Eine Reminiszenz an Usedom

Ich kann davon erzählen, weil ich die ganze Zeit dabei war. Ich muss das Datum nachschlagen; nicht, weil die Vorkommnisse so unbedeutend gewesen wären, sondern im Gegenteil, weil sie mir so gegenwärtig sind, dass ich darüber erschrecken muss, dass sie mittlerweile soundsoviele Jahre zurückliegen. (Das Gedächtnis ist kein logischer Speicher. Manches verzeichnet es mit Datum und Uhrzeit und lässt es dann beiseite; anderes bleibt ewig Gestern und wird manchmal noch fast Eben gerade.)

Mit der einzigen erhaltenen Schlossanlage auf Usedom, die der Reiseführer für die Ostsee-Insel ausweist, dem Wasserschloss Mellenthin aus dem 16. Jahrhundert, verknüpft sich für Clara eine finstere Episode. Insofern sie ein Totenbuch betraf, nimmt das nicht weiter Wunder. Die Enttäuschung über eine gewisse Ignoranz bringt das Eigentliche der Episode umso deutlicher zur Geltung.

Wie gesagt, ich war dabei, als Clara in jenem Sommer 199* das Totenbuch erstellte. Sie war stets auf der Suche nach Beziehungen, Bedeutungen und knüpfte sie auf sichtbare, hörbare Weise in Zeichen und Gesten. Ich erinnere mich nicht mehr im Einzelnen, wie es zum Totenbuch kam, aber es erscheint mir zwingend als Rahmen für die Eindrücke ihrer seltsamen Reise um die Insel.

Clara hielt sich selbstverständlich nicht dort auf, wo sich die Touristen in den Strandkörben aalen. Ein Strandkorb kam nur in Frage am Abend, bei leer gefegtem Strand, allein mit dem Meer und dem Mond. Sie war eine abseitige Reisende, ihr Blick verfing sich beim Sonderbaren, das ihr im Gewöhnlichen entgegen schaute. Beziehungen, Bedeutungen, ich sagte es schon und kann es nicht besser beschreiben. Die Überreste ihrer Forschungen fasste sie hernach in einem Band zusammen, in einer Zeichenfolge, die ich selbst nur kommentieren und um einige persönliche Reminiszenzen ergänzen könnte, wenn ich sie zur Hand hätte.

Gewiss befindet sich mein Exemplar noch irgendwo, im Keller, vermutlich. Das Beste, was ich dazu tun könnte, wäre indes ohnehin nur, die nicht enthaltenen Zeichen beizugeben: diese zufällige Auswahl, die mir bei einer ganz anderen Arbeit unterkam. Sie könnte den Hintergrund zeichnen, vor dem sich Claras Totenbuch abhebt: Der schäbige Schauplatz, dem es gewidmet wurde. Wo man Geschichten serviert bekommt, Geschichten, sage ich – zum Schämen. Anschließend werde ich nur kurz andeuten, um welche Wirklichkeit sich die Zeichen des Totenbuchs ranken und wozu sie einen Aufschluss zu geben scheinen.

Aus dem Mellenthiner Totenbuch (Bild: urian)

Lange bevor das Wasserschloss gebaut wurde, führte ein unterirdischer Gang vom Kloster Pudagla nach Mellenthin. Keiner der Sagendichter kann begründen, wozu dieser Gang diente. Der Mönchsorden muss sehr sonderbaren Riten gefolgt sein, wenn dazu ein Gang nötig war, um die Kuttenträger bei Tag und Nacht ungesehen aus den Klostermauern heraus in die Umgebung zu bringen.

Als das Kloster aufgegeben wurde, verschlossen die Mönche die Türen zum Gang. Offenbar aber erfuhren die späteren Besitzer dennoch davon und unternahmen verschiedene vergebliche Versuche, den Gang zu erkunden. Die Mönche hatten eine dumpfige, feuchte Luft hinterlassen, in der jedes Licht erlosch, selbst elektrische Taschenlampen.

Eine Erklärung, wozu der Gang den Mönchen gedient haben könnte, deutet die letzte Geschichte an, die man sich vom Tunnel erzählt. Ein Dienstmädchen sei in den Gang geraten und nach ein paar Schritten tot umgefallen. Seither wurde der Gang nur von den Sagendichtern betreten, die dort verschiedene weitere Leichen und Knochen und merkwürdige Apparaturen vorfanden, sämtlich jedoch vor Erfindung der Fotokamera.

