunderte von dreimastigen Schiffen, wovon eines allein seinen Mann in Erstaunen setzen kann, auf einmal sieht“, und „alle Sekunde ein Mensch vorbei ging, also alle Stunde 3660 Menschen mit allerlei Gesichtern, Figuren, Absichten“, wie Lichtenberg notierte.
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1778
In Harburg wollte man einen Einheimischen als Zweiten Bürgermeister, aber die Königliche Regierung in Hannover spielte nicht mit und entsandte im Herbst 1778 Conrad Carl Christian Deneke.
Der gebürtige Kehdinger hatte in Hamburg Theologie und in Jena Jura studiert. Aus Stuttgart, wo er von 1761 bis 1763 Hofrat gewesen war, floh er vor seinen Gläubigern. Als Regierungsrat in Wertheim bei Würzburg sorgte er mit ungenehmigten Dienstreisen für Ärger und damit, dass seine Haushälterin ein Kind von ihm bekam. Nach seiner Entlassung 1771 gab er Gastspiele in Hannover, Göttingen und Wien.
In unzähligen „Resolutionen“ beschwor der Harburger Rat die Regierung, sie von dem ungebetenen Gast zu befreien: Deneke würde „durch seine widersinnige und wüste Lebensart sich selbst und das Amt, so er unwürdig bekleide, prostituieren“ und er habe sich „zum Ekel und Abscheu der Bürgerschaft gemacht“.
Vor elf Uhr war er nicht zu sprechen, weil er noch im Bett lag. Viel Zeit verbrachte er in den einschlägigen Etablissements von Altona und St. Pauli. „Er lebte überaus schmutzig und unflätig“, schrieb der Erste Bürgermeister, „selbst in den heißesten Sommertagen kam der Nachtstuhl nie von seiner Wohnung […] Er schämte sich sogar nicht, selbst die zu ihm kommenden und ihn zu sprechen habenden Leute, auf solchem (dem Nachtstuhl) sitzend vor sich kommen zu lassen, so dass solche beinahe ohnmächtig wieder von ihm kamen“.
Im Januar 1783 schlossen Rat und Regierung einen Kompromiss: Deneke legte sein Amt bei vollen Bezügen nieder, die die Ratskollegen aus eigener Tasche bezahlten. Davon erlöste sie Denekes Tod am 15. Dezember 1783.
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1803
„Deutsche nahet mit Ehrfurcht und mit Liebe der Hülle eures größten Dichters“ steht auf dem Grabstein an der Christianskirche in Hamburg-Ottensen. Als größter Dichter der Deutschen wird der am 2. Juli 1724 in Quedlinburg geborene Friedrich Gottlieb Klopstock heute nicht mehr angesehen.
Im April 1751 lernte er in Hamburg die Kaufmannstochter Margarete „Meta“ Moller kennen. Ihrem Stiefvater gefiel der arme Poet als Schwiegersohn nicht. Die Ehe wurde erst 1754 in Kopenhagen geschlossen, nachdem der dänische König Friedrich V. Klopstocks Leibrente aufgestockt hatte. Schon 1758 starb Meta im Kindbett.
Seit 1771 wohnte Klopstock in Hamburg. 1773 vollendete er sein Hauptwerk: Der „Messias“ umfasst rund 20.000 Verse in 20 Gesängen über Leben und Leiden Jesu Christi.
Seit 1774 war er Mieter einer Nichte von Meta, der Witwe Johanna Elisabeth von Winthem. 1791, mit 67 Jahren, ehelichte er seine 44-Jährige Wirtin. „Die Unsterblichkeit ist ein großer Gedanke“ stand auf der Tafel, die 1822 am Wohnhaus in der Königstraße, der heutigen Poststraße zwischen Rathaus und Gänsemarkt, angebracht wurde. Das Haus wurde 1908 abgerissen.
Hier starb Klopstock am 14. März 1803 mit 78 Jahren. „Ein langes Gefolge von Wagen fremder Gesandten und hamburgischer Bürger, Senatoren, Gelehrte, Kaufleute, Kirchen- und Schullehrer“ folgte am 22. März dem „Leichenkondukt“ zur Grabstätte im damals dänischen Altona.
