Raymond Roussels Tod auf Reisen

Ein sonderbares Leben, ein rätselhafter Tod. Freitod? Unfall? Mord? Roussel war zeitlebens unterwegs, ohne sich je fortzubewegen. Er starb auf Reisen, im Hotel.

Geboren als Erbe eines riesigen Vermögens arbeitete er besessen, zumeist im Drogenrausch an seinen Texten und verfuhr nach „einer philosophisch nicht zu rechtfertigenden Technik“ (André Breton), die erst ein posthumer Text erklärte, ohne sie zu enthüllen; der philosophische Qualität beigemessen wurde (Michel Foucault); die von Marcel Duchamp, Alain Robbe-Grillet, Michel Leiris und Konrad Bayer adaptiert und bei Salvador Dalí zur „paranoisch-kritischen Methode“ zur Herstellung von Trugbildern wurde; Georges Bataille behauptete, einen sternförmigen, in einer Silberschachtel eingeschlossenen Keks von ihm besessen zu haben.

Am 3. oder 4. Juni 1933 kamen Roussel, 56 Jahre alt, und seine Lebensgefährtin Charlotte Fredez, genannt Dufrène, 53, im Auto mit Chauffeur in Palermo an und bezogen im Grand Hotel et des Palmes die nebeneinander liegenden Zimmer No. 224 und 226.

Dem Untersuchungsrichter gab Mademoiselle Dufrène zu Protokoll: „Ich lebe seit etwa 23 Jahren mit Signor Roussel Raymond eheähnlich zusammen, auch wenn ich ihn nie geheiratet habe. Er war stets ein Neurastheniker; er beschäftigte sich viel mit Literatur und Musik, hat literarische Arbeiten verfasst und auch komponiert. In Frankreich hielt man ihn für ein Genie. Wir kamen vor sechs Wochen nach Palermo, weiß Signor Roussel einen Klimawechsel wünschte.“

Zeichnung: urian

In der Thermosflasche

Sie waren nicht im AutoCarRoussel gereist, dem Prototyp des Wohnmobils: schwarz und schmal wie ein Sarg, neun Meter lang und zweieinhalb breit. Roussel war 1926 der erste, der auf die Idee kam, Wohnung und Auto zu montieren und damit, ohne den Ort zu wechseln, eine restlos sentimentale Rundfahrt zu unternehmen.

Er war ein exzessiver Tourist; er kreiste um die Welt, wie andere um den Park joggen. Unterwegs unterbrach er nicht seine Gewohnheiten, sondern warf ihr Netz über den Globus. Er war angekommen, bevor er eintraf. Die Erde: ein Dorf, von dem er nicht mehr wahrnahm, als der Baedeker vorschrieb.

Er kreiste in der rundum verspiegelten Kapsel eines ein für allemal festgelegten Weltbildes, auf Schneckenstraßen, die ihn zu dem führten, als den er sich selbst sehen wollte: als Autor, dessen Werke Strahlen über die ganze Erde sendeten, als Nachfahre Jules Vernes.

Der Erfahrene versah das Schneckenhaus mit Rädern, weil er auf einer Weltreise seinen Koffer so oft ein- und ausgepackt hatte, dass ihm davor graute. Während der Fahrt blieben die Vorhänge zu; er las Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer.

Im abgedunkelten Wohnmobil die Erde umkreisend, wurde Roussel zum Gefährten Kapitän Nemos. Der Druck in der rollenden Dunkelkammer war so künstlich wie im U-Boot. Das passende Fahrzeug für den Mann, den Jean Cocteau in einer Drogenentziehungsklinik beobachtete: „Roussel […] lebt in der Thermosflasche. Er stimmt mit nichts in der Außentemperatur überein.“

Souvenirladen

Eindrücke aus Afrika, In Havanna, Neue Eindrücke aus Afrika heißen seine Bücher. Was wie Reiseberichte klingt, sind Geschichten aus dem Innern, den Innereien der Sprache, Berichte vom Locus Solus. Die Bücher schildern nicht die Reisen, sondern was von ihnen übrig blieb: die winzige Ansichtskarte in der gläsernen Kappe eines Kugelschreibers, der Kopf eines Hotel-Briefbogens.

Roussel malt minutiös Kinderwelten aus, einen Jahrmarkt oder Zirkus der Absonderlichkeiten, ein Panoptikum schönen Schreckens: Der mit aqua micans gefüllte Glaskristall, in dem Dantons von Haut und Knochen befreiter, auf Gehirn und Nervenstränge reduzierter Kopf, den eine enthaarte Katze elektrisiert, mit den Ruinen seiner Lippen stumme Fragmente seiner legendären Rhetorik ausstößt.

In Tarot-Karten eingeschlossene Insekten, deren unwillkürliche Bewegungen ein musikalisches Räderwerk in Gang setzen, während über ihren Köpfen grüne Lichtkegel aufleuchten, sobald sie sich einer Weise von einer Wiese Schottlands erinnern, die ihr Heimweh stillt. Leichen, die durch die Kombination zweier Chemikalien angeregt, den einschneidendsten Moment ihres Lebens in authentischen Kulissen wiederholen.

