Besuch in der Hamburger Modelleisenbahn

Zugegeben, ich habe bis zum Schluss nichts unmittelbar Schreckliches gesehen. Zu behaupten, ein seelischer Schock sei die Ursache meiner Schlussfolgerungen gewesen, hieße jedoch, offenkundige Tatsachen zu leugnen. Dabei fing alles so harmlos an. Es war am 11. Oktober 1987, dem Tag, als Uwe Barschel starb.

Ich erhielt ein Farb- und ein Schwarz-weiß-Foto und eine verwaschene Pressemitteilung: »Nach 38 Jahren hat Walter Grimsehl (63) zum letzten Mal die Fahrregler auf Europas größter Modelleisenbahnanlage in Spur I im Museum für Hamburgische Geschichte betätigt!«

Tot? Nein, Ruhestand, das ist so was Ähnliches. Das Farbfoto zeigte einen brutal angeblitzten Spielzeugbahnhof. Hätte ich geahnt, welche Rolle diese Anlage noch in meinem Leben spielen sollte, ich hätte sie mir nicht so flüchtig angesehen.

Auf dem anderen Foto war er selbst, Walter Grimsehl, ein freundlicher alter Herr mit großen runden Augen und einem vorsichtigen Kinderlächeln. Auf dem Revers seines dunklen Anzugs trug er eine Anstecknadel, vermutlich ein Ehrenzeichen. Für die eine Million Fahrkarten, die er in 38 Dienstjahren bei der Spielzeugbahn geknipst hat. Eine Million echter Edmonsonscher Fahrkarten – alte Papptickets der Bundesbahn.

Sah nach einer einfachen runden Sache aus. Ich rief die auf der Pressemitteilung angegebene Nummer an. »Grimsehl«, meldete sich eine kleine, dünne Stimme am anderen Ende der Leitung. Im Hintergrund war ein metallisches Schaben zu hören.

Ich trug mein Anliegen vor. Er war mit allem einverstanden. So verabredete ich mich mit ihm für den kommenden Dienstag an seinem ehemaligen Arbeitsplatz.

Der graue Saal

»Die ganze Schifffahrts-Abteilung durch«, war mir der Weg gewiesen worden. Ich lief durch zwei oder drei helle Hallen entlang großer gläserner Vitrinen voller Schiffsmodelle und maßstabsgerechter Nachbauten der Hafenanlagen. »Zur Modellbahnanlage« riet mir ein Schild im halbdunklen Treppenhaus. Am Kopf der Stiege passierte ich ein graues, hölzernes Sperrenhäuschen der Hochbahn aus der Vorkriegszeit.

Grimsehl, den ich nach dem Foto sofort erkannte, erwartete mich an der Tür zum eigentlichen Modellbahnsaal. Die stündliche Vorführung war gerade zu Ende, ein letzter Knabe verließ den Saal. Hinter ihm schloss Grimsehl ab.

Enge Berührung mit dem absolut Fantastischen ist oft eher furchterregend als begeisternd, und es heiterte mich nicht auf, wenn ich daran dachte, wieviel Generationen von Hanseaten im Matrosenanzug durch diesen staubigen Saal geschleift worden waren.

Der graue Saal befindet sich im hinteren Trakt des Museums. Hinter einer Säulenreihe liegt lang hingestreckt das Objekt jahrzehntelanger Hingebung: Die Eisenbahn.

Sie simuliert das Verkehrsgeschehen an der Süderelbe. Eine bemalte Sperrholzwand stellt das Panorama aus Kränen und Schuppen dar, das sich dem Reisenden bei Ankunft und Abfahrt im Zugfenster bietet. Davor sind die Gleise Schwelle für Schwelle festgenagelt, Signalmaste gepflanzt, Oberleitungen gespannt. Und überall Schotter.

Maßstab 1 zu 32, eine Erwachsenenbahn mit Zügen aus Zinkblech für Männerhände. Kein Plastik, sondern fachmännisch gefrästes und getriebenes Metall.

In der Mitte des Saals das Herz jeder Modellbahn. Hier ist es der naturgetreu nachgebaute Bahnhof Harburg – nicht gerade eines der Schmuckstücke der Dauerausstellung der Bundesbahn.

Hinter dem Giebel des verkleinerten Verkehrsknotens reckt sich ein grauer, hölzerner Stellwerkturm bis unter die Decke vor. Dort wird der Betrieb überwacht; unschuldige Kinderhände lieben Entgleisungen.

Der MEHEV

Grimsehl war 25, als er 1949 seinen Dienst bei der Modellbahn antrat. Zunächst als Mitglied, dann, als sich herausstellte, dass zu einem festen Betrieb auch regelmäßige Wartung gehört, als Angestellter des Vereins.

