Aufzeichnungen im Schatten des Corona-Virus

Erste Folge ab 28. März 2020

Zweite Folge ab 23. April 2020

9. Juli 2020: Nachdem die Lieblingspostille der Altnazis und ihrer Erben, das Stader Tageblatt, sich bereits den Corona-Leugnern angedient hat (→ Aufstand der Einfältigen), bietet sie nun einen bis hierhin unbekannten Virologen auf, um die eindringliche Warnung des renommierten SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach vor einer Abschaffung der Maskenpflicht für „hochgefährlich“ zu erklären.

Hochgefährlich nicht für die Gesundheit der Bevölkerung, sondern für die Konten der  Geldscheffler, denen die Tageblatt-Redaktion täglich so tief wie möglich in den Darm kriecht und von denen sie sich bezahlen lässt. Wenn die zweite Welle der Infektionen durchs Land rollt, wird natürlich keine*r dieser Ehrenmänner und -frauen sich dafür verantwortlich fühlen. Stattdessen wird im Tageblatt irgendeine Randgruppe angeprangert werden, die in der Zeitung ohnehin nie eine Stimme erhält.

In derselben Ausgabe des Schandblatts wird der Erste Bürgermeister von Hamburg zitiert, der sich gegen eine Abschaffung der Maskenpflicht ausspricht. Mithin kann ich froh sein, dass ich die braune Hochburg Stade hinter mir gelassen habe und nun das Weltgeschehen von der liberaleren Großstadt aus betrachte.

Das Tageblatt verfährt wie die AfD, die eine App verbreitet, die vor Nutzern der Corona-Warn-App der Bundesregierung warnt. (→ Der Standard) Die Seuche und Solidarität waren gestern, heute betreiben die Herrschaften wieder ihre Lügenpolitik.

Das sichtbare Zeichen der Seuche ist die Maske, die in gewissen geschlossenen Räumen aufzusetzen ist. Daran, wie sie getragen wird, lässt sich ablesen, wie ernst die Infektionsgefahr genommen wird.

Aus Gründen, die nichts zur Sache tun, bin ich täglich vielfach mit der U-Bahn unterwegs. Bei jeder Fahrt gibt es mehrere, die mit der Maske nicht die Nase bedecken, und immer wieder einige, die sie ganz abziehen, weil sie offenbar nicht für ein paar Minuten darauf verzichten können, zu essen oder zu trinken.

Auf twitter wird dafür eine „toxische Männlichkeit“ verantwortlich gemacht. Der Umgang mit der Maske ist den Ideologen in die Hände gefallen. Meiner Beobachtung nach sind es sowohl Männer wie Frauen, Alte wie Junge, die sich der Maskenpflicht verweigern. Arschlöcher gibt es in jeder Alters- und Bevölkerungsgruppe. Aber der Befund passt Hetzern eben nicht ins Konzept.

Maskentragen in der U-Bahn (Foto: urian

Ach ja, und dann ist da noch diese Corona-Warn-App. Sollte mich nichts angehen, denn der Besitz von Smartphones ist für Armengeld-Bezieher nicht vorgesehen. Dass ich dennoch über ein solches Maschinchen verfüge, entspricht nicht dem Willen des Gesetzgebers.

Und wahrhaftig hatte ich die App installiert. Vollkommen überflüssig, denn dort, wo ich mich aufhielt, kam ich niemandem nah genug, um mich anzustecken.

Das ist inzwischen anders. Aber da ich seit 14 Tagen darauf warte, dass ich in meiner Wohnung über Strom verfüge, muss ich mit der Akku-Ladung sparsam umgehen und verplempere sie nicht für die Warn-App, die, wie nun bekannt wird, auf meinem Gerät im Sparmodus ohnehin nicht funktioniert hätte.

Inzwischen steigt die Zahl der Infektionen rapide an. Wen wunderts? Mich nicht. Ich sehe täglich Händeschütteln, Umarmungen, Gedränge. Und in Kitas und Schulen soll bald alles wieder „normal“ sein. Normal heißt: ignorant. Wir tun, als wäre die Seuche vorbei, und dann wird sie schon verschwinden. Gute Nacht, Deutschland.

Docks Hamburg (Foto: urian

Ein Lokal am Spielbudenplatz in Hamburg geriert sich als Zentrale des Widerstands gegen Corona. Nicht, dass man sich hier etwelche Mühe gäbe, die Seuche abzuwenden. Vielmehr wird an der Fassade allerhand rhetorischer Aufwand betrieben, zu leugnen, dass es überhaupt eine Seuche gibt und sie als Erfindung einer ominösen Verschwörung zu erklären.

Das ist also in der Groß- wie in der Kleinstadt, denn dem Vernehmen nach haben sich am Samstag, 25. 7., in Stade erneut die Corona-Leugner von „Norona“ ungestört und mit behördlicher Genehmigung und Polizeischutz auf dem Pferdemarkt versammeln können.

Für den 1. August ist ein Großdemonstration in Berlin angekündigt, bei der das Ende von Corona verkündet werden soll. Die Seuche soll die Erfindung der jüdischen Weltverschwörung sein, und die Verweigerer von Schutzmasken seien die Juden von heute. Wie derartige Hirnkrämpfe entstehen, ist etlichen Büchern über die Geschichte des Dritten Reichs zu entnehmen.

