Aufzeichnungen im Schatten des Corona-Virus

Erste Folge ab 28. März 2020

Zweite Folge ab 23. April 2020

Dritte Folge ab 9. Juli 2020

Vierte Folge ab 1. Dezember 2020

Die Wirtschaft ist nicht zusammengebrochen. Die Zahl der Suizide infolge von Lockdown-Depression ist nicht bekannt, aber sie dürfte bei Weitem nicht die 73.369 Tote erreicht haben, die bis zu diesem 14. März 2021 direkt auf das Konto der Seuche gehen. Alles in allem ist das Ärgste, das der Mehrheit der Bevölkerung widerfahren ist, dass sie für ein Jahr lang ihre Gewohnheiten ändern musste.

Das Schlimmste steht vielleicht noch bevor. Noch halten die Maßnahmen zur Seuchenabwehr die Gesellschaft zusammen, aber immer häufiger muss dazu die Polizei bemüht werden. Tatsächlich sind ihre bis dahin als selbstverständlich geltenden Grundlagen unterhöhlt worden.

Allenthalben haben sich die längst vorhandenen Risse aufgetan: zwischen den Generationen und sozialen Schichten, zwischen der Politikerkaste und denen, die von ihr regiert werden. Die Haltung zum und der Umgang mit dem Virus hat Familien und Freundeskreise entzweit.

An etlichen Stellen zeigte sich, wie dünn die Decke der Zivilisation ist, sobald ihre Festigkeit geprüft wird. Allzu viele zeigten sich bereit, die Ältesten sterben zu lassen, damit die Jüngeren Party machen können. Gedankengänge, die bis vor einem Jahr mit Tabu belegt waren, weil sie zwischen 1933 und 1945 staatstragend gewesen waren, wurden anstandslos geäußert. Das Wort vom „lebensunwerten Leben“ wurde vermieden, aber oft genug nur deshalb, weil es denjenigen, die entsprechende Überlegungen vortrugen, nicht geläufig war.

Durch die Seuchenabwehr wurden Tätigkeiten und Lebensbereiche auf ihre „Systemrelevanz“ hin überprüft. Bemerkenswert wenig stellte sich als unentbehrlich heraus. Und nicht jene, die bisher als Leistungsträger galten, erwiesen sich als solche. Eine Lehre aus der Seuche kann nur sein, die Verwerfungen, die sie sichtbar gemacht hat, nicht wieder zuzukleistern.

Mütze auf, Mütze ab. Seit wenigen Tagen gelten „Lockerungen“. Ein paar weitere Geschäfte haben geöffnet, und der Plebs fliegt scharenweise nach Mallorca. Und schon steigen die Infektionszahlen rasant an, so dass für Hamburg eine „Notbremse“ angedroht wird, die Rücknahme der eben erst eingetretenen Lockerungen.

Während die Einhaltung der Corona-Regeln im öffentlichen Raum kontrolliert wird, und die Leute sich benehmen, weil sie von Fremden umgeben sind, die ihre Nachlässigkeit nicht tolerieren, tun sie daheim, als ginge sie die Seuche nichts an. Zwei Drittel aller „Ausbruchssituationen in den vergangenen sieben Tagen“, wird vermeldet, betreffen den privaten Raum.

Nach dem Ziehen der Notbremse wäre das, woran die Leute sich ohnehin nicht halten, wieder förmlich verboten. Sie dürften sich nur noch mit einer Person, die nicht zum eigenen Haushalt gehört, treffen. Nichts anderes habe ich seit Monaten praktiziert und kann keinen wesentlichen Verlust darin erkennen, mich nicht in größeren Runden aufgehalten zu haben. Meinetwegen können auch die Geschäfte, die ich nicht aufgesucht habe, Museen und Galerien sowie Sportanlagen schließen, und auf körpernahe Dienstleistungen bin ich nicht angewiesen. Warum Friseure, Blumen- und Buchläden geöffnet bleiben sollen, ist mir hingegen ein Rätsel.

Es ist nicht zuletzt solches Hin und Her und die Undurchsichtigkeit der Bestimmungen, die von der Politikerkaste nicht überzeugend begründet werden, die alle Maßnahmen untergraben, so dass diese schließlich von denen, die sich keinen eigenen Kopf machen, ignoriert werden. Die Corona-Leugner, die von einer gewissen Presse als „Corona-Skeptiker“ verharmlost und begünstigt werden, sind nur die Spitze des Eisbergs. Durch die Verhalten zeigen große Teile der Bevölkerung an, dass ihnen Krankheit und Tod anderer egal ist. Die 20- bis 40-Jährigen, die für den Anstieg der Infektionszahlen hauptverantwortlich sind, müssen selbst nicht damit rechnen, auf einer Intensivstation behandelt zu werden. Also pfeifen sie auf alle Vorsichtsmaßnahmen.