Er hatte eine Lehre als Maschinenschlosser bei einer kriegswichtigen Werft gemacht, war zur »Bummelfront« nach Norwegen eingezogen worden, kam zurück, um U-Boote zu reparieren. Nach dem Zusammenbruch des Reichs wurde er arbeitslos.

Andere hatten schon wieder ein Hobby. Prof. Dr. Walter Hävernick beispielsweise, der langjährige Vorsitzende des MEHEV (Modelleisenbahn Hamburg e.V.) und gleichzeitige Museumsdirektor. Grimsehl hatte sowieso nichts zu tun und kam mit seiner handwerklichen Vorbildung den Vereins-Herren gerade Recht.

Während in der Stadt noch der Schutt weggeräumt wird, ist der MEHEV dabei, Träume und die Vorkriegsanlage zu restaurieren. Grimsehl, der Handarbeiter, hilft den Herren dabei, das Eisenbahnnetz der Hansestadt, selbst gerade im Aufbau, im Modell nachzustellen. Beide Anlagen wachsen gleichzeitig.

Die Vereinsspitze aus honorigen Hanseaten, die die Blütezeit ihrer Bemühungen in Deutschlands dunkelsten Jahren erleben durften, engagieren sich für Verkehrspolitik; man hat ja Erfahrung.

In den 1950ern bleibt die Zeit auf der Simulationsstrecke stehen. Eine Erweiterung kommt aus Platzgründen nicht in Frage und die Kids haben große kleine Bahnen zu Hause. Bei der Erneuerung der Züge verliert der MEHEV den Anschluss an die Bundesbahn. Ins Modell-Harburg fahren nurmehr Züge aus der Geschichte ein.

Nur eine Einzelheit des Scheinbildes aus Schienen, Schwellen und Schotter verändert sich trotzdem, indem sie sich gleichbleibt: Auf einer Plakatwand am Rand der Strecke zwischen Harburg und dem Hauptbahnhof, kurz bevor der Zug in das Loch einbiegt, das die Süderelbebrücke darstellt, kleben Sticker von Spielzeuggeschäften und aktuelle Bundesbahnwerbung. Ein Mineralölkonzern hat für ein Abstellgleis zwei Dutzend Tankwaggons gekauft und unübersehbar mit seinem Emblem versehen.

Im Business hat der MEHEV einige Erfahrung. Bereits 1933 stellte der Verein im Hauptbahnhof ein Lokomotiven-Modell auf, das gegen Entgelt seine Räder drehte. Noch heute holt die Bundesbahn diese Liebhaber gern in ihre Höfe.

Im Triebwerk

Grimsehl ist etwas unruhig. Ich schlendere an der Strecke entlang, lasse ihn erzählend neben mir gehen, aber er eilt immer wieder ein Stück voraus. Wenn ich mich über die Bahn beuge, bleibt er widerwillig stehen, hört mir nur mit halbem Ohr zu und beantwortet Fragen, die ich nicht gestellt habe. Immerhin erfahre ich so mehr, als ich hätte fragen können.

Endlich wird mir der Grund seiner Hektik deutlich. Wir haben beim Rundgang jene Stelle der Simulationsanlage erreicht, wo der Zug in den Hauptbahnhof einlaufen müsste. Stattdessen verschwindet die Schiene in einem Loch in der Wand.

Eine Holzstiege überbrückt das Gleisniveau. »Vorsicht mit dem Kopf!« warnt Grimsehl mich vor dem Eintritt durch den niedrigen Ausschnitt in einer Sperrholzwand. Dahinter liegt der »Außenbahnhof«, wie er im Gleisplan der Modellanlage heißt.

Das Schienenrund im Sperrholzquadrat war fast vier Jahrzehnte lang Grimsehls Reich. Werktags und samstags gegen Bezahlung und am Sonntag freiwillig. Hier hat er die Züge für die Fahrt präpariert, die Stromregler eingestellt, geschaltet und gewaltet.

Seine Unruhe hat ihr Ziel gefunden, und während ich stehe und staune, wieselt er um mich herum von einer Apparatur an die nächste, weist auf diese oder jene Besonderheit der Installation hin.

Ganz für sich legt Grimsehl Kippschalter um, zieht Regler hoch. Irgendwo draußen auf der Strecke blinken jetzt die Signale in rot und grün, werden Weichen gestellt. In der kleinen Vorstadt gehen die Laternen an, Bahnschranken öffnen und schließen sich, auf dem Bahnhof ist alles für die Ankunft bereit. In das staubige Stück Stadt, dessen Verkehr Grimsehl so lange beherrscht hat, kommt Leben: die Mumie rührt sich.

