Augenblicke einer Besetzung

Das Haus ist ein Stück Hamburger Kulturgeschichte. 1970 bezogen Studenten (wie es damals hieß) über die Wohnungsvermittlung der Universität das 1910–13 errichtete Gebäude in der Haynstraße Ecke Hegestraße im Stadtteil Eppendorf.

Die Bewohner*innen wehrten sich gegen einen geplanten Abriss und erstritten 1975 einen bis heute ebenso gültigen wie juristisch weiterhin angefochtenen Mietvertrag. „Hausbesetzung“ war ein Begriff, der zu der Zeit entstand. Im entsprechenden → wikipedia-Eintrag kommen zwar zwei Beispiele aus Hamburg vor, die Hafenstraße und die Rote Flora, nicht aber die ältere → Haynstraße 1.

Reinhard Barth vor dem Haus Haynstraße 1 (Foto: urian)
Reinhard Barth

Dr. Reinhard Barth (76) ist ein Bewohner der ersten Stunde und die Stimme des Hauses. Am Sonntag, 9. August 2020, lud er wie schon oft zu einer Lesung aus seinen Büchern über die vergangenen 50 Jahre in seinen Garten.

Geschichte im Keller der Haynstraße 1 (Foto: urian

Im Anschluss daran bekam ich Einblick in eine noch weiter zurückliegende Geschichte. Wie in zahllosen anderen Häusern war der Keller während des Zweiten Weltkrieges zum Zufluchtsort vor Bombenangriffen umgebaut worden. Hier jedoch ist die Nutzung der Gemäuer als Luftschutzräume weiterhin durch etliche Inschriften erkennbar.

Luftschutzgeschichte Haynstraße Hamburg (Foto: urian

Vor dem Haus erinnern Stolpersteine an zwei ehemalige Bewohnerinnen, die dem Judenmord der Nationalsozialisten zum Opfer fielen.

Elsa Schickler, geborene Berg, geschiedene Bandmann, Jahrgang 1877, betrieb in zwei Etagen des Hauses eine Pension. Am 6. Dezember 1941 wurde sie vom „Judenhaus“ in der Haynstraße 5 nach Riga deportiert, wo sich ihre Spur verliert.

Stolpersteine Haynstraße Hamburg (Foto: urian

Paula Sternberg, geboren 1867 in Hamburg, war bis zu ihrer Pensionierung 1927 Volksschullehrerin. Als Jüdin fand sie ab 1939 nur schwer eine Unterkunft und musste mehrmals umziehen; im Haus Haynstraße wohnte sie zur Untermiete. In einem Altersheim für Juden im Laufgraben erhielt sie im Juli 1942 den Deportationsbefehl nach Theresienstadt, von wo sie am 21. September nach Treblinka geschickt wurde.