Die Tourismusbehörde von Usedom hat keine schlüssige Antwort auf die Frage, warum man den mysteriösen Gang nicht der Öffentlichkeit zugänglich macht. Ein ortsansässiger Heimatdichter, behauptet sie, verwahre die Türschlüssel und gäbe sie nicht heraus; er sei 67 Jahre alt, hieß es damals. Man könnte sich inzwischen erkundigen, wer den Schlüssel geerbt hat, oder ob der Steinalte das Geheimnis weiterhin eigensinnig hütet.

Das Gastspiel des Teufels in Mellenthin fand auf einem Berg statt, der inzwischen verschwunden ist, oder vielmehr von der Zeit zu einem Hügel abgeschliffen wurde, vielleicht war es auch ein anderer Berg und ein anderer Wald, auf dem sich der Teufel einfand und voller Hass die Galerie der Kirchtürme überblickte, die sich von Morgenitz über Mellenthin, nach Wolgast, Lassan und Benz, Liepe, Netzelkow und Anklam zog.

Der arme Teufel hatte nicht mehr als einen Stein zur Hand, um seinem gerechten Zorn Luft zu machen und schleuderte ihn in Richtung auf die heiligen Pfeiler. Dabei fiel ihm der Stein auf den Fuß und blieb auf der ominösen Bergkuppe liegen, wo man auf ihm noch den Abdruck einer Hand sehen kann, hätte der ortsansässige Heimatforscher ihn nicht mit einer Schubkarre in seinen Garten verbracht, um ihn vor den zudringlichen Blicken und Berührungen der Fremden zu schützen.

Der Heimatforscher soll auch eine Erklärung dafür haben, warum der Teufel über eine so gewaltige Kraft verfügt, dass seine Hand sich im Stein abdrückt, er aber nicht genug Schwung nehmen konnte, um wenigstens einem der Kirchtürme die Wetterfahne abzuschießen.

Der Ritter, der um 1360 auf Schloss Mellenthin hauste, wurde ob der goldenen Kette, mit der er sich wie ein italienischer Gigolo schmückte, der Ritter mit dem Goldkettchen genannt. Den Gigolo gelüstete es nach einer Nonne. Als er es vor Geilheit nicht mehr aushielt, grub er wie eine Erdmaus jenen mysteriösen Gang, den auf der anderen Seite die Mönche des Klosters bereits installiert hatten. Durch den Gang entführte der Ritter die Nonne.

Und wie niemand seinen im Eiltempo gewühlten Gang kannte, bemerkte auch niemand, dass die Nonne fort war. Also heirateten sie in aller Ruhe. Allein ein herumlungernder Bauer verriet sie und lockte den Bruder der Nonne auf den Plan, der mit seiner Schlägerbande zum Schloss zog. Dem nächsten Herzog, er residierte wohl in Stettin seinerzeit, gefiel die Macho-Nummer des Ritters mit dem Goldkettchen, und er stand ihm mit seiner Polizei bei, die den Bruder der Nonne davon jagte. Und dann machten das Paar so weiter bis zum Ende und wurden nebeneinander in der Schlosskirche zu Grabe getragen, der Ritter selbstverständlich samt Goldkettchen, mit dem es sonst keine weitere Bewandtnis hat.

Nee, den Schwarzen See gibt es nicht mehr, sagte der Heimatforscher, als Clara ihn für das Totenbuch interviewte, und die Glocke nicht und auch alles andere nicht, was ich Ihnen nicht zeigen werde. Kein Mensch außer den Sagendichtern weiß, warum zwei Glocken in dem See, den es nicht mehr gibt, versunken sind. Fallen hier vielleicht die Glocken vom Himmel? Man hört sie nie in der Tiefe bimmeln, sie sollen wohl auch nicht das Christentum zu den Fischen bringen. Und überhaupt, gab es in dem verlorenen See so viele Fische, dass sie zwei Glocken wert gewesen wären?

Man fragt sich, ob diese Fragen sinnvoll sind oder nur ein Hinweis auf die miserable Qualität der Erfindungen, die man den Fremden in Mellenthin anzubieten wagt. Jedenfalls tauchen die Glocken alle Nase lang wieder auf, so gegen Johannis, wann immer das sein mag, es könnte auch Weihnachten sein, nein, im Sommer ist besser, wegen der Touristen. Denn die machen es wie die Glocken, die auftauchen, um sich am Strand in der Sonne zu spiegeln, die eitlen Gottesverkünder.