Sie wurde zum Wallfahrtsort, über den Heinrich Heine 1816 spottete: „Als ich ging nach Ottensen hin / Auf Klopstocks Grab gewesen ich bin. / Viel schmucke und stattliche Menschen dort standen, / Und den Leichenstein mit Blumen umwanden, / Die lächelten sich einander an / Und glaubten Wunders was sie getan.“
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1833
1812 entdeckte Hermann Fürst von Pückler (1785–1871) in England die Landschaftsgärtnerei für sich. Er war an der Gestaltung zahlreicher Parks beteiligt. Sein Hauptwerk war der Garten in seinem Stammsitz in Muskau, durch den die Neiße fließt, die heute die Grenze zu Polen bildet.
Der Globetrotter, der ganz Europa, Afrika und Asien kannte, hielt sich 1823, 1848 und 1851 in Hamburg auf. Als er vom 25. Februar bis 17. März 1833 in einem Gasthof am Jungfernstieg logierte, war er auf Brautschau. Ständig in Geldnot spekulierte er auf die Mitgift der 22-jährigen Bertha Jenisch.
Durch dessen Bruder, den Senator Martin Johann Jenisch, machte Pückler die Bekanntschaft von Baron Caspar von Voght, der auf seinem Gut an der Elbe bei Teufelsbrück einen Landschaftsgarten angelegt hatte. 1828 übernahm Jenisch das Anwesen. Die Villa in dem heute nach ihm benannten Park war zur Zeit von Pücklers Besuch gerade im Bau.
Jenischs Ehefrau, die 31-jährige Fanny, war von Pückler sehr angetan. „Die Jenischs beten mich an, und die Frau ist in wahrer Ekstase“, schrieb der Fürst. Seine Aussichten auf die Heirat mit Bertha zerschlugen sich. „Generell verlasse ich Hamburg sehr ungern“, notierte er, „aber ich muss.“
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1845
Johann Georg Heise, Herausgeber des Politischen Journals, beleuchtete bereits seit 1817 sein Privathaus statt mit Kerzen durch das bei der Destillation von Kohle gewonnene Stadtgas. Immer wieder wurde er beim Senat vorstellig, Gaslicht in der ganzen Stadt zu nutzen.
Doch Bewegung kam in die Sache erst, als nach dem Großen Brand vom Mai 1842 die Infrastruktur neu errichtet werden musste. 1843 beschloss der Senat die „Gas-Straßenerleuchtung mittels Röhrengas“, im Jahr darauf wurde die „Gas-Compagnie“ gegründet. Am 4. Oktober 1845 brannten die ersten Gas-Laternen in den Straßen.
Einen Monat später wurde es schon wieder dunkel: Ein Hochwasser hatte die Anlagen zur Gaserzeugung auf dem Grasbrook zerstört. Als Retter fungierte William Lindley (1808–1900), ein Ingenieur aus London, wo bereits seit 1807 die Straßen von Gaslicht erhellt wurden.
Lindley war bereits damit betraut, die Wasserversorgung zu modernisieren. Er ließ das Gaswerk auf mehr als 12.000 Rammpfähle aus armiertem Beton setzen, um es gegen erneute Überflutung zu sichern.
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1860
Albrecht Roscher wurde am 27. August 1836 als Sohn eines Kaufmanns in damals dänischen Ottensen geboren. Er studierte Naturwissenschaften, orientalische Sprachen, Geographie und Medizin in Leipzig und promovierte mit 21 Jahren.
Roscher wollte die Quelle des Nils entdecken. Ein Stipendium des bayrischen Königs Maximilian II. und Geld vom Hamburger Senat, von Kaufleuten und Bankiers ermöglichten ihm im Sommer 1858 die Seefahrt auf die ostafrikanische Insel Sansibar. Dort erfuhr er, dass zwei Briten bereits die Nilquelle lokalisiert hatten.
Roscher betrieb botanische Studien; eine Orchideen- und eine Palmenart wurden nach ihm benannt. Im Frühjahr 1859 bereiste er die Küste des heutigen Tansania, erkrankte an Malaria und kehrte zurück nach Sansibar.
