Fußnote zur Klassengesellschaft

Unlängst las ich, aufgemacht wie eine Entdeckung, über das Befremden einer Studentin aus ganz gewöhnlichen Verhältnissen, aus den Kreisen, die nicht mehr Arbeiterklasse oder gar Unterschicht heißen sollen, die „ihrem ersten Semester bemerkt […], dass ihre Kommiliton*innen über Kunst und Kultur Bescheid wissen und überall hilfreiche Kontakte haben. In ihrer eigenen Familie kannte man nicht einmal Bafög.“

Bemerkenswert war mir daran vor allem, dass ihr diese Differenzen erst im Studium auffallen. Ich würde annehmen und habe es vor einem halben Jahrhundert so erfahren, dass die Klassenunterschiede bereits auf dem Gymnasium zum Tragen kommen.

Tatsächlich war es mein Wissen über Kunst und Kultur, die mich meiner eigenen Herkunft und Familie entfremdete und mir Zugang zu gesellschaftlichen Kreisen eröffnete, die mir sonst verschlossen geblieben wären. Dass ich auf dem Gymnasium mit dem Sohn eines Arztes befreundet sein durfte, war meinem nicht klassentypischen Betragen und einer Bildung zuzuschreiben, die ich mir selbst außerhalb des Schulbetriebs und unabhängig davon zueignete.

Freilich blieben die Welten der situierten/saturierten Bürger mir wesensfremd, und die engsten Beziehungen unterhielt ich mit Leuten meiner Herkunft, unter denen wiederum die mit höherer Bildung selten sind.

Vor einer Weile hörte ich von einer Untersuchung darüber, wie gering der Anteil an Unterschichts-Sprösslingen im Journalismus sei. Dazu hätte ich keiner Studie bedurft; in den mehr als 30 Jahren, in denen ich in dieser Rolle unterwegs war, habe ich mich stets als Sonderfall erlebt.

Nichts kam mir am vergangenen Bundestagswahlkampf verlogener vor, als die Beschwörungen einer faktisch gegebenen „Chancengleichheit“ bei gleichzeitiger Forderung nach „sozialer Gerechtigkeit“ seitens der SPD. 1980 war ich für sehr kurze Zeit Mitglied der Partei, nämlich als mir als Erstsemester die soziale Frage deutlich wie bis dahin nie vor Augen trat. Die SPD hat 2017 nicht einmal wahrhaben wollen, wie wenig sich seither geändert hat.

Wenn eine aus der Unterschicht Medizin studiert, ist sie nach wie vor eine Exotin. Und das Unterscheidungsmerkmal, das sie selbst nennt, ist ihre Unkenntnis über den Gebrauch der Desertgabel. Dass ich nicht richtig mit Messer und Gabel umgehen könne, wurde mir erst mit Mitte 20 von einer Tochter aus großbürgerlichen Verhältnissen vorgehalten. Da mich die Gelegenheiten langweilen, bei denen solche Fertigkeiten unter Beweis gestellt werden sollen, bin ich seither nicht wieder damit aufgefallen. Häufiger Verkehr im Großbürgertum hätte wohl eher meinen Impuls verstärkt, mit den Händen zu essen.

Soweit es die kulturelle Bildung anbelangt, habe ich meine Herkunftsschicht weit hinter mir gelassen – bis auf einen Punkt: ich kann der Oper nichts abgewinnen, und ich halte sie für eine Kunstform der Feudalherrschaft, die meinetwegen weiter gepflegt werden soll, aber deren Finanzierung aus öffentlichen Geldern anti-demokratisch ist und verboten gehört. Die Eröffnung der Bayreuther Festspiele in Anwesenheit der Bundeskanzlerin ist nicht nur Deutschtümelei, sondern eine Verhöhnung der Demokratie. Aber wer sollte das schon so sehen, wenn seit altersher die intellektuelle Elite aus der Oberschicht stammt?

Um die Paradoxie abzuschließen: meine „Klassengenossen“ sind schon bei den ersten Zeilen dieses Textes ausgestiegen und haben ein Video angeklickt, weil das leichter zu konsumieren ist. Grenzgänger wie ich sprechen entweder ins Leere oder zu denen, die ihnen nicht zuhören wollen.

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