Fehlende wissenschaftliche Kenntnisse und mangelhafte Kommunikation der Politik haben die Illusion gefördert, nur Greise würden unter Corona zu leiden haben. Also taten allzuviele Jüngere so, als ginge sie die Seuche nichts an und reklamierten ihr Menschenrecht auf Party. Also wurden Kitas und Schulen geöffnet, damit das Virus sich ungestört verbreiten konnte. Also fliegen die Unsterblichen munter nach Mallorca, um sich am Strand zu tummeln. Für alle Nicht-Greise wäre Covid-19 nur wie eine Grippe, hieß es, und die Verschwörungsmythologen, die sich wie Neonazis gebärden, frohlockten.

Inzwischen sind immer mehr Greise geimpft, aber die Seuche schert das nicht. „Wenn sich die Pandemie weiter ausbreitet, ist es sehr wahrscheinlich, dass sich die Krankenhäuser und Intensivbetten bald mit jüngeren Patienten füllen“, heißt es am 18. März 2021 in der Hamburger Morgenpost. Au weia, nun müssen die Unbetroffenen und Unbesorgten doch noch lernen, Maske zu tragen und Abstand zu halten. Und die Devise „lass doch die Alten sterben, damit wir Party machen können“ funktioniert auch nicht mehr.

Jetzt müsste es erst recht mit dem Impfen klappen. Aber daran ist nicht zu denken, solange ein Bankkaufmann, der mit der Innenausstattung seiner Villa ausgelastet ist, als Bundesgesundheitsminister die hauptsächlichen Entscheidungen trifft oder vielmehr verschläft.

Die neueste Werbung vor meiner Haustür. Bei „Disziplin“ stellen sich mir die Nackenhaare auf, ich bekomme einen Preußenkoller, und meine anarchistischen Triebe regen sich. Aber mit „Vernunft“ ist schlecht werben. Der Mensch ist zwar ein vernunftbegabtes Wesen, aber eben nur begabt. Bei der Anwendung des Verstands hapert es gerne.

Mehr als 20.000 Corona-Leugner konnten sich am 20. März 2021 in Kassel ohne Abstand und Maske zusammenrotten und wurden, wie schon in anderen Städten zuvor, von der Polizei nicht gestört. Dass die Sicherheitskräfte die ungenehmigte Demonstration laufen ließen, begründeten sie damit, dass die Teilnehmer dem „bürgerlichen Lager“ angehört haben sollten. In der Berichterstattung hieß es, die Polizei sei „hilflos“ und „überfordert“ gewesen.

Politik galt in Deutschland als etwas, das „die da oben“ machen, das die Bürgerinnen und Bürger, die sich gar nicht als solche begriffen, nur peripher etwas anging. Wer in geselliger Runde ein politisches Thema anschnitt, musste damit rechnen, zum Schweigen aufgefordert oder als Extremist gebrandmarkt zu werden. Dass eine funktionierende Demokratie die alltägliche Beteiligung der Staatsbürger erfordert – das hatte sich bei der Mehrheit nicht durchgesetzt. Man ging alle paar Jahre zum Wählen, und damit hatte es sich. „Bürgerbeteiligung“ war ein linkes Projekt, das regelmäßig von der Politikerkaste hintertrieben wurde.

Mit dem Ausbruch der Seuche ging ein politischer Ruck durch das Land. Plötzlich fühlten sich auch jene Bürger in ihrem Alltag von politischen Entscheidungen betroffen, die sonst genervt abgewinkt hatten, wenn sie sich zu politischen Fragen hätten äußern können und sollen.

Die Naivität wie die Radikalität dessen, was aus den Kreisen der Corona-Leugner über die politischen Verhältnisse verlautet wird, geht auf das Konto ihres bisherigen Desinteresses. Mit der Seuche haben die meisten von ihnen erstmals das Politische für sich entdeckt und behandeln ihre vermeintlichen Erkenntnisse wie exklusives Wissen, über das alle anderen, die „Schlafschafe“ nicht verfügen. (→ Aufstand der Einfältigen)

Das „bürgerliche Lager“, gegen das die Polizei nicht vorgehen mag, umfasst Neonazis ebenso wie Linke im Rentenalter, Heilpraktikerinnen wie Rechtsanwälte, Mittelschichtsangehörige wie Abgehängte. Sie eint allein der Widerstand gegen die Seuchenpolitik, die in ihren Alltag eingreift.

Die Flüchtlingspolitik hatte ab 2015 dasselbe „bürgerliche Lager“ zur Wahl der AfD animiert und diese mit zweistelligen Prozentzahlen in die Landtage und den Bundestag katapultiert. Dabei war die Betroffenheit vorwiegend fiktiv. Die Wählerschaft zumal im ländlichen Raum, wo die meisten Deutschen leben, kannte Flüchtlinge nur aus dem Fernsehen und als Menetekel an der Wand. Die Eingriffe der Seuchenabwehr sind dagegen real.