Das Souvenir ist die Schleimspur der Schnecke daheim. Ein Überrest von Orten, die gesucht, aber nie wirklich besucht werden können, weil sie die längste Zeit in der Einbildung bestehen.

Roussels Wundermaschinen entstehen aus einer Schreibmethode, die eine erzählende oder beschreibende Verbindung zwischen zwei klangverwandten oder -ähnlichen Worten oder Sätzen erschafft. Die Rue de Rivoli in Paris lag für ihn nur einen Zungenschlag entfernt von der gleichnamigen Straße auf Tahiti.

Es handelt sich „um das Verfahren des Reimens in einer außerordentlich weit entwickelten und wie zum Zerspringen gebrachten Form“ (Michel Butor) und um wahnsinnige Sprachanalyse: „Sprache als winzige Klinge, die die Identität der Dinge spaltet“ (Foucault). „Ich blute über jedem Satz“, sagte Roussel.

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Im Schach

Sein ererbtes Vermögen hatte er schließlich durchgebracht. 1932 siedelte er aus seiner Villa in eine Pension in der Rue Pigalle um: Homosexuelle, Rauschgiftsüchtige, Kleinkriminelle. Er spielte Schach um Geld und studierte Endspielvarianten. Für das Matt mit Springer und Läufer fand er eine Lösung, die Großmeister Tartakower in Zeitschriftenaufsätzen veröffentlichte. Roussel selbst schrieb nicht mehr. „Das ist derart schwierig!“

Hatte er zunächst vorgesehen, über seinem Grab ein Denkmal aufzurichten, das ein im Bibliothekswinkel stehendes Selbstporträt zeigen sollte, kaufte er nun zwei Grabstellen auf dem Père Lachaise mit je 32 Urnenfeldern zur Abdeckung mit dunklem und hellem Marmor; heute befindet sich dort ein schwarzer Steinsarg.

Am 18. Januar 1933 hinterlegte er ein Testament. Am 9. März verfügte er, dass ihm nach seinem Tod „ein langer Einschnitt“ in eine Ader am Handgelenk gemacht wird, weil er fürchtete, lebendig begraben zu werden.

„Er war sehr krank, als er in Palermo ankam“, erzählte sein Neffe und Erbe, Michel Ney, Herzog von Elchingen, einem Reporter. „Vielleicht die Nerven…“

Flaschengeister

Roussel reduzierte die Gegenstände, mit denen er sich abgab, auf ein Minimum, das in einen Überseekoffer passte. Keine Papiere, keine Bücher bis auf einen Karton mit 13 unaufgeschnittenen Exemplaren seines zweiten Werks Locus Solus (1914).

Flaschen ringsum in No. 224 bildeten den magischen Kreis der letzten Beschwörung. In einer Schublade der Kommode: 16 Flacons mit Somnothyril, 15 mit Sonéryl, 11 mit Rutonal, zehn mit Hypalène, acht mit Phanodorme, eine Schachtel Declonol, ein Fläschchen Hyrpholène, ein Röhrchen Somnotyhril. In einem Pappkarton im Schrank: zehn Flacons Neurinase und 12 Veriane; auf dem Schrank halbleere Flaschen mit Veriane, Veronidin, Neurinase und Neosedan, Sonéryl, Rutonal und Acetile.

Mitte Juni fuhr Charlotte für ein paar Tage nach Paris, um das verbliebene Personal zu entlassen. Am Tag nach ihrer Abreise wurde Roussel in No. 224 bewusstlos aufgefunden und vom Hotelarzt behandelt.

Am Sonntag, dem 25. Juni, begann Charlotte, die Drogendosen zu notieren: „Sechs Tabletten Phanodorme abends um sechs, sechs um halb zwei Uhr nachts. Montag, 26. Juni: Acht Hypalène zehn nach fünf morgens, sechs um halb zehn, 30 Tabletten die Nacht durch. Dienstag, 27. Juni: Eineinhalb Flacons Vyriane. Mittwoch, 28. Juni: drei Rutonal um halb fünf, drei um sechs und 12 während der Nacht.“

Am Abend des 1. Juli reichte Roussel dem Zimmerkellner Tommaso Orlando, 29 Jahre alt, zusammen mit dem üblichen Trinkgeld wortlos eine Handvoll Scheine mehr und ein Rasiermesser, deutete auf sein linkes Handgelenk und machte mit dem Zeigefinger die Geste des Schneidens. „Ich verstehe Sie nicht, Signor?“ Roussel wiederholte das Zeichen. „No, Signor, no!“

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Verdoppelungen

2. Juli, sieben Uhr. Zimmerkellner Orlando und der 42-jährige Hoteldirektor Leopoldo Serena eilten zu No. 224. Orlando klopfte an die Tür, sie warteten und lauschten. Keine Antwort. Orlando pochte noch einmal kräftiger. Nichts. „Den Hauptschlüssel!“, ordnete der Direktor an.

