Nachdenken über einen Neonazi

Meine Bilanz der gegenwärtigen Geschichte des Nationalsozialismus, für die Zog Sux ein Prototyp ist, gestaltete ich als Graphic Essay. Als Vorlage für die Zeichnungen kramte ich die Fotosequenz meiner ersten Begegnung mit ihm hervor: der 22-Jährige wird in Handschellen von einem Justizwachtmeister durch einen schmalen schummrigen Korridor zum Sitzungssaal geführt.

Bei Abdrucken in Zeitungen wurde ihm ein schwarzer Balken vor die Augen verpasst. Das betrog die Leser um einen Eindruck, der missverständlich gewesen wäre. „Lars RaunijaR“, wie er auch genannt werden wollte, stellte schließlich den Bösen nicht nur dar, sondern versuchte, einer zu sein. Darüber schrieb ich, das sollte durch das Foto illustriert werden.

Doch in den Augen auf meinen Aufnahmen steht Angst. Auch Hochmut und Trotz und das Bemühen, wie später noch ein paar Mal, mich nieder zu starren. Vor allem aber sind es traurige Augen. Als habe er gerade noch geweint.

Das „Reifedefizit“, das die Justiz einschlägigen Delinquenten ohne Ansehen der Person zugute hielt, war auf den Fotos dessen, den ich als Beispiel gegen diese Vorgehensweise anführte, deutlich zu sehen.

Sein Babyface, das sich noch auf den im Web verfügbaren neueren Bildern zeigt, täuschte. Kein Foto gibt den Eindruck wieder, den er auf die Jünglinge in seinem Umfeld gemacht haben muss. Gewicht verschaffte ihm seine Beredsamkeit. Dass er Pläne schmiedete und Strategien entwarf. Unter den braunen Banditen ging er als Denker durch.

Lebensthema Hass

Als er gerade eine Strafkammer des Landgerichts mit der Aussteiger-Nummer hinters Licht führte, las ich Briefe, die er kurz zuvor aus der Haft versandt hatte.

Er war ein eifriger Schreiber, und seine Richter hätten seinen Namen auf der Kontaktliste der inzwischen verbotenen Hilfsgemeinschaft Nationaler Gefangener lesen können.

Die Briefe waren auf den selben Wut-Ton gestimmt wie später seine Musik. Auffällig die Inbrunst seines Antisemitismus. Keine Ausbrüche von Hassformeln, sondern mehrere Seiten Argumentation.

Das Thema seines Lebens; noch im Mai 2014 zitierte ihn Anton Maegerle in der Jüdischen Allgemeinen dazu heran. Umso bemerkenswerter die Dürftigkeit der Anschauung, auf das es gegründet ist.

Jüdisches Fabelwesen

Über Juden habe ich ihn nie herziehen gehört – wie kaum je einen Neonazi. Die wissen schon, wann sie sich auf die Zunge beißen müssen. Bei PEGIDA, AfD und auf facebook ist man freimütiger als NPD-Funktionäre wagen dürfen, ohne dass nach dem Staatsanwalt gerufen wird.

Allerdings habe ich Zog Sux unverblümt über Schwarze und Türken reden gehört – was wiederum viele andere als nur Neonazis tun. Wie sie bezog er sich, wie auch immer, auf Personen, die er kennen konnte.

Sein Hass auf Juden, den er lediglich verbal in kleinem Kreis und brieflich sowie durch die Schändung von Mahnmalen ausdrücken konnte und nicht durch Körperverletzung, war von anderer Art: chimärisch.

Meinem Gewährsmann für die Briefe musste die Abstraktheit des Hasses noch deutlicher gewesen sein. Er kannte sich mit Geschichte und Gegenwart des Judentums in der Stadt, in der Zog Sux seine ersten zwei Jahrzehnte verbrachte, besonders gut aus.

Hat nie viele Juden gegeben, wurden nicht viele deportiert, leben heute praktisch keine in der ganzen Gegend. Das bisschen vermeintliche Realität, auf das sich der sonstige Fremdenhass berufen kann, fehlte völlig. Die einzigen Juden, die man kannte, waren die „Marktjuden“, und das sollen in Wahrheit Zigeuner gewesen sein.

