Auf Grabbe-Tour in Detmold 1994

Der Nebel wird dichter, je mehr ich mich Detmold nähere. Die Welt suppt grau zu. Die Kreisstadt, 70.000 Einwohner samt Eingemeindungen, liegt im Tal zwischen Teutoburger Wald und Weserbergland, Bielefeld und Paderborn. Nasskalt und neblig ist man hier gewohnt.

Fremde verschlägt es nach Detmold meist auf einer Tour durchs lippische Land, diese Kulturlandschaft mit reichlich Burgen, Schlössern und Fachwerkhäusern in den Stadtkernen. Man nimmt mit und hält sich nicht auf. Ich hatte einen Tag und Grabbe im Gepäck. Die klassische Dichter-Tour: Haus der Wiege, Haus der Bahre, Grab.

„Häufig denkt man sich die Natur an dem Geburtsorte eines ausgezeichneten Menschen in Übereinstimmung mit dessen geistigen Eigenschaften […], grade als ob die Höhe der Gedanken mit der Höhe der Berge stiege“, begann Karl Ziegler, Richter zu Detmold, seine 1855 erschienene, bis heute maßgebliche Beschreibung von Grabbes Leben und Charakter. Die Natur, „anmutig und feindlich“ schilderte er sie, passte nicht zu dem „betrunkenen Shakespeare“, wie Heine den Dramatiker nannte. Eher passen schon die griesen Gassen rund um den Schlossgraben an diesem Regentag.

Weniger das Werk als Grabbes Lebensgeschichte hat Nachfahren angezogen. Der „wunderliche Kerl“ erlitt ein Schicksal, das die Klischees Dichtern auf den Leib schreiben. Gestorben mit noch nicht 35 Jahren unter demütigenden Umständen an unklarer Ursache (Alkohol oder Lues), an verfehltem Dasein, an Misserfolg, Geldnot, gebochenem Herzen, je nach Ansicht. Als Figur in Theaterstücken, in Anekdoten und Feuilletons nacherzählt, wurde Christian Dietrich Grabbe zum Stereotyp des Literaten, der am Unverständnis der Gesellschaft gegenüber seinen Schrullen zugrunde geht.

Als Heldendichter und nationalen Dichterhelden installierten die Nazis Grabbe. In ihre Zeit fiel sein 100. Todestag; nie wurde er so oft gespielt. Spätestens seit 1936 ist er in Detmold prominent wie Goethe in Weimar: als Patron eines Gymnasiums, der kurzen Seitenstraße bei der Lippischen Landeszeitung, eines Cafés und der Studiobühne des Landestheaters im Grabbe-Haus, wo zuletzt ein Stück zum Paragrafen 218 gezeigt und ein Vortrag zum „Frauenbild in Grabbes Dramen“ zu hören war: „Das Weib sieht tief – der Mann sieht weit.“

Detmold sah er als sein Verhängnis. Leipzig, Berlin, Dresden, Düsseldorf, wohin es ihn verschlug, sie stießen ihn wieder ab und zurück in die Provinz. Das Fürstentum Lippe mit der Residenz Detmold, so viele Einwohner wie heute, war ein Winzling im vornationalen Deutschland der Klein- und Kleinststaaten.

Das Grabbe-Haus in der Bruchstraße, wo er am 11. September 1801 geboren wurde, war bis 1850 Zuchthaus. „… ach, was soll aus einem Menschen werden, dessen erstes Gedächtnis das ist, einen alten Mörder in freier Luft spazieren geführt zu haben“, klagte er. In der „geistigen Welt“ belastete ihn nicht nur die „niedrige Geburt“ als Sohn des Gefängnisaufsehers. „Mein Malheur besteht einfach darin, dass ich in keiner größeren Stadt, sondern in einer Gegend geboren bin, wo man einen gebildeten Menschen für einen verschlechterten Mastochsen hält.“

Im Jahre 1937 wurde das Geburtshaus der eben gegründeten Grabbe-Gesellschaft übereignet. Nach diversen Umbauten sind nurmehr die Fassadensilhouette eines Trakts, einige Balken und Dielen übrig. Der Flur mit den Zellen hat als Ahnung im Gang zwischen Bücherregalen überdauert. Im Büro der Nachlasspfleger erinnert allenfalls der Blick aus dem Fenster an das Heim der Aufseherfamilie. Des Meisters weiße Büste steht mit einer Laterne im Wiegenzimmer.

Am Schluss von Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung schrieb er, der lange vergeblich Schauspieler werden wollte, sich einen Auftritt mit Funzel: „Das ist der vermaledeite Grabbe, oder wie man ihn eigentlich nennen sollte, die zwergigte Krabbe, der Verfasser dieses Stücks! Er ist so dumm wie‘n Kuhfuß, schimpft auf alle Schriftsteller und taugt selber nichts, hat verrenkte Beine, schielende Augen und ein fades Affengesicht!“

Sein einziges Stück, das überlebt hat, warf er mit leichter Hand hin, während er als Stammgast von „Lutter & Wegner“ am Berliner Gendarmenmarkt soff. „Jeder Zoll ein Schnaps“, wie darin der Schulmeister sagt; „Schnapslump“ schalt ihn ein zeitgenössischer Ästhetikprofessor. In Detmold galt schon der Jüngling als Desperado. Als die Torwache den Zweiundzwanzigjährigen ei­nes Abends anhält, „läuft der Inhalt des geschüttelten Gefäßes über und ergießt sich dem lippischen Gardisten ins Gesicht“. Nach dem Namen gefragt, antwortet er „Kotzebue heiße ich“.