Er blieb zurück, während Orlando die Suite betrat; auch in einer Notlage musste das Dekorum gewahrt werden. Das Zimmer war dunkel. Orlando machte Licht und verschwand aus Serenas Blickfeld. „Kommen Sie schnell, Herr Direktor!“

Roussel lag mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne. Der Arzt wurde gerufen, legte Verbände an und erlaubte dem Patienten ausdrücklich eine beruhigende Dosis seiner Mittel.

Charlotte war mit dem Chauffeur in der Stadt zum Einkaufen. Nach ihrer Rückkehr redete sie gemeinsam mit dem Arzt auf Roussel ein. Der schrie: „Lieber schneiden Sie mir Arme und Beine ab, ich gebe meine Fläschchen nicht her!“ Dem Arzt schenkte er ein Exemplar von Locus Solus: „Lesen Sie ab Seite 33, was davor kommt, ist unnütz.“

Am 13. Juli verabredete Charlotte mit einer Klinik in Kreuzlingen am Bodensee eine Kur, die am 16. Juli beginnen sollte. „Donnerstag, 13. Juli: 40 Tabletten Sonéryl“. Letzte Ausfahrt im Automobil, immer in der Runde, um die Insel: Paris – Palermo, Savoie – Suisse, Sicile – Suicide.

Unter den Bogengängen Buden mit weißglühenden Karbidbrennern und Menschen in Masken. Um 19 Uhr sollte ein doppeltes Fest stattfinden: das traditionelle zu Ehren der Heiligen Rosalia und eines für ein faschistisches Fluggeschwader, das nach einer Atlantiküberquerung in Labrador gelandet war. Ein Maskenfest war Thema des ersten Textes, bei dem Roussel mit 19 Jahren das Strahlen seines Ruhmes, den Stern auf der Stirn halluziniert hatte: La Doublure, das Double.

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Jour de gloire

Vom Wagen zum Aufzug, vom Aufzug ins Zimmer mussten Kellner Orlando und der Chauffeur ihn tragen. Trinkgeld 20 Lire. Er hatte nicht mehr die Kraft, ein Glas hoch zu heben. Blickte vom Balkon auf die belebte Straße.

Gegen 21.30 Uhr fand ein Wettbewerb erleuchteter, fantastisch ausstaffierter Boote und Inseln auf dem Fluss statt. Um 22 Uhr ein Feuerwerk. In girum imus nocte et consumimur igni, wir kreisen in der Nacht und werden vom Feuer verzehrt. Mit den letzten Lichtspritzern am Nachthimmel um 22.15 Uhr verließ ihn Charlotte.

23 Uhr. Er hatte Angst, aus dem Bett zu fallen, und legte die Matratze auf den Boden. Charlotte rief durch die Verbindungstür, die er erstmals verschlossen hatte: „Wie geht es dir?“ – „Mach dir keine Sorgen!“

14. Juli, zehn Uhr. Ein patriotischer Gast beging mit seinem Grammophon den französischen Nationalfeiertag: „Der Tag des Ruhmes ist gekommen.“ Auf der Piazza werden die Reste des Fests fort gefegt. Mussolinis Schwarzhemden patrouillierten.

Im Hotel ging der Gepäckträger Antonio Kreuz seiner Arbeit nach und klopfte an die Tür von No. 224: „Signor, sind Sie da?“

Charlotte erschien vor No. 226: „Was ist?“

„Ich wollte wie aufgetragen die Koffer holen. Der Chauffeur wartet unten.“

Charlotte rief durch die Tür von No. 224: „Raymond?“

Endspiel

Der Polizeibericht verzeichnete: Dass der Genannte in Rückenlage tot auf einer auf den Boden verbrachten Matratze ruht; dass der erwähnte Leichnam wie folgt bekleidet ist: ein weißes Nachthemd, weiße Unterhosen, schwarze Socken und wollenes, champagnerfarbenes Unterhemd; dass der Genannte einen Erguss hatte, bevor er starb. Unter der Matratze befindet sich ein Nachttopf mit etwas Urin. Wahrscheinlich zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens gestorben. Todesursache: Überdosis. Der Tote wird einbalsamiert.

Obwohl so kraftlos, dass er getragen werden musste, räumte er das Zimmer um und schleifte eine Matratze auf den Boden? Kein Blatt von seiner Hand in No. 224, nur der Zettel von Charlotte: „Freitag, 30. Juni: Somnothyril 19 ohne Euphorie. Sechs Stunden Schlaf. Samstag, 1. Juli: Eine Flasche Neurinase […] Mittwoch, 12. Juli: Eineinhalb Flaschen Veriane. Etwas Schlaf und eine außerordentliche Euphorie.“

Leonardo Sciascia, der die Polizeiakten durchsah, vermerkte, dass der Chauffeur Roussels Erben zu erpressen versuchte und Charlotte seine Existenz dem Untersuchungsrichter verschwieg, so dass er nie vernommen wurde.

Am 21. Juli wurde die Versiegelung des Hotelzimmers aufgehoben, der Leichnam zur Beerdigung freigegeben.

© Uwe Ruprecht

wikipedia über Roussel

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Roussel in bewegten Bildern auf meinem Kanal bei youtube.

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