Der Zweifel an der Politikerkaste, der sich als Rede von der „Corona-Diktatur“ verfestigt, greift um sich und betrifft inzwischen alle Parteien außer der AfD, die freilich dadurch nicht an Boden gewinnt. Dass die Neonazi-Partei nicht vom Unbehagen des „bürgerlichen Lagers“ profitiert, liegt daran, dass sie längst als Teil des Systems, zu dessen Abschaffung die Demonstranten in Kassel aufgerufen haben, begriffen wird.

Im Verlauf der Seuche nahm die Präsenz der AfD in den Medien ab. Bis dahin wurde sie zumal von den zur „Ausgewogenheit“ vergatterten öffentlich-rechtlichen Sendern, denen sie ihren Aufstieg verdankte, regelmäßig wahrgenommen. Inzwischen muss man ihre Stellungnahmen suchen; bei Google News kommen sie so gut wie nicht mehr vor.

AfD-Amtsträger sind aber auch auf den Demonstrationen der Corona-Leugner nicht präsent. Keine Weidel, kein Gauland oder Höcke treten dort als Redner auf. Das „bürgerliche Lager“ ist eben weder links noch rechts, sondern Mitte. Die Rentner, die zuletzt in Brokdorf demonstriert haben, würden keinem Höcke folgen; die Neonazis, die in Kassel mitmarschiert sind, halten sich bedeckt und lassen ihre Reichskriegsflaggen inzwischen zu Hause.

Das System, gegen das die bunte Mischung antritt, wird nirgendwo definiert. Die telegram-Gruppen, in denen der Widerstand organisiert wird, eint kein Gedankengebilde, sondern lediglich das Gefühl, missachtet zu werden. Sobald die Seuche abgeklungen sein wird, könnte ihr Unbehagen wieder verschwinden. Ebensogut könnte es sich verstetigen und in der Zeit nach Corona wie jetzt schon die demokratische Verfassung unterhöhlen.

Wohin die Reise geht, machen korrupte Zeitungen wie das Stader Tageblatt vor, indem sie von „Corona-Skeptikern“ schreiben und die Ignoranz der Polizei loben. Diese Vertreter eines Neuen Kaiserreichs, in dem es nur deutsche Patrioten und keine Parteien mehr gibt, haben längst auf das hingearbeitet, was die Corona-Leugner fordern, die Abschaffung des gegenwärtigen demokratischen Systems.

Kaum hat die Spitze der Politikerkaste in Berlin eine Verlängerung des Lockdowns und seine Verschärfung über Ostern beschlossen, fangen die ersten Landesfürsten und -fürstinnen schon wieder an, von Lockerungen zu schwafeln. Die Botschaft an die Bevölkerung ist klar: alles nicht so schlimm, es leiden und sterben nur die anderen. Und die korrupten Medien, die verlernt haben, eigene Haltungen einzunehmen und nurmehr nachplappern, was ihnen vorgesagt wird, verbreiten die Botschaft willfährig.

Was in den Medien als Leiden verkauft wird, ist allmählich an Lächerlichkeit nicht mehr zu überbieten: Kinder, die angeblich Depressionen bekommen, weil sie nicht zur Schule gehen können; ein Anstieg der verzeichneten Fälle um sieben Prozent wird zu einer überbordenden Welle häuslicher Gewalt. Tatsächlich ist gelegentliches Maskentragen das Einzige, was von der Pandemie bemerkbar ist. Die Leute treffen sich wie gehabt zu Hauf in Innenräumen und achten nicht auf Abstand.

Seit Ende 2020 wird mit dem Versprechen auf Impfungen das Ende der Pandemie beschworen, wiewohl klar ist, dass es damit nicht getan sein wird, und obwohl die „Impfkampagne“ in Bürokratie verstolpert wird und die Quote nach mehr als einem Vierteljahr gerade mal bei neun Prozent steht. Längst hat sich eine Allianz gebildet aus Corona-Leugnern und der Mehrheit der Politikerkaste, die die Seuche permanent klein redet.

Das Bundesgesundheitsministerchen lutscht Konfekt, und ein Ministerpräsident twittert eine Serie von „Ä“s, während sie elf Stunden lang über die Seuchenbekämpfung beraten, um schließlich nichts beschickt zu haben, das Sinn macht. Am nächsten Tag sehe ich mitten auf der Straße zwei junge Frauen, die erkennbar nicht unter einem Dach wohnen, sich lang und innig umarmen. Vielleicht ist nichts Virulentes geschehen. Aber das können sie nicht wissen, und es schert sie so wenig, wie die Debilen in der Regierung, die jeden Bezug zur Realität verloren haben und dabei über Leichen gehen.

