Die Mächte eines Mannes aus Halstenbek

Lange nichts mehr von Islamisten gehört, oder? Wovon immer wieder schon vor 9/11 und in jüngster Zeit lauter, nämlich in den Schlagzeilen der Massenmedien, zu hören ist, sind die → Braunen Banden, deren Religion der von ihren Ahnen ererbte Nationalsozialismus ist. Eben erst fielen am anderen Ende der Welt, in Neuseeland, 50 Menschen einem zum Opfer, der sich im Bann der Schwarzen Sonne sah.

In meiner realen Nachbarschaft und virtuell nur einen Klick entfernt, von Halstenbek im Kreis Pinneberg im Weichbild von Hamburg aus soll ein 30-Jähriger seit April 2018 mehr als 200 erpresserische Mails versandt haben an Politiker, Prominente, Anwälte, Journalisten und den Zentralrat der Juden. Gerichten, Behörden und Bahnhöfen in Hamburg, Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg und Brandenburg soll er mit Bomben gedroht und damit den Betrieb lahm gelegt haben.

Er ist vorbestraft. Dass er tatsächlich einen Sprengstoffanschlag auf das »Apfelfest« in Rellingen 2007 verüben wollte, wofür die Medien ihn »Apfelfestbomber« tauften, konnte nicht bewiesen werden, aber er wurde 170 anderer Straftaten überführt wie Buttersäure-Anschläge, zerstochene Reifen, Brandstiftungen und zu dreieinhalb Jahren Haft und einer psychiatrischen Behandlung verurteilt. Ein Jahr, nachdem er wieder in Freiheit war, fackelte er 2014 eine Reihe von Autos in Rellingen ab, wofür er 2015 mit drei Jahren Haft bestraft wurde.

In der Berichterstattung wird oft der Anschein erweckt, als verliefe zwischen politischer Gesinnung und psychischer Verfassung eine Demarkationslinie. Wenn ein Irrer seinen Wahn in die Tat umsetzt, scheint das einer anderen Kategorie anzugehören und weniger bedrohlich, als wenn ein Normaler nur davon redet, auch wenn sie dasselbe meinen. Bei Thomas Lemke, einem Serienmörder, der nach Ansicht von Behörden und Teilen der Presse partout kein Neonazi gewesen sein sollte, wurde die Weltanschauung, der er anhing, als Maske aufgefasst, als Folie für seine folie – als hätte es auch eine andere sein können. (→ Der Fall Lemke) War sie aber nicht, und Lemke teilte seine Vorstellungen von Reich und Rasse mit Kameraden und ungezählten anderen, die nur davon reden und als normal durchgehen. Lemkes Taten liegen 20 Jahre zurück, und der Wahn seiner Weltanschauung hat allen Beschwichtigungsversuchen getrotzt und heute nicht weniger, sondern mehr Anhänger.

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»Eure Währung ist Geld / Meine Währung ist Blut« steht auf dem Titelblatt des facebook-Accounts des mutmaßlichen Bombendrohers. »Wenn ich diese Welt verlasse / Dann von oben bis unten blutverschmiert«

Mit Maske tritt der 30-Jährige aus Halstenbek allerdings im Internet auf. Sein Profilbild bei facebook zeigt ihn mit Sturmhaube. Sein Account, der seit Dezember 2013 besteht, enthält nurmehr ein paar Einträge aus 2019. Der letzte vom 7. Februar lautet: »Dieses Jahr bitte ich euch an meinem Geburtstag um Spenden für Deutsche Herzstiftung. Ich habe diese gemeinnützige Organisation ausgewählt, da mir ihr Anliegen sehr am Herzen liegt. Da ich meinen Tag der Geburt ablehne, und nicht feier, soll denen was zu Gute kommen, die vielleicht irgendwann positiver in das Leben blicken können, durch bessere Strukturierung und Hilfe.«

Am 23. Januar hatte er zu einem Link auf ein Video bei YouTube gepostet: »Das drückt aus [,] was ich so in der Haft für Gedanken entwickelt habe! Kurz und [k]napp! Natürlich würde ich sowas nie machen! Es soll hier nicht zu Gewalt aufgefordert werden!« Zu einem Video mit dem Titel »True love is suicide« schrieb er: »Das einzig schöne im Leben ist, das es auch schnell zu Ende sein kann, diese Welt ist so bedeutungslos! Nur am Ende findet man Frieden.«

Am 5. Februar notierte der mutmaßliche Bombendroher zu einem Video-Link: »Und irgendwann könnte jeder dran sein, den[n] Vergeben und Vergessen gibt es für mich nicht, jeder Tag in Haft [,] hat mich den Hass mehr gelehrt und das Leben nicht zu schätzen. Das ist keine Ankündigung [,] und soll auch nicht zur Gewalt aufrufen!« Und am selben Tag zu einem Video mit dem Titel »Selbstmörder«: »Wie schön es wäre einfach auf die letzte Reise zu gehen! Einfach Ruhe für immer!«

Er raunte nicht ins Leere: »Ich werde dich für immer lieben«, heißt es in den Kommentaren; »typisch […]. so kennt man ihn … und schätz[s]t ihn auch«; und »mein Freund, das Leben hast Du doch jetzt wieder. Dann genieße es [,] ist doch das was wir immer wollten als wir drin[n]e waren«.

Die Droh-Mails waren mit »Nationalsozialistische Offensive«, »NSU 2.0«, »Wehrmacht« oder auch »RAF« unterzeichnet. Nach ausgefeilter ideologischer Überzeugung klingt nichts von dem, was über den 30-Jährigen bekannt ist. Das NS-Label für seine (Selbst-)Vernichtungsfantasien ist jedoch nicht beliebig, sondern es ist sowohl dasjenige, das sich ihm aus der Umwelt aufdrängte, wie das, von dem er sich die größte Wirkung versprechen konnte, das glaubwürdigste Einschüchterungspotenzial.

Das hatte es nicht immer. Nicht jede Bombendrohung wird zu Recht ernst genommen. Vor, sagen wir, zehn Jahren hätten die Mails aus Halstenbek vielleicht die Wachsamkeit erhöht, aber keine Einsätze nach sich gezogen. Der Nationalsozialismus ist aktueller denn je, ein Rechtsruck geht durch Europa. Wer vor zehn Jahren vor einer Wiederkehr warnte, wurde als Schattenbeschwörer verlacht. Heute spielen allerorten Verzweifelte mit diesem Feuer, das nicht von ihnen entfacht wurde. Als der Mann aus Halstenbek geboren wurde, entstand das neue Deutschland aus den beiden vorherigen Teilstaaten. Nationalsozialistische Anschauungen sind seither beständig angewachsen und haben inzwischen im Bundestag Platz genommen.

NSU und RAF bedeuten in der Welt des Bombendrohers gleich viel; sie stehen für Blut. Er hätte mit gleicher subjektiver Berechtigung mit Dracula drohen können, aber damit wäre er bei den Empfängern sofort ins Leere gelaufen. Er ist nur ein Mitschwimmer auf den Wellen der Angst, die andere erzeugen. Ein Korken, der an der Oberfläche treibt und anzeigt, wohin die Strömung geht.

7. April 2019

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