Erbschaft der Zeit

Hauptquelle der Überzeugungen von Zog Sux war dem Vernehmen nach kein Parteimilieu, keine Lektüre oder ein Film, sondern der Großvater, der zur NS-Zeit Kind war. Mehr als dessen Kenntnisse aus zweiter Hand brauchte die Falle nicht zum Einschnappen. Der Antisemitismus ist selbst ein bedingter Reflex, der auf geringste Anlässe anspringt.

Einen instinktiven Antisemiten aus der Generation des Großvaters von Zog Sux kannte ich sehr gut. Bei Kriegsende war er 13 und ein Nazi, so gut er konnte. Sobald sich später Gelegenheit ergab, fiel ihm etwas Abträgliches zu Juden ein.

Abgesehen davon, dass ich den Zusammenhang nie begriff, fand ich die Mischung aus Hass und Bewunderung in den Ausbrüchen markant – die gleich wieder verstummten, weil man das ja nicht laut sagen dürfe. Als hätten die Juden etwas besser gemacht, in dem man selbst versagt hatte. Als hätten sie den Krieg – denn um den schien es zu gehen – doch noch gewonnen.

Ich rede von den 1960ern, als ich von der Shoah keinen Schimmer hatte und darüber weniger laut gesprochen wurde, als es den Nachgeborenen mittlerweile glauben gemacht wird, und lange bevor ich einer leibhaftigen Jüdin begegnet sein würde.

Es war mein Vater, der über Juden schimpfte. Bevor ich dazu gekommen wäre, über Antisemitismus nachzudenken, hat mich sein bedingter Reflex misstrauisch gemacht.

Inzwischen gibt es Bücher über das, was die Generation meiner Eltern verdrängt hat: Kriegs- und Fluchttraumata. Die Erbschaft des Judenhasses kommt in den populären Abhandlungen nicht vor. Bei meinem Vater war er weniger tief vergraben als die Verletzungen, von denen dort die Rede ist. Nach Flucht und Vertreibung musste ich fragen; von „den Juden“ hörte ich stets ungefragt.

So viel dazu, wie trübe die Quellen sind, aus denen sich lebenslange Überzeugungen bilden können.

Geist der Zeit

Als Zog Sux Briefe schrieb und Überfälle beging, gab es für Besorgnis und Erregung über Juden oder Asylbewerber so wenig echten Anlass vor der Haustür wie heute.

Das „Reifedefizit“, das die Juristen einer Generation Neonazis nach der anderen, spätestens seit den 1980ern, zur Entschuldigung aufsschrieben, ist mehr als das Symptom einer männlichen Adoleszenzkrise. Anders als die Sozialpsychologen eben so lange diagnostiziert haben, ist Nationalsozialismus keine Jugendsubkultur, keine Strömung, die mit der Zeit vergeht.

Auf Zog Sux kann ich einen abschließenden Blick werfen. Einen Alters- und Gesinnungsgenossen, den ich fast so lange kenne, einen seiner Nachfolger als regionaler Anführer, habe ich unlängst wohl nicht zum letzten Mal getroffen. Mein Graphic Essay über die Gegenwart des Nationalsozialismus schließt mit einem Bild des von ihm geleiteten Aufmarsches hinter dem Transparent „Volkswillen umsetzen“.

Auch er hat Kinder. Keine sechs oder sieben; das kann noch werden. Seine Heirat wurde am „Tag der Liebe“, dem 12.12.12 von der Lokalzeitung mit der Titelzeile „Wir sind Gothic!“ annonciert. Dass er zur gleichen Zeit Wahlkampf als Landtagskandidat der NPD machte, wurde dem Publikum vorenthalten. Inzwischen nimmt er ein Mandat im Gemeinderat wahr.

Wie zu den Zeiten, als Zog Sux hier sein Revier hatte, wird Versteck gespielt. Manches werden die (noch minderjährigen) Kinder nicht über ihre Väter lesen müssen, wenn sie die Namen in ein Formular tippen.

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