Nach dem Ende des Terrorregimes 1945 mussten hierzulande nicht viele Erfahrungen mit einem Terror gemacht werden, der alle bedroht. Der nicht der Durchsetzung politischer Ziele dient (die sich womöglich auch ohne Gewalt verwirklichen lassen), sondern der Zerstörung einer Lebensweise. Mit Tätern, die nicht mit sich verhandeln lassen.

Die 1980er und 1990er waren terrorfrei – sofern man kein Dunkelhäutiger, Ausländer oder Asylbewerber war, die in mehreren Wellen zu hunderten Opfer von Attentaten und Überfällen wurden.

Der Terror der 1970er in der BRD war nur bedingt gemeingefährlich: im Visier der Roten Armee Fraktion standen Angehörige der Führungselite, keine Passanten auf der Straße.

Bis auf eine Ausnahme, bei der es gewöhnliche Bürger traf, was von den Bewunderern der (mutmaßlichen) Täterin Ulrike Meinhof übersehen zu werden pflegt. Am 19. Mai 1972 gingen beim Springer-Verlag in Hamburg drei Bomben hoch. 17 Menschen wurden verletzt, zwei davon schwer.

Den Tatort kannte ich gut, es war der Arbeitsplatz meines Vaters. Aber nicht seine Schicht. Als die Sprengsätze gegen 16 Uhr detonierten, war er zuhause.

Zur weiteren Erinnerung: Polizisten mit Maschinenpistolen hat man seither nicht wieder so häufig auf der Straße sehen müssen.

Klimawandel

Als es los ging mit der Furcht vor dem Terror im Namen des Islam zeichnete ich ein Stimmungsbild, das unter dem Titel Besinnungspause, in einer Ausgabe des Hamburger Abendblatts erschien. Es bezeugt den seither vollzogenen Umschwung.

Die Pause des Entsetzens dauerte einen Tag. Dann kehrten wir zur Routine zurück. Ein Tag, an dem die Autos langsamer fuhren, die Passanten sich bedächtiger bewegten. Die Hektik war aus dem Alltag gelöscht. Ein Tag, an dem die Erde stillstand.

„Lassen Sie sich Zeit“, sagte einer, „davon haben wir mehr als andere.“ Nur ein Lebensmittelgeschäft konnte man bedenkenlos betreten. Alle anderen Verrichtungen schienen unangemessen. Nie wieder werden wir von „Konsumterror“ sprechen können.

Die Sonne schien, der schönste Tag seit langem. Ein Mann strich seinen Gartenzaun, ein anderer mähte den Rasen. Plötzlich war das alles sehr bedeutsam.

Seit Dienstag können wir dem Himmel nicht mehr trauen. Jeder von diesen auf der Straße könnte einer sein, mit dem du zusammen stirbst, wenn du dich im falschen Hochhaus aufhältst.

Vor dem Rathaus Reis und Rosenblätter – Reste einer Hochzeit, die trotzdem stattgefunden hat. Trotzdem könnte ein Leitmotiv sein. Festhalten an Frieden und Freiheit.

Das Heilsame an dem Schock: Zu spüren, dass man am Leben ist. Wir sind alle New Yorker.

Ich vermeide sonst das „wir“ und spreche nicht für andere mit. Ausnahmsweise schien es mir zulässig, weil damit die Menschen schlechthin gemeint waren, die den Terroristen unterschiedslos als Opfer tauglich erscheinen. Einen Tag lang wurde es so empfunden – und dann vergessen.

Durch islamistischen Terror sollen vornehmlich Muslime ermordet worden sein. Ich habe nicht gezählt; es ist vorstellbar, denn es markiert die Willkür der Massenmörder. Vielleicht ist es schon zu viel gesagt, dass es ihnen um die Auslöschung einer Lebensweise geht. Vor allem geht es ihnen um Vernichtung.