500 Jugendliche machen in Harvestehude Party. Vor der Kita bilden die Eltern eine Menschentraube. Die sonnenüberfluteten Straßen sind so voll wie seit Monaten nicht, überall stehen Gruppen schwätzend herum. In der Schlange vor der Eisdiele wird auf Masken verzichtet. Der Betrieb in Impfzentren ruht über Ostern, denn er wird mit Ehrenamtlichen aufrecht erhalten. Die Regierungsparteien CDU/CSU sind mit ihrem Kanzlerkandidaten beschäftigt; von den Spezialdemokraten ist gar nichts zu hören, was kein Verlust ist. In den Medien bekommen jene Raum, die über die angeblich depressiven, eingesperrten Kinder und epidemische Einsamkeit jammern. Durch die Ausgangssperre in Hamburg werden Freiheitsrechte eingeschränkt, schreien jene, die seit Jahren nicht mehr abends auf der Straße unterwegs waren, außer im Auto, um zu einer Veranstaltung oder ins Restaurant zu fahren. Die Kultur ist wie erwartet kollabiert, weil die Oberschicht nicht in die Oper darf. Stand der Seuche am 1. April 2021: 24.300 Neuinfektionen, 201 weitere Tote. Von den insgesamt 76.543 Toten wird natürlich nicht geredet, das wird dem Bundespräsidenten überlassen, der in diesem Monat einen Auftritt für sich auf dem Leichenberg geplant hat. Ich gehe nur noch zum Kotzen vor die Haustür.

Leben und Tod stehen und liegen dicht beieinander. Zu dicht.

Die Politikerkaste ist im Wahlkampfmodus, und das Mediengeschmeiß macht munter mit. Dass die Infektionszahlen steigen und auf den Intensivstationen weiter Menschen sterben, interessiert nur am Rande. In Hinblick auf die Seuche ist allenfalls von Formalien die Rede: wer trifft wann welche Entscheidung? Die Entscheidungen selbst werden nicht mehr hinterfragt. Alle wurschteln planlos vor sich hin. Wichtig scheint nur, dem Wahlvolk Lockerungen des Lockdown zu versprechen, wie schon vor einem Jahr. Die Bevölkerung versteht das als Nachlassen der Achtsamkeit und Schwinden der Vorsicht.

Immerhin: die Ausgangssperre wird in Hamburg offenbar eingehalten, und die Polizei vermeldet nicht mehr täglich, dass sie Partys auflösen musste. Ansonsten herrscht dasselbe Dunkel wie zuvor. Die Infektionsketten sind so ungeklärt wie vor einem Jahr. Ob Kitas, Schulen, Arbeitsplätze oder private Treffen die Seuchenherde sind, darüber lässt sich nach wie vor nur spekulieren. Oder sind es doch Gastronomie, Einzelhandel und Theater, die allein geschlossen bleiben?

Ausgangssperre in Hamburg: man sieht nichts, außer einem leeren Bus.

Das Mediengeschmeiß dreht Locken auf dem Kopf der Leiche. Virologen kommen immer weniger zu Wort, nachdem die Politikerkaste offenbar entschieden hat, ihnen gar nicht mehr zuzuhören. Die Hauptverantwortlichen sind unverändert im Amt und dürfen weiter versagen. Nahezu täglich macht das Bundesgesundheitsministerchen Versprechungen, als sei er nicht längst dafür berüchtigt, sie nicht einzuhalten. Nichts funktioniert, aber Politik und Medien haben sich darauf verständigt, den Leuten Sand in die Augen zu streuen.

Die Seuche hat überdeutlich gemacht, wie verkommen das politische System ist, das von selbstverliebten Flachpfeifen und Abzockerbanden beherrscht wird. Aber sie beherrschen es weiter, und dass sie über Leichen gehen, ficht sie so wenig an wie im Kaiserreich und im Nationalsozialismus. Die formale Demokratie ist nur der Paravent vor einem Raubtiergehege.

Wenn die Leute sich nicht vernünftig verhalten, werde es Ausgangssperren geben, prophezeite ich vor einem Jahr. Vernünftig hieß: sich nicht abends zusammenzurotten und Viren zu verschleudern. Taten sie aber weiterhin. Jetzt erhalten sie die Quittung dafür – und schreien laut auf, dass sie ab 22 Uhr nicht mehr Auto fahren dürfen. Ja, wo wollen sie denn hinfahren? Einfach in der Gegend herum kurven wie andere einen Spaziergang machen? Das wäre mal eine gute Gelegenheit, über den Klimawandel zu reden. Wird nicht getan, auch nicht von den Fanatikern von „Fridays for future“, von denen nichts zu hören war, solange die Schulen geschlossen waren und das Schwänzen keinen Sinn machte.

