Wenn Kleingeister in Kultur machen

Was ist Kunst, worin besteht Kultur? Grundlegende Fragen, auf die allerhand Gelehrte tiefgreifende Antworten gegeben haben. Stade hat eine »Kulturstiftung«, die dem Vernehmen nach mit Kunst zu tun haben soll. Welche Kultur, welche Kunst? In Stade schert man sich nicht um das, was Gelehrte dazu sagen oder worauf man nach gründlichen Nachdenken selbst kommen könnte.

Die »Kulturstiftung« war das Steckenpferd eines inzwischen verstorbenen Herrn, dem es gelungen ist, seinen Zeitvertreib nicht etwa aus den eigenen prall gefüllten Taschen zu bestreiten, sondern dafür öffentliche Kassen anzuzapfen, um hernach von den Verwaltern besagter Kassen wegen seines selbstlosen Einsatzes für das Gemeinwohl gelobt zu werden. Kultur und Kunst in Stade unterliegt den Launen gewisser Herrschaften. Überflüssig, Gedanken daran zu verschwenden.

Das Hauptprojekt der »Kulturstiftung« ist ein Stipendium namens »Stader Uul«. Womit klar ist, dass auf Provinzialität Wert gelegt wird. »Uul« ist niederdeutsch für Eule. Besser, der Vogel bleibt sitzen, wo er ist, denn in anderen Landesteilen versteht man sein Geheul schon nicht mehr. Muss man auch nicht, soll man nicht. Steckenpferd, wie gesagt. Besagtem Herrn genügte es, wenn er beim alltäglichen Gang durch die Gassen das Schulterkopfen erntete, auf das er es abgesehen hatte. Kultur, Kunst, sehr schön, solange es in meine Tasche passt. Sofern von dem Geld aus den öffentlichen Kassen, das bereits hineingestopft worden ist, noch Platz ist.

Als Wohnsitz für die Eule wurde eigens ein Gebäude an einer Ausfahrtstraße renoviert. Es sollte es sich um ein Aufenthaltsstipendium handeln, das an Künstler aller Arten und solche, die dafür gehalten werden sollen, vergeben wurde. Aber dem Vernehmen nach hielt sich kaum mal einer oder eine in dem ungastlich gelegenen Gebäude auf. Und nichts ist dort oder anderswo entstanden, das irgendeine Weisheit über die Stadt enthielte, die bezahlt hat. Oder überhaupt mal eine Zeile, eine Zeichnung oder was immer.

Zuletzt, Mitte Juli bis Mitte Oktober 2018, war angeblich ein Zeichner auf Stadtkosten in der Stadt. Ich bezweifle nicht, dass er sich in Stade aufgehalten hat, ich habe ihn einmal selbst gesehen; aber ob er in dem so genannten Pförtnerhaus Quartier genommen hat und mehr von der Stadt wahrgenommen hat als irgendein Tourist und einer der durchgereisten Künstler vor ihm, kann ich nicht wissen. Der Homepage der → »Kulturstiftung« ist dazu nichts zu entnehmen. Die Informationen über den Aufenthalt bestehen aus der Ankündigung, dass ein solcher stattfinden soll. Wofür immer die öffentlichen Gelder ausgegeben wurden, für eine gescheite Website haben sie nicht gereicht.

»Eine gezeichnete Reportage« des zugereisten Zeichners wurde avisiert, aber was daraus geworden ist, hat bestenfalls der auserlesene Kreis erfahren, der rechtzeitig eine Ausstellung im Rathaus besucht hat und zu den erlesenen Beziehern des Lokalanzeigers gehört. Damit diese elitären Kreise nicht gestört werden, hüllt sich die »Kulturstiftung« selbst über den Ausgang des Projekts, für das sie aufgekommen ist, in Schweigen.

Könnte ja jemand etwas auszusetzen finden, der nicht zu den Eingeweihten zählt. Gemeine Bürger etwa oder gar Gesindel, das überhaupt nichts zu melden hat. Könnte je jemand meinen, es gehöre zum Stipendium, wie anderswo üblich, etwas Aufschlussreiches in Text, Bild oder sonstwie über die Stadt abzuliefern, zum Nutzen und Frommen anderer als der auserlesenen Kreise um den Steckenpferdreiter. Das hernach auf der Website der »Kulturstiftung« dokumentiert würde.

»Der etwas andere Blick auf Stade« titelte der Lokalanzeiger über die Ausstellung der Zeichnungen. Inwiefern anders? Was ich schließlich doch noch finde, ist dies auf der Homepage des Zeichners: »Mutter Flints Katze. Ein Malbuch für die Hansestadt Stade«, 24 Seiten mit 26 Abbildungen. »Entdecke Stade – In Stade gibt es viele interessante Sachen. Mach dich auf die Forschungsreise und entdecke sie! Mutter Flints Katze kann dir dabei helfen. Zuerst musst du die Katze finden. Sie reibt gerade ihren Rücken an einem Korb mit Fischen.« Mehr gegen Bezahlung.

Da war also dieser Künstler in Stade und liefert aus »etwas anderem« Blickwinkel die Zeichnung einer Skulptur ab, die für die Touristen Hafenidylle kolportiert, und die er ebenso gut in Berlin, wo er zu Hause ist, von einer Postkarte hätte abzeichnen können. Ein Malbuch für Kinder, na klar. Kunst, Kultur, Kinder. Uul und Katze. Und wann kommen die Heinzelmännchen?

Wahrscheinlich ist es irgendwo verzeichnet, aber auf Anhieb habe ich nichts dazu gefunden und keine Lust, danach zu suchen, was dieser Anfall von Kitsch gekostet hat. Kein Wunder, wenn Arbeiter*innen mit Niedrigstlöhnen einen Hass auf Kunst kriegen und alle jene, die sich für kunstbeflissen ausgeben.

Siehe auch → Die Maske des Marat

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