Aufzeichnungen im Schatten des Corona-Virus

Erste Folge ab 28. März 2020

Zweite Folge ab 23. April 2020

Dritte Folge ab 9. Juli 2020

Vierte Folge ab 1. Dezember 2020

Die Wirtschaft ist nicht zusammengebrochen. Die Zahl der Suizide infolge von Lockdown-Depression ist nicht bekannt, aber sie dürfte bei Weitem nicht die 73.369 Tote erreicht haben, die bis zu diesem 14. März 2021 direkt auf das Konto der Seuche gehen. Alles in allem ist das Ärgste, das der Mehrheit der Bevölkerung widerfahren ist, dass sie für ein Jahr lang ihre Gewohnheiten ändern musste.

Das Schlimmste steht vielleicht noch bevor. Noch halten die Maßnahmen zur Seuchenabwehr die Gesellschaft zusammen, aber immer häufiger muss dazu die Polizei bemüht werden. Tatsächlich sind ihre bis dahin als selbstverständlich geltenden Grundlagen unterhöhlt worden.

Allenthalben haben sich die längst vorhandenen Risse aufgetan: zwischen den Generationen und sozialen Schichten, zwischen der Politikerkaste und denen, die von ihr regiert werden. Die Haltung zum und der Umgang mit dem Virus hat Familien und Freundeskreise entzweit.

An etlichen Stellen zeigte sich, wie dünn die Decke der Zivilisation ist, sobald ihre Festigkeit geprüft wird. Allzu viele zeigten sich bereit, die Ältesten sterben zu lassen, damit die Jüngeren Party machen können. Gedankengänge, die bis vor einem Jahr mit Tabu belegt waren, weil sie zwischen 1933 und 1945 staatstragend gewesen waren, wurden anstandslos geäußert. Das Wort vom „lebensunwerten Leben“ wurde vermieden, aber oft genug nur deshalb, weil es denjenigen, die entsprechende Überlegungen vortrugen, nicht geläufig war.

Durch die Seuchenabwehr wurden Tätigkeiten und Lebensbereiche auf ihre „Systemrelevanz“ hin überprüft. Bemerkenswert wenig stellte sich als unentbehrlich heraus. Und nicht jene, die bisher als Leistungsträger galten, erwiesen sich als solche. Eine Lehre aus der Seuche kann nur sein, die Verwerfungen, die sie sichtbar gemacht hat, nicht wieder zuzukleistern.

Mütze auf, Mütze ab. Seit wenigen Tagen gelten „Lockerungen“. Ein paar weitere Geschäfte haben geöffnet, und der Plebs fliegt scharenweise nach Mallorca. Und schon steigen die Infektionszahlen rasant an, so dass für Hamburg eine „Notbremse“ angedroht wird, die Rücknahme der eben erst eingetretenen Lockerungen.

Während die Einhaltung der Corona-Regeln im öffentlichen Raum kontrolliert wird, und die Leute sich benehmen, weil sie von Fremden umgeben sind, die ihre Nachlässigkeit nicht tolerieren, tun sie daheim, als ginge sie die Seuche nichts an. Zwei Drittel aller „Ausbruchssituationen in den vergangenen sieben Tagen“, wird vermeldet, betreffen den privaten Raum.

Nach dem Ziehen der Notbremse wäre das, woran die Leute sich ohnehin nicht halten, wieder förmlich verboten. Sie dürften sich nur noch mit einer Person, die nicht zum eigenen Haushalt gehört, treffen. Nichts anderes habe ich seit Monaten praktiziert und kann keinen wesentlichen Verlust darin erkennen, mich nicht in größeren Runden aufgehalten zu haben. Meinetwegen können auch die Geschäfte, die ich nicht aufgesucht habe, Museen und Galerien sowie Sportanlagen schließen, und auf körpernahe Dienstleistungen bin ich nicht angewiesen. Warum Friseure, Blumen- und Buchläden geöffnet bleiben sollen, ist mir hingegen ein Rätsel.

Es ist nicht zuletzt solches Hin und Her und die Undurchsichtigkeit der Bestimmungen, die von der Politikerkaste nicht überzeugend begründet werden, die alle Maßnahmen untergraben, so dass diese schließlich von denen, die sich keinen eigenen Kopf machen, ignoriert werden. Die Corona-Leugner, die von einer gewissen Presse als „Corona-Skeptiker“ verharmlost und begünstigt werden, sind nur die Spitze des Eisbergs. Durch die Verhalten zeigen große Teile der Bevölkerung an, dass ihnen Krankheit und Tod anderer egal ist. Die 20- bis 40-Jährigen, die für den Anstieg der Infektionszahlen hauptverantwortlich sind, müssen selbst nicht damit rechnen, auf einer Intensivstation behandelt zu werden. Also pfeifen sie auf alle Vorsichtsmaßnahmen.