Es gäbe gar keine Daten darüber, wie Ausgangssperren auf das Infektionsgeschehen wirken, wird bemängelt. Ja, wie denn, wenn es sie bisher gar nicht gab? In Hamburg gilt eine. Und jeder, der bei Verstand ist, braucht keine Untersuchung, um zu wissen, dass sie wirkt: die Leute sind abends nicht mehr unterwegs, also können wohl auch die privaten Treffen nicht stattfinden, bei denen Viren ausgetauscht werden. Meine Erdgeschosswohnung liegt am Treppenhaus: seit Beginn der Ausgangssperre herrscht dort Stille; die jungen Leute, die dort bis weit nach Mitternacht herauf und herunter getrampelt sind, bleiben offenbar daheim. Die Corona-Leugner und die BILD hetzen gegen das „Einsperr-Gesetz“. Selbst Schuld. Die Seuche kennt keine Gnade, und wer nicht hören will, muss fühlen.

Mundus vult decipi: dass sich die Leute gern hinters Licht führen lassen, demonstrieren sie seit einem Jahr. Die Politikerkaste verspricht wider alle Vernunft „Lockerungen“ bei der Seuchenbekämpfung, und alle wollen ihr glauben. Gegenwärtig wird die Impfkampagne als Erfolg gefeiert und ausgiebig über „Lockerungen“ für Geimpfte fantasiert. Tatsächlich sind erst ein Viertel der Bevölkerung einmal geimpft. Noch sind nicht alle Risikogruppen dran gewesen, da wird mit der Aufhebung der Priorisierung Wahlkampf gemacht.

Wer gegen die Fantasmen argumentiert, wird angegriffen. Die Leute wollen sich ihre Träume nicht nehmen lassen. Zum Riss zwischen den Corona-Leugnern und denen, die sich an die Regeln halten, kommt nun der zwischen jenen, die die Lage realistisch einschätzen, und denen, die sich der Volksverarschung von Politikerkaste und Mediengeschmeiß unterwerfen wollen.

Jeder kenne einen, der geimpft sei, behauptete das Bundesgesundheitsministerchen bereits vor Monaten. Eine dummdreiste Lüge, für die Jens Spahn selbstverständlich nicht geradestehen musste. So wenig wie für irgendeine der falschen Versprechungen, die er laufend abgesondert hat. Bis heute, 30. April 2021, kenne ich zwar welche, die einmal, aber niemanden, der zwei Mal geimpft wäre. Von den paar Personen, mit denen ich, den Kontaktbeschränkungen folgend, noch näheren Umgang habe, ist zu diesem Zeitpunkt genau eine, mit 69 Jahren, einmal geimpft worden. Falls machtbessenene Arschlöcher wie der CSU-Chef sich mit dem Wegfall der Priorisierung durchsetzen, muss ich mich als Angehöriger einer doppelten Risikogruppe (alt und arm) mit den Besserverdienenden und besser Vernetzten um einen Impftermin prügeln.

Offiziell bin ich noch nicht dran. So wenig wie mich bisher die 150 Euro erreicht haben, die laut Pressemitteilung des Hamburger Senats vom 30. April an „Leistungsbezieher“ ausgezahlt werden sollen, um deren pandemiebedingten Mehrbedarf auszugleichen. Aber ich kenne jemanden, der jemanden kennt, der einen Arzt kennt, der noch AstraZeneca-Dosen übrig hat.

Die Statements der Politikerkaste und das Geschreibsel des Mediengeschmeißes über die Seuche sind zunehmend von Wahlkampfpropaganda bestimmt. Erst 8,8 Prozent der Bevölkerung sind zwei Mal geimpft, und auch die 31,5 Prozent, die eine zweite Impfung erhalten haben, rechtfertigen nicht, dass wochenlang über „Freiheit für Geimpfte und Genesene“ geschwafelt wird und die Erkrankten und Verstorbenen ignoriert werden.

Zuletzt fordert das Bundesgesundheitsministerchen, der geldgierige Bankkaufmann, der sein Amt allein seinen Parteibeziehungen zu verdanken hat, den Abstand zwischen der ersten und zweiten Impfung beim Präparat von AstraZeneca zu verkürzen. Dass die Schutzwirkung damit drastisch reduziert wird, interessiert den korrupten Karrieristen nicht. Ihm geht es allein darum, vor der Bundestagswahl im September mit einer erhöhten Impfquote protzen zu können.

Das Versagen des Jens Spahn schreit ebenso zum Himmel wie sich etliche Ministerpräsidenten und -präsidentinnen allein dadurch ausgezeichnet haben, dass sie im Wochenrhythmus ihre Ansichten gewechselt haben, ohne von den Medien auch nur aufgefordert zu werden, ihr Hin und Her zu begründen. Die Pandemie hat die Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Politikerkaste und Mediengeschmeiß überdeutlich werden lassen. Aber sie werden von allzu vielen in Schutz genommen, weil auch die Corona-Leugner der „Querdenker“-Szene darauf hinweisen, dass Meinungsvielfalt über weite Strecken eine Illusion ist.

