2. Oktober bis 4. Dezember 1936

Am frühen Morgen des 2. Oktober 1936 legte die SS Washington aus Irland an den Landungsbrücken an. Von Bord ging der 30 Jahre alte Samuel Beckett. Er hatte seine akademische Laufbahn als Lektor für Französisch am Trinity College beendet.

Auf der Überfahrt las er, spielte Schach und schwieg. Die Mitreisenden hatten eine Pauschaltour gebucht, Beckett hatte nur das erstbeste Ticket in Cóbh erstanden, für Hinfahrt und Hotel. Er saß allein in der letzten Reihe des Busses zum Hotel, wo sich ihre Wege trennten, um sich noch einmal Tage später in der Stadt zu kreuzen.

Nach dem Einchecken im Hotel Lloyd am Hauptbahnhof: „shave, bath, whisky“.

In Deutschland suchte der Sprachlehrer und Schriftsteller aus Dublin nach Sprache und Kunst. Bis zum Herbst 1937 reiste er nach Magdeburg, Dresden, Nürnberg, München.

Er führte ein Tagebuch, das bearbeitet und veröffentlicht wurde. Das Ausgesparte und das Gelöschte.

Er verkehrte in Künstler- und Kunsthändler-Kreisen, die unter verstärktem Druck durch die nationalsozialistische Kulturpolitik standen. 1936 wurde ein Gesetz erlassen, dass die Aussonderung und den Raub des „Entarteten“ erleichterte.

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Es gab eine geheime Geschichte. Es durfte nichts aufgeschrieben werden, dass die Gestapo nicht lesen sollte.

Pavillon zwischen Hauptbahnhof und Kunsthalle: „Tried Fremdenverkehrsverein in Hbf. In a Family. They had nothing.“

Rund um die Binnenalster. Vorher: Postamt am Stephansplatz. Noch kein Brief. Erwartet Geld und Verlegerpost wegen seines Romans Murphy.

Lombardsbrücke, Jungfernstieg, Adolf-Hitler-Platz, Alsterdamm, Glockengießerwall, Steintorwall.

Reeperbahn, of course. Die Bürger und die Ausgesonderten. Geht über Rödingsmarkt zu Fuß. Bahnhofsviertel at night.

Er entwickelte Gewohnheiten. Holte im Postamt die Absagebriefe für Murphy ab. Frühstück in der Stadtbäckerei am Gänsemarkt.

„Er ist ein Mensch, der überhaupt nur noch die Atmosphäre der Städte, Bilder und Plastiken, allenfalls noch einige historische und literarische Kuriositäten genießt, betrachtet und bespöttelt.“ (Günter Albrecht 3.1.1937)

„Mittwegs auf unseres Lebens Reise fand in finstren Waldes Nacht ich mich verschlagen“.

Tuesday, October 6: Erster Besuch der Kunsthalle.

18. Oktober: Fahrrad-Rennen um die Außenalster. Dann wieder Kunsthalle.

„Er sprach nur wenig und wehrte alle Annäherungsversuche ab.“ (Adrienne Monnier)

„Er ist ein durch und durch wahrhaftiger Mensch, das erstaunt mich immer wieder. […] Und wenn er meine Gesellschaft Leid ist, steht er plötzlich auf und geht weg. Das ist gut so.“ (Roger Blin)

7. November: Stadtpark.

8. November: Ohlsdorf.

„Entarteter“ Barlach am Rathausmarkt.

Im Purgatorio begegnen Dante und Vergil den Faulenzern, die sich um den sitzenden und schweigenden Belacqua sammeln.

Der Lautenmacher aus Florenz soll auf den Vorwurf der Trägheit mit einem Aristoteles-Zitat geantwortet haben: „sedendo et quiescendo anima efficitur prudens“ (sitzend und schweigend wird die Seele weise).

17. November: Der verschollene Teppich von Schmitt-Rotluff.

„Der Whisky gebiert einen Groll gegen die Flasche.“ (Proust, Essay 1931)

22. November: „lässt den linken Busen aus dem brokatgeschmückten Mieder quellen“.

„Lousy days in art.“

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© Uwe Ruprecht

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