Konrad Bayer

Wer war Konrad Bayer? Ein Dichter, ein Schauspieler und ein Kleinbürger, ein Erotomane und eine schöne Leiche – um nur ein paar der Rollen zu nennen, die er im Laufe seines kurzen Lebens vom 12. Dezember 1932 bis zum 10. Oktober 1964 ausprobierte. Besonders die letzte Rolle, die des Selbstmörders unter dem Gashahn, war ein durchgreifender Erfolg; in den Wiener Kaffeehäusern und ihren Berliner Pendants wurde lange davon geschwärmt.

Wer war Konrad Bayer? Ein experimentator vitae; ein Dandy, der sich jeder Festlegung auf eine »eigentliche« Figur entzieht und immer dort erscheint, wo man ihn nicht vermutet hätte – und immer anders, als man es sich vorgestellt hat. Anzunehmen, dass Bayer selbst nie genau wusste, wie er war, und dass seine endgültige Auflösung im Suizid der Logik seiner Selbstversuche folgt.

Zu den Quellen über das lebende Kunstwerk »Konrad Bayer« und über sein literarisches Werk gehören H. C. Artmann, Oswald Wiener, Gerhard Rühm und Friedrich Achleitner. Mit ihnen bildete Bayer seit Mitte der 1950er bis zu seinem Tod die legendäre »Wiener Gruppe«: Konkrete Poesie, Happening und Kabarett, Gemeinschaftstexte und Drogenexperimente, Individualanarchismus an der Kunstfront; später Nachhall des Surrealismus auf deutsch, erweitert und korrigiert um Inspirationen aus der Barockdichtung, dem Expressionismus August Stramms, Gertrude Stein, Dialekt und Ludwig Wittgenstein; spezifisch weanerische Maroditäten; schwarzer Humor und schwarze Romantik, mit Kybernetik versetzt.

Konrad Bayer war die Hauptfigur der Gruppe. Ihr Motor in der Art, wie Oswald Wiener ihn beschreibt: »er trachtete danach, einen umfassenderen überblick über die jeweilige lage zu haben als die menschen, die diese lage mit ihm zu teilen schienen, und vergewisserte sich darüber durch kleinere und größere eingriffe oder akzentverschiebungen.«

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Bayer eilt immer voraus; sowenig er sich setzt, gestattet er es den Situationen, sich zu verfestigen. Jedes Ende ist ein Tod. Sein Nachlass strotzt von Fragmenten. Bayer anerkennt nichts Beständiges. Schon gar nicht die Natur, schon gar nicht den Körper. Erst recht nicht das Denken und die Wahrnehmungen der Menschen.

Alles wird von ihm auf seine Revidierbarkeit überprüft. »wenn konrad eintrat«, so wieder Oswald Wiener, »befiel einen eine gewisse spannung, die situation gestattet nicht mehr ein ruhen in ihr oder eine bewegung mit ihr.«

Der Mythos Konrad Bayer: der Mythos des Künstlers. Zu seinen unzähligen nicht ausgeführten Ideen gehört: als Dirigent von Singvögeln aufzutreten; einen Geldschein als Kunstwerk herzustellen; eine Konrad-Bayer-Zeitung herauszugeben, in der ausschließlich eigene Texte und Privatfotos veröffentlicht würden.

Marcel Duchamp ist hier nicht fern mit seinen intellektuellen Gags und Vexierereien; mit seinem letztatmenden Statement »Atmen und Leben war meine Kunst«. Bayer ist ein Künstler, dessen Botschaft er selbst ist. Samt des dazu erforderlichen Autismus. »Ich bin meine Welt«, sagt sein Landsmann Wittgenstein.

Und seine Texte? Sein literarisches Opus, herausgegeben von Gerhard Rühm – welche Rolle kommt ihm zu bei Bayers lebenslangem Ausgleiten? Wie der Name schon sagt: Experimentelle Literatur ist eine Möglichkeit der Forschung. Durchaus im emphatischen Sinn, also nicht nur als Selbsterforschung und zur Selbstkontrolle – wie es amüsant und aufschlussreich sein kann, während einer Drogensession aufs Papier zu kritzeln, was Bayer nicht selten getan zu haben scheint.