Die Zeit sei der „Olymp“ des Journalismus schrieb Josef Müller-Marein einmal, als eine Freundin von mir sich dort bewarb. Tempi passati: Inzwischen kann man dort nicht einmal mehr zwei und zwei zusammenzählen. In der Einleitung einer → Betrachtung zur Ausgangssperre in Hamburg heißt es: „Um die Ausbreitung der Corona-Pandemie einzugrenzen, verhängte der Hamburger Senat ab dem Osterwochenende eine Ausgangsbeschränkung für die Hansestadt: Von 22 Uhr bis 5 Uhr durften Hamburgerinnen und Hamburger ihre Wohnung nur mit einem triftigen Grund verlassen. Dazu gehörte der Weg zur Arbeit, Sport (allerdings nur für Einzelpersonen) und Gassigehen mit dem Hund. Im Zuge der ‚Bundesnotbremse‘ wurde die Ausgangssperre bald sogar auf 21 Uhr vorgezogen.“

Tatsächlich galt in Hamburg eine Beschränkung ab 21 Uhr, und die wurde beibehalten, obwohl die von der „Bundesnotbremse“ eine Sperre ab 22 Uhr vorsah. Vielleicht wird dies korrigiert, während ich meinen Post fertig stelle. Aber es bleibt dabei: bei der Zeit wird ebenso geschlampt wie anderswo.

Die dort versammelten Texte wiederholen im Wesentlichen, was ich hier bereits beschrieb. Und es fragt sich nur, warum Politik und Medien gegen die Ausgangssperre hetzten, solange sie bestand, statt von Anfang an zwei und zwei zusammen zu zählen.

Das Bundesgesundheitsministerchen hat beim Mediengeschmeiß und der blöden Bürgerschaft ein PR-Coup gelandet, indem es die Priorisierung bei Impfungen zum 7. Juni aufgehoben hat. Ab jetzt wird es eng für alle, die, wie die Hälfte der Bevölkerung in Hamburg, keinen Hausarzt haben oder nicht sonstwie gut vernetzt sind. Ich selbst habe als Angehöriger der Priorisierungsstufe 3 noch keine Aufforderung erhalten, mich zu einem Impftermin anzumelden, und schon ist die Schließung des Impfzentrums beschlossene Sache. Wäre ich nicht bereits geimpft, würde ich es wohl auch nicht mehr. Fällt ja nicht weiter auf. In den Kreisen, in denen die Politikerkaste und das Mediengeschmeiß verkehren, kommen solche wie ich nicht vor, haben keine Stimme und bleiben unberücksichtigt. Was den Ausgesonderten bleibt, ist die Schadenfreude. Denn solange sie nicht geimpft sind, ist auch die Seuche nicht überwunden. Die wohlstandsverwahrloste Bürgerschaft mag in den Urlaub fliegen – bei der Rückkehr erwartet sie wie gehabt das Virus. Da hilft fürderhin nur: weiter Abstand halten zum Abschaum. Aber das haben sie auch vor 2020 getan. Insofern kehrt die Normalität in der gespaltenen Gesellschaft zurück.

Es hieß, die Impfberechtigen würden von der Stadt informiert, wann sie an der Reihe seien. Dem ist inzwischen offenbar nicht mehr so. Man muss sich selbst im Internet kundig machen, ob man impfberechtigt ist und dann hoffen, einen Termin zu erhalten. Obwohl ich mich für gemeinhin gut informiert halte, ist mir dies bisher entgangen, und nur weil ich mich im Internet auskenne, finde ich die Information, dass ich immer noch nicht an der Reihe bin.

Wird von mir also erwartet, täglich nachzuschauen, wie der Stand ist? Und wenn mein Datenvolumen aufgebraucht ist und ich die Information verpasse, gerate ich ab Anfang Juni in der Warteschlange hinter jene, die jünger als ich und weniger gefährdet sind? Was ist mit jenen, für die das Internet eine fremde Welt ist, wie für mutmaßlich viele der über 70-Jährigen, die gegenwärtig zur Impfung aufgerufen sind?

Fragen, von denen man erwarten könnte, dass die Medien ihnen nachgehen. Tun sie nicht. Sie kopieren die Verlautbarungen des Senats und belassen es dabei. Nein, es gibt keine Corona-Diktatur, aber die Seuche macht deutlich, wie wenig kritische Distanz zwischen der Politikerkaste und dem Mediengeschmeiß besteht. Und dass alle, die sich nicht im Blickwinkel dieser Bessergestellten befinden, nicht vorkommen.

