Gesprächsfetzen flatterten auf, gegen die Wände, hingen unter der Decke wie Mobiles, kreisten und erstickten im Rauch. Das TV flackerte stumm, ein Bilderkamin. Der Kühlschrank sprang an und spielte John Cage.

Dusks Zimmer mit Kochnische und unbeleuchteter Toilette ohne Bad war eine Leerstelle. Apartment: weniger als eine Wohnung, eigener als ein Hotelzimmer; es könnte nirgendwo sein oder überall. Es gab gleiche, anderswo. In der Anonymität des Apartments war eine Art Heimat verborgen. Der Kühlschrank brummte Cage, der Käfig.

War Dusk daheim, war er nie allein. Als Richert eintraf, war das Zimmer von Gästen besetzt. Dusk war fort, Drogen beschaffen. Dealen deckte seinen Eigenbedarf an schizzosacharomyces pombe, kurz Schizzo, ein Pilzsekt, der vierzig Jahre vorher bei der italienischen Schickeria in Mode war, bis er in Krebsverdacht geriet: Der Pilz in der Ballonflasche verdaut Zucker und Hefe und scheidet den Wein ab.

Richert rechtfertigte seinen Drogengebrauch mit der Kunst. Wie sie enthüllte und verschleierte das Rauschmittel. Um Illusionen zu weben, „jene Art Tüll, die man Illusionstüll nennt“, zitierte er Barbey d‘Aurevilly, muss erst entblößt, bis auf das blanke Skelett freigelegt werden. Doch statt brav am Schreibtisch Verse zu knitteln, knüpfte er Knoten ins Straßennetz und leuchtete Nachtwinkel aus, in denen die Dinge unter sich waren.

Das TV klärte auf mit Standfotos vom guten Onkel Fabre, den Kopf in die Hände gestützt wie ein Denkmal, stunden-, tagelang das Treiben der Insekten im Terrarium beobachtend, das Laboratorium im weißen Haus in Südfrankreich, der Garten, die Spinnenfäden.

„Eine der verbreitetsten Ameisenarten“, belehrte eine Stimme, „die formica sanguinea, die mit Gier die stinkenden, aus fetten Ölen gebildeten Ausscheidungen der Unterleibsdrüsen eines kleinen Käfers, lochemusa strumosa, aufleckte. Die Ameisen nahmen die Larven des Käfers mit in ihr Nest und nährten sie mit soviel Sorgfalt, dass sie darüber fast die eigenen vernachlässigten. Bald darauf verschlangen die Larven der lochemusa die Brut der Ameisen. Die schlecht versorgten Ameisenköniginnen erzeugten nur noch unfruchtbare Pseudoweibchen. Der Ameisenhaufen ging zugrunde und verschwand.“

„Parasit“, kommentierte Linus Wieder, der ewige Student der Sprachwissenschaften, „ist etymologisch ein Gast, der die Gastfreundschaft missbraucht, ein unvermeidliches Tier und die Störung einer Nachricht.“

Wieder trug Springerstiefel zu Uniformhosen in oliv, vom schmalen Schädel stachen blonde Stoppeln. Er war nie beim Militär gewesen, seine Kleidung begründete er mit der Vorahnung des Bürgerkriegs. Nach dem Einwurf fütterte er das Videospiel auf seinen Knien weiter mit Aufmerksamkeit.

Das Layout: Raumfahrer auf einem fremden Stern. Farben, Höhe, Tempo, Isometrie, Flugwinkel des Fahrzeugs, Treibstoff, Punktzahl sind die sieben Sinne des Spielers. Türen werden aufgerissen und zugeknallt, Hallen und Flure, Sackgassen und Schatzkammern, ein Labyrinth.

Eine Grenze ist der Chef, von dem man gegen Punktabzug Anweisungen erhält; Minotaurus die Tür mit dem Totenkopf: dahinter der freie Fall. Der Monitor crasht kurz schwarz auf, dann zeigten alle Sinne 000 000 0.

