Eine Fahrradtour entlang der Ostsee in die deutsche Geschichte 1994

Probefahrt auf dem »Flying Dutchman«. Mängelliste: Sattel höher, Schutzblech schleift. Die Seitentaschen Marke »Pegasus« gefüllt, Zelt, Schlafsack, Luftmatratze verschnürt. Reise mit dem Rad aufs Geratewohl: morgens nicht zu wissen, wo man sich abends niederlegt.

Unterwegs zu einem Geräusch, dem Wellenschlag der Ostsee entlang der Mecklenburger Bucht. Auf der Suche nach Abgeschiedenheit in ehemaligen Sperrgebieten. Doch spätestens seit diesem Jahrhundert-Sommer ist auch der einst äußerste Vorposten, die Halbinsel Priwall gegenüber von Travemünde, entdeckt.

Als Auftakt gedacht, wird die Bahnfahrt bis Lübeck zum Stresspart der Tour. Zwei Minuten Zeit zum Einsteigen. Wo das Fahrrad-Abteil hält, frage ich den Stationsbeamten: »Abschnitt B«. »Abschnitt C« korrigiert ihn die Lautsprecher-Durchsage, als der Zug einläuft. Schließlich steht das Abteil in »D«.

Für bepackte Räder sind die Türen, die Stellplätze zu schmal. Mitnahme im »Inter-Regio« nur bei Reservierung möglich. Ich habe eine – doch keinen Platz. Ein Bremer mit Anhänger und Kind klagt seine reicheren Erfahrungen. Weiteres Umsteigen in Lübeck erspart er sich und nimmt für die letzten Kilometer das Rad.

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Auf der Landstraße nach Wismar bin ich der einzige Radfahrer, dem Abwind der Lastzüge ausgesetzt. Ein Asphaltband hat den Knüppeldamm verdrängt. Darauf rauschen die Blechpanzer, von den paar Ampelkreuzungen unterbrochen, in unaufhörlicher Folge in beide Richtungen; Kollaps absehbar.

Die Abbruchkante des Asphalts rechts von der Fahrbahnmarkierung ist am sichersten, Radlers Reservat. Sieht dich einer nicht rechtzeitig, bleibt aber in der Spur, erwischt er dich nicht. Sie machen mehr oder weniger große Bogen. Bloß einmal streift mich fast ein Sattelschlepper.

Die Mauer von Dassow ist gefallen. Der Seeblick war mit Betonplatten verblendet gewesen. Gründliche Arbeit, diese Augenbinde. Flucht zu verhindern hätten Stacheldrahtverhau (german wire), Minengürtel, Selbstschussanlage, Wachttürme genügt.

Die befreite Sicht zeigt das »Maritim«-Hotel in Travemünde, Leuchtturm des Westens, und die vom Skandinavienkai ablegenden Fähren. Eine Wachtturm-Ruine ist zwischen Chaussee und See stehengeblieben, wie als Antwort auf das »Maritim«.

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Das Hotel blinkt bis an den Strand vor Harkensee, den Hansestädter aus Hamburg, Lübeck und Wismar im Schlaf stören. Gänse schnattern, Hunde kläffen hinter Zäunen. Das Cafégärtchen neben einem Gründerzeit-Landhaus wie ein Fremdkörper in der Ortschaft im toten Winkel.

Durchgangsstation für Reisende, die erwarten, was die Lübecker Bucht nicht bietet: leere Strände. Tanggeruch. Die seichte See; weit hinaus wandert man im Watt, das Wasser einen Meter tief.

Seemannsgarn und Muschelsplitter säumen den Strand wie Erbrochenes. Trübe Brühe am Rand, klart das Wasser bald auf. Im Braungrün spielen Sonnenstreifen.

Travemünde lichtert. Niemand stand hier abends und wunderte sich über den funkelnden Westen, das Blinken des »Maritim«. Damals Grenzgebiet, heute Naturschutzzone. Sensationen der Nacht: als Lampenzirkus stampft ein Schiff über den Wasserspiegel, den seine Reflexionen erst sichtbar machen.

Um Mitternacht kommt Wind auf und zerrt an der Plane. Im dünnhäutigen Zelt findet sich ein Rest Ausgesetztsein wieder. Ohne Radio, ohne Menschen. Ohne Licht in der unmittelbaren Dunkelheit der Natur. Die ist im anderen Deutschland bisweilen ganz nah und nahezu unberührt.

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Schluss der Ahnung von Einsamkeit auf dem Weg nach Boltenhagen. Zehn Millionen Tagesgäste, vier Millionen Dauerurlauber ziehen im Sommer an die See: hier kommen sie. Ein steter Fluss Fahrzeuge durchströmt auch die Nebenstrecken.

Bei Schwansee, auf einer wunderschönen Strecke über Wiesen, in Windungen, durch Alleetunnel, verweist ein grünes Schildchen auf den »R 4«, den »Radweg«, eine erbärmliche Sandpiste, auf der Radfahrer nicht den Verkehr behindern.

Im Juni 1990, vor der Wirtschafts- und Währungsunion, war Boltenhagen ein Nest mit vier Kilometern Strand zwischen Steilküsten und einem Campingplatz. Unterdessen hat es geboomt. Alle paar Parzellen wird gebaut.

Das ehedem erste Haus am Platze, »Zum Seestern«, nimmt sich wie eine Bruchbude aus. Boltenhagen wird in das Seebad von 1803 zurückverwandelt. Fahrrad-Abstellen kostet ein oder zwei Mark, und natürlich auch der Strand Taxe.