Etwas geduckt, so als wolle er jeden Moment unter die Gleise kriechen und auf einer Schiene am äußersten Rand des Sperrholztisches etwas ausrichten, kontrolliert Grimsehl die Spurtreue der wartenden Zugschlangen. Nach 38 mal 313 Umdrehungen im »Außenbahnhof« ist die Maschine nicht mehr zu bremsen. Bis sie entgleist.

Geräusche aus dem grauen Saal. Grimsehl blickt auf die Uhr. »Da kommen schon wieder Besucher.« Ein Lautsprecher macht eine unverständliche Durchsage. Die Bahn wartet auf Bedienung, die nächste Vorführung beginnt. Ich gehe mir das anschauen, während Grimsehl noch ein paar Einstellungen vornimmt.

Im Stellwerk ist der Nachfolger bei der Arbeit. Die Stimme im Lautsprecher, die Abfahrt und Einlauf der Züge ankündigt, kommt vom Band. Während im »Außenbahnhof« die Züge aufgestellt werden, sorgt der Mann hier für Ruhe am Gleis, achtet darauf, dass die tapsigen Kinderhände sich beherrschen, nicht Gott spielen und keinen Zug aus der Spur heben.

Die Weiche im Schraubstock

Mir wird langsam unheimlich, ich will gehen. Aber Lesestoff muss ich noch mitnehmen, eine Jubiläumsbroschüre, die hat jeder richtige Verein. Wäre ich nur nicht so versessen darauf gewesen, mich über die unbeholfenen Ausdrücke von Amateuren amüsieren zu wollen!

Grimsehl geht vor in einen langen grauen Gang neben dem Saal: die Broschüren liegen in seiner Werkstatt. Die befindet sich in einer schmalen, stickigen Kammer. Schränke, Papierstöße, Poster als Tapeten. Auf zwei Werkbänken liegen Schraubenzieher und Zangen, halbfertige Waggons und Loks. Im Schraubstock klemmt eine Weiche.

Ich senke den Kopf über einem der fettigen Objekte auf der von abertausend Messerschnitten zerschlitzten Holzplatte: Ein Motor, Drehspule und Magnetkern offenliegend, durch Drähte mit einem Metallgestänge verbunden. Grimsehl erklärt mir gerade zum zweiten Mal, wie das mit dem Strom funktioniert: Plus- und Minuspol, Unterbrecher, Erdung, Kurzschluss.

Ein eigenartiges Gerät, so eine halbfertige maßstabtreue Lokomotive. Ganz warm ist das Metall vom vielen Betasten geworden. Liegt in der Hand wie ein auf den Rücken gefallener schwarzer Käfer und lässt seinen Unterleib mit den Beinen sehen. Und zappelt. Nein, die Lokomotive zappelt nicht. Sie ist nicht angeschlossen.

Grimsehl nimmt mir das Spielzeug aus der Hand und legt die Broschüre hinein. Während ich darin blättere, macht er sich am Schraubstock zu schaffen, und verlässt dann die Werkstatt. Ich werfe nur noch einen Blick auf die Pin-up-Poster und Großaufnahmen von Lokomotiven an den Wänden, dann reicht es.

Der Gang ist leer, Grimsehl ist verschwunden. Keine offene Tür in der Nähe, die Tür zum grauen Saal verschlossen.

Ich lausche. Draußen fährt der Schnellzug nach Nürnberg in den Bahnhof ein. Räder schaben auf Schienen. Und noch etwas – als das Schaben aussetzt, höre ich deutlich noch ein anderes Geräusch, das aus dem Gang zu kommen scheint.

Es ist eine Art Surren, ein gleichmäßiges metallisches Kratzen, als wenn eine Gabel mit Höchstgeschwindigkeit aber ganz leise über einen Porzellanteller hin- und hergezogen würde. Ich mache ein paar Schritte auf das Geräusch zu. Es kommt aus der Werkstatt.

Wo Grimsehl nur bleibt? Hat er etwas mit dem Surren zu schaffen? Aber dann hätte ich sehen müssen, wie e die Werkstatt wieder betrat.

Im Türrahmen stehend schiebe ich mit ahnungsvoller Vorsicht die Tür zur Werkstatt langsam auf. Das Surren wird lauter. Die Werkbänke kommen ins Blickfeld.

Im Schraubstock klemmt keine Weiche mehr. Etwas anderes wird von den Backen zusammengepresst, von ihm kommt das Surren. Oder besser von ihr. Die Lokomotive… auf dem Rücken… die zappelnden Räder…

Dann zeigt das Signallicht wieder grün. Ich bin zur erstbesten Tür hinaus gelaufen, gerannt, gehetzt. In der Schifffahrts-Abteilung hätte ich fast eine Vitrine umgerissen – aber ich bin entkommen. Kühl gleißendes Herbstlicht begrüßte mich im Freien.

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die tageszeitung, Hamburg 13.11.1987

© Uwe Ruprecht

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