Zum Spektakel der Selbstgerechtigkeit im Kriminalfall Marcel H***

Der Kommentar erreichte mich früher als die Nachricht und erzeugte ein beziehungsreiches Missverständnis.

Auf facebook erklärte ein „Freund“ einen gewissen Marcel zum „H***sohn des Jahres“ und wünschte, er möge sich vor einen Zug stürzen. Ich fragte mich, was den mir auch persönlich bekannten jungen Mann zu dieser Hassattacke veranlasst haben mochte. Und ärgerte mich, dass mir zwar die Wut mitgeteilt, aber verschwiegen wurde, was jener Marcel dem Poster angetan haben sollte, um ihn öffentlich zu schmähen.

Nichts natürlich, wie ich inzwischen weiß. Marcel hieß mit Nachnamen H*** und war ein flüchtiger Mörder. Die Mitteilung des Todeswunsches war bloße Rhetorik als Reaktion auf die Fahndungsmeldung. Eine Geste, die sich des Beifalls sicher sein könnte.

Wäre es, wie von mir zunächst angenommen, ein persönlicher Wutausbruch gewesen, hätte ich durchaus erwägen können, dem Verfemten in einem Kommentar beizustehen. Zu einem Mörder kann es keine zwei Meinungen geben. Meint man gemeinhin.

Einen Verbrecher zu verdammen, erfordert weder Mühe noch Mut. Verständnis für ihn aufzubringen ist schwieriger, und ihr Ergebnis müsste jenen den Mund verschließen, die leichtfertig über ihn herfallen. Die überhaupt ein Bedürfnis danach verspüren.

Vor einem halben Jahr konnte ich verfolgten, wie ein mir persönlich Bekannter als Mörder gebrandmarkt wurde. Die Ächtung ging von Zeitungen aus und wurde auf facebook lediglich vollendet. (Soviel an alle, die gern das Web für mehr zur Verantwortung ziehen, als ihm zukommt.)

Für die Hass-Poster machte es keinen Unterschied, dass die Schuld des Vorverurteilten keineswegs erwiesen war und bis heute nicht ist. Ihnen genügten Behauptungen der Polizei und eine Pseudo-Fahndung in der Presse, um los zu hetzen.

Glühende Zangen

Die Wunschfantasie meines facebook-Freundes zum Fall H*** war vergleichsweise harmlos: der Mörder möge seinem Leben selbst ein Ende setzen. Unterdessen ereiferten sich bereits jene, die bei solchen Gelegenheiten stets die Todesstrafe fordern oder sich in Vorstellungen ergehen, wie sie höchstselbst den Mörder martern würden, ehe sie ihn umbrächten.

Verbal wird vollstreckt, was jahrhundertelang Rechtspraxis war. Wer sich mit Verbrechen mehr als oberflächlich befasst hat, kennt die Schilderung einer teilweise misslungenen Hinrichtungsprozedur von 1757, mit der Michel Foucault sein Standardwerk Überwachen und Strafen einleitet:

Der Delinquent wurde mit glühenden Zangen gezwickt; in die Wunden wurden geschmolzenes Blei, siedendes Öl, brennendes Pechharz und mit Schwefel geschmolzenes Wachs gegossen; die mörderische Hand mit Schwefelfeuer gebrannt; von vier Pferden zerteilt; verbrannt und die Asche in den Wind gestreut.

Die Exekution mit dem Schwert oder dem Fallbeil, der Guillotine, zuletzt in Deutschland das gängige Vollstreckungsmittel, wurde nicht zu Unrecht als „humaner“ begriffen. Aus dem Spektakel für das Volk, bei dem der Tod das Ergebnis stundenlanger Folterungen war, wurde eine nicht-öffentliche und kurze, für alle Beteiligten möglichst schmerzfreie, denkbar gefühllose Angelegenheit.

Folter und Todesstrafe, die im Rechtsstaat ausgeschlossen sind, werden von Hass-Postern virtuell vollzogen. Hier erschließt das Internet dem Kulturwissenschaftler neue Quellen. Als es sich hierzulande ab 2000 etablierte, war in dem, was zunächst „Foren“ hieß, zu lesen, wie die erregte Volksmenge über Verbrechen und Strafe empfand und dachte; was der Plebs bis dahin zwar daheim und auf der Straße sagte, aber so gut wie nie selbst schriftlich niederlegte.