Forschung zur Erlangung nicht nur psychologischer Selbsterkenntnisse, vielmehr als Weg zur Entdeckung jenseits gleichgeschalteter Zeichenraster. Denn »vielleicht«, so Bayer, »hat die wissenschaft mehr angst als die literatur«. Das ließe sich freilich von jeder, nicht nur der sogenannten experimentellen Literatur sagen. Hinzu kommt, dass Bayers Texte ihre Erkenntnisse und Entdeckungen nicht haben; dass sie – in Umkehrung einer Maxime von Carl Einstein – keine konzentrierten Resultate, sondern Wege geben.

Alles ist hier jederzeit revidierbar. Literatur ist eine Spielvorlage: ein Schachspiel zwischen Leser und Autor, zu dem dieser das Brett und die Figuren beisteuert. Den Rahmen also, das formale Grundmuster, das von jeder Lektüre nicht etwa erfüllt, sondern umarrangiert werden muss.

Alle Arten des Rätsels und des Unvertrauten interessierten Bayer; und wo er solche nicht fand, stellte er sie her. Magische Praktiken, Menschenopfer, Alchemie und Astrologie, Schamanismus und geheime Riten: aus diesen Bauelementen und Bruchstücken, Orientierungsdaten der Biographie des russischen Polarforschers Vitus Bering fertigt Bayer seinen letzten abgeschlossenen Text, der kopf des vitus bering, ein literarisches Tableau für historische Assoziationen. Geschichte zum Ausspüren und Neudenken.

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Die Affinität Bayers zu Bering ist offensichtlich: der desparate, unterkühlte Literat und der in der Kälte umgekommene Forscher; der Drogenkonsument und der Epileptiker; zwei Abenteurer. Ort der Erkenntnis, die von dieser Nähe gezündet wird, ist die Zeit. Dabei zeigt sich das Bewusstsein, dass die Möglichkeiten linearen Fortschritts abgefressen sind, dass das »Schneller-Höher-Weiter« der Wissenschaft mit der Atombombe an ihre äußerste Grenze gestoßen ist. Dass sich Neues ganz woanders erschließen muss: nicht die Reise in den Weltraum, sondern die Zeitreise ist die Utopie einer anderen Wissenschaft.

Als Bezugsfigur wählt Bayer den Epileptiker Bering, weil dessen Krankheit, morbus sacer, die »heilige« genannt, der Legende nach dazu befähigt, »in vergangenheit und zukunft zu reisen und alles in einem punkt zu verbinden, zu koordinieren«. Analog dem Drogenkonsumenten, der erfährt wie es ist, »hundert Orte aus einer Stelle zu saugen« (W. Benjamin). Der aus der Zeit fällt in ein gleichmäßig nach allen Richtungen ausgedehntes Netz von Beziehungen.

Bayers Text kennt daher keine Geschichte; er erzählt nicht, sondern offeriert Konstellationen, Verflechtungen von Hinweisen auf Wirkliches. Wie beim Schach, indem man hier die Strategie des Autors aus seinen Zügen erspürt und mit dem eigenen Denken und der eigenen Erfahrung abgleicht, stellt sich der Text zum Spiel her.

Bayers Sprache fängt bei den Buchstaben an; sie sind die kleinsten Bauelemente seiner Texte. Bei ihnen, unterhalb von grammatischen Regeln, fangen seine Kompositionen an. Diese sind aufreizend schlicht und transparent in ihrer Machart, wie die Zwölftonmusik, wie manche Objekte Duchamps.

Bayer stellt zwar Spiele her, aber er spielt nicht: er konstruiert. Ganz durchsichtig zwar, aber eben auch gegen alle üblichen Regeln. Hermetisch, esoterisch sind seine Texte nicht aufgrund ihrer privatimen Herkunft, sondern durch ihre Brechung gegen die alltägliche und die literarische Sprache, durch ihre permanente Verletzung des eingeschliffenen Sprachgefühls.

Die Destruktion setzt sich bis in die Bilder hinein fort: Menschenhäute reißen wie Papier, Lebendiges splittert wie Glas; aber auch umgekehrt: Architektur wird Fleisch. Alles ist revidierbar. »Die organe flüstern: goldenberg, es geht zu ende, und goldenberg will wissen warum und die organe sagen, das ist egal, es gibt keine ursachen, die kannst du dir erfinden, es gibt nur erscheinungen.«

(die tageszeitung 13.7.1985)

© Uwe Ruprecht

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