„Ideologen liefen gemeinsam mit Frustrierten“, heißt es im → Spiegel über die  nach Polizeiangaben 20.000, die am 1. August in Berlin das „Ende der Pandemie“ und ihren „Tag der Freiheit“ begingen.

Um wen es sich bei den „Ideologen“ handelt, scheint klar: Neonazis. „Die Frustrierten kommen nach ihrer Wahrnehmung im politischen Geschehen nicht richtig vor. Familien, Ältere, aber auch viele junge Leute, die sonst eher auf Festivals gehen.“

Wovon aber zum Teufel sind diese Leute denn frustriert? Dass es ihnen materiell so gut geht, dass sie normalerweise konsumieren können, was das Zeug hält, und in einer Überflussgesellschaft leben – und sich nun seuchenbedingt ein paar Monate einschränken mussten? Sie können doch auch wieder reisen und müssen, wenn sie aus einem Corona-Risikogebiet zurückkehren, nicht einmal die Tests selbst bezahlen, die durch ihr Verhalten notwendig geworden sind.

Sie können anstandslos demonstrieren und dabei Abstandsregeln missachten und auf Masken verzichten, ohne dass die Polizei eingreift.

Vor 1933 gab es ein eben solches Bündnis von Ideologen und Frustrierten. Freilich war der Frust ein anderer. Es gab Entbehrungen und tägliche Demütigungen. Die Deutschen zahlten die Zeche für den Krieg, den sie vom Zaun gebrochen hatten.

Heute gibt es nicht den geringsten Grund für Frust. Im Gegenteil geht es den Leuten offenbar viel zu gut. So hervorragend, dass sie bereits das Tragen einer Maske bei bestimmten Gelegenheiten als drastische Einschränkung ihrer Freiheit empfinden.

Wohlgenährt und gut ausgestattet sind sie alle, gleichgültig, welche Partei sie wählen. Und es ist das „System“, gegen das sie antreten, das ihnen ihr behagliches Leben sichert.

Die Seuche hat sie an das erinnert, was sie sonst verdrängen können: dass das Leben eine prekäre Angelegenheit ist, gegen deren Wechselfälle keine Versicherung schützt.

Der Hass auf Flüchtlinge rührt daher ebenso wie die Verachtung für alle, die keine kleinbürgerlichen Sofaträume hegen. In Berlin rebellieren wie vor 1933 die Spießer, die ihre persönliche Freiheit bereits bedroht sehen, wenn sie auf der Autobahn nicht bedingungslos rasen können sollen.

„Ich habe keinen Bock mehr auf Corona“, meint im Radio eine junge Frau, die zu der Meute gehört, die sich am Wochenende in Hamburg unbedingt auf offener Straße besaufen will. Verwöhnte Blagen, wo man hinschaut, von 16 bis 66.

Die „Frustrierten“ haben in Wahrheit keine echten Sorgen. In ihren Leben fehlt offenbar etwas, das ihnen das „System“ nicht bietet. Also folgen sie Rattenfängern wie Kalbitz oder Hildmann, die ihnen einen Sinn verheißen, für den ehedem die Religion zuständig war. Und die Formel ist dieselbe wie 1933: „Die Juden sind unser Unglück.“

Jude ist eine Marke, die jedem angeheftet werden kann. Heute sind es Merkel und Drosten, und morgen sind andere dran. Gute Nacht, Deutschland.

Zwei Meldungen aus Hamburg vom 5. August:

Die Maskenpflicht in Bus und Bahn soll → verstärkt kontrolliert werden.

Regelmäßige Durchsagen und Beiträge im Bahn-TV allein reichen nicht. Noch in jedem Wagen, in denen ich in den vergangenen Wochen saß, waren mehrere, die ihre Nase unbedeckt ließen, und zuletzt immer wieder einer oder eine, die keine Maske trugen, gern unter dem Vorwand, essen und trinken zu müssen. Der dreisteste Fall war einer mit umgehängter Maske, der einen Lolli lutschte. Ermahnungen von anderen Fahrgästen gab es nicht, und auch ich fühlte mich nicht zum Blockwart berufen.

Die zweite Meldung betrifft den Innensenator, den Politiker, der für Ordnung und Sicherheit in der Stadt zuständig ist. Er hat die Übernahme seines Amtes mit einer Feier begangen, die nun als → Verstoß gegen das Seuchenschutzgesetz gewertet wurde.

Was dem Ochsen frommt, geht Jupiter am Arsch vorbei, sagten die Lateiner. Und so sieht es offenbar auch der Erste Bürgermeister der Freien und Hansestadt, der meint, Herr Grote habe sich nicht für sein Amt disqualifiziert.

Das ist Wasser auf die Mühlen der Corona-Leugner. Gute Nacht, SPD.

Ohne Maske in der Hamburger U-Bahn (Foto: urian

Noch sind die Deutschen körperlich der Krankheit entgangen, aber im Kopf … Während eine zweite Welle der Infektionen heranzurollen scheint, wird die Wiedereröffnung der Fußballstadien erörtert. Die Corona-Leugner feixen: alles gar nicht so schlimm, wenn Tausende sich wieder anspucken und umarmen können sollen.

Der HVV hat die Ansage in Bahn und Bus geändert: nun wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Schutzmaske auch die Nase bedecken muss. Ab kommender Woche werden Bußgelder für Maskenmuffel fällig. Überfällig.