Zahllose Wortmeldungen wären in der prä-digitalen Ära weder entstanden und schon gar nicht publiziert worden. Die ausführlichen Schilderungen der erträumten Qualen des Täters aus der Hand seiner Möchtegern-Henker wären vielleicht geschrieben, aber nie publiziert worden. Als Leserbriefe an Zeitungen hätten die Redaktionen sie aussortiert.

Rachegelüste

Das Internet oder speziell die Sozialen Netzwerke erzeugen Zorn, Wut und Hass nicht, verschaffen ihnen aber einzigartige Möglichkeiten, sich zu artikulieren und zu verbinden. Dabei genügt es nicht, Abscheu über einen Mord und den Täter zu erklären, wie selbstverständlich und sinnlos es auch ist, sondern die Stimmen im Netz treten in einen Wettbewerb und überbieten sich darin, Grausamkeiten gegen den Geächteten auszumalen.

Oder gegen alle, die ein äußerliches Merkmal mit ihm teilen, Hautfarbe oder Herkunft, der gleichen Verdammnis anheim fallen zu lassen. Insoweit sind den Attacken im Fall des deutschblütigen Marcel H*** Grenzen gesetzt. Zu erwarten ist allenfalls, dass für die Tat des angeblich nach Computerspielen Süchtigen wie zuvor schon mehrmals bei ungefähr gleichartigen Amokläufern alle Computerspieler unter Verdacht genommen werden von denen, die sich mit den Games nicht auskennen.

Mitgefühl oder eine andere Art von Betroffenheit ist es offenbar nicht, das jene antreibt, denen Opfer und Täter nur Namen und Pixelbilder bedeuten, um in hasserfüllten Postings über den Täter herzufallen.

Leicht verständlich wäre, wenn Angehörige, Freunde und Bekannte der Opfer sich Luft verschaffen, indem sie dem Täter den Tod wünschen oder seine Hinrichtung fordern. Das tun sie freilich selten und schon gar nicht Stunden nach Entdeckung der Tat, wenn sie mit Trauer ausgelastet sind.

In Wirklichkeit sind den Hinterbliebenen Rachegelüste gegen den Täter fremder als in Kriminalfiktionen vorgemacht wird. Der Täter und sein Schicksal berühren seine sekundären Opfer weit weniger, als jene annehmen, die Verbrechen ausschließlich aus den Kurzfassungen der Medien und den Erfindungen von Drehbuchautoren kennen.

Gerechtes Strafen

Was die Mehrheit über Verbrechen weiß, entspringt der kleinen Auswahl von Fällen, auf die in den Medien näher eingegangen wird. Angehörige eines Mordopfers, die bereits kurz nach der Tat im Visier der Medien stehen, werden schließlich auch dem Strafprozess gegen den Täter beiwohnen und vor einer Kamera einen Kommentar abgeben. Sie sind die Ausnahme, nicht die Regel.

Zu den bemerkenswertesten Erfahrungen, die ich als Kriminalhistoriker und -reporter machte, gehört das Desinteresse im Umfeld der Opfer für alles, womit Polizei, Gericht und Publikum sich befassen. Realiter bleibt die Mehrzahl der von einem Mord mittelbar Betroffenen stumm, wird nicht befragt und hat kein gesteigertes Mitteilungsbedürfnis.

Angehörige von Opfern sind vielleicht als Zeugen vor Gericht geladen; sie machen ihre Aussage, würdigen den Angeklagten keines Blickes und verlassen den Saal wieder – weniger weil sie es nicht ertrügen, sich mit dem Täter in einem Raum aufzuhalten, als aus Gleichgültigkeit gegenüber ihm und dem gesellschaftlichen Umgang mit ihm, der vom Prozess besiegelt wird.