Am 25. August brach er zum Malawisee auf, indem er sich einer arabischen Sklavenkarawane anschloss. Halbtot erreichte er am 20. Oktober das Ostufer des Sees. Am 17. März 1860 verließ er mit zwei Dienern und zwei Trägern den See.
In der Nacht vom 19. auf den 20. März wurde Roscher von Pfeilen in Brust und Hals tödlich getroffen. Seine Mörder gehörten vermutlich zu den Sklavenhändlern, mit denen er gereist war, die fürchteten, er würde ihre Transportroute verraten. Roschers Leiche, seine wissenschaftlichen Aufzeichnungen und Tagebücher sind verschwunden.
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1881
Um acht Uhr morgens am Karsamstag, den 16. April 1881, versammelten sich Postdirektoren und Redakteure am Alten Wall 26, wo die Zeitungen Hamburgischer Correspondent und Hamburgische Börsenhalle entstanden. Sie weihten die Fernsprechstelle Nummer 1 ein.
Die erste Hamburger Telefonleitung verband mit den keine 100 Meter entfernten Geschäftsräumen der „Aktiengesellschaft Neue Börsenhalle“ in der Handelskammer. Das erste durch das Telefon übertragene Gespräch war ein Gesang, vorgetragen vom Opernsänger Eugen Gura.
Zu den ersten 96 „Abonnenten“ zählten die Reederei HAPAG sowie die Firmen Sloman und Laeisz. Telefonie war zunächst eine Angelegenheit der „Geschäftswelt“. Sie breitete sich rasch aus. Ende 1881 versorgte ein 920 Kilometer langes Leitungsnetz 478 Anschlüsse. Zwei Jahre später umfasste es 1693 Kilometer und 1129 Anschlüsse.
Die ersten frei zugänglichen „Sprechzellen“ wurden im Juni 1881 in der Börse installiert, aber Ende des Jahres wieder geschlossen, weil sie kaum genutzt wurden. Seit 1899 gab es „Münzfernsprecher“.
Von 1947 bis 1994 prägte das postgelbe „Fernsprechhäuschen“ das Stadtbild. Die Telekom als Nachfolgerin der Bundespost unterhielt in der Spitze bundesweit 160.000 Zellen, die allmählich durch Stelen mit und ohne Witterungsschutz abgelöst wurden. Zuletzt waren es noch 12.000. Die endgültige Abschaltung erfolgte im Januar 2023. (→ Die Spur der Telefonzelle)
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1905
Als Hebamme hatte Elisabeth Wiese Berufsverbot, nachdem sie als „Engelmacherin“ Abtreibungen vorgenommen hatte. Ihr neues Geschäft wurde die Aufnahme von Pflegekindern gegen eine Vermittlungsgebühr und monatliches Kostgeld.
Tatsächlich tötete sie die Kinder in ihrer Wohnung in der heutigen Hein-Hoyer-Straße. Wie viele es waren, blieb unklar. Leichen wurde nie gefunden. Für vier Morde stand die 54-Jährige im Oktober 1904 vor Gericht.
Einen fünften Mord sollte sie an ihrem eigenen Enkelkind begangen haben. Es war die Frucht der Prostitution, zu der sie ihre uneheliche Tochter gezwungen hatte.
Es wurde debattiert, ob man überhaupt eine Frau hinrichten dürfe. Noch auf der Guillotine am 2. Februar 1905 beteuerte Elisabeth Wiese ihre Unschuld.
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1906
„Sie haben ja blutige Hände“, sprach der Schaffner am Sonnabend, den 10. November 1906, im Bahnhof Klein Flottbek einen jungen Mann an, der aus dem Zug von Altona ausgestiegen war. „Ich habe Nasenbluten gehabt“, erwiderte der Fahrgast.
Im nämlichen Zug wurde an der Endstation Blankenese die Leiche des Zahnarztes Dr. Friedrich Claußen entdeckt. Fünf Beilhiebe auf den Kopf hatten ihn getötet.
Die Beschreibung, die der Schaffner von dem Mann mit den blutigen Händen gab, wurde in Umlauf gebracht. Am folgenden Dienstag erschien die Polizei beim Ehepaar Kossmann in einer heute verschwundenen Straße nahe der Großen Bergstraße in Altona und nahm den Untermieter fest, den 17-jährigen Thomas Konstantin Rücker. Bei ihm fanden sie die goldene Taschenuhr von Dr. Claußen.