Verfestigung

Um mir ein Bild der Stimmung zu machen war ich vor 15 Jahren auf Beobachtungen in meiner Umgebung angewiesen. In meiner Filterblase und Echokammer, wie es heute heißt und angewendet wird auf ein Medium, das mir vielmehr ermöglicht, Gemütslagen in Kreisen zu erkunden, die mir damals nur mit Mühe zugänglich gewesen wären.

Am späten Abend des 19. Dezember war ich über das Ereignis selbst nicht sonderlich beunruhigt. Meine persönliche Gefahr, Opfer des Terrors zu werden, ist unverändert gering. Entsetzt, angeekelt und beängstigt haben mich die Reaktionen darauf, die ich online verfolgte.

Bestürzt haben mich nicht die Wut und der Hass an sich, sondern die verfestigte Selbstsicherheit, mit der sie als Maß aller Dinge behandelt werden.

Wie etabliert die Hasskultur auf facebook ist, bestätigen befreundete User, die am 19. nur das ihnen Gewohnte bemerkten. An einem der folgenden Tage spielte ich das Video eines mir Unbekannten mit „Gefolgschaft“ ab, worin er seinen Ausstieg aus facebook mit dem begründet, was mich entsetzt und angeekelt hat.

Blutdurst

Wie auch immer routiniert es am 19. ablief – handelte es sich nicht um irgendeinen „Shitstorm“, dem man sich entziehen und mit Achselzucken übergehen kann.

Die Momentaufnahme war zu grell und unverkennbar, um allein meiner verzerrten Perspektive geschuldet sein.

Das exakte Gegenteil der Stimmung vor 15 Jahren. Damals galt eine kollektive Besorgnis den Terroristen; heute muss ich mich vor Kollektiven von Mitbürgern fürchten, denen die Toten in Berlin nicht genügen und die nach mehr Blut schreien.

„Wir sind alle Berliner“ war wohl zu lesen (in meiner Newsfeed-Blase vor allem von Muslimen) – lauter aber und frei übersetzt: Tretet Muslime, wo ihr sie trefft.

Dass es diese überhaupt gibt, auch „unter uns“, haben die meisten erst nach 911 erkannt. Dabei wurden schon 1985 in Hamburg junge Männer auf offener Straße ermordet, weil sie Türken waren – also keine Europäer, sondern Muselmanen, Sarazenen, Assassinen…

Vom Islam war noch kaum die Rede, und seit 911 wird er hartnäckig mit dem Islamismus verwechselt, wobei die wenigsten, die sich dazu auslassen, sich mit dem einen wie dem anderen gut genug auskennen, um sich ein Urteil bilden zu können.

Ohne Pause

Wissen hat Vorurteile noch nie gestört, und falls es doch angezeigt ist, mehr als „Kopf ab!“ zu schreiben, stellt das Web Satzbausteine zur Verfügung, aus denen sich etwas basteln lässt, das den Anschein von Überlegung erweckt.

Bevor auch nur eine verlässliche Angabe zum Täter oder seinen Motiven vorlag, schrie der Mob nach dem Blut von Muslimen und Flüchtlingen, die für ihn weitgehend dasselbe sind. Ihre Anführer setzten nach und schossen sich auf die Regierung ein, indem sie das, was sie nicht wussten, mit dem verknüpften, was sie immer schon gesagt hatten.

Den Hass gab es auch vor 15 Jahren, und ich hätte in meinem damaligen Text Beispiele nennen können, unterließ es aber, weil sie mir marginal erschienen – und ich sie nicht durch die Publikation verstärken wollte. Eine aus heutiger Sicht verschrobene Verantwortung, die ich mir da zumaß. So gab es etwa den heutigen „Reichsbürger“, der mir eine weltpolitische Rechtfertigung des Anschlags aufdrängen wollte.

Damals dauerte die Pause immerhin einen Tag. „Je suis Charlie“ hieß es noch länger. Als es dann endlich auch vor der eigenen Haustür soweit war, verloren Ungezählte umgehend die Besinnung und bemühten sich, dass andere gar nicht erst dazu kamen.

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