Das ändert sich nicht, wenn von Trauer keine Rede mehr sein kann, Generationen nach den Geschehnissen. Bei den Nachfahren von Opfern begegnete mir dieselbe Abneigung, sich mit dem Verbrechen näher zu befassen wie bei den Erben der Täter, bei denen Scham selbstverständlicher erscheint. In der Verdrängung der Tat stimmen die mittelbar Betroffenen beider Seiten überein.

In der Causa eines zweifachen Kindermörders, bei dem das Internet sich 2004/05 als Fahndungsmittel wie als Jauchegrube bewährte, wurde allenthalben nach der Todesstrafe gerufen, und Neonazis konnten es unter Polizeischutz während des laufenden Prozesses vor dem Gerichtsgebäude tun.

Die Eltern eines ermordeten Mädchens waren mit einem TV-Sender im Bunde und vor allem dadurch verpflichtet, der Verhandlung beizuwohnen. Dennoch war von der Mutter nichts annähernd so Scharfes zu hören, wozu man sich auf der Straße berufen fühlte. „Eine gerechte Strafe wird es nicht geben“, sagte sie im Saal, „denn er [der Täter] lebt weiter und sie [ihre Tochter] nicht.“

Inneneinsichten

Zu einer Zeit, als „peinliche Strafen“ noch zur Erbauung und Belustigung des Volks coram publico vollzogen wurden, hob Friedrich Schiller auf ein bis heute vorherrschendes Missverständnis ab:

„Wir sehen den Unglücklichen, der doch in eben der Stunde, wo er die Tat beging, so wie in der, wo er dafür büßet, Mensch war wie wir, für ein Geschöpf fremder Gattung an, dessen Blut anders umläuft als das unsrige, dessen Wille andern Regeln gehorcht als das unsrige“.

Es ist weiterhin bequemer, den Verbrecher zum Monster zu erklären, statt sich selbst in seinem Zerrspiegel zu erkennen.

Wer sich jetzt bereits ein abschließendes Urteil über den Fall Marcel H*** bildet, hat keine Ahnung von der Komplexität eines Verbrechens. Aus den bisher getroffenen Zuschreibungen lässt sich jedoch einiges entnehmen.

„Psychisch ist bei diesem Menschen etwas nicht in Ordnung“, höre ich einen NDR-Radioreporter sagen. Er meint damit nichts oder mehr, als er sagen will. Dass der Täter „nicht in Ordnung“ ist, versteht sich von selbst in einer Gesellschaft, in der Mord zwar fiktiv im TV an der Tagesordnung, aber in der Realität eine statistisch vernachlässigbare Größe ist. Worin genau H*** nicht „normal“ ist, ergibt sich jedenfalls nicht aus vermeldbaren Tatsachen wie der Zahl der Messerstiche, die er seinen Opfern zugefügt hat.

Für Aussagen über das Verhältnis von Verbrechen und Gesellschaft sind ohnedies andere Delikte weitaus erheblicher: weder Morde noch Raubüberfälle, von denen die Medien breit berichten, sondern Wirtschaftsverbrechen, über deren Vorkommen die Öffentlichkeit so nur in Ausnahmefällen unterrichtet wird.

Wobei gern untertrieben wird. Die Abgas-Betrugsmasche von Volkswagen wurde von den Medien zuerst verharmlosend als „Tricksereien“ bezeichnet. Bis dato werden die kriminellen Machenschaften „Skandal“ und nicht „Verbrechen“ genannt. Dem gewöhnlichen Dieb droht Knast; Millionenbetrüger kommen beinahe immer mit Bewährung davon. Wirtschaftskriminelle sind die einzigen Verbrecher, deren Resozialisation gesichert ist.

Gefährlichkeiten

Er habe „aus Frust über sein Leben“ gemordet, soll Marcel H*** selbst erklärt haben; seiner ersten Bluttat an einem möglichst wehrlosen Opfer, einem Kind, seien mehrere Suizidversuche vorangegangen. Demnach demonstriert die Aufforderung an ihn, sich vor einen Zug werfen, vielleicht Verständnis meines facebook-Freundes für die Seele dieses Verbrechers.

Die Polizei gibt „Mordlust“ als Motiv an. Klingt vertraut für die Konsumenten von Crime-Fiction, die dazu Gestalten wie Hannibal Lecter assoziieren. In Wirklichkeit sieht die Befriedigung der Blutgier bei weitem schäbiger aus und ist zweifelhafter, als der Anschein erweckt wird.

