Ich habe einen Schreck gekriegt. Dabei bin ich unterdurchschnittlich leicht zu beeindrucken und in diesem speziellen Sektor abgebrühter als die meisten.

Es war kein Wirklichkeits-, sondern ein Virtualitätsschock. Und es beruhigt mich nicht für einen Augenblick, wenn mir versichert wird, das sei „schon immer“ so gewesen. Stimmt das, relativiert das zwar die Neuigkeit meiner Beobachtung, macht sie aber noch widerlicher. Ist das, was ich bemerkt habe, im virtuellen Raum „normal“, ist es in Wirklichkeit noch viel schlimmer.

Mein Account bei facebook ist zwei Monate alt, und es war mein erstes einschlägiges Erlebnis in den Sozialen Netzwerken: in Echtzeit zu sehen, was sich dort aus einer Begebenheit entwickelte, die mich etwas anging – statt nachher gefiltert in den Medien darüber zu hören.

Am späten Abend des 19. Dezember hat mich die Mordfahrt mit einem Lastwagen auf dem Breitscheidplatz in Berlin weniger erschrocken, als mich der Umgang damit entsetzt hat.

Mythenschöpfung

Die Legendenbildung setzte unmittelbar nach der Tat ein und kam rascher auf Touren als die Berichterstattung, die sich die längste Zeit mit Wiederholungen begnügen musste. Insofern facebook weitenteils eine Echokammer der traditionellen Medien und der Politik ist, würde es eigene Untersuchung erfordern, wer womit angefangen hat. Und ob jemand Bots in Bereitschaft hatte.

Sicher ist, dass über Etliches Geschichten erzählt wurden, bevor Wissen vorliegen konnte. Darunter Storys, die sich später mit der Realität deckten. Weil der Glauben an Hellsehen heutigentags weniger verbreitetet ist, wird auf eine andere okkulte Ebene ausgewichen und Verschwörung vermutet.

Schlüsse wurden gezogen, bevor Zeit gewesen wäre, Tatsachen festzustellen – und zu überprüfen. Für jene, die gewohnt sind, diesen Schritt zu unterlassen, ist der Unterschied allerdings unbegreiflich.

Warteschleife

Der Grundstein der Legenden wurde mit Ground Zero gelegt. 15 Jahre hat es gedauert, bis die Mystifikationen auf Realität stießen. Eineinhalb Jahrzehnte seit dem 11. September 2001 bis zum ersten Anschlag vor der Haustür.

15 Jahre, in denen mit der Angst vor dem Terror Politik gemacht wurde: Anti-Terror-Einsätze der Bundeswehr, verschärfte und neue Gesetze und Befugnisse für die Sicherheitsbehörden.

Nichts ist geschehen, das den Aufwand gerechtfertigt hätte. Der eine oder andere Anschlag soll vereitelt worden sein – aber ob dafür der legislative Furor oder althergebrachte Kriminalistik verantwortlich war, bleibt unklar und von einer Revision durch Journalisten wie Historiker ausgeschlossen.

Den Terror der besonderen Art durch den Nationalsozialistischen Untergrund haben die Behörden (und die Medien) jedenfalls erst erkannt, nachdem er vorbei war.

Abschluss

Schon jetzt, eine Woche nach dem Attentat auf den Weihnachtsmarkt in Berlin, ist absehbar, dass Fragen offen bleiben werden zu dem mit 12 Toten und 48 Verletzten zweitschwersten Terrorakt im Lande, die genau die „Terrorabwehr“ betreffen, mit der 15 Jahre lang Parlamentsdebatten bestritten, Zeitungsspalten gefüllt und Talkshows verquasselt wurden.

Der Fall ist abgeschossen, pardon, abgeschlossen. Falls kein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss eingerichtet wird, ist eine unabhängige Aufarbeitung nicht mehr zu erwarten. Was immer Journalisten oder andere dazu herausfinden, wird Stückwerk sein. Freilich wird keine Redaktion das zugeben, um sich die Option offen zu halten, ihr Publikum mit „Enthüllungen“ bedienen zu können.

Mit dem Tod des Täters ist das Verfahren beendet. Akten kriegt heute niemand zu sehen, der nicht amtlich befugt ist, und die wenigsten Bände werden in frühestens 30 Jahren in den Archiven zu finden sein.

Mit Amri wird es zugehen wie bei Böhnhardt und Mundlos, deren Akten geschlossen sind und nach Ende ihrer Beiziehung im Prozess gegen Zschäpe verschlossen werden. Weiß man heute etwa wesentlich mehr über ihre Taten als vor fünf Jahren?