Edgar, ein schlaksiger Jüngling, die Augen im Schatten einer Schirmmütze, beugte sich aufs Stichwort zu Richert und legte seine Lieblingsvision dar: Die globale Verschwörung, angezettelt von Außerirdischen, deren Interesse der Uran-Abbau und die Plutonium-Herstellung seien, die sie mittels Alkoholismus, Fleischfressen und Feuer im Bewusstsein der Menschheit installiert hätten.

Die termitenähnlichen Wesen vom Roten Stern seien Prometheus gewesen, der das Feuer für die Menschen entfachte, wodurch ihr Lehm gebrannt wurde und sie sich für dauerhaft hielten. Also schonten sie sich nicht, kümmerten sich nicht um Radioaktivität. In einem gigantischen Raumschiff, menschlichen Augen und Instrumenten unsichtbar, wachten die Überwesen vom Roten Stern darüber, dass die Menschen ordentlich viel Plutonium heranschafften, das die Termiten für ihre Verdauung brauchten.

Edgar zog eine Streichholzschachtel auf, in der er ihr Emblem aufbewahrte, ein gelbes, auf LSD-Blättchen geklebtes, lachendes Gesicht.

„Dein Zug“, unterbrach ihn Praeter Q., und Richert wandte sich dem Schachbrett zu. Auf e4 war ein Springer stehengeblieben wie tabu, den Praeter seit vier oder fünf Zügen nicht schlug.

Der kleine Mann mit dem Marionettengesicht – Augen, Nase, Mund, Ohren grob und so groß geschnitzt, dass sie in der hintersten Theaterreihe sichtbar waren – bezeichnete sich als Filmemacher. Sein Werk bestand aus grauen Blättern: Konzepten für Einzelsequenzen, mit denen er auf Vernissagen und in Kinofoyers hausieren ging. In Schuhkartons mit Gucklöchern arrangierte er außerdem Abfall zu Alptraumlandschaften.

Edgar schenkte aus der Schizzo-Flasche nach.

„Das Neueste sind Mind Machines, Hirnfrequenzbrillen“, sprach Praeter Wieder an. „Computergesteuerte Lichtimpulse simulieren dir ein Meeresrauschen, das dein kollektives Unbewusstes durchspült. Tiefenreines Es zum Schalten, Stöpseln, Vernetzen. Conncetions für alle Gelegenheiten, die Orgon-Box an der Gürtelschnalle. Man wird die Heere mit digitalen Unteroffizieren ausstatten, dann muss keiner mehr schreien.“

„Scheiße, ich bin abgestürzt“, erwiderte Wieder.

„Die Geschwindigkeit von Gedanken und Gefühlen im Gehirn ist schneller als Schall und Licht“, setzte Praeter fort.

„Die Flächen der Gehirnrinde“, fiel Richert ein, nachdem er den Springer von e4 abgezogen hatte, „denen die einfachen Körperbewegungen zugeordnet sind, zeigen, schematisch umrissen, ein kleines Bild des Menschen, das Homunculus genannt wird. Er wird paarweise, von links unten nach rechts oben buchstabiert: Eingeweide/Schlund, Rachen/Zunge, Zunge/Unterkiefer, Zähne/ Lippen…“

„Ein wunderhübsches Spielzeug“, unterbrach Praeter, „wird als Kinderpuppe in Mode kommen.“

Das TV rauschte, Edgar sprang auf, es schüren. In einer Nische kauerte ein Knabe von fünf Jahren.

„Wo kommst du denn her?“ fragte Richert. Aber das Kind musterte ihn nur stumm mit erschrocken aufgerissenen Augen.

„Seine Mutter hat ihn hier abgegeben“, antwortete Wieder. Der Knabe warf Dinge in Richerts Schoß, die er aufs Geratewohl vom Boden auflas, Bücher, Stifte, leere Filmdosen. Richert retournierte. Scheu kam das Kind näher, traktierte ihn mit einem Kissen. Sie kämpften kurz.

„Dein Zug“, forderte Praeter. Richert überblickte das Schlachtfeld, das Kind setzte ihm nachdrücklicher zu. Das Kissen riss die Brille von Richerts Nase, sie fiel in das Getümmel des Knaben.

„Pass auf, wenn der Brille etwas passiert, werde ich zum Amokläufer“, fuhr Richert auf. Sofort heulte das Kind auf, warf sich zu Boden und trauerte in das Dunkel. Erschrocken wollte Richert es trösten, fand aber keine Gnade. Die Brille war unversehrt.