Der „Kannibale“ denkt nie daran, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen. Marcel H*** wird eher und den Regeln des Rechtsstaats gemäß, die so vielen rechtschaffenen Bürgern nicht zu behagen scheinen, davon abgehalten werden müssen.

„Mordlust“ stößt den Täter ein für allemal aus und soll ihn von allen anderen unterscheiden. Er soll nicht mehr länger als Mensch durchgehen, sondern als Tier entlarvt sein. Tiere indes töten nicht aus Lust; das tun zu können ist gerade ein Merkmal des Menschseins.

Bei Aufsehen erregenden Mordfällen zeigt sich die Selbsttäuschung regelmäßig in aller Drastik. Den Wunsch nach Vernichtung teilen seine virtuellen Henker mit dem, den sie verbannen.

Wo vor mehr als ein eineinhalb Jahrhunderten die letzten öffentlichen Hinrichtungen stattfanden und die Todesstrafe vor über 70 Jahren abgeschafft wurde, delektieren sich abertausende an Web-Videos von Enthauptungen und nutzen jede Gelegenheit, um ihre Rechtgläubigkeit durch Fantasien zur Tötung eines Verbrechers unter Beweis zu stellen.

Mörder wie Marcel H*** oder Attentäter wie Anis Anri sind als Bedrohung der Gesellschaft belanglos. Ein Untersuchung des sozialen Umgangs mit ihren Taten könnte jedoch Einsichten auf das eröffnen, wodurch die Gesellschaft viel stärker in Gefahr gerät, als durch die Ausfälle solcher Einzelner.

Mord und Masse

Marcel H***s erster Mord erinnert an das „Verbrechen ohne Motiv“, über das André Gide im Roman Die Verliese des Vatikan Lafcadio Wluiki meditieren lässt, bevor dieser 19-Jährige eine zufällige Reisebekanntschaft aus einem fahrenden Zug stößt.

Gides Schilderung einer mutwilligen Tat aus Langeweile, Überdruss und Unvermögen zum Leben, dem „ennui“, wurde als anstößig empfunden, als sie 1914 erschien. Man empörte sich über die fiktive Tat eines Einzelgängers, während das Jahrhundert der Kriege und kollektiven Gräueltaten gerade begann.

Die Selbstgerechtigkeit der Hass-Poster schreckt mich mehr als die Taten, über die sie sich erregen. Ich hätte nichts versäumt, wäre mir der Fall H*** komplett entgangen. Als Bürger, weit entfernt von Herne, das ich nie betreten habe, geht mich die Geschichte nichts an. Wie mein facebook-Freund und andere auf die Tat und die Berichte reagieren, geht mir nicht nur näher, sondern besagt mehr, als damit gesagt sein soll.

Wenn die Hass-Poster sich fragen würden, welches Bedürfnis sie befriedigen, würden sie vielleicht schweigen. Dass sie sich eben nicht selbst befragen, trägt freilich zu ihrem Bedürfnis bei. Dass sie es als Masse teilen, macht es noch unwahrscheinlicher, dass sie innehalten und in dem, wovon sie sich so dringend und lautstark absetzen zu müssen, einen Aspekt ihres Selbst erkennen.

„Ich habe nie von einem Verbrechen gehört, das ich nicht hätte begehen können“: der Goethe zugeschriebene Satz hat seine Wahrheit nicht eingebüßt, obwohl er die Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts nicht berücksichtigen konnte. Wie man inzwischen wissen kann, bedurften diese zu ihrer Verübung gerade nicht jener verachtenswerten Einzelnen vom Schlag eines Marcel H***, sondern Kohorten derer, die sich für „psychisch in Ordnung“ hielten und erhaben über jede „Mordlust“.

Die ganz gewöhnlichen Männer, die bei der Bildung des Mobs gegen den Mörder immer voran gehen. Der Man of the crowd, in dem Edgar Allan Poe den „Geist und das Urbild des tiefsten Verbrechens“ erkannte.

© Uwe Ruprecht

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