Grabbe war achtzehn, als die Ermordung des Journali­sten und Dramatikers August Kotzebue durch den Burschenschaf­ter Sand in allen teut­schen Landen das Signal gab zur Verfol­gung des Vormärz. Zarte Pflanzen der Meinungsfreiheit wur­den zertreten zur selben Zeit, als im deutschen Sprachraum das Zeitungswesen blühte. Die „zwergigte Krabbe“ hatte sich im Zuchthaus der veröffentlichten Sprache früh einen Buckel ange­eignet. Sich durchgemogelt unter der Narrenkappe oder im historischen Gewand. Nur mit Mitteln des Marionettentheaters ging die tiefere Bedeutung der Satire auf Landesfür­sten, die den Teufel zu Gast haben, bei der Zensur durch.

C. D. Grabbe

Alfred Bergmann, 1975 gestorben, hat die Erinne­rung an Grabbe am Leben erhalten über die Jahre. Hat Handschriften und Bücher gesammelt und in hundert Aufsätzen keine Charakterwindung unerforscht gelassen. Der Ar­chivar Klaus Nell­ner führt Bergmanns Vermächtnis un­ter dem Dach des Grabbe-Hauses weiter.

Im Erdgeschoß hat sich das „Café Gothland“ ein­gerich­tet, benannt nach Grabbes Erstling „Herzog Theodor von Gothland“, die mit gewaltigen Gesten grell illustrierte Geschichte eines Amokläufers. Beim letzten Umbau 1988/89 stieß man auf archäo­logische Seltsamkeiten, einen unerklärlichen Tunnel unter dem Haus. Vitrinen im Café zeigen Ausgra­bungs­funde: Geschirr, Schreib- und Spielzeug aus den letzten zweihundert Jahren. Von der Innenseite der Haupttür grüßt der Geist des Hauses ei­gen­händig. Der Elfjährige hatte sich in den geöffneten oberen Türflügel gehängt und über Kopf „C. D. Grabbe 1812“ eingeritzt.

In dem Jahr mußte Detmold ein Kontingent für Napole­ons Feldzug gegen Rußland stellen. In den Ländern, die noch nicht Deutschland waren, dachte man über Fremd­herrschaft nach und entsann sich des Teutonischen. Hier, am Osthang des großen Waldes, befindet sich eine ehe­dem sprudelnde Ur­quelle nationalen Denkens. Hier (wie anderswo ebenso) soll Hermann anno neun in Nebel und Sumpf die Legionen des Varus vernichtet, die germanischen Stämme geeint und vom römischen Joch befreit haben.

Zwei Jahre nach Grabbes Tod schickte sich der Archi­tekt Ernst von Bandel an, auf der Grotenburg, einer Sandsteinkuppe, dem Cheruskerfürsten ein Standbild zu wei­hen. Siebenunddreißig Jahre später war es fertig, gleich­zeitig mit dem neuen Reich und gesegnet vom Kai­ser höchstselbst.

Aus allen Gassen sichtbar, über allen Dächern der Det­mol­der Kernstadt dräut ein Turm des Gerichts­gebäudes aus den Gründerjahren. Grabbe, mit knapp bestan­denem Juraexamen, versuchte es als Militärrichter. An einem Tag verlobte er sich mit Henriette und trug am nächsten Louise die Heirat an. Nach monatelangem Wer­ben und Sträuben ehe­lichte er 1833 die zehn Jahre äl­tere Louise Closter­maier. Ein Jahr später waren ihm Stelle und Ehe verdorben, er floh Detmold in Rich­tung Frankfurt am Main.

Am 26. Mai 1836 um elf Uhr abends schlich er sich zu­rück in die „verwünschte“ Stadt, sterbenselend, im Ge­päck das Ma­nuskript der „Hermannsschlacht“. Er traute sich nicht heim, we­der in das Zuchthaus noch eine Gasse weiter, Unter der Wehme, in das Clostermaier­sche Fachwerk­haus, sondern zog ins Hotel „Stadt Frank­furt“. Dort, auf dem Zimmer oder im Schankraum, wäh­rend die Gäste lärmten, grübelte er über das Gemetzel im Ne­belwald.

Im großen Hünenring an der Grotenburg hat Her­mann sein Zuhause, vor der Haustür des Zuchthau­ses wird die Schlacht entschieden. Wo Grabbe als Kind gespielt hatte. Szenenlang zeigt sein Stück das Hin und Her der Truppen. Ein Textbuch für Sandkastenoffiziere; wie für das Spiel, bei dem Karl Ziegler den erwachsenen Grabbe beobach­tete: „Er hatte nämlich die Liebhaberei mit Bietsbohnen zu spielen, die er auf den ganzen Fußboden seiner Wohn­stube ausgebreitet hatte und dirgierte, wäh­rend er bei ihnen auf der Erde lag.“ Die Hermannsschlacht ist nur ein dutzendmal auf deutschen Bühnen aufgeführt worden, zwischen 1934 und 1941.

Mit Polizeihilfe verschaffte Grabbe sich im Juli Zugang zum Haus der Ehefrau. Sie zankten bis zuletzt. Die Mutter durfte nicht zu ihm. Als sie doch mit einem Anwalt kam, am 12. September, starb er im heutigen Grabbe-Café.

Hagel schlägt nieder bei der Suche nach dem Grab. Verstreut, über dichter Grabbepflanzung schwanken die denkmalwürdigen Steine des aufgelösten Friedhofs an der Weinbergstraße. Dafür, dass die Steine blieben, wo Grabbe und seine Mutter bestattet wurden, musste die Grabbe-Gesellschaft kämpfen. Endlich wurde das neue Altersheim um die Gräber herum gebaut. Grabbe und Mutter als Steinpaar neben einer Abkürzung durch den Häuserblock jenseits der Ringstraße. Abseits soll der Vater liegen, irgendwo unter dem Efeu.

Die Zeit 25. März 1994 © Uwe Ruprecht