Rücker war ein arbeitsloser Gärtner. Er hungerte und lieh sich von seiner Wirtin eine Mark – nicht für Essen, sondern ein Billett. Im Zug nach Blankenese erwartete er reiche Passagiere, die er ausrauben könnte.
Der „Axtmörder im Eisenbahn-Coupé“ stand im Januar 1907 vor Gericht. Nach Jugendrecht war die Höchststrafe nicht der Tod, sondern betrug die 15 Jahre Gefängnis, die über Rücker verhängt wurden. Unbeknannt ist, was nach seiner vorzeitigen Entlassung im Juli 1918 aus ihm wurde.
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1912
Im selben Jahr 1912, als sein Praktisches Handbuch der deutschen Polizei erschien, wurde der 60-jährige Gustav Roscher der erste Polizeipräsident von Hamburg. Tatsächlich war er bereits seit 1900 als Polizeidirektor der Chef der Ordnungshüter, seine Stelle wurde lediglich umbenannt.
Die 1814 geschaffene „Polizey“ hatte ihr Hauptquartier bis zur Bombardierung 1943 im Stadthaus am Neuen Wall. Dort arbeitete Roscher seit 1893 als für die Kriminalpolizei und die Politische Polizei zuständiger Rat. Der promovierte Jurist aus Elze bei Hannover war 1889 als Staatsanwalt nach Hamburg gekommen.
Er brachte die 1875 gegründete Kriminalpolizei auf den neuesten Stand von Wissenschaft und Technik. Das von ihm eingerichtete „Erkennungsamt“ setzte erstmals in Deutschland die „Bertillonage“ ein. Alphonse Bertillon hatte um 1880 für die Pariser Polizei ein System zur Identifikation von Straftätern entwickelt. Ab 1903 wurden in Hamburg dafür Fingerabdrücke verwendet.
Unter Roscher erlangte die Hamburger Polizei Weltruf. Sie war vorbildlich bei der Nutzung der Fotografie in der Ermittlungsarbeit. Roscher vernetzte die Polizeireviere durch das Telefon und stattete seine Beamten mit Dienstfahrrädern aus. 1893 eröffnete er das älteste deutsche Kriminalmuseum. Roscher starb am Heiligabend 1915.
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1914
Der Schriftsteller Arno Schmidt kam am 18. Januar 1914 in Hamburg als Sohn eines Polizeioberwachtmeisters zur Welt. „Ein Elfenkind: ach, wär ich doch eins, und nicht Rumpffsweg 27, II. geboren, von konkreten Eltern (heißt ‚concrete‘ nicht Zement?)“. So steht es im Roman Brand’s Haide.
„Man müßt’ tatsächlich den Begriff der ‚mißratnen Eltern‘ einführen“, schlug Schmidt vor. Wie schlecht er sah, bemerkten seine Eltern; es fiel erst in der Volksschule auf: „Ich hatte, 6 Jahre lang, eine gewisse Abgesperrtheit von der Außenwelt erfahren.“
Der Vater setzte Prügel zur Erziehung ein. Auf ihn ging aber auch Schmidts lebenslange Faszination für die fantastischen Reiseerzählungen von Jules Verne und Karl May zurück.
Schmidt schrieb, „daß ‚mein‘ Hamburg nichts mit der gängijen Vorstellung des Reisenden, oder der des hunderprozentijen Hambürgers, zu tun hat: Hafen, Alster, Rathausmarkt, City=allgemein – (obwohl ich das selbstrednd auch geseh’n habe!) – waren für mich Nebensache, unbedeutend, ein selten erblickter lärmender Rand.“ Sein Hamburg waren die „Dumpfheit und Armut“ von Hamm.
Sein Geburtshaus lag in „Unten-Hamm“. Nördlich der Hammer Landstraße auf einem Geestrücken befand sich „Oben-Hamm“. Unten wohnten vornehmlich Arbeiter, oben befanden sich Villen wie die des „Guano-Königs“ Heinrich von Ohlendorff und der Hammer Park der Familie Sieveking.