Meine Wut ist geringer als sei sein könnte, weil der Zufall mir eine erste Impfung und die Aussicht auf eine zweite verschafft hat. Aber das macht das System keinen Deut weniger abscheulich.

Ab dem 22. Mai 2021 treten in Hamburg etliche Lockerungen in Kraft. Unter anderem wird auf Schnelltests verzichtet, wo diese bis dahin erforderlich waren. Wie etwa noch am Tag vorher beim Besuch der Hamburger Kunsthalle, die ich seit über einem Jahr erstmals wieder betrat. Unter Aspekten der Seuche war vor allem bemerkenswert, dass zur Kontaktnachverfolgung nicht etwa die vom Senat für viel Geld angeschaffte Luca-App genutzt wurde, für die ein Sängerlein erfolgreich in Talkshows geträllert hatte, sondern wie anno dazumal Kugelschreiber und Zettel. (→ Digital auf deutsch) Wo ist die viel beschworene Cancel Culture, wenn man sie mal braucht? Weder die Seuchengewinnler noch jene, die ihre Coups ermöglicht haben, ist zur Verantwortung gezogen worden.

Unterdessen beweist der Ministerpräsident von Niedersachsen zum wiederholten Male, dass ihn das Management der Seuche überfordert. Dass er die Impfkampagne einer dubiosen und unfähigen Privatfirma übertragen hat, hätte eigentlich längst seinen Rücktritt nach sich ziehen müssen. Dass er an einem Tag Lockerungen und am nächsten Verschärfungen der Auflagen ankündigt, hätte ihn ebenfalls diskreditieren müssen. Nun kündigt er die Abschaffung der Maskenpflicht an, um Stunden später nach harscher Kritik davon nichts mehr wissen zu wollen.

Zu seinem Glück ist das Mediengeschmeiß auf seiner Seite und spricht nur davon, die „Landesregierung“ habe den Schwachsinn beschlossen. Stephan Weil, der sonst keine Gelegenheit auslässt, den Landesvater zu spielen, muss nicht den Kopf für das hinhalten, was unter seiner Regie vonstatten geht. Bis vor ein paar Monaten war diese Flachpfeife für mein Schicksal mitverantwortlich. Ich mache drei Kreuze, dass ich den größeren Teil der Seuche in Hamburg verbrachte, dessen Erster Bürgermeister offenbar seine Entscheidungen nicht von Gefallsucht bestimmen lässt. Dass sie derselben Partei angehören zeigt, wie bedeutungslos die Unterschiede zwischen diesen inzwischen geworden sind und dass es in der Politik vornehmlich darauf ankommt, ob ihre Protagonisten Charakter haben oder nicht.

Ich traue dem Frieden nicht. Allenthalben werden die Eindämmungsmaßnahmen gelockert, und die Leute tun, als sei die Seuche vorbei.

Ich habe mitten in der Pandemie zwei Mal den Wohnort gewechselt und die Inzidenzzahlen im Kreis Stade, im Heidekreis und in Hamburg beobachtet. Aus scheinbar naheliegenden Gründen war die Großstadt verseuchter als das flache Land. Dem ist nicht mehr so. Der Wert für Hamburg liegt an diesem 24. Mai 2021 unter 40, der für den Kreis Stade darüber.

Thüringen, wo die Corona-Leugner sich zuhause fühlen, ist das Bundesland mit der bundesweit höchsten Inzidenzzahl. Daten über die Impfquote werden nicht verbreitet. Wer nach Erklärungen sucht, greift ins Leere und wird zur Mythenbildung genötigt.

Abstand und Maske war gestern, auf dem Zeitungsfoto wird sich wieder gedrängelt.

Das kommt dabei heraus, wenn man das Gesundheitsressort während einer Pandemie einem karrieregeilen Bankkaufmann anvertraut: Chaos. Siehe→ Die Welt. Außer haltlosen Ankündigungen und faustdicken Lügen hat das Bundesgesundheitsministerchen nichts beschickt bekommen. Gleichwohl bleibt es im Amt und darf vermutlich seine politische Laufbahn nach der Bundestagswahl mit freundlicher Hilfe der Grünen fortsetzen. Jens Spahn steht symbolisch für die Verrottung der Politikerkaste. Dass seine eigenen Parteigenossen ihn nicht schon vor Monaten zum Rücktritt aufgefordert haben, versteht sich von selbst. Dass er aber auch sonst nicht für sein Versagen zur Verantwortung gezogen wird (Die Welt spricht in ihrem Artikel von „der Politik“ statt ihn beim Namen zu nennen), zeigt an, dass eine Krähe der anderen kein Auge aushackt.