Fehlende wissenschaftliche Kenntnisse und mangelhafte Kommunikation der Politik haben die Illusion gefördert, nur Greise würden unter Corona zu leiden haben. Also taten allzuviele Jüngere so, als ginge sie die Seuche nichts an und reklamierten ihr Menschenrecht auf Party. Also wurden Kitas und Schulen geöffnet, damit das Virus sich ungestört verbreiten konnte. Also fliegen die Unsterblichen munter nach Mallorca, um sich am Strand zu tummeln. Für alle Nicht-Greise wäre Covid-19 nur wie eine Grippe, hieß es, und die Verschwörungsmythologen, die sich wie Neonazis gebärden, frohlockten.

Inzwischen sind immer mehr Greise geimpft, aber die Seuche schert das nicht. „Wenn sich die Pandemie weiter ausbreitet, ist es sehr wahrscheinlich, dass sich die Krankenhäuser und Intensivbetten bald mit jüngeren Patienten füllen“, heißt es am 18. März 2021 in der Hamburger Morgenpost. Au weia, nun müssen die Unbetroffenen und Unbesorgten doch noch lernen, Maske zu tragen und Abstand zu halten. Und die Devise „lass doch die Alten sterben, damit wir Party machen können“ funktioniert auch nicht mehr.

Jetzt müsste es erst recht mit dem Impfen klappen. Aber daran ist nicht zu denken, solange ein Bankkaufmann, der mit der Innenausstattung seiner Villa ausgelastet ist, als Bundesgesundheitsminister die hauptsächlichen Entscheidungen trifft oder vielmehr verschläft.

Die neueste Werbung vor meiner Haustür. Bei „Disziplin“ stellen sich mir die Nackenhaare auf, ich bekomme einen Preußenkoller, und meine anarchistischen Triebe regen sich. Aber mit „Vernunft“ ist schlecht werben. Der Mensch ist zwar ein vernunftbegabtes Wesen, aber eben nur begabt. Bei der Anwendung des Verstands hapert es gerne.

Mehr als 20.000 Corona-Leugner konnten sich am 20. März 2021 in Kassel ohne Abstand und Maske zusammenrotten und wurden, wie schon in anderen Städten zuvor, von der Polizei nicht gestört. Dass die Sicherheitskräfte die ungenehmigte Demonstration laufen ließen, begründeten sie damit, dass die Teilnehmer dem „bürgerlichen Lager“ angehört haben sollten. In der Berichterstattung hieß es, die Polizei sei „hilflos“ und „überfordert“ gewesen.

Politik galt in Deutschland als etwas, das „die da oben“ machen, das die Bürgerinnen und Bürger, die sich gar nicht als solche begriffen, nur peripher etwas anging. Wer in geselliger Runde ein politisches Thema anschnitt, musste damit rechnen, zum Schweigen aufgefordert oder als Extremist gebrandmarkt zu werden. Dass eine funktionierende Demokratie die alltägliche Beteiligung der Staatsbürger erfordert – das hatte sich bei der Mehrheit nicht durchgesetzt. Man ging alle paar Jahre zum Wählen, und damit hatte es sich. „Bürgerbeteiligung“ war ein linkes Projekt, das regelmäßig von der Politikerkaste hintertrieben wurde.

Mit dem Ausbruch der Seuche ging ein politischer Ruck durch das Land. Plötzlich fühlten sich auch jene Bürger in ihrem Alltag von politischen Entscheidungen betroffen, die sonst genervt abgewinkt hatten, wenn sie sich zu politischen Fragen hätten äußern können und sollen.

Die Naivität wie die Radikalität dessen, was aus den Kreisen der Corona-Leugner über die politischen Verhältnisse verlautet wird, geht auf das Konto ihres bisherigen Desinteresses. Mit der Seuche haben die meisten von ihnen erstmals das Politische für sich entdeckt und behandeln ihre vermeintlichen Erkenntnisse wie exklusives Wissen, über das alle anderen, die „Schlafschafe“ nicht verfügen. (→ Aufstand der Einfältigen)

Das „bürgerliche Lager“, gegen das die Polizei nicht vorgehen mag, umfasst Neonazis ebenso wie Linke im Rentenalter, Heilpraktikerinnen wie Rechtsanwälte, Mittelschichtsangehörige wie Abgehängte. Sie eint allein der Widerstand gegen die Seuchenpolitik, die in ihren Alltag eingreift.

