2. Oktober bis 4. Dezember 1936

Sie redeten über ihn, aber nicht mit ihm. Außer Reden gab es nichts zu tun. Es war kalt und diesig und die Seefahrt schon unter besseren Umständen arm an Ablenkungen. Sie stellten einander ausgiebig mit ihren Lebensverhältnissen vor. Ihre Gespräche kreisten um die Geschichten in ihrem Gepäck. Sie stellten sich als Gruppe ein und waren bald wenigstens so vertraut miteinander wie Nachbarn. Freundschaften bahnten sich an, sie bildeten gemeinsame Gewohnheiten. Seine Absonderlichkeit war herausfordernd.

Er hatte Passage und Hotel beim selben Veranstalter gebucht, war aber erst in Cóbh an Bord gekommen. Der Reiseleiter hatte ihn als Sprachlehrer aus Dublin vorgestellt. Der Neuzugang äußerte sich nicht, schaute unverwandt in die Runde und bezog dann seine Kabine. Vom Reiseleiter war anschließend zu erfahren, der junge Mann würde nicht am Besichtigungsprogramm in Hamburg teilnehmen. Er bleibe länger und habe es nicht eilig, die Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Er wolle die deutsche Sprache lernen, habe er gesagt, in ausgezeichnetem Deutsch, wie der Reiseleiter betonte, auf den seine Schützlinge sich in diesem Punkt verlassen mussten. Nach vier Tagen und Nächten auf See erschien ihnen diese Begründung seltsam aus dem Munde eines, den sie kaum ein Wort hatten sprechen hören.

Meistens wurde er lesend gesehen. Es hieß, einer seiner Koffer enthielte nur Bücher. Andere lasen auch, aber sie hatten genau den einen vor der Abfahrt erworbenen Spannungsroman dabei und hofften, am Zielort keine Zeit zum Lesen haben. Es schien ihnen widersinnig, sich auf Reisen mit einem anderen Buch als dem Baedeker abzugeben. Anscheinend war es dem jungen Mann mit dem Erlernen der Sprache ernst. Die Mitreisenden wussten nicht, welche Bücher er las, auch wenn sie die Titel erkennen konnten. Sie waren jedenfalls nicht in Englisch.

Eine Ausnahme, die er von seiner verschlossenen Schweigsamkeit machte, war keine. In einer Ecke des Salons wurde ständig Schach gespielt. Um das Brett ging es recht geschwätzig zu, aber die Spieler waren stumm und durften es bleiben. Der Außenseiter gesellte sich für ein, zwei Partien dazu. Es wurde nicht beobachtet, dass er sich nach Spielende aufhielt, Züge analysierte oder sich in ein Gespräch verwickeln ließ. Es zog ihn an die Bar. Er trank ziemlich viel doppelte Whiskys. Der Alkohol machte ihn weder redseliger noch bewegte er sich mehr. Er schien sein Sitzen und Schweigen noch zu vertiefen. Außer mit „Bitte“ und „Danke“ bei Tisch und einem gemurmelten „Guten Tag“ hatte keiner aus der Dubliner Gruppe die Stimme ihres Landsmanns gehört. Mit dem Barkeeper verständigte er sich wortlos.

Bis die SS Washington anlegte, mussten sich die Mitreisenden anhand des Augenscheins ein Urteil bilden. Ein langer, hagerer Kerl um die Dreißig in Lederjacke mit einer großen runden Brille im schmalen Gesicht. Wo immer er als Sprachlehrer arbeiten mochte, an einer Dorfschule oder einer Universität, wirkte er nicht wie ein Stubenhocker. Zwar las er, spielte Schach und trug die Brille eines Intellektuellen, erschien aber weniger schüchtern als einschüchternd. Gang und Miene verrieten eine wütende Entschlossenheit, die auch die Aufdringlichsten unter den Mitreisenden davon abhielt, in sein Schweigen einzubrechen.