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»Sackgasse. Keine Durchfahrt Richtung Wismar«. Den Weg muss ich nehmen, rät ein Einwohner von Tarnewitz. Die, denen das Schild gilt, Autofahrer, haben ihre Karten ebenfalls sorgfältig gelesen und wirbeln den Staub auf über dem Lehmweg durch die Felder, von denen man auf die Wohlenberger Wiek heruntersieht.

Plötzlich ist da auch wieder das kleine grüne Radweg-Schild. Orientieren kann man sich daran nicht; aber dass es mir immer wieder begegnet, sagt mir, ich bin auf dem richtigen Weg.

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Camping, die Verlagerung der Stadt aufs Land. Das reicht von den Alteingesessenen, die in schäbigen Bungalows hausen oder ihren Wohnwagen für die Ewigkeit eingegraben haben, bis zu den Nomaden, die nur eine Nacht rasten; von ihren Zelten bleibt nur ein flüchtiger Abdruck im Gras.

Am Ferienziel Ostsee sind die Deutschen unter sich. Auf dem Campingplatz holt einen der Alltag ein. Radios und Recorder plärren sich gegenseitig nieder, Kinder spielen Ball, Jugendliche necken und streiten sich, Biertrinker grölen, Hunde jaulen, Autos fahren an und ab, Zeltstangen klappern, Skinheads brüllen »Maschinengewehr, Maschinengewehr«.

Ein Wohnsilo ohne Wände. Wem Musik oder Stimmen der Nachbarn zu laut sind, übertönt sie mit eigenem Krach. So dröhnt es im Vorhof der Hölle. Zwischen den Skinkids und einem Türken mit deutscher Frau knistert es lauter als anderswo.

Ende Juli bis Anfang August war auf den drei Campingplätzen am Wohlenberger Wiek Dauerrandale angesagt. Auch in Timmendorf auf der Insel Poel oder am Parsteiner See in Brandenburg überfielen Neonazi-Gruppen Urlauber.

»Sommerspiele« nennt das Bernd Wagner, Vorsitzender des Berlin-Brandenburger Bildungswerks, Ex-DDR-Kriminalpolizist und ausgezeichneter Kenner der rechten Szene im Osten. Ausfahrten neonazistischer Jugendlicher, die sich in den Zelt-Dörfern »zu jungen Göttern aufspielen«, sich Opfer ausgucken oder warten, bis ihnen jemand entgegentritt, um über ihn herzufallen, haben Tradition, älter als die Wende.

Neu ist allerdings die Häufung der Vorfälle und dass sie sich nicht auf eine Region beschränken. Neu ist die Verstärkung aus dem Westen.
Nach den Krawallen an der Wohlenberger Wiek entschuldigte sich Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister förmlich bei den Campern, die Polizeichefs gestanden Fehler ein. »Urlaub unter Polizeischutz« titelte eine Berliner Zeitung.

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Vor dem Campingplatz »Am Leuchtturm« in Timmendorf parkt den ganzen Tag ein Streifenwagen. Das Fischerdorf auf Poel wird seit jeher sommers von einer Camper-Kleinstadt überrollt. Allein – die Container, in die Staatsbetriebe ihre Werktätigen zur Erholung schickten, sind inzwischen privatisiert. Und die Westdeutschen haben die kleinste der drei deutschen Ostsee-Inseln entdeckt, die seit 1927 ein Damm mit dem Festland verbindet.

Anders als an der Wohlenberger Wiek funktioniert hier die Lager-Ordnung. Der Trupp geschorener Schwarzhemden mit ihrem militärischen Führer verhält sich ganz still. Nur auf dem »Jugendzeltplatz« wird es bis Mitternacht nicht ruhig.

Gewissermaßen doch eine Abgeschiedenheit: keine Telefonzelle ist intakt. Die neuen Häuschen stehen schon, aber die Kabel liegen blank. Die Zelle an der Mole von Timmendorf erlaubt nur Notrufe.

Wellen wühlen grollend auf, setzen aus, gleiten weiter, die Wasserhaut hebt und überschlägt, kräuselt sich, eine Spitzendecke im Augenblick vor dem Aufprall am Sand. Die nächste Welle, die folgenden, gleichmäßig, betäubend stetig, wenn sich das Auge auf einen Punkt konzentriert und dem Rauschen überlässt.

Die Touristenmasse ist träge, der Strand abseits des Camper-Heerlagers verlassen. Begrünte Dünen, Sand, ein Saum Seemannsgarn, die See. Gehen auf dem Tang-Teppich, den Meeresrand erwandern im fraktalen Wellengang.

Wellen, Sand, Wind und Möwenschreie – das immergleiche Lied. Die See seicht und klar. Eine Brise sorgt dafür, dass die Hitze angenehm bleibt. Das flache Wasser heizt sich enorm auf. Ist die Sonne weg, zeigt die Brise, wie sie peitschen kann. Sommers ist die Ostsee sanft, herb im Herbst.

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Schüttregen die Nacht durch. Ununterbrochen am Tag. In einer Pause Aufbruch nach Wismar, Lübecks kleiner Schwester, der Hauptstadt der Region, mit dem mittelalterlichen Gassengewirr um den hundert mal hundert Meter großen Marktplatz.

»Inter-Regio«-Züge kommen nicht in Frage, weil ich keine Reservierung habe. Und eigentlich, erklärt mir der Zugführer beim ersten Umsteigen in Bad Kleinen, dürfe er überhaupt keine Räder mitnehmen.

In Lübeck treffe ich den Bremer mit Anhänger und Kind wieder. Gemeinsam ertragen wir die Bemerkungen des Schaffners, die uns bedeuten, dass wir mit Rädern in der Bahn nichts zu suchen haben.

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