Die Flüchtlingspolitik hatte ab 2015 dasselbe „bürgerliche Lager“ zur Wahl der AfD animiert und diese mit zweistelligen Prozentzahlen in die Landtage und den Bundestag katapultiert. Dabei war die Betroffenheit vorwiegend fiktiv. Die Wählerschaft zumal im ländlichen Raum, wo die meisten Deutschen leben, kannte Flüchtlinge nur aus dem Fernsehen und als Menetekel an der Wand. Die Eingriffe der Seuchenabwehr sind dagegen real.

Der Zweifel an der Politikerkaste, der sich als Rede von der „Corona-Diktatur“ verfestigt, greift um sich und betrifft inzwischen alle Parteien außer der AfD, die freilich dadurch nicht an Boden gewinnt. Dass die Neonazi-Partei nicht vom Unbehagen des „bürgerlichen Lagers“ profitiert, liegt daran, dass sie längst als Teil des Systems, zu dessen Abschaffung die Demonstranten in Kassel aufgerufen haben, begriffen wird.

Im Verlauf der Seuche nahm die Präsenz der AfD in den Medien ab. Bis dahin wurde sie zumal von den zur „Ausgewogenheit“ vergatterten öffentlich-rechtlichen Sendern, denen sie ihren Aufstieg verdankte, regelmäßig wahrgenommen. Inzwischen muss man ihre Stellungnahmen suchen; bei Google News kommen sie so gut wie nicht mehr vor.

AfD-Amtsträger sind aber auch auf den Demonstrationen der Corona-Leugner nicht präsent. Keine Weidel, kein Gauland oder Höcke treten dort als Redner auf. Das „bürgerliche Lager“ ist eben weder links noch rechts, sondern Mitte. Die Rentner, die zuletzt in Brokdorf demonstriert haben, würden keinem Höcke folgen; die Neonazis, die in Kassel mitmarschiert sind, halten sich bedeckt und lassen ihre Reichskriegsflaggen inzwischen zu Hause.

Das System, gegen das die bunte Mischung antritt, wird nirgendwo definiert. Die telegram-Gruppen, in denen der Widerstand organisiert wird, eint kein Gedankengebilde, sondern lediglich das Gefühl, missachtet zu werden. Sobald die Seuche abgeklungen sein wird, könnte ihr Unbehagen wieder verschwinden. Ebensogut könnte es sich verstetigen und in der Zeit nach Corona wie jetzt schon die demokratische Verfassung unterhöhlen.

Wohin die Reise geht, machen korrupte Zeitungen wie das Stader Tageblatt vor, indem sie von „Corona-Skeptikern“ schreiben und die Ignoranz der Polizei loben. Diese Vertreter eines Neuen Kaiserreichs, in dem es nur deutsche Patrioten und keine Parteien mehr gibt, haben längst auf das hingearbeitet, was die Corona-Leugner fordern, die Abschaffung des gegenwärtigen demokratischen Systems.

Kaum hat die Spitze der Politikerkaste in Berlin eine Verlängerung des Lockdowns und seine Verschärfung über Ostern beschlossen, fangen die ersten Landesfürsten und -fürstinnen schon wieder an, von Lockerungen zu schwafeln. Die Botschaft an die Bevölkerung ist klar: alles nicht so schlimm, es leiden und sterben nur die anderen. Und die korrupten Medien, die verlernt haben, eigene Haltungen einzunehmen und nurmehr nachplappern, was ihnen vorgesagt wird, verbreiten die Botschaft willfährig.

Was in den Medien als Leiden verkauft wird, ist allmählich an Lächerlichkeit nicht mehr zu überbieten: Kinder, die angeblich Depressionen bekommen, weil sie nicht zur Schule gehen können; ein Anstieg der verzeichneten Fälle um sieben Prozent wird zu einer überbordenden Welle häuslicher Gewalt. Tatsächlich ist gelegentliches Maskentragen das Einzige, was von der Pandemie bemerkbar ist. Die Leute treffen sich wie gehabt zu Hauf in Innenräumen und achten nicht auf Abstand.

