Beobachtungen einer facebook-Gruppe

Für den Mob, der sich täglich auf twitter bildet, bin ich ein „Boomer“. Sachlich gesehen sind die geburtenstarken Jahrgänge in Deutschland die zwischen 1955 und 1969. Insofern trifft die Bezeichnung auf mich zu. In den Sozialen Netzwerken ist „Boomer“ jedoch als Beschimpfung gemeint und unterstellt überholte Ansichten und Unbelehrbarkeit.

Ich war mein Leben lang ein Außenseiter. Ein Einzelgänger, dessen Ansichten und Haltungen von denen der Mehrheit abweichen. Zuletzt ergab es sich ohne besonderes Zutun, dass ich kaum mit Altersgenossen Umgang hatte. Insofern beleidigt mich „Boomer“, indem es mich mit Leuten in einen Topf wirft, von denen ich mich weitmöglichst ferngehalten habe. Als Grenzgänger habe ich außerdem nie irgendeiner Gruppe angehört und kann mit Identitätspolitik nichts anfangen.

Seit einer Weile grübele ich darüber, ob und wie ich eine Autobiografie schreiben könnte. Im Zuge dessen bin ich auf eine facebook-Gruppe aufmerksam geworden, die der „Kindheit in den 60er bis 80er Jahren“ gewidmet ist. Und hier drängen sich mir nun täglich die „Boomer“ auf, zu denen ich bisher Abstand gehalten habe: Leute, für die früher alles besser war und die ihr hohes Alter als einen Zustand begreifen, ihre außer Kurs geratenen Perspektiven gegen alle Anwürfe zu verteidigen.

Ausdrückliches Ziel der Gruppe ist es, in Erinnerungen zu schwelgen. Bezüge zur Gegenwart, gar kritisches Hinterfragen sind verboten. Mit dieser Haltung haben sie ihr bisheriges Leben bestritten. Sie haben nie etwas in Frage gestellt, das ihnen als angesagt serviert wurde. Sie haben genau die Leben gelebt, die sie leben sollten und stets mit Verachtung auf jene geschaut, die sich nicht stromlinienförmig verhalten haben.

Sie posten alte Fotos, Aufnahmen der „guten alten Zeit“, in der alles besser war als heute. Sie posten Spielzeug, das das einzig Wahre war, während die Kinder heute ja nur noch auf Bildschirme starren. Überhaupt war ihre Kindheit freier und selbstbestimmter als die ihrer Kinder und Enkel.

Wenn es so wäre, dann hätten sie vielleicht etwas falsch gemacht. Aber das ist schon eine verbotene Frage. Als jemand Gegenstände postet, mit denen die Prügelstrafe vollzogen wurde, findet auch das Zustimmung und wird nicht als Widerspruch zum Image der „guten alten Zeit“ aufgefasst.

Fernsehserien, die nicht mehr wiederholt werden, Konsumgüter, die aus den Regalen verschwunden sind, und Musikstücke, die allerdings noch auf YouTube verfügbar sind, bilden das Gros der Postings. Trotz der Behauptung, sie hätten ja so viel Zeit im Freien verbracht, scheint es, als hätten sie vielmehr vor allem vor dem Bildschirm gehockt – darin gar nicht anders als ihre Nachfahren, denen sie diese Abhängigkeit vorwerfen. Und natürlich haben die Süßigkeiten früher besser geschmeckt als jemals nachher.

Zwei Wochen war ich Mitglied in der Gruppe und bin mit Postings überschüttet worden. Es scheint, als würden die anderen nur in der Vergangenheit leben und gar nicht genug davon kriegen können. Ich habe etwas mehr als 100 Bilder kopiert und gesammelt als mögliches Material für meine Autobiografie. Jetzt reicht es mir. Diese Überdosis an verklärter Vergangenheit verschafft mir Gehirnkrämpfe.

Mehrfach wurde jene Süßigkeit gepostet, deren Name inzwischen verpönt ist. Und dabei wird die Geschichte unerklärtermaßen Gegenwart. Schon vor Jahrzehnten wurde das Ding in „Mohrenkopf“ umgetauft. Etliche Kommentatoren aber schreiben trotzig „Negerkuss“. Sie wissen sehr wohl, was sie damit tun, und deshalb tun sie es.

Dass die Bilder aus der Werbung und den TV-Serien zumal der 1960er Jahre, die sie mit schwärmerischen Vokabeln in die digitale Welt hinüber zu retten versuchen, überholte Rollenbilder von Mann und Frau enthalten, ist ihnen ebenfalls bewusst. Allem Anschein nach haben sie selbst diese nie verlassen, und sie sind stolz auf ihre an Verstocktheit grenzende Beharrlichkeit.

Mir kommt es vor, als hätte ich nicht mit Angehörigen meiner Generation zu tun, sondern mit meinen Eltern. Als müsste ich, indem ich durch die Postings scrolle, erneut die Abgrenzungen vornehmen, mit denen ich mich von der Lebenswelt meiner Vorfahren zu lösen versucht habe. Deren Kindheit war vom Nationalsozialismus geprägt, und ihn haben sie teilweise in die Erziehung ihrer Kinder hinüber gerettet.

Über der facebook-Gruppe hängt der Schatten all dessen, was meine Generation nicht aufgearbeitet hat. Worin sie blind den Vorgaben gefolgt ist und im Sinne der herrschenden gesellschaftlichen Kräfte gut funktioniert hat. Wie hier die Generation der Großeltern verherrlicht wird, so wollen die „Boomer“ ihrerseits als Omas und Opas von ihren Enkeln gesehen werden.

Und so geben sie ihre Erinnerungen weiter: ungefiltert, unbearbeitet, zu keiner Erfahrung destilliert. Dass die Posting von Rechtschreibfehlern wimmeln und oft weder Punkt noch Komma kennen, macht sie umso unerträglicher.

Mit „Boomer“ eine ganze Generation zu diskreditieren ist ebenso beleidigend gemeint wie von „Negern“ zu sprechen. Aber die Abneigung, die damit formuliert wird, kann ich teilen.