Wahrheitsfindung

Dass sämtliche Spurenakten der Polizei in diesen zweifellos historischen Fällen in ein Archiv gelangen, ist nicht anzunehmen. Im Normalfall sind sie längst vernichtet, bevor ein Archivar aus dem Bestand der Behörde seine Auswahl trifft.

Verschwörungstheorien um Verbrechen allgemein und den Terror im Besonderen nähren sich nicht zuletzt von den falschen Vorstellungen, die darüber gemacht werden – sich selbst oder anderen – von dem, was nach Ablauf eines Ereignisses noch in Erfahrung zu bringen ist.

Viele Akten, über deren Geheimhaltung fantasiert wird, haben nie existiert. Von den Vorgängen, bei denen etwas wie Akten erzeugt werden, haben die wenigsten, die nicht selbst damit befasst sind, eine Ahnung. Ganz zu schweigen von der Überschätzung der Journalisten bei der Aufklärung mysteriöser Geschehnisse, die von diesen selbst mehr zelebriert als eingestanden wird.

Absolute Aufklärung ist eine Abstraktion wie absolute Sicherheit. Bei Terrorakten verbinden sich die beiden Chimären gern zu einer Furie der Täuschung.

Zwar lässt die Legendenbildung sich von Tatsachen nicht aufhalten, aber die Verbreitung der aberwitzigsten Spekulationen kann durch Erkenntnisse gebremst werden. Mit den dazu nötigen Mitteilungen der Behörden ist zum Fall Breitscheidplatz nicht mehr zu rechnen. Und mit jedem Tag, an dem sie ausbleiben, werden sie von neuen Mythen eingeholt und überlaufen.

Vorläufer

Bis dato unaufgeklärt ist der mit 13 Toten und über 200 Verletzten schwerste Terrorakt, der Bombenanschlag auf das Oktoberfest in München 1980. 2014 wurden die Ermittlungen wieder aufgenommen und den Zeugenaussagen nachgegangen, die den politisch relevanten Punkt der Tat betrafen.

Hatte der Täter aus „Frust“ und „Schwierigkeiten mit Mädchen“ seine Bombe gelegt und sich dabei aus Versehen selbst umgebracht, wie die Behörden zunächst annahmen? Oder war er kein Einzeltäter, und die jungen Männer, mit denen er gesehen worden war unmittelbar, bevor er den Sprengsatz deponierte, gehörten wie er selbst zur neonazistischen Wehrsportgruppe Hoffmann – die nach Ansicht der Behörden, der Politik und großen Teilen der Medien nichts mit der Bombe zu tun gehaben sollte?

Wie die Nürnberger und Thüringer Neonazis stand der Attentäter von Berlin im Visier von Polizei und Geheimdienst – aber nicht mehr zu der Zeit, auf die es angekommen wäre. Während sich dazu Fragen an die Behörden aufdrängen, überbieten Politiker sich darin, deren Befugnisse ausweiten zu wollen.

Märchenbilder

So eilig es die Wählerschaft es hatte, das Ereignis mit einer genehmen Geschichte zu versehen, hetzte ihr die Politik hinterher und verkündete, souverän die Tatsachen missachtend, ihre Ansichten, die sich von keiner Neuigkeit irritieren lassen.

Seit die Technik verfügbar ist, wird über Videoüberwachung und Verbrechen fantasiert. Die damit in Jahrzehnten allerorten gemachten Erfahrungen werden beharrlich ignoriert und Wunschbilder repetiert. Auch diesmal – so wenig Kameras bei der Prävention noch der Aufklärung in Betracht kommen.

Die Videos von der Flucht des Attentäters sind medial weitaus wertvoller als kriminalistisch. Und wurden wahrscheinlich schon von mehreren Drehbuchautoren notiert: „Amri im Kaufhaus. Schnitt. Rolltreppe. Er sieht sich ängstlich um. An einem Kiosk die Zeitung mit seinem Fahndungsfoto.“

Statt sich den Tatsachen zu stellen und mit Trauer über die Toten zu bescheiden, wird von den Moderaten über die Totalobservation von „Gefährdern“ gegrübelt (wie immer mal wieder über die, die der Plebs „Kinderschänder“ nennt und sich dabei allerhand vorstellt und vormachen lässt), während die Scharfmacher zur Verhütung von Terror (und als Rache) Flüchtlinge abschieben wollen.

Nichts und niemand schützt zuverlässig vor Amris, Böhnhardts und Köhlers – außer der Vorsehung, dem Karma, dem Schicksal oder Gott. Das war der wirkliche Schrecken am 19. Dezember. Virtuell war zu sehen, wie sich als angebliche Abwehr gegen den Attentäter Kohorten formierten, die den Schrecken über den Breitscheidplatz hinaus ins Land tragen möchten.

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