1928, nachdem der Vater gestorben war, verließ die Mutter mit den Kindern Hamburg. Schmidts erstes Buch, Leviathan, erschien 1949. Seit 1958 lebte er mit seiner Frau Alice im niedersächsischen Bargfeld. Schmidt starb am 3. Juni 1979 durch einen Schlaganfall im Krankenhaus von Celle.
Am Haus Rumpffsweg 27 hängt zwar eine Gedenktafel. Aber das Gebäude stammt von 1956. Hamm wurde bei den britischen Bombardements im Juli und August 1943 nahezu komplett zerstört.
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1919
Am 26. Mai 1919 fand in der Hauptkirche St. Michaelis eine wahrhaftige Operettenhochzeit statt. Vermählt wurden der Fürst Siegfried Egor von Schliewen und Regina Harre, die als Sängerin in der Volksoper am Millerntorplatz auftrat. Doch bei der Feier im „Hotel Europa“ an der Kirchenallee wurde der Bräutigam verhaftet. Schon am 21. Mai hatten zwei Kriminalbeamte ihn nach einem Hinweis vom Hotelpersonal unter die Lupe genommen und danach Steckbriefe gewälzt.
Der Hochadelige war in Wahrheit ein Unteroffizier Jentsch, der bei den Truppen im Baltikum 50.000 Mark aus der Regimentskasse erschwindelt hatte. Und auch Jentsch war eine Täuschung. Der Delinquent hieß tatsächlich Otto Merkel, war 27 Jahre alt, wegen Unterschlagung und Betrug vorbestraft und wurde als Deserteur gesucht.
Unterdessen herrschte in Hamburg Hunger. Am 23. Juni kam es um eine Fabrik in der Kleinen Reichenstraße zu Unruhen über die „Heil’sche Delikatesssülze“. Ein Mob belagerte das Rathaus; es gab Tote. Unter den Gefangenen, die aus der Untersuchungshaftanstalt am Holstenglacis befreit wurden, war Merkel. Er tauchte als „Oberleutnant Petzel“ bei der Reichswehr unter, als diese einmarschierte. Um die 80 Menschen kamen bei der „Sülze-Revolution“ um.
Schon im Juli hatte der „Fürst von Schliewen“ wieder einen Auftritt. Als er in einem Gasthof in Bergedorf verhaftet wurde, setzte der Hochstapler einen Revolver ein. Das letzte amtliche Lebenszeichen von ihm ist seine vorzeitige Haftentlassung wegen guter Führung zum 31. Dezember 1927.
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1920
Über 1000 Menschen kamen ums Leben, als der Verwaltungsbeamte Wolfgang Kapp und des Reichswehr-Generals Walther von Lüttwitz zwischen dem 13. bis 17. März 1920 einen Putsch gegen die von der SPD geführte Reichsregierung versuchten. Vor allem in Berlin und im Ruhrgebiet, aber auch in Altona und Harburg wurde gekämpft.
Eines der Freikorps, die zur Niederschlagung der Revolution von 1918/19 gebildet worden waren und danach im Baltikum gegen die sowjetische Armee antraten, marschierte in Harburg ein. Die 600 Mann unter Führung des 28-jährigen Hauptmanns Rudolf Berthold, der mit 44 Abschüssen als „Fliegerheld“ des Ersten Weltkriegs galt, hatten am Abend des 14. März in Stade einen Zug gekapert.
Sie besetzten eine Mittelschule in Heimfeld und wurden von der Einwohnerwehr belagert. Nach 18 Stunden mit Scharmützeln gab Berthold auf. Ihm war freier Abzug zugesichert worden. Als aber das Freikorps gegen 18 Uhr am 15. März die Schule verließ, fielen Schüsse. Acht von Bertholds Männern wurden erstochen, erhängt oder zu Tode getreten.
Der Hauptmann selbst wurde in eine Gastwirtschaft geschleppt, gefoltert und schließlich mit seiner eigenen Pistole erschossen. Trotz jahrelanger umfangreicher Ermittlungen in der „Mordsache“ konnte die Justiz keinen Schuldigen finden. Nationalsozialisten wie Kommunisten strickten Legenden um den „Harburger Blutmontag“. (→ Massaker in Heimfeld)
→ BILDER AUS HAMBURGS GESCHICHTE II ● 1921 bis 1978

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