Seit Ende 2020 wird mit dem Versprechen auf Impfungen das Ende der Pandemie beschworen, wiewohl klar ist, dass es damit nicht getan sein wird, und obwohl die „Impfkampagne“ in Bürokratie verstolpert wird und die Quote nach mehr als einem Vierteljahr gerade mal bei neun Prozent steht. Längst hat sich eine Allianz gebildet aus Corona-Leugnern und der Mehrheit der Politikerkaste, die die Seuche permanent klein redet.

Das Bundesgesundheitsministerchen lutscht Konfekt, und ein Ministerpräsident twittert eine Serie von „Ä“s, während sie elf Stunden lang über die Seuchenbekämpfung beraten, um schließlich nichts beschickt zu haben, das Sinn macht. Am nächsten Tag sehe ich mitten auf der Straße zwei junge Frauen, die erkennbar nicht unter einem Dach wohnen, sich lang und innig umarmen. Vielleicht ist nichts Virulentes geschehen. Aber das können sie nicht wissen, und es schert sie so wenig, wie die Debilen in der Regierung, die jeden Bezug zur Realität verloren haben und dabei über Leichen gehen.

500 Jugendliche machen in Harvestehude Party. Vor der Kita bilden die Eltern eine Menschentraube. Die sonnenüberfluteten Straßen sind so voll wie seit Monaten nicht, überall stehen Gruppen schwätzend herum. In der Schlange vor der Eisdiele wird auf Masken verzichtet. Der Betrieb in Impfzentren ruht über Ostern, denn er wird mit Ehrenamtlichen aufrecht erhalten. Die Regierungsparteien CDU/CSU sind mit ihrem Kanzlerkandidaten beschäftigt; von den Spezialdemokraten ist gar nichts zu hören, was kein Verlust ist. In den Medien bekommen jene Raum, die über die angeblich depressiven, eingesperrten Kinder und epidemische Einsamkeit jammern. Durch die Ausgangssperre in Hamburg werden Freiheitsrechte eingeschränkt, schreien jene, die seit Jahren nicht mehr abends auf der Straße unterwegs waren, außer im Auto, um zu einer Veranstaltung oder ins Restaurant zu fahren. Die Kultur ist wie erwartet kollabiert, weil die Oberschicht nicht in die Oper darf. Stand der Seuche am 1. April 2021: 24.300 Neuinfektionen, 201 weitere Tote. Von den insgesamt 76.543 Toten wird natürlich nicht geredet, das wird dem Bundespräsidenten überlassen, der in diesem Monat einen Auftritt für sich auf dem Leichenberg geplant hat. Ich gehe nur noch zum Kotzen vor die Haustür.

Leben und Tod stehen und liegen dicht beieinander. Zu dicht.

Die Politikerkaste ist im Wahlkampfmodus, und das Mediengeschmeiß macht munter mit. Dass die Infektionszahlen steigen und auf den Intensivstationen weiter Menschen sterben, interessiert nur am Rande. In Hinblick auf die Seuche ist allenfalls von Formalien die Rede: wer trifft wann welche Entscheidung? Die Entscheidungen selbst werden nicht mehr hinterfragt. Alle wurschteln planlos vor sich hin. Wichtig scheint nur, dem Wahlvolk Lockerungen des Lockdown zu versprechen, wie schon vor einem Jahr. Die Bevölkerung versteht das als Nachlassen der Achtsamkeit und Schwinden der Vorsicht.

Immerhin: die Ausgangssperre wird in Hamburg offenbar eingehalten, und die Polizei vermeldet nicht mehr täglich, dass sie Partys auflösen musste. Ansonsten herrscht dasselbe Dunkel wie zuvor. Die Infektionsketten sind so ungeklärt wie vor einem Jahr. Ob Kitas, Schulen, Arbeitsplätze oder private Treffen die Seuchenherde sind, darüber lässt sich nach wie vor nur spekulieren. Oder sind es doch Gastronomie, Einzelhandel und Theater, die allein geschlossen bleiben?

Ausgangssperre in Hamburg: man sieht nichts, außer einem leeren Bus.

Das Mediengeschmeiß dreht Locken auf dem Kopf der Leiche. Virologen kommen immer weniger zu Wort, nachdem die Politikerkaste offenbar entschieden hat, ihnen gar nicht mehr zuzuhören. Die Hauptverantwortlichen sind unverändert im Amt und dürfen weiter versagen. Nahezu täglich macht das Bundesgesundheitsministerchen Versprechungen, als sei er nicht längst dafür berüchtigt, sie nicht einzuhalten. Nichts funktioniert, aber Politik und Medien haben sich darauf verständigt, den Leuten Sand in die Augen zu streuen.