Eines Tages nun, hebt die Legende an, hüteten zwei Mädchen am Ufer ihre Gänse. Die beiden hatten ihre Puppenkleider gewaschen und zum Trocknen ausgelegt. Punkt zwölf Uhr mittags sagt die eine Glocke zu der anderen – und man erfährt nicht, welchen Ton sie dabei anschlug: Hanna, Susanna, ich geh jetzt zu Grunde; wenn du mitwillst, dann man hin. Die Angesprochene, Hanna oder Susanna oder Hanna-Susanna, konnte aber nicht, denn das Puppenzeug hatte sie aus unerfindlichen Gründen in Bann geschlagen.

Das Volk wollte sich nun der Glocke bemächtigen. Aber die Glocke ließ sich nicht mit Pferd und Wagen fortschaffen. Nicht nach Stolpe, jedenfalls. Nach Mellenthin aber ging die Fahrt ganz glatt, wo die Glocke bis heute im Turm hängt, und kein Heimatforscher hat sich anstellig gemacht, Urkunden über den Guss der Glocke zu suchen, denn die Lügen sind ja so viel schöner.

Clara ließ diese hingestoppelten Zeichen unberücksichtigt und verfügte sich nach Świnoujście/Swinemünde, um Bunker zu besichtigen und den verwilderten Park, das polnische Seebad und was es an Spuren zu finden gab von den verheerenden Bombardements in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Zwischen den verkommenen Krüppelkiefern und Buchen hörte sie die Schreie der Flüchtenden, Zerschossenen und Brennenden. 23.000 Tote sind auf dem Golm begraben, wo Clara die Skizzen für ihr Totenbuch komplettierte, von dem man bei der Tourismus-Industrie der Insel so wenig wissen wollte, wie sich dem Reiseführer präzise Daten über die wirkliche Geschichte zu entnehmen sind.

Als man seinerzeit die Einsendung der abseitigen Touristin erhielt, war man in der Tourismus-Zentrale ziemlich erschrocken, unter welchen Aspekten man die Insel betrachten konnte, und man sorgte sich sehr, dass es zu einer Veröffentlichung kommen könnte. Allein der rostzerfressene Stahlhelm im Keller des Wasserschlosses sah so kurios aus auf diesem Foto; und dieses Wirthaus-Schild – unmöglich! Gewiss doch, es war alles da, die Fotos waren nicht gestellt, alles wirklich – das war ja das Fürchterliche. Da könnte ja jemand glauben, diese Insulaner seien ein todgeweihtes Volk, die jahrein jahraus auf die Strandausflügler warten, um sie auszunehmen, und dann durch den stillen Winter vom Eis auf der See zu träumen.

Claras Totenbuch ist nur Eingeweihten bekannt geworden. Aber noch lange erinnerte man sich in der Tourismus-Zentrale mit Schaudern daran, und der Schrecken ließ erst mit der Zeit nach, als man nie wieder davon hörte, als auch bei keiner anderen Ausstellung die Rede war von diesem absonderlichen Insel-Prospekt. Die Sagendichter haben sich des Exemplars vorsorglich bemächtigt und es dem Pastor der Dorfkirche überlassen, der lange unschlüssig war, was er damit anfangen sollte.

Eine Zeitlang lag es neben anderen erbaulichen Schriften und den Gesangbüchern in einem Schrank der Sakristei, weil der Pastor es für eine dienstliche Angelegenheit hielt und es nicht in seinen privaten Buchregalen unterstellen wollte. Zu den Akten gehörte es offenkundig nicht richtig. In dem Schrank lag es einige Jahre, bis der Blick eines Besuchers aus Berlin darauf fiel, er es in die Hand nahm, durchblätterte. Danach befragt, gab der Pastor gern zu, dass er es nicht vermissen würde, und so gelangte es nach Berlin.

Nach dem Verlauf weiterer Jahre fügte es sich, dass jemand, der eine Reise nach Usedom unternahm, von der noch kein Heimatforscher zu berichten hat, und das Totenbuch im Koffer mit kam. Inzwischen hatte das Personal bei der Tourismus-Zentrale gewechselt. Am Kaffeeautomaten hatte man von dem seltsamen Bilderbuch gehört, das zu unvordenklichen Zeiten einmal auf dem Schreibtisch gelegen hatte. Als der Besucher mit dem aufgeschlagenen Totenbuch durch das Wasserschloss flanierte, wurde er auf seinen Führer angesprochen. Man erinnerte sich der Büro-Legende und meinte, das sagenhafte Werk vor sich zu haben.

Für die nächste Saison würde man eine Ausstellung darum stricken, und man würde auch die Legenden von den Glocken und den Gänsen, dem Gigolo und dem Gang hervorkramen und eine ortsansässige Grafikerin mit der Illustration beauftragen.

Aus dem Mellenthiner Totenbuch (Zeichnung: urian)

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