Stattdessen schrie das Kind. In seinem verhärmten Gesicht tat sich ein Leidenshungermund auf, grotesk vergrößert wie der Verstärkertrichter der Masken antiker Tragöden, und erzeugte einen schrillen, hochfrequentig schwirrenden Ton zum Seelen-Zerspringen. Ein Schrei zu gewaltig für das Apartment. Alle erstarrten.

Richert unternahm noch einen Versuch, den das Kind unerbittlich ablehnte. „Lass mich jetzt mal in Ruhe!“ beschied es ihn.

Mit Gefühlen wie ein aus dem Grab Gestiegener widmete sich Richert dem Schach. Edgar sog an einer Zigarette. Wieder kurvte mit dem Joystick. Praeter grimassierte.

Dusk kehrte von einer unergründlichen Wanderung zurück, die ihn zu einem unbestimmbaren Zeitpunkt aus dem Gespräch und aus dem Raum gerissen hatte. „Wohin wollte er nochmal?“

Ihm folgte eine blonde Frau in abgewetzter Lederjacke, die Augen zugeschwollen, blaue Lippen, der das Kind entgegenstürzte. Sie war eine Universaldrogensüchtige, dem Heroin entwöhnt, die stattdessen Tabletten, Kokain, was immer zugänglich war, verbrauchte.

Schizzo kreiste. Das Kind umklammerte die Knie der Mutter. Doch schien es weniger selbst Schutz zu brauchen, als ihn zu geben, als stärkerer Teil des Paares. Sein unzeitig wissender und darob trauriger Blick entmutigte Richert.

Ihre Versöhnung fand an der Stereoanlage statt. Unbeholfen wie gegenüber einem unbekannten Gott bat Richert um Verzeihung. Alle Tricks würden durchschaut und nur reinste Herzen durch das Tor gelassen.

„Mach doch mal Musik an“, sagte Praeter zu niemandem, während er trachtete, das angedrohte Matt abzuwehren. Richert stand auf und inspizierte die Stereoanlage.

Die Apparatur war ihm neu, sie stammte vermutlich aus einem Lastwagen, der in einer Scheune neben den Landstraße geplündert worden war oder aus dem Einbruch in eine Lagerhalle. Dusk hatte einen hohen Verbrauch an Geräten. Kamen sie nicht schon schadhaft an, hielten sie selten lange durch.

Richerts Theorie zufolge zerstörte Dusks eigene Ausstrahlung die Technik in seiner Umgebung. Wirklich zerfielen die Apparate in ihre Funktionen, sobald sie im Apartment aufgestellt waren. Das TV verlor Farben, den Ton, die Schalter versagten.

Anfangs vollzog sich der Verfall rapide. Dann entstand eine Art Frieden. Die Geräte ließen sich zwar benutzen, aber nur mittels besonderer Handgriffe oder Gesten in ihrem Umfeld.

Auch schien ihr räumliches Verhalten zueinander ihre Verfassung zu beeinflussen. Die empfindsamen Antennen mussten auf eine besondere Art gestreichelt und gebogen werden, bis der Bildschirm klar wurde. Eine falsche Berührung des Gehäuses, und das Bild löste sich im Zeilenrausch auf. Die Aura bestimmter Gäste führte zum Totalausfall der Musik.

Die neue Anlage wies noch keinen markanten Defekt auf. Indessen faszinierte Richert die Aussteuerung der Lautsprecher, eine Anzeige aus pulsierendem Licht in einem geviertelten Quadrat. Winzige Lichtorgel, die den Rhythmus nachbildete.

Während er die Variationen ausprobierte, näherte sich das Kind. Richert navigierte ziellos mit den Drehknöpfen, der Knabe flüsterte Anweisungen. Gemeinsam brachten sie ein einzelnes Lichtviertel zum Blinken. Dann zwei.

Richert kehrte auf seinen Stuhl zurück, das Kind blieb bei den Reglern. Geduldig wartete es Richerts Blick ab, wenn es eine neue Kombination gefunden hatte.