Die Seuche hat überdeutlich gemacht, wie verkommen das politische System ist, das von selbstverliebten Flachpfeifen und Abzockerbanden beherrscht wird. Aber sie beherrschen es weiter, und dass sie über Leichen gehen, ficht sie so wenig an wie im Kaiserreich und im Nationalsozialismus. Die formale Demokratie ist nur der Paravent vor einem Raubtiergehege.

Wenn die Leute sich nicht vernünftig verhalten, werde es Ausgangssperren geben, prophezeite ich vor einem Jahr. Vernünftig hieß: sich nicht abends zusammenzurotten und Viren zu verschleudern. Taten sie aber weiterhin. Jetzt erhalten sie die Quittung dafür – und schreien laut auf, dass sie ab 22 Uhr nicht mehr Auto fahren dürfen. Ja, wo wollen sie denn hinfahren? Einfach in der Gegend herum kurven wie andere einen Spaziergang machen? Das wäre mal eine gute Gelegenheit, über den Klimawandel zu reden. Wird nicht getan, auch nicht von den Fanatikern von „Fridays for future“, von denen nichts zu hören war, solange die Schulen geschlossen waren und das Schwänzen keinen Sinn machte.

Es gäbe gar keine Daten darüber, wie Ausgangssperren auf das Infektionsgeschehen wirken, wird bemängelt. Ja, wie denn, wenn es sie bisher gar nicht gab? In Hamburg gilt eine. Und jeder, der bei Verstand ist, braucht keine Untersuchung, um zu wissen, dass sie wirkt: die Leute sind abends nicht mehr unterwegs, also können wohl auch die privaten Treffen nicht stattfinden, bei denen Viren ausgetauscht werden. Meine Erdgeschosswohnung liegt am Treppenhaus: seit Beginn der Ausgangssperre herrscht dort Stille; die jungen Leute, die dort bis weit nach Mitternacht herauf und herunter getrampelt sind, bleiben offenbar daheim. Die Corona-Leugner und die BILD hetzen gegen das „Einsperr-Gesetz“. Selbst Schuld. Die Seuche kennt keine Gnade, und wer nicht hören will, muss fühlen.

Mundus vult decipi: dass sich die Leute gern hinters Licht führen lassen, demonstrieren sie seit einem Jahr. Die Politikerkaste verspricht wider alle Vernunft „Lockerungen“ bei der Seuchenbekämpfung, und alle wollen ihr glauben. Gegenwärtig wird die Impfkampagne als Erfolg gefeiert und ausgiebig über „Lockerungen“ für Geimpfte fantasiert. Tatsächlich sind erst ein Viertel der Bevölkerung einmal geimpft. Noch sind nicht alle Risikogruppen dran gewesen, da wird mit der Aufhebung der Priorisierung Wahlkampf gemacht.

Wer gegen die Fantasmen argumentiert, wird angegriffen. Die Leute wollen sich ihre Träume nicht nehmen lassen. Zum Riss zwischen den Corona-Leugnern und denen, die sich an die Regeln halten, kommt nun der zwischen jenen, die die Lage realistisch einschätzen, und denen, die sich der Volksverarschung von Politikerkaste und Mediengeschmeiß unterwerfen wollen.

Jeder kenne einen, der geimpft sei, behauptete das Bundesgesundheitsministerchen bereits vor Monaten. Eine dummdreiste Lüge, für die Jens Spahn selbstverständlich nicht geradestehen musste. So wenig wie für irgendeine der falschen Versprechungen, die er laufend abgesondert hat. Bis heute, 30. April 2021, kenne ich zwar welche, die einmal, aber niemanden, der zwei Mal geimpft wäre. Von den paar Personen, mit denen ich, den Kontaktbeschränkungen folgend, noch näheren Umgang habe, ist zu diesem Zeitpunkt genau eine, mit 69 Jahren, einmal geimpft worden. Falls machtbessenene Arschlöcher wie der CSU-Chef sich mit dem Wegfall der Priorisierung durchsetzen, muss ich mich als Angehöriger einer doppelten Risikogruppe (alt und arm) mit den Besserverdienenden und besser Vernetzten um einen Impftermin prügeln.

Fortsetzung folgt