Clara bezieht eine Zeitschrift, in der Textpreisausschreiben annonciert werden. Auf ihren Rat hin sehe ich das betreffende Magazin in der Gedenkbibliothek ein. Zeilen von Celan werden zur Meditation vorgeschlagen.

Unwillkürlich erregen sie meinen Widerwillen. Ich begreife nicht, bis ich im einzigen Band von Celan, den ich besitze, Eingedunkelt, ein Geburtstagsgeschenk von Clara, blättere. Im Magazin war das Gedicht unvollständig; die Fantomschmerzen der fehlenden Verse wie der Abbruch einer Melodie vor dem auflösenden dritten Takt.

Korrespondenzen bestehen, solange ich an ihnen festhalte und sie fortschreibe: was Clara mir bedeutet; Celans „ich hörte sagen“. Die Nacht nach der Lektüre von Eingedunkelt brachte einen lyrischen Ausstoß hervor. Von der Zeile „Spaltung in Sprache und Sache“ gelangte ich zu einer Serie von Anagrammen.

Pan spielt Grausen und Schach.
Scheuch Sinnatrappe und Glas
Und Nachtrappe in Schulgasse.
Nachtrappe scheu, sag uns lind:
Glastusche, Spinnpech und Ara,
Rauschasche, Pestplan und Gin.
Sarg an Land, ich tusche Suppen.
Ich suchte Grassuppen an Land,
unartige Lachssandschuppen.
Ich suche Pan als Grundspaten,
Angstlurch-Aue, Sippenschande.
Und ich spure nach, Glasspaten.

Ferdinand de Saussure litt am Anagramm, Unica Zürn und, vermutlich, Raymond Roussel sind daran gestorben. Anagrammatisieren ist eine Vorform des Wahnsinns an der Grenzscheide von schizoid und schizophren.

In Stadien der Verliebtheit verständigen Clara und ich uns durch den Austausch der versteckten Beziehungen in den Worten, die wir anagrammatisieren, wie durch spontan einsetzende Assoziationsbildungen im doppelten Boden der Buchstaben, der wie eine Duchampsche Tür zugleich öffnet und schließt, bis die möglichen Kombinationen ausgeschöpft sind…

Um unseren Code zu entschlüsseln reicht Freud gerade, ein Badesteg im Meer der Bedeutungen, in dem der Sinn-Suchende rasch versinkt. Wir beschränken uns auf Namen, ZENTRALHOTEL oder URENGE, bei der Umsetzung ganzer Sätze hört das Spiel auf. Gleichwohl: in Italien sind Anagramme so gewöhnlich wie Kreuzworträtsel; Anhänger sagen: „Gehirntraining“, und die Römer erst!, der deutsche Barock: Wortwürfeln als Ringelpietz.

„Im Falle, dass Sie liebenswürdigerweise bereit sein würden, die Einzelheiten meiner Fragen entgegenzunehmen, würde ich die Ehre haben, Ihnen diese Einzelheiten in einem nächsten Brief mitzuteilen.“ Den 19. März 1909, vier Jahre vor seinem Tod, wendet sich der 51-jährige Ferdinand de Saussure, Professor für vergleichende und historische indogermanische Sprachwissenschaft sowie Sanskrit in Genf, hilfesuchend an seinen Kollegen Giovanni Pascoli in Bologna.

Saussure hat an lateinischen Dichtungen Lautanalysen vorgenommen: Verse in Klangstrukturen zerlegt, Buchstabengruppen gezählt und in Tabellen sortiert, 140 Hefte, drei Jahre Arbeit. Er hat ein Gesetz gefunden, Thesen formuliert, die wissenschaftliche Strenge seiner Studien steht außer Zweifel – aber ihr Erkenntniswert steht und fällt mit einer fantastischen Annahme.

Pascoli kann ihn erlösen. Er schreibt nach antikem Versmaß lateinische Lyrik. Auch in seinen Werken hat Saussure das Gesetz gelesen, dem die Götter der Literatur, Homer wie Vergil, scheinbar unterlagen, sobald sie dichteten. Pascoli muss wissen, ob sie einer über Metrum und Reim hinausgehenden Vorschrift folgten.

Saussure hat sich im Labyrinth seiner Auslegungen verirrt. Sieht er nur Maserungsfiguren „dieser beliebigen Diele“? Zuletzt favorisiert er die okkulte Hypothese. Kabbalistische Themura, die anagrammatische Methode zur Exegese von Gottes Wort, war den Alchymisten von Paracelsus bis Newton und Goethe vertraut; Crowley verstreute Anagramme in Gedichte (Hymn to Pan).

Saussures Blick schürft aus den im Gedicht verstreuten Lauten Personen- oder Götternamen, thematische Worte, das unhörbare Zentrum einer Silbenspirale, ein Hypogramm, das den Namen variiert, imitiert, simuliert. „Die vollkommenste Form, die der locus princeps annehmen kann, ist ein mit dem Syllabogramm vereintes mannequin, das heißt eine Gliederpuppe, die in ihren eigenen, von Anfangs- und Endbuchstaben deutlich angegebenen Grenzen das vollständige Syllabogramm enthält.“

Erkannten antike Leser das Unhörbare? War es ihnen so selbstverständlich, so eingefleischt wie das Metrum? Pascoli muss es wissen. Aber Pascoli schweigt.