Das Bundesgesundheitsministerchen hat eine neue Sau gefunden, die es durchs Dorf treiben kann, um davon abzulenken, dass es ein Totalversager ist: die Impfung von Kindern. Obwohl die Fachleute sich nicht sicher sind, dass diese Maßnahme überhaupt sinnvoll ist, spart das Spahn-Ferkel schon mal Impfstoff für Kinder, bevor jene geimpft sind, für die eine Infektion einen schweren Verlauf bis hin zum Tod bedeuten kann. Jens Spahn geht über Leichen, und niemand fällt ihm in den Arm. So geht Politik in Deutschland: wer einmal ein Amt hat, kann tun und lassen, was er will, gegebenenfalls ohne Sinn und Verstand.

Das Mediengeschmeiß plappert brav nach oder hat längst andere Themen besetzt. Es spielt Inquisition mit der Kanzlerkandidatin der Grünen, die mit ihren Einkünften einen Bock geschossen hat. Die CDU/CSU-Abzocker, denen das Bundesgesundheitsministerium Millionen Euro zugeschanzt hat, sind glimpflicher davon gekommen. Ganz offensichtlichtlich ist die Vernetzung der ewigen Regierungsparteien mit den Medien besser. Denn dass der Journalismus unabhängig ist, gilt allenfalls im Vergleich mit Diktaturen.

Kaum sind die Infektionszahlen auf ein Niveau gesunken, dass für alle die „Normalität“ vor der Seuche absehbar werden lässt, da bemühen sich rund 15.000 junge Leute im Hamburger Schanzenviertel, an der Binnenalster und auf St. Pauli in der Nacht zum 30. Mai 2021 darum, das Virus weiter zu verbreiten. „In den Außenbereichen der Bars und Restaurants waren bis zum späten Abend nahezu alle Plätze besetzt. Auf den Gehwegen standen die Menschen dicht gedrängt. Sie mussten sich aneinander vorbeischieben. Mindestabstände wurden nicht eingehalten, es wurden kaum Masken getragen. Bei ausgelassener Stimmung kletterten einige unter Jubel auf Stromkästen und Verkehrsschilder, andere setzten sich auf fahrende Autos. Auch einige Sportwagen und Luxusautos fuhren über das Schulterblatt, die Fahrer wurden mit Jubel begrüßt.“ (→ NDR)

Man ist besoffen und hemmungslos, man verliert Sinn und Verstand: so sieht sie aus, die „Normalität“, nach der sich „die Jugend“ zurück sehnt, die im Zusammenhang mit dem Klimawandel zu einer moralischen Instanz verklärt wurde.

Zwei Einkäufe waren an diesem 3. Juni 2021 notwendig und überfällig: Schuhe und Hose. Fußläufig ist kein Geschäft mit billiger Ware erreichbar, also besteige ich die Bahn in die Innenstadt.

Dort gilt weiterhin die Maskenpflicht im Freien. Als ich das letzte Mal hier war, kam mir diese Schutzmaßnahme albern vor, weil die Straßen fast leer und bis auf eine Buchhandlung die Geschäfte geschlossen waren. Nun allerdings herrscht achtloses Gedrängel, und Abstand zu halten ist unmöglich.

Beim Betreten der Läden kommt die Luca-App zum Einsatz. Die Lizenzen dafür hat der Staat bezahlt. Warum eigentlich? Ich dachte, es gelte die Marktwirtschaft.

Die Schuhe sind schnell beschafft. In dem Geschäft war ich auch beim letzten Mal, vor bald einem Jahr, als nur das Tragen einer Maske vorgesehen war und der Betrieb ähnlich geringer als zu „normalen“ Zeiten.

Im ersten Bekleidungsgeschäft mache ich eine Beobachtung, die ich nur laut sagen kann, indem ich gegen vorherrschende politische Korrektheitsvorschriften verstoße: es sind vor allem gruppenweise junge muslimische Frauen unterwegs. Über die Gründe kann ich nur spekulieren und halte lediglich fest, dass es sie geben muss.

Ich finde nicht eine Hose in meiner Größe zu einem erschwinglichen Preis und muss ein zweites Geschäft aufsuchen. Dort verteilt sich das Publikum lockerer über die Etagen, und an der Kasse ist keine Schlange. Ich werde fündig und fliehe das Areal.

Es ist warum und stickig, und das Maskentragen wird lästig. Die Außen-Gastronomie, wie die entsprechenden Einrichtungen seit Corona genannt werden, ist voll besetzt. Das Herdentrieb sucht wieder die Masse, das ist seine Normalität. Ich bin froh, dem Getriebe in meine Wohnung zu entkommen, rechtzeitig vor dem Platzregen, der draußen nieder geht.

Bei offener Balkontür höre ich erstmals wieder seit vielen Monaten mehrköpfiges Gequatsche von nebenan und vom Badezimmer aus bis weit nach Mitternacht das Gegröle betrunkener junger Frauen. Die Normalität ist zurück mit Lärm und Suff.

Fortsetzung folgt