„Da sind sie schon“, informierte Edgar, der durch einen Spalt im Fenstervorhang lugte. Die Polizei holte den Totschläger aus der Nachbarwohnung ab.

Er hatte sich freiwillig in den Knast zurückmelden wollen, wo er als Schieber seine wahre Heimat gefunden hatte, aber die Polizei wollte nicht. Er gestand ihnen Verbrechen, von denen sie nichts ahnten, aber sie nahmen ihn nicht zurück. Also schlug er einen der Knaben, die für ihn arbeiteten, krankenhausreif und zeigte sich selbst an.

„Dann wird jetzt wohl die Wohnung frei?“ fragte Praeter.

„Er hat sie schon vergeben“, antwortete Dusk.

Mutter und Kind brachen auf, als die Polizei fort war, Edgar schloss sich ihnen an. Die anderen nahmen den Abschied kaum zur Kenntnis. Schizzo kreißte. Wieder war im Space-Labyrinth, Praeter und Richert fesselte das Endspiel.

Dusk zeichnete. Mit dem Kugelschreiber kritzelte er Landschaften und Architekturen, zu unterschiedlichen Ansichten ineinander- und auseinandergefaltet, jede Linie zweideutig, Ornament oder Umriss, Gesichter wurden Höhlen, in denen Sonnen aufgingen, die Sonne ein gefülltes Glas von oben, auf dem Bahnhof die Ankunft des Lindwurms erwartend.

Der erste Blick entzifferte in den hektischen Schraffuren, dem Licht- und Strichknäuel, Ahnungen von Ornamenten allenfalls. Nach einer Zeit schieden sich Schraffur und Silhouette, verstand das Auge die Kurzschrift, in der Dusk panisch Gesichte bannte.

Er entwarf die verschachtelten Gekröse nur nebenbei, geschwind wie Kringel beim Telefonieren und ebenso abwesend. Er schielte zum TV, während die Hand Schnörkel über das Blatt wischte, vernahm die Gespräche, ohne teilzunehmen.

Das Zeichnen war ihm in der Anstalt beigebracht worden. Man drückte ihm das Zeichengerät als Ableiter für das Zittern in die Hand, wenn die Schüttellähmung kam, aufgepeitscht durch bloße Einbildungen, die dem Befallenen so übermächtig wurden, dass Zureden ihn verfremdet erreichte.

Für ihn war Jüngstes Gericht, während die Wärter ihn zu bändigen versuchten. Er schrie, als die schwarze Sonne über der atomar zerfallenen Erde niederkam und seine Lider sengte; dann die Zwangsjacke.

Seine Mittel reichten nicht, den Wärtern den Schock begreiflich zu machen, die Allgegenwart seiner Vision, er stammelte nur verstört. Was er im Punkt eingebrannt sah, zerstob vor seinen Worten.

„Aber es ist doch nichts, sieh her“, sagten sie. Doch sie sahen nicht. Wohl sah er den Raum, ihren Raum, die Fliesen und Kacheln, die vorgeschriebenen Mangan-Gitter, werden beim Feilen nur fester, die Gummipolster.

In und darinnen, hinter und um diesen Raum, in dem die Wärter sich, ihn und die Welt in Sicherheit glaubten, gloste ein Nebel aus Geschichten, das blaue Juwel im Eis der Erinnerung; er hatte die Erdumlaufbahn verlassen, ein entfesselter Mond, unter dem ein Feuerwerk in Nacht verglühte, dem Blinzeln anderer Universen, Blickgewitter im wütend rotierenden Auge des blinden Idiotengotts.

Er sah sein Lieblingsspielzeug in einem Flammenmeer, lohenumtost. Knochen barsten und regneten verkohlt. Und immer rollte die schwarze Sonne jeden Augenblick mit, ob die Wärter ihn banden oder nicht. Wenn er zeichnete, musste er sie nicht sehen, das Blatt war sein Schild. Die Gesichte beschreibend hielt er den Blicken aus dem Haupt stand, die Pupille weiterte sich, Medusa zerfiel ihm zu Stein.

„Ich habe es nicht getan, es war Dr. Mabuse. Er benutzte mein Gehirn“, verlautete das TV. Wieder flog, das Schach endete Remis.

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