Seines Habitus zum Trotz konnten sie ihn sich eher auf den Docks als im Lehrsaal des Trinity College vorstellen. Wie er die Brille zum Lesen abnahm, könnte er sie absetzen, bevor er sich auf eine Schlägerei einließ. Der Eindruck ging darauf zurück, dass er mehr als einmal im Wortwechsel mit Männern der Besatzung gesehen worden war. Nicht mit Barmann oder Stewards, die in den ödesten Stunden vor allem mit Worten zu bedienen hatten, sondern mit Matrosen, die sonst den Umgang mit den Passagieren mieden, wofern er ihnen nicht untersagt war. Sie hätten nicht angeben können, wie oft der angebliche Sprachlehrer bei Wind und Wetter draußen herum schlich, während man ihn in der Kabine wähnte. Er war an Stellen gesehen worden, zu denen Passagieren der Zutritt verwehrt war. Er war plaudernd mit einem Seemann in einer Luke verschwunden.

Die Vermutung kam auf, es handle sich um keinen Passagier, sondern beispielsweise einen Beauftragten der Reederei. Deshalb sei er allein in Cóbh zugestiegen und vom Reiseleiter so wortkarg vorgestellt worden. Freilich werde er das Besichtigungsprogramm auslassen. Er hatte in Hamburg andere Geschäfte zu erledigen, würde gleich auf einen anderen Dampfer umsteigen, um dort schweigend und sitzend die Abläufe an Bord zu beobachten, während er zu lesen vorgab. Dass er beobachtet worden war, wie er Einträge in ein Notizbuch vornahm, hatte zu einem Sprachlehrer und Vielleser gepasst. Aber es wäre auch, was ein Inspekteur täte, ein Buchhalter im Außendienst.

Sie hatten seine Verschlossenheit auf sich bezogen und als Verachtung verstanden. Sie könnte einem Amt geschuldet sein, in dem man sich bei niemandem beliebt macht, und mit Verbitterung vermischt sein. Jedenfalls hatte, wer so schweigsam war, etwas zu verbergen. War es kein geheimes Amt, war es eine Schuld. Zwar behauptete der junge Mann, auf der Suche nach der fremden Sprache zu sein. Genauso gut konnte er auf der Flucht sein, weshalb er nicht in Dublin, wo er angeblich herkam, sondern im Süden der Insel, bei der letzten Gelegenheit, aus dem Land zu kommen, auf den US-Liniendampfer aufgesprungen war.

Als die SS Washington am frühen Freitagmorgen, dem 2. Oktober 1936, einen Tag verspätet an den Landungsbrücken in Hamburg festmachte, drängten die Passagiere ungeduldig an Land, als erwarte sie etwas, als könnten sie noch etwas einholen, das sie verpasst zu haben glaubten. Viele sehnten sich nach festem Boden, auf den sie noch eine halbe Stunde warten mussten. Der Reiseleiter scheuchte sie von Bord, über schwankenden Pontons und eine Brücke durch das Hafenamtsgebäude zum Parkplatz, wo ein Omnibus wartete, in dem sie zum Hotel schaukelten.

Der 30 Jahre alte Samuel Beckett hatte seine akademische Laufbahn als Lektor für Französisch am Trinity College beendet. Er hatte in Cóbh das erstbeste Ticket erstanden, für Hinfahrt und Hotel. Er saß allein in der letzten Reihe des Busses zum Hotel, wo sich seine Wege von denen der Mitreisenden trennten, um sich noch einmal Tage später in der Stadt zu kreuzen.

Nach dem Einchecken im Hotel Lloyd am Hauptbahnhof: „shave, bath, whisky“.