MANNEQUINS: das surrealistische Monstrum; de Chiricos manichino; Duchamps Bräute, Schaufensterpuppen wie die Nackte im Guckkasten; die Puppe von Hans Bellmer, der Unica Zürn mit Anagrammen ansteckte; Hoffmanns Olympia; eine Wachsfigur, „etwas dick, rot geschminkt mit gemalten Brauen, die seit ihrer Existenz eine Kusshand warf“ (C. Einstein). – „Eines der versteckten Anagramme von Paris im Spleen I ist das Wort mortalitė“ (Benjamin). German Schleifheim von Sulsfort, Voltaire, Jakob van Hoddis, Paul Celan, Marguerite Yourcenar: Anagramm-Pseudonyme.

Saussures eklatante Hemmung, seine Studien in abschließende Schriftform zu bringen; Schüler verbreiten die Lehre, Auszüge der mannequin-Hefte erscheinen erst 1971. Roussel, der seine imaginären Maschinen nach einer rigiden Lautregel bastelte wie ein Lateiner in Saussures Theorie, legte sich zum Sterben vor eine Tür, die ausnahmsweise verschlossen war. Unica Zürn sprang im Oktober 1970 aus dem Fenster. Im selben Jahr starb Celan. „Letterkehr“, ein Verfahren, sich schleunigst einzuschreiben ins Totenbuch der Poesie?

Meine ärgste Anagrammphase fiel in eine Höllenzeit, in der ich das Leben fast verlernte. Nur Zufall, dass auf den ersten Seiten des schwarzen Buchs, das ich anlegte, um meine Studien zu Tagesereignissen in Beziehung bringen zu können, die Nachricht vom Tod einer gleichaltrigen Verwandten steht, mit der ich ausschließlich Kindheitserinnerungen verbinde, die die Stadt betreffen, in der ich jetzt schreibe.

Bemerkungen zur neu erschienenen Übersetzung von Foucaults Untersuchung des Rousselschen Verfahrens, über Konrad Bayer, einen weiteren Toten durch Wortgeklingel, dann zerfasern die Eintragungen zusehends, kaum bringe ich einen kompletten Satz zusammen. Die Blätter füllen sich mit Gestotter.

EISENBAHN / SEIN HABEN / SINN AB EHE
IN USER IRA SENS / REIN UNSENS AIR / URIANS REISEN / IRRSINN AUS SEE / UNSER NASE IRIS / SAUER IN RISSEN / SINNER AUS REIS
GLÜHBIRNE / EULENGREUEL / BEULE HIRN
LA BEAUTE SERA COLVULSIVE / BLEIKÜSSE VON AUERTAL-TV
GRAUER STAR / TRAUER GRAS
SEID WAAGE, DUST AN SICH / DAS ICH IST WIE DAS AUGE
ZEICHENRAUM / ICH MEER-ZAUN / ICH ZÜRNE AM / REICHEN ZAUM
ABENTEUER DES AUGES / BEUTE ADE, ESSE GRAUEN / ADE, TAUBE GRÜNE SEE
HERDSTARGASSE / GERHARDSTRASSE

Von Falltür zu Falltür im Zwischenraum der Worte stolpernd verlor ich das Interesse an den gewöhnlichen Unternehmen der Menschen; wie konnten sie eine einzige Spur durchhalten angesichts der vielen…

Die Worte zerfielen nicht lautlos unter den Federstrichen. Beim Zertrümmern und Verbinden sonderten die Buchstaben Bild- und Geschichtenbruchstücke ab, die stets nach Mythen, Sagen, Märchen klangen, sobald sie gruppiert wurden, wobei die Szenenfolgen, die mich verführten, dem Leser unsichtbar blieben.

Ich spürte fremde Worte in den vertrautesten auf, die sich als Schatten oder Schimmer im Ursprungswort erhielten, auch wenn ich die Kombinationen im Einzelnen vergaß. „Temor“ verfolgte mich einen Tag lang, ehe ich erkannte, dass es das „morte“ aus einer alten Serie war. Ich träumte in Boltrafio-Botticelli-Boltanski-Bosnien, eine Braut mit Brustkörben aus Backstein brachte den Blues „Orpheus als wandelndes Auge in Porte SHADE“.

Immer schneller kreisten die Spiegelbilder der Worte umeinander, vervielfachten sich die Doubletten im Denken wie Parasiten, bis ich nurmehr entstellt und verschoben in anagrammatischen Dreisätzen (ZENTRALHOTEL / HELL TRAT ZONE) artikulierte. Ich verlor die Haltung, erkannte keine Wahl. Kein Pascoli zu raten. Keine Warnung von Celan:

„Schreib dich nicht
zwischen die Welten,
komm auf gegen
der Bedeutungen Vielfalt,
vertrau der Tränenspur
und lerne leben.“

Ich kam nicht in die innerste Zone der Hölle, dichtende Dilettanten dringen nicht so weit vor. Eine „Tränenspur“ führte mich zurück aus dem Irrgarten der Sprachbilder. Außer um Clara anzubeten, lausche ich den Sirenen nicht mehr.

Text gedruckt in TASTEN. Magazin für Literatur, Nr. 5, Wuppertal 1992/93

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