Nachdenken über einen Neonazi

Dieser Tage wurde ich an Zog Sux erinnert. Als ich vor einem Jahr von seinem Tod mit 38 hörte, hatte ich gerade begonnen, meine Auseinandersetzungen mit Geschichte und Gegenwart des Nationalsozialismus zu bilanzieren. Zog Sux kommt darin vor als erster Neonazi, mit dessen Schicksal und Charakter ich mich eingehend befasst habe. Einiges an den Erlebnissen und Erfahrungen mit ihm ist typisch.

Nach „Zionist Occupied Government“ (einer Formel für „jüdische Weltverschwörung“) und „sucks“ nannte er sich selbst. Ein Name wie ein Fluch; angeblich im Knast verliehen. Sein Spinnennetz-Tattoo auf dem Unterarm zeigte er gern. Vom Hakenkreuz auf dem Rücken habe ich nur gehört, dass er damit renommierte, als es in einem Prozess zur Sprache kam. (Die eigenen Kameraden hatten ihm das Jochbein gebrochen.)

Das Gesellenstück

Schlagzeilen machte er 1999 (ohne beim Namen genannt zu werden) mit dem Angriff auf das Gemeindehaus von Kutenholz-Aspe, in dem Bürgerkriegsflüchtlinge aus Sierra Leone untergebracht waren. Sein Trupp von acht bis zehn Mann war mit Schlagstöcken, Sturmmasken und einer Gaspistole ausgerüstet.

Weil die Bewohner mit dem Schrecken und leichten Blessuren davon kamen (drei sprangen aus dem Fenster im ersten Stock; einer blieb unter dem Bett unentdeckt), hielt sich das Aufsehen in Grenzen.

Bis dahin hatten die politischen Verbindungen seines Vaters und der allgemeine Anstand die Rolle vertuscht, die Zog Sux unter den Neonazis im Elbe-Weser-Dreieck zwischen Hamburg und Bremen zu spielen begann.

Polizei, Politik und Presse verschleierten nach Kräften, und die Justiz setzte eins drauf: „Nur ein Rabauke!“ Motive und Planung der Tat durften Zog Sux und seine Kameraden vor Gericht hinter der „Bierlaune“ verstecken, in der sie gehandelt haben wollten.

Keine Rede von Rassismus oder der sieben Jahre zurück reichenden Geschichte der Bande. Der Bürgermeistersohn aus Bremervörde wurde mit einem „Reifedefizit“ entschuldigt: der Neonazismus wächst sich aus, wurde ihm prognostiziert.

Tat er, anders als gemeint. Zog Sux hinterlässt – je nach Quelle und Zeitpunkt der Information – sechs oder sieben Kinder.

Ballade vom Aussteiger

„Ich habe mich zurückgezogen“, erklärte Zog Sux im Prozess um sein Gesellenstück. „Mitläufer“ nannte sich ein anderer Angeklagter. Ein dritter gehörte vor vielen Jahren zur braunen Szene, aber schon lange nicht mehr. Zwei weitere wollten damit nie zu tun gehabt haben. Tiefere Einblicke in den organisatorischen Hintergrund der Tat gestattete sich die Justiz nicht.

Einer der Verteidiger war NPD-Landesvorsitzender gewesen und im „Bückeburg-Prozess“ engagiert, in dem 1978/79 die Hamburger Aktionsfront Nationaler Sozialisten als erste Neonazi-Bande nach den ursprünglich für die Rote Armee Fraktion gedachten Anti-Terror-Gesetzen angeklagt wurde.

Die Tiraden gegen Türken und Verharmlosungen des Dritten Reichs, die der Anwalt als Bundestagskandidat äußerte, wurden von der Lokalzeitung verbreitet, und er war gut integriert am Gerichtsort. Zu seiner Elf-Uhr-Runde aus Juristen in einem Café unweit des Justizgebaudes zählte ein Staatsanwalt, der mir Zog Sux als „Rowdy“ und „Rabauke“ vorgestellt hatte.

Der Verfassungsschutz steckte mir, was die Anklagebehörde nicht hatte wissen wollen: außer Zog Sux waren noch drei Angeklagte NPD-Mitglieder. Später vernahm ich, dass sie zum Überfall von einer Parteiversammlung aufgebrochen waren: „Wir müssen dann mal weg! Wir haben noch was vor.“

Nichts davon gelangte in die Unterlagen zum 2003 gescheiterten NPD-Verbotsverfahren oder könnte in dem vorgetragen werden, das (tatsächlich!) noch anhängig ist.

Aryan Brotherhood

„Es ist geil, ein Arschloch zu sein“, bekannte Zog Sux 2007. „Ich bin viel schlimmer, als alle anderen behaupten.“

Mehrfach gab er sich als geläutert aus, um eine mildere Strafe zu erwirken. Er hatte Erfolg damit und setzte sowohl seine kriminelle wie politische Karriere fort. Als er einmal die Justiz mit seiner Abkehr vom Neonazismus narrte trug er ein T-shirt der Marke Lonsdale, das der Buchstabenfolge NSDA wegen als Gesinnungsausweis genutzt wurde.

An einem anderen Gerichtsort stach die Aussteiger-Karte zwar nicht mehr. Hingegen wusste man in Hannover nichts von seiner Vergangenheit als Anführer und unterschätzte seine Rolle bei der Schändung eines Mahnmals. Parteipolitische Verbindungen wurden wie gehabt ignoriert.

Durch eine Kontaktanzeige im noch frischen Internet lockte er einen Türken als „Überraschungsgast“ auf eine Skinhead-Party. Diese Tat wurde geahndet. In anderen Fällen, bei denen Spuren zu Zog Sux führten, bekundete die Polizei, über keinerlei Ermittlungsansätze zu verfügen.

Die Vorgänge, die keine Beziehung zum neonazistischen Netzwerk haben sollten, tauchen dementsprechend auch in den Statistiken zum „Rechtsextremismus“ nicht auf, mit denen Politik und Medien operieren. Darunter die meisten bekannten Straftaten, die von den Gangs begangen wurden, die Zog Sux gegründet hatte und sich Bomber nannten.

Als die Kameradschaft Aachener Land, mit der er 2005/06 verkehrt haben soll, 2012 förmlich verboten wurde, wohnte Zog Sux längst in Schleswig-Holstein und trat als Musiker auf. Zur Gitarre sang er „Weisse Musik“(!) mit Titeln wie Viva la muerte, Weisse Brüder und Knast.

Schwergewicht

Meine letzte verlässliche Nachricht von ihm betrifft den 1. Mai 2012, als die Behörden einen NPD-Aufmarsch in Neumünster unterbanden. Unter Polizeibedeckung saß Zog Sux eine Weile mit einem NPD-Funktionär aus Niederdeutschland beisammen, dem er als Bandenführer Konkurrenz gemacht hatte und der ihn herzlich verachtete.

Die Beleidigung, mit der er Zog Sux bedachte, als er mir davon erzählte, wiederhole ich nicht; sie galt der Gestalt. Seine Statur kommt allerdings in Betracht bei der Rolle, die Zog Sux unter seinen Kameraden spielte.

Etwa bei der Begehung der von ihm arrangierten Angriffe. Korpulent wie er war, überließ er anderen das Rennen, blieb im Auto oder an der Türschwelle und hielt sich im Hintergrund. Als es darum ging, die verbliebenen Bewohner des Gemeindehauses in Kutenholz nach dem Überfall einzuschüchtern, gab er den Chauffeur, und ein Kamerad stieg zum Brüllen aus.

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