Jetzt kam er sich vollkommen gereinigt vor. Die Überfahrt hatte die Muttersprache von ihm abgewaschen. Für den oberflächlichen Verkehr in der Stadt reichte sein Deutsch, bis er Gelegenheit bekäme, es intensiver zu praktizieren. Er würde kein einziges englisches Wort sprechen und zu schreiben vermeiden. Er würde sich vor allem immer wieder unbeliebt machen bei denen, die ihrerseits den Umgang mit dem Fremden dazu nutzen wollten, ihre eigenen Sprachkenntnisse anzubringen und ihm übel nahmen, dass er diese Gastfreundlichkeit ablehnte. Allerdings bestand in Deutschland wenig Gefahr, wie er erlebt hatte. Inzwischen machten die Deutschen mit sich selber so viel her, dass sie es als unter ihrer Würde ansahen, eine andere Sprache zu benutzen. Wer die Sprache des Feindes sprach, würde es außerdem zu verbergen versuchen. Er würde auf Deutsch durchkommen, aber sich noch für lange durch seinen Akzent verraten, wenn er längere Sätze bildete.

In Deutschland suchte der Sprachlehrer und Schriftsteller aus Dublin nach Sprache und Kunst. Bis zum Herbst 1937 reiste er nach Magdeburg, Dresden, Nürnberg, München.

Er führte ein Tagebuch, das bearbeitet und veröffentlicht wurde. Das Ausgesparte und das Gelöschte.

Er verkehrte in Künstler- und Kunsthändler-Kreisen, die unter verstärktem Druck durch die nationalsozialistische Kulturpolitik standen. 1936 wurde ein Gesetz erlassen, dass die Aussonderung und den Raub des „Entarteten“ erleichterte.

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Es gab eine geheime Geschichte. Es durfte nichts aufgeschrieben werden, dass die Gestapo nicht lesen sollte.

Pavillon zwischen Hauptbahnhof und Kunsthalle: „Tried Fremdenverkehrsverein in Hbf. In a Family. They had nothing.“

Rund um die Binnenalster. Vorher: Postamt am Stephansplatz. Noch kein Brief. Erwartet Geld und Verlegerpost wegen seines Romans Murphy.

Lombardsbrücke, Jungfernstieg, Adolf-Hitler-Platz, Alsterdamm, Glockengießerwall, Steintorwall.

Reeperbahn, of course. Die Bürger und die Ausgesonderten. Geht über Rödingsmarkt zu Fuß. Bahnhofsviertel at night.

Er entwickelte Gewohnheiten. Holte im Postamt die Absagebriefe für Murphy ab. Frühstück in der Stadtbäckerei am Gänsemarkt.

„Er ist ein Mensch, der überhaupt nur noch die Atmosphäre der Städte, Bilder und Plastiken, allenfalls noch einige historische und literarische Kuriositäten genießt, betrachtet und bespöttelt.“ (Günter Albrecht 3.1.1937)

„Mittwegs auf unseres Lebens Reise fand in finstren Waldes Nacht ich mich verschlagen“.

Tuesday, October 6: Erster Besuch der Kunsthalle.

18. Oktober: Fahrrad-Rennen um die Außenalster. Dann wieder Kunsthalle.

„Er sprach nur wenig und wehrte alle Annäherungsversuche ab.“ (Adrienne Monnier)

„Er ist ein durch und durch wahrhaftiger Mensch, das erstaunt mich immer wieder. […] Und wenn er meine Gesellschaft Leid ist, steht er plötzlich auf und geht weg. Das ist gut so.“ (Roger Blin)

7. November: Stadtpark.

8. November: Ohlsdorf.

„Entarteter“ Barlach am Rathausmarkt.

Im Purgatorio begegnen Dante und Vergil den Faulenzern, die sich um den sitzenden und schweigenden Belacqua sammeln.

Der Lautenmacher aus Florenz soll auf den Vorwurf der Trägheit mit einem Aristoteles-Zitat geantwortet haben: „sedendo et quiescendo anima efficitur prudens“ (sitzend und schweigend wird die Seele weise).

17. November: Der verschollene Teppich von Schmitt-Rotluff.

„Der Whisky gebiert einen Groll gegen die Flasche.“ (Proust, Essay 1931)

22. November: „lässt den linken Busen aus dem brokatgeschmückten Mieder quellen“.

„Lousy days in art.“

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© Uwe Ruprecht