Insofern der Bundestagswahlkampf längst begonnen hat, kann er nur schlimmer werden, wenn er offiziell eröffnet wird.

Er ist in erster Linie ein Spektakel und dadurch ein Wirtschaftsfaktor für Medien und andere Ableger der Unterhaltungsindustrie, die der Terminus „Kulturindustrie“ mit einem unverdienten Prädikat versieht. Wäre es im Angebot, würde der Plebs wie vor 2000 Jahren zusehen, wie in der Arena Christen von Löwen gefressen werden. Und in gewisser Hinsicht tut er es, vor Monitoren, und wachsend viele wünschen sich, das Blut leibhaftig fließen zu sehen.

In zweiter Linie dient der Wahlkampf dazu, die eigene Meute bei der Stange zu halten. Frühestens an dritter Stelle kommt das Ringen um die paar Prozent der Berechtigten, die heute noch nicht wissen, wo sie ihr Kreuz machen werden.

Da ich weder bei der Ablenkungsindustrie bestallt bin, noch mich mit Talkshows im TV unterhalte, kann ich mir den Zirkus sparen und heute schon zur Sache kommen.

Ich habe zuletzt einige Wahlen ausgelassen oder den Wahlzettel ungültig gemacht aus Protest gegen die ganze Bagage.

Ich halte von den vorhandenen Partien sämtlich so wenig wie von dem Missverständnis des Wahlgeheimnisses, als dürfe man nicht über seine Entscheidung reden, als sei es unanständig, davon so selbstverständlich zu reden wie von all den anderen Meinungen, von denen einem sonst der Mund überfließt.

Diesmal werde ich gewiss wählen gehen. Nicht, dass ich mir Illusionen über das Gewicht meiner oder irgendeiner Wählerstimme überhaupt mache (zumal vor dem Hintergrund der Nichtwähler wie mir, die im Kommunalen dabei sind, das Übergewicht zu erhalten). Aber die Zeitläufte sind danach, dass Schweigen Einverständnis bedeutet.

Meine bereits getroffene Wahl ist revolutionär – für meine Verhältnisse.

Ich war mal ein typischer Grünen-Wähler. Damals, als mit der Partei Namen wie Thomas Ebermann verbunden wurden und nicht … ach, geh mir einfach weg mir den Öko-Spießern; ich muss mir die Namen nicht merken.

Vor fast 40 Jahren war ich ein paar Monate lang in Hamburg Mitglied der SPD, gerade, als sie rund um den Atomausstieg ein Parade-Beispiel an machtversessenem Opportunismus ablieferte. Einzelheiten bei Bedarf bitte unter „Klose“ und „Brokdorf“ googeln.

Mithin könnte ich die mehrfach umbenannte Ex-DDR-Staatspartei gewählt haben, hätte ich nicht gegen den Kommunismus in jeder Variante eine ebenso große Antipathie wie gegen den Nationalsozialismus und überhaupt so ziemlich alle Ismen – den Surrealismus ausgenommen.

Von den durchgehend abträglich persönlichen Erfahrungen mit Vertretern dieser und anderer Parteien, die einem einfallen könnten, ganz abgesehen.

Ich habe nie die FDP gewählt und schon gar nicht die CDU. Das ist nicht meine Welt.

Aber genau das werde ich beim nächsten Mal tun: ich werde CDU wählen, gewissermaßen pro forma, denn ich werde nicht für die Partei votieren, sondern für ihre gegenwärtige Führerin.

Da weiß ich, woran ich bin, so weit man das von Politikern, von Menschen überhaupt wissen kann. Und auf viel mehr kommt es derzeit nicht an.

Die Hasardeure und Konjunkturritter, die zumal in der SPD Morgenluft wittern, und sich uneingestandenermaßen, aber populistisch prächtig mit der CSU unter Seehofer verstehen, sind bereits im Geiste verbunden mit der AfD, die ausschließlich Machtgier ohne Rücksicht auf Verluste antreibt.

Was immer ich an Angela Merkels Politik im Einzelnen auszusetzen habe – sie ist sich, im Unterschied zu allzu vielen der selbstverliebten Sprücheklopfer, die in den Medien so gut ankommen (wie der Herr Edathy und jener bayerische Adlige, der immerhin beim Titel nicht hochstapeln musste) selbst treu geblieben.

Ich vertraue auf Charaktermerkmale, die ich vor Jahren noch bedenklich gefunden hätte. Ich hoffe, dass die Kanzlerin die anbrandenden Wellen von Hass aussitzt und wünsche mir, dass sie ihre ideologische Rührungslosigkeit beibehält.

Merkel bricht keine Konflikte vom Zaun; sie lebt anscheinend nicht auf, wenn sie in Wut ausbrechen kann; sie zetert nicht herum oder pöbelt jeden an, der nicht auf der eigenen Linie ist.

Dass sie mehr als Moderatorin denn als Kommandeuse agiert ist zu diesem Zeitpunkt ein nicht zu unterschätzender Vorzug (und vor einem demokratischen Hintergrund sowieso).

Gottlob (wenn ich als Atheist das Wort gebrauchen darf) ist nicht damit zu rechnen, dass Frauke Petry demnächst Kanzlerin wird. Der Vergleich macht allerdings das Dilemma klar, bei dem ich meine Wahl zu treffen habe.

Will ich an der Spitze der Macht jemand, der zögert und zaudert und bedenkt, bevor er oder sie etwas Schwerwiegendes tut – oder jemand, der unter einem nachgeschobenen Vorwand munter und mit einem Lächeln für die Kamera Schießbefehle erteilt und unverzüglich behauptet, es nicht getan zu haben. Allerhand Leuten gefällt das freilich umso mehr, als diese Verlogenheit ihrem eigenen Verhaltensmuster entspricht.

Wähle ich jemand, der gewiss weiß, was Verantwortung ist und ein Gewissen hat – oder solche, deren Gewissen ausschließlich dem eigenen Erfolg gilt, und die nicht einmal für diesen Verantwortung übernehmen, wenn er geringer als gewünscht ausfällt, und eigenes Versagen auf Verschwörungen verschieben.

In Zeiten, in denen Kampf und nicht Austausch die Meinungsbildung dominiert, muss man gefasst sein, Verantwortung für etwas zu übernehmen, dass man nie gesagt hat. Das Vorstehende ist selbstverständlich Satire und unterliegt (!) der Kunstfreiheit. Wer mich beim Wort nimmt, hat nichts verstanden. In Wahrheit werde ich natürlich nicht die CDU wählen.

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